Zyklus, Schmerzen und ein Buchtipp

25.Juli.20

Noch regnet es nicht, aber es wird sehr wahrscheinlich noch. Es ist Vormittag und ich sitze im U unseres kommunikativen Balkoninnenhofs. Auf meiner Ebene frühstückt im Nebenhaus ein junges Pärchen und unterhält sich liebevoll. Die zwei scheinen einander sehr gern zu haben. Ich krieg nicht jedes Wort mit, dafür müsste ich mich zu sehr konzentrieren, aber man hört den Sound der Unterhaltung und alles scheint ok zu sein. Das ist es dann auch für mich. 

Es riecht ein wenig nach feuchter Erde, vor einigen Minuten habe ich unsere Pflanzen gegossen. Geräuschvoll öffnet sich links eine Tür. Außerdem kocht hier schon jemand fleißig Mittag – ein intensiv duftendes Kohlgericht. Ich nehme an, dass man mich auch hört, wenn einem daran gelegen ist. Zumindest die Nachbarn über mir und oder unter mir kriegen ganz sicher mein Tippen mit – mir ist nämlich schon oft gesagt worden, dass ich laut tippe.

Naja, übrigens sind meine Tage nun auch vorstellig geworden. Bisher noch nicht mit krassen Schmerzen, dennoch verdächtige ich sie sehr und befürchte nichts Gutes. Aber Schmerzmittel mit dem Wirkstoff Naproxen sind wirklich die Retter meines Lebens. Eine Freundin sagte mir gestern, wie erstaunlich sie es fände, welche große Bedeutung meine Periode bei mir habe. Ich nehme an, dass alle Frauen, die regelmäßig wiederkehrende, starke Schmerzen und eine gewisse Unberechenbarkeit im Verlauf ihrer Periode kennen, dem Phänomen individuell die nötige Beachtung widmen, denn es hat starke Auswirkungen auf alles.

Wenn einem schlecht ist und man starke Schmerzen hat, Durchfall bekommt oder sich übergeben muss, sich zitternd ins Bett legt und der Körper dann erst Ruhe gibt, wenn alles raus ist, dann weißte Bescheid.

Es gibt sicherlich Grenzfälle, bei denen ärztlicher Rat angesagt ist, aber der Verlauf ist ja auch nicht immer gleich. Seit etwa 6 Monaten, scheint sich mein Progesteronlevel verändert zu haben. Mit der Folge, dass ich eine ordentliche Entleerung von Darm und Magen zu Beginn der Periode habe. Daraus wiederum die Folge ist, dass ich jetzt einfach nicht mehr viel esse, wenn ich die Periode bekomme, weil es vermutlich schnell wieder seinen Weg nach draußen finden wird. 

Das war z.B. sehr schade, als ich im vergangenen Jahr anlässlich meines Geburtstages essen war. Es war ein wunderbares Restaurant, es wurde Köstliches aufgetischt, der Laden war sehr gut besucht und die Betreiber waren wie Kölsche Köbesse auf französisch und haben ein unterhaltsames Spiel dargeboten. Es war einfach ein ganz toller Abend. Kaum waren wir in unserem Hotel zurück, musste ich aufs Klo. Und nochmal, jetzt die andere Öffnung, und nochmal. Immer abwechselnd, so ging das die ganze Nacht. Felix machte sich schon Sorgen und wollte mit ins Bad (Haare halten?). Äh, nein!

Ich war so überrascht, denn Kotzen ist eigentlich nichts, was ich üblicherweise mache. Ich meine, es gibt doch auch die Menschen, die häufiger Magen-Darm-Grippe haben oder irgendwelche anderen Erkrankungen, bei denen man sich entleeren muss. Oder einfach viel Trinken und dann zur Rettung ihrer selbst erbrechen müssen. Das war alles nicht ich, ich hatte keine Erfahrung damit. Und so wunderte ich mich nächtens, bei jedem Klogang, was das denn nun sei und woher das alles kam und wann denn nun endlich gut ist und alles raus. Und natürlich war ich hinterher sehr traurig, die vorzüglich gespeisten 50 Euron auszukotzen. Schade. Aber seitdem traue ich meinen Tagen nicht mehr. 

Ich war eine, die viel Blut verlor und an Tag 1 richtig üble Schmerzen hatte, aber bis dahin keine sich Übergebende. Gut, meine Lösung ist daher: Weniger essen. Aber die Übelkeit ist natürlich trotzdem da.

Ich wundere mich übrigens auch immer, wieso Menschen es abstoßend und eklig und doof finden, wenn andere Menschen über ihre Tage sprechen. Ich mein, ich würde jetzt nicht über meinen Stuhlgang schreiben. Das hat für mich gerade einfach keinen großen Erzählwert. Aber ein Phänomen, welches Frau für einige Tage im Jahr wahnsinnig einschränken kann, die Laune beeinflusst und macht, dass Frau sich seltsam fühlt, hat für mich Erzählwert.

So, dieser Ausflug in das Thema war eigentlich nicht geplant. Ich hatte bereits an anderer Stelle geschrieben, dass ich gerade ein richtig gutes Buch lese. Herkunft, von Sasa Stanisic. Es ist eines dieser Bücher, die einfach zu einem kommen, einfach so. Ich war in der Buchhandlung, mal wieder. Schon als Kind war ich oft dort zu finden, wo Bücher waren und noch heute üben sie diese Faszination auf mich aus. Man bekommt durch sie tolle Geschichten geschenkt, aber bisweilen ermöglichen sie einem auch in den Kopf oder in die Seele einer anderen Person einzutauchen, um dann tolle Gedanken zu entdecken. 

Das ist der Fall bei Sasa Stanisic. Jedenfalls gehe ich durch die Buchhandlung und bei den großen Häusern, hat man direkt am Eingang meistens die Bestsellerlisten und die Werke aufgereiht. Ich glaube, dass Buch ist vor kurzem erst veröffentlich worden, also nahm ich es in die Hand.

Ich dachte an Slavoy Cicek, den ich auch lesen wollte, mit seinem kontroversen Meisterwerk, aber vielleicht hat mich der Klang, der Sound des Namens und nicht zuletzt der Titel dazu verführt dieses Buch als Hardcover zu erwerben. Und wisst ihr was? Jeder Cent hat sich gelohnt – bisher und ich bin überzeugt auch später. Großartiger Schreiberling, dieser Sasa. Tolle Sprache, exzellente Gedankenkonstrukte und vor allem gibt er soviel mit dem Buch. Er schreibt über seine und anderer Geschichte der Migration nach Deutschland. Er schreibt über den Jugoslawienkrieg. Er schreibt über seine wunderbare Familie. Er schreibt über Deutschland als Land der Ankunft, als Aufnahmeland. Er schreibt über gegenwärtige Alltagsbeobachtungen, die jeder kennt, aber aus dieser, seiner spezifischen Perspektive und verbindet und verknüpft damit so viele unterschiedliche Menschen/Sprechweisen/Sprachen und Geschichten. Ein Genie-(streich), der die Kunst beherrscht multiethnisch, hyperkomplexe Individuen beschreibend auf den Punkt zu treffen, wie ich es selten gelesen habe. Im Sommer 2020 hat dieses Buch auch jene Relevanz, nochmal auf die Geschichte Ex-Jugoslawiens hinzuweisen. Einem Sommer, in dem viele sich mit ihren Bullies oder Campingwagen auf den Weg nach Slowenien, Mazedonien, Kroatien machen. 

Und für Menschen, die zum Beispiel ’86 geboren sind, ist das Geschichte, welche man nicht in der Schule lernt. Ist das Geschichte, die sehr fragmentiert übermittelt wurde, vllt. durch Freunde oder Medien. Meine in Frankreich lebende Schwägerin kommt aus Bosnien, oder bezeichnet ihre Verwandtschaft als Bosnier. Daher weiß ich, dass es da Krieg gab aber mehr nicht.

