Retrospektive – was ist nur los in Deutschland

3.September.20

Ich befasse mich jetzt erst richtig mit der aus dem Ruder gelaufenen Querdenker-Demo in Berlin. Was ist denn bloss los mit den ganzen Leuten?

Ich kann verstehen, dass die Komplexität von Phänomenen wie einer Pandemie oder der Klimasituation viele Menschen verunsichert und ich bin auch der Überzeugung, dass es richtig ist, Zweifel zu haben und Dinge in Frage zu stellen. Aber es gibt einen Wissenschaftspluralismus und die Tatsache, dass man selbst wohl stets zugeben muss, nichts bis sehr wenig zu wissen. Denn weder generieren wir dieses Wissen zumeist selbst, noch sind alle Methoden der Überprüfbarkeit ausgeschöpft.

Aus allen Richtungen wäre in dieser Gesamtdebatte auf jeden Fall etwas Ruhe und Besonnenheit angesagt.

Ferner kenne ich es von anderen Massenveranstaltungen oder von Fussballspielen, dass Situationen gerne mal eskalieren. Die Emotionen, die sich auf den Bildern entladen und ich spreche nicht von den Bildern des Sturmes auf den Reichstag, sondern sonstige begleitende Reportagen, tragen eine sehr große Energie mit sich. Diese Menschen haben teilweise wirklich Angst und spiegeln eine große Verzweiflung und konkrete Sorgen wider.

Aber wovor genau? Und woher kommt das? Und warum manifestiert sich das erst jetzt? Und weshalb so heftig?

Menschen in Deutschland haben schon immer Jobs verloren, Strukturwandel durchlebt und sind Teil von Globalisierung, Automatisierung, Modernisierung, Digitalisierung. Ein Wandel findet immer statt bzw. er ist eine Konstante.

Der Wandel, so wage ich es zu formulieren, ist auch eine menschengemachte Konstante.

Folgen des Lockdowns? Mit der Kurzarbeiterregelung und massiv viel Steuergeld fällt man in Deutschland wirklich recht weich im Vergleich zu anderen Ländern. Natürlich hängt dann das Damoklesschwert der Unsicherheit über einem, aber über allen und allem im Prinzip und grundsätzlich auch immer. Es ist eine Illusion zu denken, der Status quo wäre in Stein gemeißelt. Es muss doch jedem klar sein, dass wir in einer Blase der Sicherheit und des Wohlstandes leben, zumindest in meiner Generation. Das Wirtschaftssystem, Finanz- und Geldsystem sind abhängig von einem Konsens, nämlich der unausgesprochenen Einigung an sie zu glauben.

Ich bin wirklich sprachlos darüber, dass Menschen gar nicht sehen können, wie gut es ihnen eigentlich geht. Aber das Problem ist auch kein Materielles, es geht um das Gift der Angst.

Das Hauptargument der Protestierenden für ihre Haltung und ihren Protest ist neben der Angst vor Arbeitsplatzverlust die Angst vor Grundrechtseinschränkungen. Dabei spielt der Freiheitsbegriff eine Rolle, der sich paradoxerweise bei jedem Protest wieder manifestiert. Und das ist bereits an vielen Stellen konstatiert worden.

Sicherlich sind bzgl. der Coronakrise oder Pandemie Wahrheit und Wirklichkeit zu betrachten und zu diskutieren, aber mein Eindruck ist, dass dieses Thema zu einer einzigen Polarisierung führt und zu einer Glaubens- und Haltungsfrage hinuntergebrochen wird.

Drastisch betrachtet ist Glauben ohnehin heutzutage der Vater der Meinungsvielfalt. Das Statement möchte ich grad nicht challengen, aber es gibt keine vollendete Wahrheit.

Eine gewisse Demut, Möglichkeit, auch Fehlbarkeit bei sich selbst zu erkennen und ein Rest Offenheit, sind für ein Miteinander essenziell.

Die Medienlandschaft scheint sich zu fragmentieren und zu verändern, wir erleben neue Player, die alten bewährten haben an Glaubwürdigkeit eingebüsst, gleichzeitig gibt es aber auch eine neue Generation von Medienmachern, die aus Egogründen, politischer Ignoranz oder unreflektierter Überzeugung den freigewordenen Raum erobern wollen.

Wir denken weiter nach.

Ciao Amigos 

Der Rückschlag – oder zurück auf den Boden der Tatsachen

31.August.20

Disclaimer: Spoiler Dirty John 2

Ich sitze auf der Couch, die Füsse im warmen Wasserbad. Eiskalt waren meine Füsse, vom Sitzen im Homeoffice. Heute Mittag habe ich zwar eine Yogasession eingelegt, aber die Fenster waren aus der Sommergewohnheit heraus geöffnet und es lässt sich nun nicht mehr leugnen, dass der Herbst mit großen Schritten unverkennbar auf uns zukommt. Der Laptop liegt auf dem Schoß und im Kopf die Entscheidung Netflix zu schauen. Neben mir auf dem Couchtisch ein heisser Minztee. Das Fussbad enthält auch Minze und etwas winterlich Duftendes, aber es spielt grad eh keine Rolle, denn wenn ich dran denke oder nur wage in diese Richtung zu denken, spüre ich den Widerhall des Schlages in die Magengrube. Es passierte alles am Ende des Telefonats mit Felix. Zu Beginn war alles in Ordnung, zum Ende hin, hab ich nichts mehr verstanden und fühle mich dreckig und durcheinander. Ist es Liebeskummer? Bin ich dumm? Was ist das alles? Ablenkung muss her.