Das Besondere an diesem Werk ist aber, dass man das Buch nicht liest und offensichtlich aufgeklärt wird, sondern die historischen Ereignisse kommen ganz unaufgeregt und subtil daher, fast schon nebenbei, erlebt Aha-Momente und lernt viel über den Balkan. Jetzt will ich erst recht dahin.

Und witzig ist das Buch auch! Herr Stanisic spielt mit den Worten und mit dem Aufbau des Buches, man hat das Gefühl, dass es ihm richtig Spaß gemacht hat. (Vllt. nicht immer)

Zur Untermalung meiner Begeisterung hier mal ein Zitat, welches mich gedanklich gerade sehr beschäftigt:

S.136

Du stehst wieder vor der Tür. Du nimmst nicht mehr wahr, dass da Ziehen steht. Etwas können ist das Beste. Der Koffer aus Sprache ist mit mehr Gepäck leichter geworden. Die vielen Vokabeln und Regeln und Fertigkeiten schicken dich auf eine neue Reise: Du beginnst Geschichte zu schreiben.

Wer schreibt sowas Tolles? Ich stelle mir vor, Herr Stanisic hat sich gefreut wie ein Luchs, als dieser Satz endlich stand. Ist so. Manche Abschnitte sind genial.

So, ich wollte ja nicht nur über das Buch schreiben, sondern eigentlich wie es mich in den Gedanken über die Kulturbegriff beeinflusst hat und letztlich dazu animiert, mich nochmal und anders mit Sprache auseinander zu setzen – nämlich aus der Sicht von jemanden, für den diese Sprache neu ist. Und Sprache ist für mich fast der wichtigste und gewichtigste Bestandteil und Ausprägung von Kultur. Und der Kulturbegriff an sich, ist ja unglaublich weit gefasst. Nun ich möchte die Brücke schlagen zu Kultur und Beziehung, also in erste Linie die Betrachtung meiner eigenen romantischen Liebesbeziehung mit Felix und gleichzeitig, was Kultur im Rahmen der Herkunft aus unterschiedlichen Familien bedeutet.

Es bleibt also interessant – ich muss jetzt für meine Mutter bei der Reinigung zwei Blazer abholen, Zähne putzen und mal in den Tag starten. 😉

Außerdem scheint das Grau der Wolkendecke sich zu verdunkeln und sie wandern schneller. Die Sonne, so kämpferisch und siegesgewiss wie sie eben noch schien, als sie mich zwang meinen Pullover auszuziehen, von ihr ist neben dem minimalen Tageslicht nichts zu sehen – aber es tropft!

Du Schreck, ich muss rein, ich liebe spazieren im Regen, oh mein Gott!!!

Morgenduscher oder Abendduscher – das Homeoffice verändert dich

24.Juli.20

Hallöchen, endlich fertig mit Arbeiten. 

Ich weiß nicht warum, aber besonders im Homeoffice sind die Freitage immer recht lang. Es ist nun 17 Uhr. 

Aber Organisationen erschaffen häufig und abhängig von der Perspektive Bullshitprobleme. Solche, die es gar nicht geben müsste und am schlimmsten sind die Probleme, die es gar nicht gibt!!! Scheinprobleme. 

Und so ist dann irgendwann Freitag 17 Uhr und man fragt sich, wohin denn die ganze Lebenszeit hin ist. 

Ich muss gleich auch duschen; meistens wenn ich im Homeoffice bin, dusche ich erst, wenn ich mit der Arbeit fertig bin. Oder ich muss in der Pause für eine Erledigung raus, dann eher. Oft dusche ich aber nach der Arbeit. So wie jetzt. Ich finde auch, dass duschen nach der Arbeit eine Wohltat ist. Eine Belohnung, so könnte frau es bezeichnen.

Normalerweise gehöre ich zu der Spezies der Morgenduscher, das hab ich so gelernt. Man wird schön wach und ist frisch. Nur die Sache mit dem Wachwerden, habe ich letztens festgestellt, funktioniert nicht mehr. Stattdessen schlurfe ich angezogen und verpeilt nach unten aus dem Haus, stolpere fast die Treppen hinunter, nur um gar nicht mal allzu selten mein Auto in den zwei potentielle Parkstraßen um mein Haus herum zu suchen. Und das morgens. Und wenn gar noch Müllabholtag ist, dann Gnade mir Gott. Manchmal suche ich bis zu 15 Minuten und hab dann zumindest ein paar Schritte gemacht – immerhin.

Jedenfalls begeistere ich mich mit zunehmend für das „Abendduschen“. Und wenn ich das Mama sage, kommt dann: „Hm, ja, dann bist du ja gar nicht frisch morgens “. Aber ich schlafe viel besser, wenn ich frisch geduscht bin. Hihihi, oh man und ich mein, ich bin Weißgott keine Kaltduscherin und auch keine Kaltabbrauserin – Elsi wunderte sich darüber, dass ich mir sogar mit warmen Wasser die Hände wasche. Macht man das nicht so? Und was ist mit den Bakterien sonst? Und den Viren? Ich weiß ja nicht, aber werde mich diesbezüglich mal schlau machen. 

Wenn ich gleich ins Bad gehe, dann greife ich sofort – nach meiner Pinzette! Kennt ihr Einzelhaare im Gesicht? Bevorzugt am Hals, an den zarten Käntchen des Kinnes lokalisiere ich sie und muss sie dann entfernen. Wirklich, wenn es eine Zwangshandlung bei mir gibt, ist das definitiv diese. Und bin ich mal unterwegs, ohne passendes Werkzeug –so kann ich unmöglich zur Ruhe kommen. Ich muss mich proaktiv beruhigen, damit das wieder klar geht. Aber mein Unterbewusstsein lässt sich in dieser Angelegenheit nicht austricksen, wenn das Härchen samt Wurzel noch nicht raus ist, gibt es Nix.

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass es eben auch die Nichtduscher gibt. Zu denen ich selbstverständlich nicht gehöre, denn duschen mit Musik oder einer interessanten Reportage auf Deutschlandfunk, die man beim Abtrocknen nochmal neu starten muss, weil man natürlich nichts mitbekommen hat, macht auch Spass. Wenn aber der Flegel in uns sich Bahn bricht, kommt es sicherlich auch zu wassersparenden Nichtduschtagen. 🙂

Äh, und außerdem bin ich auch nicht dafür, dass man das Wochenende braucht, um zu leben. Ich bin sehr dafür, dass die Arbeit und die Arbeitslast sich zurückzuhalten haben oder zumindest einzufügen in einen Kontext, der einem eben erlaubt auch unter der Woche viel und einiges zu unternehmen und nicht Freitagnachmittag, k.o. zu sein.

Ich hoffe die Dusche bringt mich nun energetisch nach vorne.

Ok, jetzt aber wirklich. 

ciao amigos

Die heimliche Aufnahme

19.Juli.20

Bisher läuft hier alles einwandfrei. Ich hab einen tollen Kaffee getrunken, auf dem Balkon, bei angeblichen 30 Grad gelesen und nun krieg ich etwas Hunger, so werde ich mir wohl etwas zu Essen machen. 

Gestern, so muss ich leider gestehen, hab ich ein kleines Stückchen Fleisch gegessen. Ich war bei meiner Schwester eingeladen und die haben gegrillt.

Es wurde auch Gemüse gegrillt und eben sehr schmackhaftes und dem Anschein nach auch gutes Fleisch von einem guten Metzger. Was für ein Dilemma! Seit nun mehr als 8 Monaten habe ich kein Fleisch mehr gegessen und dann sowas. Ich hab 1/3 Wurst gegessen, mit einem schlechten Gewissen und kurzem Würgereiz, etwas später. 

Hmmmm – da kamen die alten Gewohnheiten wieder hoch. Ich ernähre mich weitgehend pflanzenbasiert, aber ich weiss nicht, ob man es so steif und dogmatisch nehmen muss. Man muss ja eh nichts. Aber ich möchte eigentlich weiterhin kein Fleisch essen. Früher hab ich sehr gerne Fleisch gegessen, aber ich weiss auch, dass das nicht sonderlich gut für meine Verdauung war, denn seitdem ich ich auf Fleisch und Milchprodukte verzichte, ist eine zuverlässige on Point-Verdauung für mich kein Problem mehr. 