Jölle hat mir vor einigen Tagen eine Nachricht geschickt, dass die zweite Staffel Dirty John auf Netflix angelaufen sei. Ich hab ihr angekündigt, es nun sehen zu wollen und sie schreibt, dass in der Staffel die Frau die Betrügerin sei. Das törnt mich ein bisschen ab. Wieso kann nicht wieder Dirty John der Täter sein? Eigentlich hab ich jetzt schon wieder keine Lust mehr. Der Anfang ist trotzdem verheißungsvoll: 1986 in Kalifornien, Musik klingend nach Cindy Lauper, blonde, flotte Protagonistin. Mal sehen. Sie befindet sich in einer fiesen Scheidung von ihrem reichen Mann, der scheinbar nichts von seinem/ihrem Vermögen teilen will. Sie kommt, nachdem sie sein neues Haus mit ihrem Auto anfährt, auf seine Veranlassung hin in eine psychiatrische Klinik. Oh, und er enthält ihr die Kinder vor. Was für eine Energie! Und natürlich hat sie dadurch nun alles verloren.

Das Wasser wird kalt, meine Füsse brauchen aber noch etwas Ummantelung von angenehm duftenden, wohlig warmen Wasser. Ich schütte noch heisses Wasser hinzu. Gestern hab ich bereits wenig geschlafen, ich sollte heute den Weg in die Falle früher finden.

Bei der Story blicke ich noch nicht durch. In einem zweideutigen Gespräch scheint es, als wolle er sie und die Familie zurück – die Bilderbuchfamilie mit den 4 wunderbaren Kindern restituieren. Jedenfalls berichtet sie ihren Freundinnen auf diese Art und Weise davon, ganz elektrisiert von der Aussicht auf eine mögliche zweite Chance.

Was für ein Hohn. Ich fühle mich veräppelt, muss das sein? Das lässt meine eigenen Zweifel bezüglich meiner Situation mit Felix sowas von aufleben.

Von der zwischen uns vereinbarten Trennung, hat er niemandem groß erzählt. Es wurde totgeschwiegen, etwa wie der Elefant im Raum, denn ich habe ja in der gesamten Zeit in diesem Kontext nicht stattgefunden. Nun arbeiten wir seit Monaten an uns und haben gemeinsam beschlossen es nochmal zu versuchen – nur nicht mehr als Fernbeziehung. Und als ich ihn darauf anspreche, möchte er den Elefanten benennen. Zu diesem Zeitpunkt? Ich verstehe das nicht. Ich dachte, wir hätten einen gemeinsamen Plan. Langsam krieg ich Kopfschmerzen. Das einzig wirklich Gute ist, ich bin geerdet und bei mir. Im Normalfall würde ich jetzt sehr traurig sein und möglicherweise auch weinen. Vor Wut. Auf mich selbst. Die Tränen kommen aber nicht. Nicht mal eine Ahnung davon.

Bei Betty in Dirty John ist mittlerweile auch der Schlag gekommen. Von der Schlagkraft und Heftigkeit her würde ich sagen, mitten ins Gesicht. Eine saftige Ohrfeige. Denn anders als sie erwartet, erhält sie von ihrem Noch-Ehemann ein Schreiben. Darin verlangt er eine beschleunigte Scheidung zu, sagen wir mal hanebüchenen Konditionen, scheinbar klar zu ihren Ungunsten. Wow.

Schliesslich kündigt auch noch ihr Anwalt. Bei einem Abendessen mit Freunden sagt sie den wunderbaren Satz: „Ich weiss nicht, was gerade passiert, es ändert sich von Tag zu Tag“. Besser lässt sich nicht sagen, wie es mir gerade ergeht.

Felix sagte, er sei erstaunt, wie positiv ich alles sehen würde. Grundsätzlich mache ich Dinge aus guten, schönen Gründen und Aussichten. Das nennt ich hierzulande erstrebenswert. Würde ich zu sehr hadern und mir gar nicht sicher sein, würde ich es wahrscheinlich eher lassen. Mir ist auch klar, dass nicht jeder seine Entscheidungen auf diese Art und Weise trifft. Bei vielen motiviert vllt. eher eine Verlustaversion, eine Angst vor dem unbekannten Nichts. 

Er traue sich noch nicht so recht, zu was auch immer – ich weiss es nicht mehr. Jedenfalls sehe ich die Abmachung auf eine gemeinsame Zukunft weit weg in die Ferne entschwinden.

Das Wasser wird wieder kalt und meine Augen hängen immer tiefer.

Jetzt bittet sie den gemeinsamen Freund, dem Noch-Ehemann zu sagen, dass es nie zu spät sei. Nie zu spät? Ich weiss nicht. Dann geht sie feiern, Klassiker der Gedankenverstreuung. Und sie kann sich nicht mal gedanklich auf jemand anderes einlassen, auf der Tanzfläche sieht sie ihren Noch-Ehemann, der Blick zieht ihn sehnsüchtig zu ihr.

Ob jetzt in echt oder nicht. Ich verstehe sie absolut. Und dennoch oder genau deswegen, weiss ich nicht, was ich davon halten soll. Am besten gar nichts. Sie träumt sich in die Vergangenheit zurück, sie liebt ihn noch. Dann ruft sie ihn an und sie telefonieren, sie lachen über einen Insiderwitz. 

Aber das Blatt wendet sich schnell. Tags drauf schickt er ohne ihr Wissen die Kinder zum Psychiater, damit sie über ihre Ängste sprechen können, über die Mutter, über Betty. Und frisiert Anwaltsschreiben und richterliche Anhörungstermine ihr gegenüber, damit sie keine Gelegenheit erhält, für sich einzustehen. Niederträchtig sowas.

Ich nehme meine Füsse aus dem lauwarmen Wasser und lasse sie auf dem Handtuch neben dem Wasserbecken trocknen, ein befriedigendes Gefühl. 

Es ist spät geworden, die Folge ist gleich vorbei und ich werde keine weitere schauen heute, viel zu aufwühlend. Neben meinen Augen hängt nun auch meine übrige Gesichtskomposition. Ich muss ins Bett.

Sie glaubt an ihn, sie glaubt an sie beide. Aber er spielt schon lange nicht für sie, er spielt was anderes und gaukelt ihr etwas vor. Sie hört nicht auf ihre Freunde, die ihr raten nach vorne zu schauen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen. (hakuna matata!) Ich bin fassungslos über ihren Realitätsverlust oder sagen wir eher über ihren guten Glauben, ihre Hoffnung, ihre Liebe. Verdammt, was sollen diese ganzen Parallelen. Worst case fühlt es sich so an! Danke Jölle not, für diesen Serientipp.