Jaja, so ist das mit alten Gewohnheiten.

Warum ich überhaupt auf Fleisch verzichten will?

Eine sehr lange Geschichte. Schon als Pubertierende war ich öfters phasenweise vegetarisch, überwiegend aus Gründen des Tierwohls. Eigentlich ausschliesslich. Und auch heute ist es so, die gesundheitlichen Aspekte sind für mich keine Motivation; es ist eher die ethische Komponente, das ekelhafte, schamlose Ausbeuten unter schlimmen Bedingungen, welches wir Menschen veranstalten. 

Früher sprach man ja auch nicht von Fleischproduktion, heute ist dieser Begriff so normal wie Wurstbrot. Einfach Standard. Aber Fleisch kann man in meinen Augen (ich nehme jetzt mal Laborfleisch und vegan/vegetarische Fleischalternativen raus) nicht produzieren. Das ist irgendwie als Aussage nicht kohärent und macht auch sonst keinen Sinn. Insbesondere, wenn man das Säugetier z. B. Rind, durch das Säugetier Mensch einfach austauscht. 

Jaaa, ich höre schon die ganzen Besserwisser herumnörgeln und mein Fleisch hier und mein Fleisch da und so super Sprüche wie: ,,Mir nimmt keiner mein Fleisch weg.“ Defensiv und wirklich voller Angst und Ärger regen sich diese Menschen auf und fast erscheint auf deren Stirn schon der Schriftzug in leuchtendem rot – schlechtes Gewissen, aber bitte lasse mir dieses Privileg. 

So führen sich Menschen auf, wenn sie sich eingeengt fühlen. Dieses Phänomen und die heftigen Reaktionen, lassen mich immer wieder aufhorchen. Denn in meinen Augen ist das Essen und der Genuss von Fleisch nicht verwerflich per se. Aber die Anspruchshaltung, regelmäßig oder täglich fette Koteletts, günstige Minutensteaks oder abgepackte Leberwurst essen zu dürfen, ohne dabei den konkreten Bezug zu der Quelle zu machen und sich mit den Umständen der Haltung/Schlachtung aka Produktion auseinander zu setzen und dann auch noch einen Preis zu zahlen, der dem Ganzen nicht im geringsten gerecht wird; diese Anspruchshaltung hingegen ist es schon.

Denn sie ist durch und durch ignorant, einfach die Augen verschliessen vor der Realität, einfach bitte keine Probleme.

Naja, es ist gleich 14 Uhr und ich habe richtig dollen Hunger. Also, werde ich mir jetzt etwas kochen und dann bin ich wieder am Start mit Neuigkeiten von Felix.

Zwei Stunden später bin ich wieder zurück. Es gab Kichererbsencurry mit Tomaten und weil kein Reis mehr da war, als Beilage endlich mal wieder Polenta. Und nun sitze ich wieder auf dem Balkon und schreibe. Wenn ich übrigens nicht schreibe, dann lese ich auf dem Balkon. Momentan Herkunft, von Sasa Stanisic.

Der Ort ist nur mittlerweile für mich kein guter Ort mehr, um wichtige oder intime Gespräche zu führen. Ich bin etwas datensensibel und man kann hier, weil der Balkon sich in einem U-förmigen Hinterhof befindet, alle Parteien hören. An sich ist es nicht schlimm, aber es gibt schon Themen und Unterhaltungen, da ist es mir wichtig meine Nachbarn nicht dran teilhaben zu lassen.

Andersherum kriegt man hier natürlich sehr viel mit. Gerade bei gutem Wetter und vielen geöffneten Fenstern gibt es Unterhaltungen von Balkon zu Balkon. Man erhält die Möglichkeit seinen eigenen Musikgenuss um Neues zu erweitern bzw. wahlweise auch einfach Antworten zu finden, auf Fragen wie: ,,Wer hört denn bitte so etwas?“. 

Dann hab ich Nachbarn, die professionell singen und Instrumente spielen und welche, die regelmäßig dem Alkohol auf ihrem Balkon frönen und schliesslich hab ich heute von gegenüber, angrenzend an unser Hufeisen, schamlose Nachbarn beim Sex vernommen. 

Kurz dachte ich, es handele sich womöglich um Katzen, doch nach 2 – 3 lustvollen Stöhnern der Frau, begann auf einmal der Mann furchtbar laut zu grunzen und kam auch noch vor ihr. Hihihi – ich hab mich schon für die zwei gefreut. Die Sexualkraft ist immerhin nicht irgendeine Kraft, aber andererseits dachte ich; wenn ich das aus 90 m Luftlinie so gut hören kann, wie mag das wohl für die direkten Nachbarn erst gewesen sein? Schon ein bisschen rücksichtslos … Wegen rücksichtslos, das bringt mich direkt zum nächsten Thema. 

Ja, also gestern hatte ich ein weiteres Gespräch mit Felix und ich hab was Heftiges getan.

Ich hab einen großen Teil (etwa 36 min) unseres Gespräches einfach aufgezeichnet. Ich weiss nicht, wieso ich es einfach gemacht hab, aber beide Handys lagen vor mir und ich dachte: hmm, wieso denn nicht …

Dieses Vorhaben hatte ich schon öfters. Es speist sich aus unterschiedlichen Erfahrungen; zum einen hab ich im Nachhinein oft nicht verstanden, weshalb sich manche unserer Gespräche so anstrengend anfühlten, zum anderen wollte ich verstehen, wie ich selbst kommuniziere und was mein Beitrag an Eskalationen (vermutlich nicht unerheblich) ist.

Die Aufnahme von gestern hab ich mir seitdem 4x angehört und ich bin wirklich fasziniert. Gleichzeitig quält mich natürlich auch ein schlechtes Gewissen. Fänd ich umgekehrt ganz sicher uncool, wenn mein Partner einfach so unser privates, intimes Gespräch aufnehmen würde. Aber ich schwöre bei Gott; ich hab es niemandem gezeigt und hab es auch nicht vor.

Ich wollte es ihm auch unbedingt beichten, aber bisher hat er mich heute noch nicht zurückgerufen.

Warum nun bin ich vom Inhalt entzückt? Ok, ich versuche es mit einer Aufzählung meiner Erkenntnisse: 

  1. Felix kommuniziert fokussiert und hat eigentlich einen roten Faden; ich nicht. Ich verliere mich leidenschaftlich gerne in Details.
  2. Felix ist immer ruhig in seinem Reden. Ich versuche ruhig zu bleiben aber selbst in Abschnitten, in welchen ich denke, dass ich ruhig bin, hab ich einen deutlichen Druck in der Stimme (Felix sagte leichte Aggression).
  3. Ich neige dazu jedes Gespräch als Basis für eine Sprachanalyse zu nehmen. Sprich, ich prüfe automatisch und gar nicht mal so unbewusst, ob der Inhalt zur Art und Weise und zum genauen Wortlaut passt.
  4. Wir beide nehmen sehr selektiv wahr (Standard) aber fokussieren natürlich bekannte Triggerwörter. Das sollte man immer im Hinterkopf haben.
  5. Ich steigere mich auf jeden Fall gerne in Sachen rein und spreche dann eine unglaubliche Zahl von Wörtern nacheinander, die mich selbst sprachlos und entsetzt zurücklässt, weil ich feststellen muss, darin bin ich genauso wie mein Vater … Ich hab eine Affinität zum Reden und Schreiben, aber hab auch einen minimalen Hang zum Drama.

Später hab ich heute mit Mama telefoniert und ihr davon berichtet und Felix’ Bitte und ihre Antwort war nur: ,Ja, er ist so wie ich. Du musst lernen sanftmütiger und gezielt mit Liebe und Wohlwollen zu kommunizieren“.

What a challenge!

Ok, ich mag Herausforderungen – also mal sehen.