Immerhin hat sie ihn final wohl liquidiert. Was soll man dazu sagen.

Ciao amigos

Karstadt schließt

25.August.20

Gestern haben wir die Frankfurter Innenstadt besichtigt. Wir kamen nicht besonders weit, weil zwischen uns und dem Weiterkommen der Karstadt lag. An dem sind wir nicht vorbeigekommen. Ich hab mich erinnert, dass er nun schließen würde und Fredi wollte unbedingt ihre Batterie von der alten Uhr austauschen lassen. So sind wir dann im Karstadt gelandet, wegen meiner Neugier und Fredis Uhr. 

Der Laden sah aus wie geplündert, die Kosmetikabteilung, Parfümabteilung und bei den Uhren schien mir, als wäre das Motto 100 % Selbstbedienung und die Regale aufgefüllt hat auch keiner. Früher durfte man fast nichts im Karstadt – immer kam direkt irgendeine engagierte Fachkraft oder Promoter/in, die einen beraten wollte. Und die Waren waren ordentlich aufgereiht und sortiert. Einkaufen im Karstadt (ich spreche eigentlich generell von großen Warenhäusern) ist für mich mit vielen starken Erinnerungen aufgeladen.

Just am Morgen des gleichen Tages hörte ich einen der gefühlt 100 Millionen Radiobeiträge über sterbende Innenstädte und coronabedingten Beschleunigungen von Schließungen und der Tatsache, dass Karstadt und Kaufhof viele weitere Häuser schließen würden. Eigentlich war schon bei der Rettung vor einigen Jahren klar, dass das Warenhaussterben weitergehen würde. Und da ich eh nicht so gerne kaufe und noch weniger gern online, bedaure ich das Verschwinden dieser großen geschichtsträchtigen Dinosaurier in unseren Fußgängerzonen. Die Erinnerung aber zeigt ein beschränktes Bild: In dem Radiobeitrag hieß es auch, dass die erste Fussgängerzone 1953 in den Niederlanden entstanden ist und sich dann dieser Siegeszug der Gehpriorität durch ganz Europa zog. Somit ist an sich die Geschichte der Warenhäuser in Fussgängerzonen gar nicht so lang in absoluten Zahlen, aber immerhin lang genug, um mehrere Generationen von Konsumopfern nachhaltig und romantisch zu prägen.

So große Warenhäuser lösen schon am Eingang Erwartungen und Kindheitserinnerungen aus. Damals ist man ja einige Male im Jahr (ok vllt. auch nur einmal) dorthin und hat geshoppt. Fredi meint, das war damals noch kein shoppen. Es war ein Großeinkauf mit der Familie, verbunden mit viel Warterei und Langeweile. Dem wurde die Spielecke und ein Fernseher in der Spielzeugabteilung entgegengesetzt. Das hat man so gemacht im Wohlstandswirtschaftswunderland Deutschland. 

Wir sind jedenfalls rein und haben uns die übrig gebliebenen Döschen und Verpackungen von Naturkosmetik angesehen und in unseren Einkaufskörbchen untergebracht. Auch bei der konventionellen hochpreisigen Kosmetik haben wir angehalten – ich hielt einen Artdeco Nagellack in Weinrot in den Händen und meine Begierde stritt laut mit meiner Vernunft. Ich brauch das noch gar nicht; hab ich nicht noch roten Nagellack? Aber Artdeco ist sooo gute Qualität. Am Ende hab ich das Fläschchen zurückgestellt.

Sehnsüchte, die Warenhäuser haben Sehnsüchte erschaffen. Einen Raum der Fantasie und des Verlangens zwischen der gewünschten Sache und dir selbst. Eine Geschichte, ein aufgeladenes Gefühl. Die heutige Produktionseffizienz, intransparente Lieferketten mit subventionierten Preisen bzw. Preisen, welche keine Umweltfolgen berücksichtigen und schnelle Verfügbarkeiten haben diese Sehnsüchte gelöscht. Heute kann jeder sehr schnell alles haben. Spätestens Amazon und die Discounter sorgen für eine Zugang zu allem möglichen, sodass man heute  sowohl von einer Demokratisierung des Zugangs zu Gütern sprechen und gleichzeitig einer sinnlosen Entfesselung. Wir kaufen einfach um zu kaufen und ich hab den Verdacht, dass bei einigen Dingen der Sinn erst dann da ist, nachdem man gekauft hat. Manche formulieren es auch so: Das Kaufen ist an sich ein Selbstzweck.

Wir wollten in den fünften Stock zu den Stoffen. Uns war klar, dass wir in jeder Etage mal schauen würden. Schließlich hatten wir Urlaub und wir waren lange nicht mehr einkaufen in der Stadt. Gleich in der ersten Etage gab es Damenbekleidung. Unterschiedliche Marken, die Shop-in-Shop-Shops  hochwertige Damenbekleidung so weit das Auge blickte. Aber etwas war anders. Es räumte ja keiner mehr richtig auf. Die Bekleidung lag kreuz und quer verteilt auf den Ständern, daneben bunte Stoffe und ich hab nichts mehr verstanden. Überall, wirklich überall, Schilder des Ausverkaufs: 40 %, 25 % zusätzlich noch 20 % auf alles. Es war nicht nur ein Ausverkauf von Warenbeständen. Es war einerseits ebenso ein Ausverkauf von Arbeit, der Werte des Schweißes der Näherinnen und Näher, Färber, Arbeiter. Anderseits ein Ausverkauf der Fachexpertise der Verkäufer/innen, der Liebe, der Erfahrung der Kundenberatung. Eine Gesellschaft, die durch eine Verhaltensänderung sagt: „Ok, ihr werdet einfach nicht mehr gebraucht“. Und die Sehnsucht nicht mehr vorhanden, durch die Unterdrückung und der Kürze des Weges, des Abstandes zwischen Haben und Wollen. Ein Klick genügt.