Schluss für heute mit dem Gedankensalat.

ciao amigos

Fernsehen am Wochenende im Jahre 2020

17.Juli.20

Heute ist Freitag. Ich hatte einen anstrengenden Arbeitstag, bin aber zum Glück zum Telefonieren ein wenig spazieren gegangen und werd mich gleich auch noch etwas dehnen und strecken.

Kennt ihr sicherlich – zum Abendessen hatte ich vor, eines der veganen Patties zu probieren, die uns ein Nachbar zugeworfen hat, von Balkon zu Balkon quasi.  Kurz vor meiner Periode habe ich häufig explizites Verlangen nach Fleisch(-Geschmack) und das ist gerade der Fall.

Der Fleischersatz hat mir aber leider nicht geschmeckt, wie so oft – irgendwie schmeckt mir Fleischersatz nicht mehr. Brauch ich ja aber auch eh nicht.

Langsam merke ich die Müdigkeit, sie ist überwältigend. Aber morgen früh würde ich gerne weiterschreiben.

In derselben Nacht.

Wirklich merkwürdig, ich würde mich grundsätzlich als gute Schläferin bezeichnen. Ungeachtet äußerer Faktoren ist Schlaf echt immer noch eines meiner liebsten Hobbies. Doch leider fällt es mir zunehmend schwerer gut reinzufinden. Ich glaub, das hat viel mit meiner Handynutzung und den rasenden Gedanken zu tun. 

Da ich nicht schlafen kann, möchte ich zumindest weiterschreiben, das hatte ich mir ja schon vorher vorgenommen. Außerdem reagiere ich wohl auch empfindlicher auf den Zeitpunkt des Abendessens. Ich hab nun zuletzt vor 2 – 3 Stunden gegessen und die Mahlzeit war jetzt nicht klein. Ich merke jedenfalls sehr deutlich, welchen Weg sie sich durch meinen Körper bahnt. Ich sollte in den kommenden Tagen bei einem späten Mittagessen einfach das Abendessen weglassen. So werd ich es in Zukunft handhaben.

Nach der Arbeit heute aus dem Homeoffice, hatte ich einen Overkill an digitalem Input und Informationen, sodass ich es als sehr entspannend erlebte, Klavier zu üben und sogar im Anschluss noch Musiktheorie zu lesen.

Anschliessend gedachte ich, entsprechend meines Konzeptes des Alleinseinfreitags, mich hinzuchillen und vllt. sogar einen Film zu schauen. Mein letzter Film vor 3 Wochen war der absolute Reinfall auf Netflix (der schwarze Diamant oder so). So wandte ich mich vertrauensvoll und motiviert durch die Erinnerung an die bereits gezahlten GEZ-Gebühren, hoffnungsfroh an das öffentlich rechtliche Mediatheken-Angebot.

Soviel kann ich schon verraten, ich war ernüchtert. Nicht, dass das Angebot per se ernüchternd war. Ich erkenne an, dass es durchaus ausgezeichnete Formate gibt. Das große Aber, liegt meines Erachtens jedoch darin, dass vieles einfach so langweilig war und die ARD-Mediathek gar nicht erst funktionierte. 

Auf Arte hatte ich ausnahmsweise von der Stimmung her mal keine Lust. So dropte ich ein bei ZDF. Am Ende habe ich eine Reportage über Corona bei Tönnies geschaut und im Anschluss Aktenzeichen XY, gelöst. Mir ist nämlich davor nicht bewusst gewesen, dass es neben dem ungelöst auch ein gelöst gibt. Diese Ausgabe begann dann gleich auch sehr heikel mit einer Kindesmissbrauchsstory. Durch die momentane mediale coverage des Themas, fühle ich mich in letzter Zeit schon häufig damit konfrontiert und betrachte persönlich Situationen mit Kindern auf dem Spielplatz etc. ganz anders. Argwöhnisch und misstrauisch.

Jedenfalls ging es im ersten Fall um einen ziemlich schrägen Täter, der ein megakomisches Verhalten an den Tag legte, zusammen mit der Tatsache, dass er beruflich eine natürliche Nähe zu potentiellen Opfern hatte. Ekelhaft – ohne Worte.

Im zweiten Fall ging es um einen Raubmord, wahrscheinlich in Tateinheit/Tatmehrheit mit anderen Straftaten. Nachdem ich mir solche Sendungen mal ansehe (das hatte ich z. B. bei einer Reportage über das Höxterhaus) kriege ich die Bilder schwerlich aus dem Kopf und bin aufgewühlt und nachhaltig verstört. Naja, danach versuchte ich mich fröhlich zu machen, aber das konnte weder YouTube noch Instagram; Social Media am Arsch.

Ah, 0:05 Uhr, heute ist also schon wieder morgen. In dieser Woche ist soviel passiert. Morgen könnte ich von meiner Verabredung mit Mary on erzählen, dem Bierchen mit meinem Vermieter und der Wirecardstory, oder von einer alten aufgedeckten Geschichte meines Vaters berichten.

Übrigens, Felix schrieb mir gestern und fragte, ob ich mit ihm telefonieren wollte. Hab ich nichts gegen gehabt, war für mich nur zu spät und ich antwortete: ja, vllt. klappt es ja morgen oder sowas. Hat aber nicht geklappt – er und ich haben nicht telefoniert. Wollte ich nur mal festhalten, for the record.

Ob ich wohl jetzt werde schlafen können? Meine Blase ist jedenfalls supervoll, so wird das nicht klappen. Ich muss mal wohin.

Ein absurder Vorschlag

14.Juli.20 

Heute ist Dienstag und gestern hab‘ ich nicht all zu gut geschlafen, ich denke, ein bisschen zu kurz. Ich versuchte wirklich viel zu trinken, aber auch das gelang mir nur so semi. 

Am morgigen Mittwoch wollte ich meinen Vater besuchen und am Donnerstag treffe ich eine Freundin in der Innenstadt. So gestalten sich genau genommen viele meiner Wochen. Montags bin ich eher nicht gewillt, etwas zu unternehmen, es sei denn mit Menschen, die in meiner näheren Umgebung leben oder die mir so dermaßen nah sind, dass es manchmal keinen Unterschied macht, ob sie da sind oder nicht. Jedenfalls empfinde ich das nicht als anstrengend. 

Montag und Freitag sind dann meist die Tage, die ich mit mir selbst verbringe und während ich das so schreibe, merke ich, dass mir das zu wenig ist und ich noch mehr Zeit für mich benötige. Vielleicht nehme ich den Samstag dazu. Denn Montag und Sonntag lonesome ist vllt. ein bisschen viel auf einmal, aber den Samstag kann man gut dafür bestimmen. Heisst ja nicht, dass jeder Samstag nun heilig ist, aber er eignet sich eh gut für Sport und Erledigungen aller Art. Und zwischendrin innehalten und lesen und schreiben. 

Wegen Corona habe ich fast schon vergessen, dass das so war. Also vor Corona.

Also, mein Arbeitstag war ok, auf einer Skala von 1 – 10 so die 6,75; denn an sich war alles gut – keine doofen Meetings und das Essen in der Kantine ging heute sogar vegan. Aber das Wetter, schrecklich; drückend und dann hat es schön geregnet, aber mit einem schwülen Schleier, der alles nur schlimmer machte. Ich hab mich jedenfalls gefreut, als der Feierabend begann und mich gefreut daheim zu sein. Jetzt ist es 8 und ich könnte auf der Stelle einschlafen.

Gestern traf ich also abends meine Freundin Jölle. Wir haben uns auf die Wiese vor das Haus gelegt, an den Rhein und genüsslich auf einer Decke in der Sonne gechillt. 

Ich staune oft selbst darüber, wieviel wir uns so zu erzählen haben. Dann kommt man bei der Verabschiedung an der Tür nicht mehr voneinander los, weil man immer noch was sagen möchte, oder einem noch was Dringendes einfällt oder ein toller Gedanke perfekt in die Situation passt und auf jeden Fall ausgesprochen werden muss. Nun, wir haben eben gequatscht über dies und jenes, insbesondere habe ich sie auch an meinem letzten Gespräch mit Felix teilhaben lassen.