Als wir in der vierten Etage angekommen sind, mussten wir den Aufzug nehmen, um in die Stoffabteilung zu gelangen. Ich war schon völlig fertig – Fredi aber erblühte in Freude. Stoffe, Schnittmuster, Wolle und dann noch 40 % auf alles – das kann schon die Fantasie beflügeln. Erstmal mussten wir auf Toilette, denn ein anderes Bedürfnis meldete sich schon sehr lange. Wir betraten den Vorraum und mir war klar, dass es sich um die original Ersteinrichtung handeln musste. Schwere Farben, hochwertiges Porzellan – 1964?

Der Aufzug für 21 Personen jedenfalls wurde 1964 gebaut. Eine kurze Recherche ergibt, dass das Gelände schon länger Standort eines Kaufhauses war, aber wann diese Teile entstanden sind, finde ich auf die Schnelle nun nicht.

Während Fredi bei den Stoffen stöberte, wollte ich einen Kaffee trinken und begab mich in den Restaurantteil. Neben gähnender Leere und Sitzgarnituren aus der Vergangenheit begegnete ich außerordentlich freundlichen Angestellten. Viele dieser Menschen werden ihren Arbeitsplatz verlieren.

Das beschäftigt mich schon sehr.

Es wurde mangels Milchalternativen kein Kaffee, sondern ich snackte zum Tellerpreis Bratkartoffeln mit Sauerkraut und einem Gemüseratatouille, welches man sich selbst zusammenstellen konnte. Wirklich schmackhaft. Währenddessen las ich und schließlich kam Fredi – dann gab es aber nichts mehr, um 18 Uhr schließt das Restaurant. Auf dem Weg zum Aufzug nach unten standen zwei Spielautomaten, einer war an. Ich kam mir wirklich vor wie in einem Museum. Es müssen sich ja Menschen Zeit genommen haben, damit zu spielen. Wenn ich versuchte mir das vorstellen, kam es mir immer vor wie ein Film, einem Produkt meiner Fantasie. Wir nahmen den Aufzug nach unten und ich muss sagen mit schwerem Herzen schon Abschied.

Fredi erinnerte sich, wie es nach dem Einkauf für die gesamte Familie ein Würstchen oder eine Currywurst mit Fritten an dem Stand zu essen gab. Ich rieche die Wurst (sehr lecker). Aber wir sind keine Kinder mehr.

Ich hab in den letzten Monaten häufiger meine Kleidung aussortiert, mehr als sonst und habe ich auch Freundinnen zum Tauschen dagehabt. Die Kleidungsstücke waren immer neuwertig. Sie wurden einige wenige Male (wenn überhaupt) getragen, weil einem dann einfiel, dass man die Kleidung so gar nicht mochte. Gebraucht hat man sie – seien wir mal ehrlich – auch nur relativ. Unser Kaufverhalten hat sich verändert, sodass zwischen Fastfashion und Secondhand große Warenhäuser altbacken wirken und darin sentimental und nostalgisch an andere, vergangene Zeiten erinnern. Sie sind nicht mitgekommen und damit ein Auslaufmodell. Wer weiss, vielleicht kommen sie wieder. Retrostyle.

Ciao amigos 

Rock im Schritt und Mittelverteilungsdruck

23.August.20

Gestern hat die Reise begonnen. Erstmal mit dem Auto nach Mitteldeutschland. Es ist durch Corona sehr gängig geworden, seinen Urlaub sehr nah am eigenen Zuhause zu verbringen. Find ich super. So sind Fredi und ich jetzt eine Woche im Herzen Deutschlands unterwegs. Der erste Halt findet in Frankfurt statt. War ich schon öfter, diesmal hab ich das Gefühl, mit mehr Zeit werde ich auch mehr von der Stadt und der Region sehen und verstehen. Hoffe ich zumindest.

Vor dem Losfahren standen einige Aufgaben auf dem Erledigungsplan. Staubsauger wegbringen, zum Optiker gehen (nicht geschafft), zum Fahrradladen, Mittagessen mit Freundin, Kaffee trinken mit anderen Freunden, aussortierte Kleidung von Umzugsfreunden entgegennehmen und, und, und. Das meiste habe ich vor der Abreise geschafft. Somit war der ganze Tag aber auch sehr ereignisreich. Morgens lief alles super und ich traf mich mit Freunden, die auch zu der geheimen Radquelle wollten.

Dort, in einer historisch und auch gegenwärtig sehr interessanten und geschichtsvollen Ecke unserer Stadt, fanden wir mehr schlecht als recht versteckt, die Radquelle. Das geht so: Bekannte von Bekannten haben eine Immobilie gekauft, samt Inhalt. Bei der Immobilie handelt es sich um Hallen, bei Bahnhofstorbögen samt Inhalt. Und der Inhalt besteht unter anderem aus Hunderten von Fahrrädern – guten, wie nicht so guten.

Das Geschäftsmodell: Aus den Fahrradteilen und umfangreichen Ersatzteilen, werden neue Fahrräder zusammengebaut oder aufgepimpt. Von Profis.

Denn das, was ich dort gelernt hab, wusste ich als langjährige, begeisterte Radfahrerin längst nicht. Radlänge, Ergonomie, Innenbeinlänge im Verhältnis usw., die Expertise war schon on point und von der Ressourcenschonung des Konzepts ganz zu schweigen.

Meine Freunde haben ein Rad gekauft – ich muss noch nachdenken.

Später haben wir einen Kaffee getrunken und die letzten Tage Sommerwetter vor der nächsten Regenphase genossen. In dem netten Strassencafé standen nach Bestellung vor uns auf dem Tisch: ein Kaffee mit Hafermilch, ein Cappuccino und eine Fassbrause. Und 20 Wespen flogen umher, links am Auge vorbei, knapp die Lippen tangierend, nah am Rock und noch näher an der Fassbrause. Karin legte Münzen auf den Tisch, das hätte der Kellner bei ihrem letzten Restaurantbesuch auch gemacht und siehe da, die Wespen haben Reißaus genommen. Kann man schon so sagen, 1-2 verwirrte scharwenzelten noch immer um den Tisch herum, aber ich würde behaupten, der Trick mit den Münzen war super.

Zurück zuhause hab ich mich mit einer lieben Freundin zum Mittagessen getroffen und später kamen noch Jölle und ihr Freund. Partnerfreund. Neu.

Wir haben geplaudert und sind dann doch Kaffee und Kuchen essen gegangen. Auch hier: Kaum kam der Kuchen und die Getränke, liessen sich die Wespen nicht lange bitten. In Scharen und lechzend nach Zucker umvölkerten sie den Tisch. Generell war keiner von uns vieren jemand, der in Panik gerät oder so, aber essen war eben auch nicht mehr entspannt möglich. Wir legten alle Kupfermünzen auf den Tisch, die wir hatten. Wobei korrekterweise müsste es heissen rote Münzen, denn den genauen Kupferanteil kenn ich nicht. Die Wespen leider waren völlig unbeeindruckt davon. Es war, als würden sie uns auslachen und höhnisch an meinem Kirschstreuselkuchen weiterschlemmen. Die Kellnerin kam vorbei und bot uns an, die Flugtiere mit angezündetem Kaffee aka Kaffeerauch zu vertreiben. Dann kann sie zurück mit einem Edelstahlbesteckkästchen aus dem geräucherter Kaffee dampfte. Wir hatten Spass! Ich kam mir vor wie auf dem Grillplatz.

Schliesslich bin ich nach Frankfurt gefahren und hab mich schon sehr auf Fredi und die anderen gefreut. Als ich mit drückender Blase und vollbepackt mein Auto an einem endlich gefundenem Parkplatz zurückliess, eilte ich ausgestattet mit einem Handy mithilfe von Googlemaps zum Zielort. Erst kurz vor der Tür überfiel mich ein Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Ich griff mir zwischen all den Taschen in Richtung Schritt. Tatsächlich, mein Po hatte den Rock gefressen. Ich konnte es nicht fassen. Vom Auto aus vorbei an 2 vollen Restaurants mit Außengastro, zwei Polizisten, die noch mit einer älteren Dame diskutierten, vorbei an Passanten und keiner hat was gesagt. 

Keiner. 

Bei dem jungen Polizisten spürte ich sogar noch den Blick in meinem Rücken.

Ich war einwenig pikiert – nur dafür blieb mir nicht allzu viel Zeit. In einem sportlichen Tempo bin ich die Treppen hinaufgeeilt, vier Etagen, hab mich rasch meines Gepäcks entledigt und bin in das erstbeste Bad gestürzt. 

Die Erleichterung war groß. Ich glaub, wenn ich das nächste Mal einen Arsch-frisst-Hose-Fall begegne, werde ich was sagen. Ich meine, der Anblick ist für andere bestimmt nicht der Übelste, kann ich mir vorstellen.

Etwas später, als wir uns über die Geschichte zur Immobilie unterhielten, fiel ein Spruch mit dem Wort Mittelverteilungsdruck. Als Anlass für einen Wohnungskauf – also als Scherz, den ich nicht verstanden habe. Schliesslich kannte ich auch das Wort gar nicht. Mittelvergabedruck, Mittelverteilungsdruck, das kommt wohl aus dem Behördensprech und beschreibt Situationen, in denen zum Ende von budgetierten Phasen öffentliche Mittel noch nicht vergeben sind. Damit der Mittelempfänger in der nächsten Periode nicht mit Anpassungen, ergo Kürzungen rechnen muss, sorgt man kurzfristig zum Ende hin dafür, dass die Mittel verbraucht und verteilt werden. Macht logischerweise Sinn, obwohl man es sich bestimmt auch anders organisieren könnte. So hat Jölles neuer Mann die Vermutung geäußert, dass er eines seiner Jobangebote genau aus einem solchen Grund heraus erhalten hat. Nicht nur, aber auch.

Mittelverteilungsdruck – ich bin völlig hin und weg von diesem Wort. Initial passt das konzeptuell auch in eine Klo- und Pipisituation. Zumindest kann ich mir das so vorstellen. Aber es ist auch eine sehr deutsche Angelegenheit sprachlich sehr lange Wörter zu nutzen und dafür andere Wörter zusammenzusetzen. 

Borkenkäferbekämpfung, Kraftfahrzeughaftpflichtversicherung, Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätsstörung (mit 44 Buchstaben) – hammer!

Gerade bei juristischen Texten und ich nehme an, auch in der Behördenlanguage, werden gerne lange zusammengesetzte Wörter genutzt, um Situationen und Sachverhalte möglichst treffend zu beschreiben. Das läuft im angelsächsischem etwas anders.

Mittelverteilungsdruck, mit dem Wort will ich heute schwanger gehen.

Ciao Amigos

Lara zieht weg

18.August.20

Noch geniesse ich die samstägliche Morgenruhe auf dem Balkon, halte Ausschau nach aggressiven Wespen, die mir in den Mund fliegen wollen und fühle mich ein in die Morgenruhe.

Ein Kind spricht leise in naher Ferne, von weit her hört man Motorengeräusche, Vögel und den raschelnden Wind in Blättern der Buchen und Ahornbäumen in dem Balkon-U. Im Innenhof hat ein Nachbar seine Garage offen stehen und ist darin wie so oft verschwunden. Ich höre nun Frühstücksgeschirr und Sekunden nachdem der Wind in den Baumkronen laut war, spüre ich ihn auf meinem Gesicht. Durch die graue Wolkendecke kämpft sich neckisch die Sonne hindurch, es fühlt sich an wie im Urlaub.

Den ich ab jetzt übrigens habe. Eine Woche intensiven Genuss. Keine Eile, keine Verpflichtungen, nur mehr Möglichkeiten. 

Ich räuspere mich und es hallt intensiv wider. Es ist wirklich noch still, der frühe Vogel halt. Gestern gab es einen starken Regenschauer und weil die Luft nach Regen besonders gut sein soll und sich in meiner Wahrnehmung zumindest auch immer so anfühlt, bin ich direkt spazieren gegangen. Spazieren ist ja mein neues Hobby, man könnte es auch Spazierwandern nennen, wenn aus dem Spaziergang plötzlich 20 km werden. Aber ja, ich finde das toll, das Gehen kann in seinen Geschwindigkeiten sehr variieren, aber ich komme immer mit. Ich kann immer anhalten, innehalten und festhalten. So war ich also gestern Abend spazieren mit meiner Freundin Lara.