Dazu möchte ich hier sehr fragmentiert mal einen Auszug zum besten geben:

Felix und ich sind ja getrennt. Stand jetzt.

Aber wir haben uns getrennt, in dem Wollen, die Zeit sinnvoll zu nutzen für sich und dann auf jeden Fall nicht als Fernbeziehung eine neue Episode zu starten. Soweit, so gut. Nun sind wir aber schon 1 Jahr getrennt und haben irgendwie beabsichtigt in diesem Jahr oder spätestens kommendes Jahr zusammenzuziehen, an einen Ort.

Jedenfalls hat sich ein relativ konkretes Plandatum potentiell ins neue Jahr verschoben und dennoch denke ich, wenn man doch weiss, dass man sich liebt und eigentlich auch nicht loslassen will, dann wartet man doch nicht auf die Umstände, sondern lebt. Oder? Also im Moment. 

Er gab mir also nebenbei zu verstehen, dass er mit sehr nahestehenden Menschen Reise macht. Und ich wurde nicht einmal gefragt. Andersherum war er noch vor 2 Monaten, im Mai zu Besuch bei mir und kam gerne mit zu meiner Schwester und ihrer Familie. Nachdem wir diese Story mit einem Geschmäckle bereits in der Woche zuvor erörtert hatten, kam er am besagten Sonntag mit folgendem Vorschlag zur Güte auf mich zu: Er könne ja mit dem Fahrrad aus Süddeutschland über Köln fahren, mich abholen und dann mit mir an den Zielort fahren und ich könnte dann ja dann mit dem Zug zurückfahren. (während er am Ziel die anderen trifft)

Ernsthaft?

Ich hab laut gelacht.

Um ihm das Absurde daran zu verdeutlichen, verglich ich es mit dem Beispiel, das sei wie wenn ich ich auf eine Party eingeladen wäre und sage; komm doch mit. Aber bitte, kurz vor dem Haus kannst du dir einen Zug nehmen an der letzten Haltestelle, um wieder zurückzufahren. Wow.

Meine ehrliche Antwort war: ,,Danke nein“. Und das Beste an der ganzen Sache war echt noch seine Reaktion, er war richtig empört und murmelte etwas wie: „Hmhmhmmhmh, echt jetzt?“. Boah und das kombiniert mit diesem ewigen ,,Ich hab sooo gelitten“ fand ich einfach richtig Abtörner. Ich mach keine großen Ankündigungen mehr, es ist einfach egal, aber ich bin so hardcore degoutiert.

Finde das aber nicht soo schlecht und hoffe inständig, dass meine Hormone in den kommenden Tagen dafür sorgen, dass ich mit meinen Gedanken und Handlungen bei mir bleibe. Aber um den Gedankenkreisgang zu schliessen, Jölle meinte daraufhin nur: ,,Das erinnert mich an dich in deinen superegoistischen Zeiten“. Stimmt – das hab ich tatsächlich in dem Moment auch gedacht, dass ich früher häufig solche Moves gemacht habe und an einigen Stellen eben merkte, dass irgendwie in unserem Verhalten eine Umkehrung stattfindet. Er legt alte, längst vergessene Verhaltensweisen von mir an den Tag und ich bin heute viel emphatischer. Aber ich war damals kein schlechter Mensch und im Grunde ist Felix es heute auch nicht.

Egal – trotzdem; Felix, du Otto.

Das war ja wohl Absurdistan.

Mentale Vorbereitung

12.Juli.20

Nachdem die vergangenen Tage emotional anstrengend waren, komme ich nun in eine Phase, in der meine mentale Stabilität ganz gut ist, aber meine physische nicht unbedingt. Nehme ich zumindest an. 

Noch war ich heute nicht auf Toilette. Mich zieht es zu süßen, salzigen, saftigen und trockenen Kohlenhydraten. Obst kann dieses Bedürfnis nicht erfüllen. Eine Pizza auch nicht. Tja, es ist nun schon Abend und dieser Sonntag war bislang sehr ruhig und passte perfekt zu meinen körperlichen Bedürfnissen. Ich hab ein Bad genossen, schön telefoniert, gut gegessen, habe sogar etwas Tolles gelesen, Klavier gespielt und beim Friseur war ich auch.

All das, damit ich nicht wieder zu spät bin beim Telefonat – nach dem Fiasko am Mittwoch. In 5 Minuten soll er anrufen, oder ich, oder auch etwas später, denn es hieß: so um 9. Was für mich eher nach 9 bedeutet, vielleicht mit dem akademischen Viertel inkludiert. Anyway, nach dem Desaster vom Mittwoch dachte ich, es wäre nicht schlecht, sich hier besser vorzubereiten und nicht so viel potentielle Störfaktoren zuzulassen. Ich sag‘ ja – bei mir passieren oft komische Dinge. Ich sitze also mit dem Laptop auf dem Schoß auf meinem Bett an der Kante und habe die Füße auf dem Boden und einen unangenehmen Geruch in Nase und Augen *g*. Also meine Augen riechen natürlich nicht, aber der Geruch der Fußhornhautentfernersocken (ich weiß, voll unnötig!!) ist beißend und fies. Also muss ich unbedingt meine Füße auswaschen, bevor ich hier entspannt sein kann, und lüften. BÄH. Warum sagt einem das keiner richtig? 

Ich hab‘ die Socken aus 2 Gründen gekauft: 

a) Jölle hat sie auch gekauft und schwört darauf.

b) Die Königin der Pediküre, bei welcher ich im Schnitt 2x jährlich vorstellig werde, ist leider länger im Urlaub … Und davor war Corona. Ist ja immer noch und bleibt wohl auch erstmal.

Außerdem bin ich c) meganeugierig und wollte die Socken einfach testen. 

Jetzt ist ungefähr eine halbe Stunde um und ich muss sie auswaschen. Ok, laut Anleitung ist das der frühstmögliche Zeitpunkt.

Im Übrigen sitze ich eigentlich auch nur mit dem Laptop auf dem Schoß, weil meine ursprüngliche Intention es war, mich inhaltlich auf diese Gespräch irgendwie vorzubereiten. Sprich, meine Gedanken zu sortieren, damit ich zufrieden aus diesem Gespräch rausgehen kann und nicht wie so oft mehr Fragen als Antworten habe und womöglich noch kreisende Gedanken riskiere. Aber ich hoffe nicht, dass es so weit kommt – immerhin ist meine Eisprungphase vorüber.

Was verspreche ich mir aus diesem Gespräch mit Felix? Ich hab‘ so viele Fragen oder auch einfach keine Fragen, habe berechtigte Zweifel und die Frage, ob sie berechtigt sind. Und ganz im Ernst, so viele Missverständnisse kann es nicht geben. Manche Sachverhalte, Situationen und Meinungen muss man an seinem Partner einfach nicht verstehen und viele Fragen, die ich stellen würde, könnte ich mir vielleicht sogar selbst viel besser beantworten. 

Mist, es ist schon 7 nach.

Meine Nase ist zu, meine Augen haben keine Lust mehr und meinen Füßen fröstelt’s in diesen unbequemen Plastiksocken. Zu allem Überfluss würde ich auch noch gerne aufs Klo gehen, aber ich möchte ihm nicht schreiben, dass ich noch einige Minuten bräuchte. Das wäre sooo strebermäßig. Nein, ich will es nicht wieder verkacken und Schuld sein, aber ich tue mir sicherlich einen Gefallen, wenn ich entspannt bin. 

Also, ich geh‘ jetzt ins Bad und berichte später.

Später

Das Gespräch ist nun vorbei. Jetzt ist 2 Stunden später. 

Was ist geblieben an Inhalten? Rassismus, USA, Obstplantagen und „Meine Freunde haben gesagt …“. 

Wow. Ich verstehe jetzt jeden, der sich in der Vergangenheit über diese beliebte Argumentation geärgert hat. 