Lara hat in 2020 viel erlebt. Es ist das Jahr eines Umbruchs. Trennung und dann ganz viele Fragezeichen. Jetzt zieht Lara nach Berlin. Zweimal hab ich mich während unseres Gesprächs gestern gefragt, warum sie das denn nun macht. Ich kam nicht drauf, schliesslich haben wir drüber gesprochen. Lara hat ihre Arbeit gekündigt und will ihre Zelte abbrechen.

,,Lara, hm, aber warum denn jetzt eigentlich? Ich finde es super, dass du intuitiv spürst, dass dies die richtige Entscheidung ist und ich freue mich für dich und vertraue dir darin sehr – aaaaber …“. So ging das dann. Und Lara grinste nur und antwortete darauf sowas wie: ,,Ja, die meisten Leute ertragen es nicht, dass ich diese Entscheidung scheinbar in Ermangelung eines Grundes treffe.“ 

Die Sache mit den Gründen ist ja so. Natürlich kann jeder und jede tun und lassen, was er und sie will. Aber wenn man zum Beispiel umzieht, dann geschieht das meist aus einer der bekannten, üblichen Motivationen heraus. Job oder Liebe. Bei Lara ist das anders. Sie will einfach eine Veränderung. Sowas wie: Man könnte ja auch die Räume neu streichen oder sich ein neues Hobby suchen. 

Lara aber möchte die totale Veränderung. Find ich ja schon super und vor allem sehr spannend. Wohnung suchen und Job suchen, wird interessant und zweifellos erfolgreich.

Im Coronajahr ist wirklich viel Aufbruchsstimmung um mich herum. Viele ziehen um, wechseln Jobs, lernen neue Dinge oder haben neue Partner. Vielleicht nehme ich das aber selbst nur so wahr, weil es auch mich nach einer Veränderung dürstet. Ich hab vor, mein Leben so zu verändern, dass ich das Gefühl habe, ich führe nun ein anderes Leben. Bisher ist mein Leben toll, das haben wir auch gestern noch konstatiert. Wir leben in einem Land, welches uns viele Freiheiten gibt. Wir geniessen einen hohen Lebensstandard, namentlich eine gute medizinische Grundversorgung und es gibt keinen Mangel in der Lebensmittelversorgung und vor allem auch keine kriegerischen Auseinandersetzungen auf diesem Gebiet.

Trotzdem, ich benötige einen Wechsel. Neue Menschen, neue Herausforderungen, neue Bilder. Kann aber auch sein, dass das alles Quatsch ist. Kann ja auch sein, dass, wenn man sich so verändert, sich ja gar nichts zum Positiven wendet oder dieser Durst nach Veränderung gar nicht gestillt werden kann. Kann sein, dass sobald sich eine Routine einstellt, alles gleich ist, weil wir selbst ja immer dabei sind und deswegen möglicherweise auch immer der gleiche Film läuft. 

So viele „Vielleichts“ und Möglichkeiten. Das spanische Wort für vielleicht – Quizas, finde ich wortmalerisch wunderbar treffend. Es ist eine beinah melancholische Annahme eines großen Zweifels, welches die Fülle aller Möglichkeiten zwischen dem I und dem A als Extreme umfasst. Und sehnsüchtig auf dem Weg dahin, sich dem Quizas anzunähern, egal ob zum I oder zum A, feststellen zu müssen, dass es sich immer weiter entfernt, wie eine Fatamorgana oder kleiner wird, wie ein Scheinriese. 

Es gibt schliesslich keine Antwort und keine Lösung. Es gibt nur, was es gibt.

Ich streiche mir mit der linken Hand auf den rechten Arm. Meine Härchen haben sich in der Sonne aufgehellt und meine Haut empfinde ich als sommerlich gesund und schön. Ich muss auch einbisschen grinsen, immerhin gibt mir das Freude wieder. Ich höre im Bad nebenan, dass man sich die Nägel knipst. Super, ich find Nagelscheren ohnehin ausgesprochen unnötig und komisch. Linkshänder, Rechtshänder und am Ende hat es nicht geklappt.

pfff. Unter meinem Achseln bildet sich am T-Shirt ein Wärmestau, ich schwitze ein wenig. Ich möchte duschen. Als ich gestern geduscht hab, hat die Frische gerade mal 20 Minuten angehalten. Es hat mich frustriert.

Über das „Vielleicht“ hab ich noch nicht sinniert. Noch nie. Dabei habe ich das Gefühl, würde ich nun mittels eines Analysetools oder selbst nur zählen, wie häufig ich es verwende, feststellen, dass dies sehr oft ist. Warum auch nicht?

Es ist ja nichts sicher, auch wenn viele das gerne so hätten und sich wünschen. Vieles ist möglich, sehen wir ja zuletzt an Corona. 

Manchmal habe ich den Eindruck, dass wenn ich auch schon vor Corona Zweifel an den Grundfesten der gesellschaftlichen Konstitution und Organisation äußerte, meine Mitmenschen mit Ablehnung und Angst reagieren:

Wie? Geld verdienen könnte in einem anderen Funktionskonzept nicht funktionieren?

Wie? Mit den berechtigen Zweifeln und dem Stand der Wissenschaft umgehen, könnte nicht sein?

Massenmanipulation? Ja, kenn ich aus der Werbung, aber es soll auch überall sonst stattfinden, wo die Öffentlichkeit in den Medien einen konsensualen Diskurs führt?

Die meisten Menschen haben Angst davor, feststellen zu müssen, dass einiges von dem, was als gegeben hingenommen und akzeptiert wurde, nicht so ist oder nicht so sein könnte. Eine andere Frage ist natürlich, was aus dieser Erkenntnis denn nun resultiert. Damit bestimmte Dinge funktionieren, muss man sich als Gesellschaft auf normative Verhaltensweisen und Definitionen einigen.

Zunächst zurück zum Wort „Vielleicht“. Der Duden, mein bester Freund, schreibt im Wesentlichen, es handele sich um ein relativierendes Adverb. Dem stimme ich soweit zu, zur Herkunft aber schreibt der Duden:

Herkunft: spätmittelhochdeutsch villīhte, zusammengerückt aus mittelhochdeutsch vil līhte = sehr leicht, vermutlich, möglicherweise

Das stellt mich jetzt ehrlich gesagt nicht zufrieden. Die „sehr leicht“ Bedeutung ist nachvollziehbar, aber wieder bleibe ich mit mehr Fragen als Antworten zurück. Ich checke mal die nächste Quelle. Wikipedia schreibt von Künstlern, deren Lieder oder Filme mit vielleicht tituliert sind, wahlweise mit einem Ausrufezeichen oder einem Fragezeichen oder so. Und Achtung von der sogenannten verbalen Rating-Skala. Diggäh, ich hätte jetzt gern einen Brockhaus.

Nachdem ich diesen Artikel von Wikipedia gelesen habe, weiss ich nun, es gibt auch eine numerische Rating-Skala und eine sogenannte visuelle Analogskala. Interessant. Die Experten auf den entsprechenden Gebieten wissen Bescheid.

Das Wort vielleicht behalte ich von nun an im Blick. Eine historische und am Wort orientierte Auslegung ist mir am liebsten.

Mittlerweile habe ich mich reingesetzt. Die Sonne ballert nun richtig auf die Haut und das Schwitzen erreicht einen neuen Höhepunkt. Der graue Himmel enttäuscht mich, er sorgt so gar nicht dafür, dass es angenehm und erträglich ist. Die vielen grauen Wolken sind schwache Fake-Wolken. Das ist wie bei einem zahnlosen Tiger. Egal, ich muss eh los. Einen Staubsauger wegbringen, den ich seit Wochen im Kofferraum habe und zu einer geheimen Quelle. Das zu meinem Samstag.

Ciao Amigos 

Special – Outstanding Blogger Award

02.Dezember.20

Ich freue mich über die Nominierung durch die liebe http://ella-q.com !

Damit das Ganze funktioniert, wird hier verlinkt bis zum abwinken 😉 – mein erstes Mal also, ich freu mich auf die Antworten der Nominees und hab auch deine https://ella-q.com sehr gerne gelesen :).

I got nominated for The Oustanding Blogger Award

And received following questions:

  1. If you have a day to live. How will you use this day? party and yoga, in this order
  2. If you could change something in the past, what would you like to change? nothing, I anyway do not know if there would be an impact or not
  3. Which is your favourite country and why? Jamaica, #mood
  4. Do you believe in guardian angels? no, but in people and animals and hearts
  5. What do you understand by light and how do you define it? light is many out of many shades
  6. Which person would you like to be one day and why? me, its very ok to be me, I try being nice and kind every day – harm my environment the less possible – respect everyone and everything
  7. Where do you see yourself in 20 years? laying in a garden by a pool on the ground and watching the sky – for hours 😉

I nominate:

https://blooferlife.art.blog

https://wellenbrecher.blog

http://fight-the-weight.com

https://lilliansbookshelf.wordpress.com

https://badassotter.com

https://example86818.wordpress.com

https://matysplanet.com

http://feliciascoronatagebuch.com

https://tagebucheinersprachenlehrerin.wordpress.com

https://feinerbuchstoff.wordpress.com

looking forward to reading your answers 😉

And the questions to my nominees:

why?

when?

what?

where?

how?

what luminary you prefer?

what is your first name and which one would you have chosen for yourself?

RULES OF THE OUTSTANDING BLOGGER AWARD:

Provide the link to the creator’s original award post, (very important: see why in last step)

Answer the questions provided

Create 7 unique questions

Nominate 10 bloggers. Ensure that they are aware of their nomination. Neither the award’s creator, nor the blogger that nominated you can be nominated

At the end of 2020, every blog that ping-backs the creator’s original post will be entered to win the 2020 Outstanding Blogger Award!..
This award was created by Colton Beckwith originally…

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ciao amigos

Transzendenz und Zeitmangel

16.August.20

Es ist Sonntag, 9 Uhr und ich liege im Bett, radiohörend und tippend. Und ausserdem ist mir übel. Ich hab vorhin festgestellt, dass ein neuer Zyklus begonnen hat. Mein Körper fühlt sich seltsam an: kraftlos und komisch. 

Mein Klobesuch war begleitet von einem kurzen Moment der Resignation. Es fühlte sich an wie: „Ok, in Ordnung, ich hab keine Wahl“.

Wach bin ich schon länger, ich wollte schwimmen gehen. Heute um 9 Uhr hatte ich vor, Sprünge zu üben. Aber in Anbetracht meiner körperlichen Unfitheit und einer gewissen Unberechenbarkeit des Schmerz- und Übelkeitsverlaufes, entscheide ich mich für die warme Geborgenheit meines Bettes.

Diese Woche hat rückblickend einige Besonderheiten aufzuweisen und mir interessante Beobachtungen beschert, da sich sehr viel ereignet hat.

Ich war in Darmstadt, in Bielefeld, in Düsseldorf und komme mir vor, als wäre ich wirklich viel herumgekommen. Natürlich, wir befinden uns schliesslich im Jahre 2020, dem Jahr von Corona, von Covid-19.

Es ist aber bisher auch das Jahr, in welchem äußere Umstände die (digitale) Beschleunigung ausgebremst haben. Einige behaupten, nur für kurze Zeit. Ich indes sehe eine deutliche nachhaltige Komponente. Viele Menschen aus meinem Umfeld überdenken gewissenhaft und intensiv bisherige Gewohnheiten – ich denke, das ist schon viel.

In diesen Zeiten war ich ich also an diesen drei zugegebenermaßen, relativ unweit auseinander liegenden Orten und ehm, habe Dinge erledigt. Meine Arbeits- und Freizeit kann ich glücklicherweise flexibel abstimmen, sodass ich die Zeit optimal nutzen kann. Allerdings wird mir dadurch eine Art von Transzendenz deutlich. Es gibt keine richtige Trennung mehr von Zeit und Raum. Arbeitszeit und Freizeit, und Arbeit und frei können ebenso theoretisch an vielen Orten gleichzeitig exerziert werden. 