Alle anderen außer dir. Ich kenne niemanden außer dir. Meine Freunde haben gesagt … WTF! Meine Freunde am Arsch. Das ist so ein richtiges Nulllargument. Also wenn es hier ein Minus gäbe, wäre es sogar ein Minusargument. Was interessieren mich denn Felix’ neue Freunde? Die kennen mich nicht und ihn auch noch nicht lange, Pech. Pfff, meine Freunde sagen auch alle, die Beziehung war keine Wohltat für mich, und würden ein Refresh gerne verhindern. Aber spielt das eine Rolle? 

Ich bin gerade verärgert und etwas traurig und wie so oft irritiert. Er sagte dann auch gegen Ende so etwas wie: „Ich finde, wir müssen das mal in Ruhe besprechen: Das war ja auch ein sehr hartes Gespräch.“ 

Ähm, kennt ihr das Gefühl, wenn euch euer Partner vermittelt, ihr wärt Schuld daran, dass die 8 Jahre lange Beziehung schlecht war und dass die Beziehung überhaupt einfach schlecht war? 

Wow – und wo war der Partner? Immerhin hat er zu 50 Prozent auch stattgefunden. Und vor allem, wenn alles so schlecht war, wieso will er es denn nochmal versuchen? Ich bin abgetörnt. Keine Ahnung. Echt, ich möchte eigentlich auch nichts mehr davon wissen, das tut mir nicht gut.

Ich sollte mich darauf besinnen, als Mensch mein Leben zu genießen.

Ciao amigos

Rasende Gedanken

11.Juli.20

Durcheinander – ich bin völlig fertig. Heute bin ich leider wieder eher aufgewacht, als ich es eigentlich vorhatte. Aber das liegt daran, dass ich momentan rasende Gedanken habe, was für mich eher unüblich ist. Ich habe in dieser Woche meinen Eisprung gehabt, den ich körperlich sehr deutlich merke, und dennoch frage ich mich: Wieso wache ich an einem Samstag so früh mit rasenden Gedanken auf? Nervig.

So hab ich mich zunächst aufgemacht, um meine Blase zu entleeren, mir einen Tee gekocht, mich wieder ins Bett gelegt und ein wenig zu einem Thema recherchiert. Kennt ihr die Menschen, die immer den Fernseher laufen haben, egal was ist? Die einfach keine Stille, keine Leere ertragen können? So fühle ich mich gerade. Ich muss mir permanent Informationen oder irgendeine Ablenkung reinziehen, weil ich gedanklich einfach nicht zur Ruhe komme. Gestern war ich bei Jölle hier auf der Straße und sie hatte Besuch von einem guten Freund, zudem war auch ihr Mitbewohner da. Ihr depressiver, dünner Musiker-Mitbewohner. Den guten Freund würde ich als „esogrünen“ Weltverbesserer-Schamanen beschreiben.

Naja, zusammen haben wir diniert und im Anschluss klangvolle und tänzerisch sehr ausdrucksstarke Ovulationssongs angestimmt. Die Performances in der großen Küche gipfelten in dem von Britney Spears inspirierten My Ovulation is killing me, Hit me Baby one more time und verschiedenen Vengaboys-Abwandlungen.

Das war wirklich lustig, machte mir aber die Verzweiflung über meine Lage des hormonellen Ausgeliefertsein noch klarer. Ich mein‘, nach meinem Verständnis ist das Bedürfnis nach sexueller Befriedigung im Zeitraum des Eisprungs bei Frauen sehr ausgeprägt. Da muss wohl was raus. Ich betone übrigens den Terminus Frauen – wann auch immer Frau sich zu dieser Gruppe oder Spezies hinzuzählt. Mit Anfang 20 hatte ich zumindest noch kein Bewusstsein darüber. Dies kam erst mit Eintritt des Kinderwunschzeitalters. 

Das Kinderwollenparadoxon. Ich glaube mittlerweile: Wenn wir Frauen mit Ende 20 dann doch einen Kinderwunsch erfahren, beginnen wir diesen auch körperlich wahrzunehmen (Wahnsinn). So kommt es mir manchmal vor.

Als würde mein Körper den Zustand des Noch-nicht-geboren-Habens einfach nicht mehr ertragen können und massiv dagegen aufbegehren. Ich erinnere mich gut daran, als ich mit 23 noch dachte: Jaaa, ab 30 ist man ja schon Spätgebärende. Nach dem Motto: Mich würde das schon nicht betreffen. Wobei ich dabei völlig außen vor gelassen habe, dass natürlich parallel auch einfach das Leben passiert, und ich manchmal fürchte, es arbeitet nicht immer für die gute Sache. 

Nun ja, hier bin ich also mit meinen 33 Jahren in einer länger bereits unsicheren Nicht-doch-Partnerschaft mit einem wunderbaren Felix. Mit regelmäßig kraftvoll mahnenden Eierstöcken und keinem Kind … 

Das Schlimme an diesen Stimmungsschwankungen ist, dass man sie nur schwer im Griff hat und sich ihnen ausgeliefert fühlt. Manchmal kann ich mich selbst von außen betrachten. 

Ich sehe und fühle mich dabei einfach nur erschöpft und fertig. 

Ich nehme mich selbst als extrem anstrengend und lästig wahr. 

All das zusammen mit der Tatsache, dass ich zu mindestens 50 % eine eher extrovertierte, impulsive Persönlichkeit habe – ein Pulverfass! 

Kopfdrama und Ausgesperrt

08.Juli.20

Jetzt kann ich nicht einschlafen. Und ich habe mir vorgenommen, das anzunehmen, wenn ich mal Einschlafschwierigkeiten habe, und einfach was anderes zu machen. Früher hätte ich mich geärgert und selbst gerügt. Heute mache ich einfach etwas anderes als Schlafen. Ganz selten funktioniert es mit Lesen, oft mit Internetzapping.

Auf Hörbücher habe ich gerade keine Lust und manchmal muss ich aufstehen und ans Klavier. Nun also das Schreiben. Ich glaube, das ist ganz gut. So kann man sich etwas von der Seele schreiben, und ich bin insgesamt sehr gespannt, ob Tippen am Ende zumindest für mich persönlich die gleiche Wirkung hat wie Schreiben auf Papier mit der Hand, in einer grausigen Krakelschrift, sodass ich mich selbst immer wieder ermahnen muss, ordentlich zu schreiben, denn ich kann es meist selber nicht mehr lesen.

Heute habe ich mir einfach freigenommen. Mitten in der Woche, einfach so. Ursprünglich hatte ich beabsichtigt, Longboard zu fahren mit zwei Freunden, aber es spielte weder das Wetter mit noch die Longboards.

Nun ist es so. Pech.

Da es aber heute zum langersehnten Regen kam, habe ich mich eher mit Indooraktivitäten begnügt, die an sich ja auch schön sind.

Der Tag war sehr, sehr schön, bis zu meinem Telefonat um halb 9 mit Felix, welches durch einen leeren Akku beendet wurde. Von da an ging alles bergab. Und deswegen sitze ich jetzt hier und schreibe, weil ich nicht schlafen kann.

Nun, zunächst hatte ich Besuch von Paul. Paul ist ein ganz toller Mensch und Freund. Wir haben meine Autoreifen aufgepumpt und waren im Baumarkt, schliesslich haben wir noch Abendessen zubereitet. Essen ist übrigens bei mir zu einer wahren Herausforderung geworden, denn neuerdings hat ja jeder meiner Freunde und Bekannten eine Lebensmittelunverträglichkeit oder Allergie. Oder es ist mir bloß nicht früher so ins Auge gestochen. Mit mir als Veganerin ist Essen ein Abenteuer, aber auch mit Basti und seiner krassen Nussallergie und mit Paul und seiner Glutenunverträglichkeit. Dazu aber in einem anderen Bericht. Zu heute Abend also: Nachdem Paul und ich gekocht und gegessen haben, rief ich nach Termin Felix an. Wir kamen gut ins Gespräch, allerdings war ich etwas angespannt, weil ich dachte, es könnte blöd rüberkommen, wenn ich erwähne, dass Paul da sei. Erstmal, weil Felix Paul nicht kennt, und zweitens, weil ein Gespräch dann von vornherein zeitlich limitiert gewesen wäre, das wollte ich nicht, denn so oft sprechen wir nicht miteinander.

So sprachen wir also über dieses und jenes (neue Frisur, gutes Hautbild und Jobentwicklung). Nun muss man wissen, dass nach meinem Verständnis Felix und ich zwar nach unserer Trennung im vergangenen Jahr kein Paar mehr sind, aber uns das Wort gegeben haben, einen Versuch nochmal zu starten. Ich hatte verstanden, dass wir einen gemeinsamen Plan verfolgten und unter neuen Bedingungen einen Neuanfang versuchen wollen. Nun bin ich vollends verunsichert, denn heute sagte er mir ganz nebenbei, dass er einen Urlaub mit seiner gesamten Familie vorhabe, mit dem Ergebnis, dass ich mich tatsächlich gekränkt, weil ausgeschlossen fühlte. Natürlich habe ich mich gefragt, ob ich umgekehrt auch ihn mitnehmen würde? Aber ich denke schon, zumindest würde ich ihn fragen, denn man möchte doch die Menschen, die man lieb hat, gerne bei sich haben. Felix wird nicht müde zu betonen, dass ich ja die Beziehung beendet habe (stimmt!). Und sagte dann auf meine Nachfrage, er habe sich nicht vorstellen können, dass ich überhaupt mitgewollt hätte.

Aber ja, verstehe ich. Ich denke aber, wenn man eine gemeinsame Zukunft plant, kann man den anderen doch vielleicht inhaltlich abholen. Es ist emotional sehr anstrengend, denn ab einem bestimmten Punkt nach der Trennung hab‘ ich innerlich wieder ,,ja“ gesagt und daraus erwachsen für mich andere Erwartungen. Anyway, jedenfalls war ich unzufrieden und mein Akku ging während des Gesprächs leer; dann war mir als Gelegenheitsraucherin arg nach einer Zigarette und ich zog mich an, um zum Kiosk zu gehen.

Beim Hinausgehen (Paul war hinter mir) stellte ich fest, dass mein Schlüssel nicht an der Frau, sondern in der Wohnung war. Tja, meine Mitbewohnerin in Portugal konnte mir um fast 10 Uhr abends auch keinen Ersatzschlüssel mehr klar machen. So bin ich schnurstracks mit Paul zu meinem Nachbarn Thomas und wir haben den Schlüsseldienst angerufen.

Dort bekamen wir vom rausgeweckten Thomas je ein alkoholisches Kaltgetränk und Zigaretten. Wir haben einen preisgünstigen Schlüsseldienst über Google ausfindiggemacht und der Mensch wollte in einer halben Stunde da sein. Dumm nur, dass Pauls Handy (meins war in der Wohnung!!!) auf stumm geschaltet war und wir eher zufällig aus einem angeregten Gespräch heraus aufs Handy schauten, nur um festzustellen, dass der Mann vom Schlüsseldienst 8 Mal angerufen hatte. Zu allem Überfluss war nämlich auch noch Thomas‘ Türklingel defekt. So kam es, dass ich richtig genervt mit Bier und Kippchen den Menschen bekniete, doch nochmal zu kommen, denn er war mittlerweile wieder zu Hause. Und weil ich denn auch manchmal Glück habe, kam er wieder zurück und ich für gutes Geld wieder in die Wohnung.

Das war dann 4 Kippen später – Alkohol und Zigaretten machen keinen guten Schlaf. Ich denke, deswegen ist es grad doof.

Anyway, ciao amigos

Kommt Migos eigentlich von amigos; also der Bandname?

Schau‘ ich direkt mal nach.

Der Dickwanst

29.Juni.20

Heute ist ein grauwamer Tag. Gestern noch heiß-schwül, heute schon wieder etwas abgekühlt, aber so, dass von der gestrigen schwülen Hitze noch ein Hauch übrig ist. Man fragt sich auch ständig, wann es denn endlich zu regnen beginnt.

Das Grau des Himmels, changierend im Spiel zwischen hell und dunkel und mittel und weniger und mehr, ummantelt die Wolken und lässt nur eine Ahnung von Blau durch.

Und immernoch fragt man sich, wann es denn endlich regnet. Ich denke nur so: Selbst wenn ich meinen Internet-/Social-Media-Konsum cutten würde, wäre ich wahrscheinlich noch immer am Wetterbericht interessiert. Täglich checken wir das Wetter. Insbesondere deshalb, weil es sich ja wegen und mit Corona neuerdings anders darzustellen scheint. Die Vorhersagen werden unpräziser und deswegen schaut man lieber noch mal nach – zur Sicherheit.

Nun ja, und wenn man dann nachgeschaut hat, reichen nicht nur die kommenden zwei Tage. Mehr noch: Meine Reflexion scheint mir zuzuflüstern, dass in jedem Fall die 14-Tage-Vorschau wichtig ist. Das ist ganz sicher auch den ganzen Wetterseitenbetreibern und Wetterappbetreibern dieser Welt mit ihren Analysetools schon klar. Nur stelle ich mir denn aus dieser Beobachtung heraus die Frage, was diese Information mit mir macht. Leicht süchtig, und ich meine auch ziemlich unterbewusst automatisiert, greife ich nach dem Smartphone und suche nach dem Wetter. Dann steht da für heute, von gestern, zum Beispiel, dass es regnen wird mit einer 70-prozentigen Wahrscheinlichkeit. Das sind zwar keine 100 Prozent, aber gefühlt und auch in Anbetracht der gestrigen schwülen Hitze und des Himmelswolkenfarbschauspiels würde es mich, glaub‘ ich, unbefriedigt zurücklassen, wenn es nicht regnen würde. In meinen Augen wäre das ziemlich läppisch und enttäuschend.

Ich meine, Wetter ist schon wirklich krass. In der Erwartung liegt inhärent ein Plan, eine Art der Kontrolle über die Ereignisse. In dem Moment, in dem der Regen beginnt, werde ich in meinen Erwartungen bestätigt. Jetzt hab ich vorhin aus lauter Hin- und Hergerissenheit die Pflanzen auf dem Balkon gegossen. Naja, ich find’s eigentlich auch geil, nicht zu wissen, wie das Wetter wird. Also, nicht so genau zumindest. Immer einen Tag zu haben zwischen zwei wechselnden Großwetterlagen, an dem ich mich falsch kleide – zu warm oder zu kalt, auf jeden Fall nicht richtig. Anyway, das ist die Sache mit dem Wetter und wenn man auf den Regen wartet. Ich meine, wenn der Regen nicht kommt, würde ich mit weniger Vorkehrungen (sprich: ohne regenfeste Schuhe) diesen Sonntagnachmittag mit einem schönen Spaziergang angehen. Bei Regen auch, aber dann eben regenfest. 😉

Kennt ihr übrigens Sonnenjan und Regenjan? Phantastisches Kinderbuch in Reimform und mit (Wie soll man es nennen?) Reverse-Bookcover, sag‘ ich mal so. Also, es gibt keine Vorderseite und keine Rückseite. Auf einer Seite beginnt der Sonnenjan und auf der anderen der Regenjan. Isso *g* und beides ist geil. Deshalb: Ich mag eigentlich auch jedes Wetter, ich geh‘ auch bei jedem Wetter raus – nur eben mit dem ausgeprägten Bedürfnis, das vorher zu wissen.

Gestern Abend (ich hab‘ gestern meine Tage gekriegt) habe ich vor Beendigung meines Tagwerks (einkaufen, aufräumen, dies das) noch eine Freundin getroffen und sie hat wiederum eine Freundin mitgebracht, die in meiner Nähe wohnt. So weit, so gut. Diese Freundin hat mütterlicherseits koreanische Wurzeln und hat gestern auch noch an einem Antirassismusworkshop teilgenommen.

Ich empfinde viel Zuneigung für diese Freundin, wir kennen uns noch nicht so lange.

Aber ich feier‘ es auch richtig geil, wie ihr bei jedem Thema einfach jede noch so unwahrscheinliche Verbindung zum Thema Rassismus einfällt – das muss man erstmal hinbekommen.

Jedenfalls hatte ich mich schon auf Bierchen und dann einen ruhigen Abend zu Hause eingestellt: muckeln, Film schauen, gammeln. Pustekuchen, stattdessen musste ich zur Vervollständigung meiner Besorgungen noch einkaufen, denn mir blieb wirklich nicht mehr viel und ich hatte für den Sonntag auch keine Idee, was ich denn kochen und essen sollte. So bin ich kurzerhand gegen 8 zum Lidl gefahren, um dort einzukaufen.

An der Kasse dann folgende Situation: Vor mir ein weißer, wahrscheinlich deutscher Mann in meinem Alter, etwa 1,90 m groß, leger gekleidet. Davor ein weißer Mann, seinen Redebeiträgen nach zu urteilen, wohl auch deutsch; ausgeprägter Vorbau, dabei aber ein gelbes weites T-Shirt und eine kurze dunkle Hose. Seine noch zu bezahlenden Waren in einem Jutebeutel. Vor ihm wiederum ein Pärchen, sie mit Kopftuch, er sportlich-sommerlich gekleidet. Die beiden laden gerade ihre Einkäufe aufs Band. Dickbauchhorst registriert, dass die kopftuchtragende Dame ihren Mundschutz unzureichend trägt, da dieser die Nase nicht bedeckt. Hörbar sagt er zu sich selbst (oder auch zu allen oder auch egal einfach): ,,Das kann nicht sein, was ist nur aus Deutschland geworden? Wieso tragen die den Mundschutz so und halten sich nicht an die Regeln?!“ Dreht sich dann um, checkt, wer hinter ihm steht und spricht seinen Hintermann an. „Diese Ausländer, die machen, was sie wollen und ich? Was ist mit mir? Werde hier meiner billigen Rente abgespeist und die kommen hierhin und halten sich nicht an die Regeln; immer diese Südländer …“ Ich schon voll die Augen verdreht wegen Horst. Die Reaktion des Hintermanns ist einfach lautstarkes Schweigen (ich seh‘ sein Gesicht nicht, aber ich denke mal, er könnte versucht haben, durch Horst hindurch zu schauen). WOW. Ok, dann wendet sich Horst dem Pärchen zu und sagt zu dem Mann: „Sie tragen ihre Maske nicht richtig, sie müssen den Mundschutz über die Nase tragen.“ Er sagt dies laut und angriffslustig, schon gereizt.

Was dann passiert, damit hab ich so auch nicht gerechnet. Der Mann entgegnet: Halt die Fresse. HALT DIE FRESSE.“ Das wird unterbrochen von Dickbauchhorst mit einer Drohung, er würde dann ihn mit einer seiner Flaschen (Bierflaschen, lagen nun ja auf dem Band, aus der Jutetasche heraus) schlagen. Ein weiteres Mal ,,Halt die Fresse“ und weitere Male ,,Was ist nur aus Deutschland geworden?“. Schliesslich verlässt das Pärchen den Laden und das wutverzerrte Gesicht des muslimischen Mannes hat ganz klar Horst davon abgehalten, weitere Worte an ihn zu richten. Nun kam er ja dran und musste laut bei der Kassiererin feststellen: ,,Sie tragen ja auch keinen Mundschutz richtig und genauso wie diese Ausländer, diese ganzen Menschen aus dem Süden“, blablabla. Achso, zwischendurch wurde mir das Schweigen meines Vordermanns, also seines Hintermannes, zu laut, sodass ich dann in den Kassenraum rief: „Lassen Sie die Leute in Ruhe!“

Zwischenzeitlich wird hinter mir die Schlange länger und länger. Naja, dann hat er sich noch weiter mit der Kassiererin gestritten und auch gesagt, er würde auch ihren Manager mit einer Flasche verletzen.

Wow. Das war die Geschichte von Dickbauchhorst und die haben wir dann mit einigen Bieren und Cocktails analysiert.

Mich hätte interessiert, wie mein Vordermann die Geschichte erlebt hat oder erzählen würde. Ich musste jedenfalls erstmal etwas trinken, um über dieses besondere Einkaufserlebnis hinwegzukommen.

Perspektivwechsel – Intro

28.Juni.20

Ich hasse den, den ich liebe, und ich will ihn nie wiedersehen, ich will nie wieder diesen Schmerz fühlen. Wieso lasse ich mich denn überhaupt auf sowas ein? Immer wieder und wieder? Wieso mache ich immer wieder die gleichen Fehler? Ich bin sauer auf mich, richtig wütend sogar.

So fühle ich mich, wenn eine erneute Kränkung sich auf den bereits vorhandenen Berg der Kränkungen von Felix aufaddiert. Es fühlt sich an, als würde ein neuer Schmerz stechen und der Schmerz in seiner Erscheinung als stechender Blitz, schwelendes Feuerchen und rucksackschwere Steinbruchausbeute mich gleichzeitig brechen, verwirren, lähmen und mich auch Stück für Stück verbrennen. Die Narben sind zwar unsichtbar, aber sie zeigen sich bei jeder neuen Kränkung und manifestieren sich auch in der Vorsicht und dem Misstrauen bei jeder erneuten Annäherung.

Nur nehme ich das meistens nicht so stark wahr, denn bei einem vertrauten Menschen überwiegen in Zeiten des Vergebens und Vertragens oft die Sehnsucht nach einem schönen Moment und der Wunsch nach Nähe.

Ich werde meine Geschichten erzählen, denn im Kopf habe ich unglaublich viele. Wahre, unwahre, halbwahre. Solche, die alles drei sind oder nur eine Kombination von zweien. Solche, die trotz der Tatsache, dass ich sie mir ausgedacht habe, meine Wirklichkeit prägen, weil sie ihre Grundlage sind. Geschichten, die gesehen, gedacht, gefühlt, gelebt oder nur erbrochen sind. 

Gemeint war „errochen“ und ich ergänze „erfühlt“. Aber da das Wort „erbrochen“ sich Dank automatischer Worterkennung seinen Weg in diesen Text erschlichen hat und ich es zudem für sehr passend halte, lass ich es einfach stehen. Warum auch nicht.

Sagte ich vorhin übrigens „Kränkungen von Felix“? Denn eigentlich hat Felix die Kränkung bei mir nur ausgelöst. Sie gehört mir, diese Kränkung. Sie passiert ja schließlich auch in mir. Insofern ist diese angezeigte Possessivrelation nicht korrekt. Zumindest nicht ganz. Ganz sicher aber ungenau oder irreführend.

Wer mich kennt, weiß, dass ich in meinen Gedanken sehr umherspringe, sodass es bisweilen nicht leicht ist mir zu folgen. Hin und her, vor und zurück. Das finde ich nicht schlimm. Es widerspricht jedoch den Erwartungen in der alltäglichen Kommunikation. Ich schreibe all diese Zeilen, weil ich mich selbst permanent darüber ärgere, meine Zeit beeinflusst von süchtig machenden Algorithmen auf sozialen Plattformen zu verbringen oder meines noch größeren Lasters zu frönen: dem zuweilen sinnlosen Sammeln von Informationen. Nachdem ich mich bereits aus einigen Gemeinschaften entfernt habe, bin ich noch bei Whatsapp und Instagram aktiv und arbeite derzeit an meinen Ausstiegsszenarien. Meine Gedanken mache ich zugänglich, weil das Schreiben es mir erlaubt, zu anderen Zeitpunkten Leserin meiner Gedanken zu sein. Es erlaubt mir einen Perspektivwechsel.

Der Mehrwert für den/die LeserIn kann in der Theorie nicht geringer sein als bei vielen anderen Geschichten aus den sozialen Medien oder aus den Qualitätsmedien oder eben anders von Menschen Hergebrachtem und Erzähltem. Das meiste ist und bleibt eine Geschichte. Hier kommen meine.

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