In Darmstadt war ich bei Menschen, die auch im Homeoffice gearbeitet haben, sodass wir uns zu dritt einen Co-Working Space gestaltet haben. Das fand ich super. Gleichzeitig habe ich oft abends (nach der Arbeit) neben meinem privaten Handy auch mein Diensthandy dabei und erwische mich dabei Emails zu lesen, Präsentationen anzusehen oder so. 

Je nachdem, welchen Job man hat, ob man eine kreative umfangreiche Aufgabenstellung verfolgt oder einfach eine Lösung für ein zwischenmenschliches Problem oder einen Konflikt sucht; oft gestaltet sich eine Lösungsfindung unterbewusst oder es kommt eben bei einer unerwarteten Situation oder eine klassischen Alltagssituation zu einer Lösung. Was bisweilen zu einer zeitnahen Umsetzung führt und somit alle zeitliche und räumliche Trennung aufhebt.

Es gibt fliessende Übergänge und in meinem Kopf scheint es auch keine Trennung der Bereiche mehr zu geben. Die Trennung liegt nur darin, dass ich sagen kann:. „Ok – jetzt lese ich diesen Artikel, oder jetzt musiziere ich lieber, oder ich fange heute später an, weil ich um 7 Uhr ins Schwimmbad gehen möchte“. Aber alles ist miteinander verbunden. Alle Tätigkeiten und Aufgaben bilden die Erwartungen meiner Außenwelt aber auch und vor allem meine eigenen Erwartungen an mich selbst. Neu ist – mir ist sehr bewusst, wie frei ich darin bin das zu gestalten.

Die Flexibilität und Entscheidungsfreiheit erlaubt mir, die Zeit so zu nutzen, dass ich sie selbst als maximal sinnvoll erlebe. Ich kann nicht mal sagen, ob die Voraussetzung dafür eine positive Assoziation mit dem Beruf und verbunden Aufgaben sein muss. Ich versuche mir allerdings auch Unschmackhaftes schön zu machen, damit ich mit Spass dabei sein kann und Spass ist ja unlimitiert – zumindest in meinem Kopf ist viel davon. 

Jetzt wird der eine oder andere denken: „Jaaaa, aber ich kann das nicht wegen ….“. Nein. Die Begrenzungen sind in unseren Köpfen und sonst nirgends. Mit seinen individuellen Möglichkeiten kann man sich Gestaltungswege finden. Aber zugegeben: Manche Menschen finden ohnehin immer Gründe und Ausreden, weshalb Dinge nicht gehen. Da komme ich nicht mit, ich bin ein eher aktiver „Möglichkeitensucher“.

Zwischendurch schlucke ich immer mal wieder viel Spucke – das ist die Kurz-Vor-Kotzen-Situation. Ich traue mich definitiv nicht, Kaffee zu trinken. Ein Glas Wasser versuche ich mal. Der erste Tage der Periode ist mit schrecklichen Erfahrungen verknüpft: Nächtelanges, tagelanges überm Klo hängen, zitternd vor Elektrolytmangel im Bett liegend, krümmend vor Schmerzen irgendwo sitzen oder im besten Fall – Ruhe haben und mit Scherzmitteln im Bett liegend, innerlich betend und bettelnd sofort einschlafen zu dürfen, um das alles nicht mitzubekommen. Viele Frauen kennen das. Aber Angst macht mir, dass es nicht immer gleich abläuft. 

Ein Hormonspiegel kann schwanken und somit auch die Ausprägungen der Periode.

Was sie auf jeden Fall macht, ist es mich zu entschleunigen. Bei anstrengenden Unternehmungen bin ich raus, bei festen Verabredungen bin ich auch raus – ich brauch da absolute Freiheit mit der Option jederzeit abhauen zu können und mich in mein Bett flüchten zu können.

Entschleunigung ist ein gutes Wort, vllt. das Wort der Stunde. Eines dieser Wörter, die vor Corona immer in Begleitung der Wörter Stress, Arbeit und Burnout einher kamen. Als Lösung, als Allheilmittel. Zusammen mit ihrer Schwester Achtsamkeit und deren besten Freundinnen Yoga und Meditation.

Ist ja wirklich so. Zumindest verdächtige ich die Medien und den modernen Sprech, es handelt sich um Sprachassoziationsketten a la mode. In der Werbung spricht man von so festen, als Zusammenhang feststehenden Wortpaarungen, kontextuell von Framing, im positiven Sinne. Aber das ist genau genommen nichts Neues.

Na, jedenfalls setzt das Bedürfnis nach Entschleunigung zunächst die Wahrnehmung eines beschleunigten Daseins voraus. Auch anders formuliert, dass das Individuum in seinem Dasein in einer Welt, die immer mehr verlangt (zum Beispiel Aufmerksamkeit), sich immer schneller dreht und uns auch immer mehr verwirrt, komplett überfordert ist und deswegen nach Langsamkeit lechzt. Nach Übersichtlichkeit; es kann ja noch alles erklärt und beschrieben werden, aber wann soll man das denn alles verstehen können?Es fehlt einfach an Zeit.

So schrieb ich ja bereits in der Vergangenheit davon, dass ich mir bspw. meine Samstage frei von Verabredungen halten wolle. Und so gerne ich jetzt im Schwimmbad wäre, ich finds auch schön, nun gerade auf dem Balkon zu sitzen und zu schreiben, jetzt einen Kaffee zu trinken, der gleich hoffentlich noch drin bleibt.

Zurück zur Woche: Ich brauche mehr Zeit, um all die Dinge zu tun, die ich gerne tun würde. Ja, ich könnte auch die Anzahl der Dinge reduzieren, die ich tun will oder einfach priorisieren. Aber nein, ich brauche mehr Zeit.

„Ja, dann nimm sie dir doch!“, hör ich von weitem die Besserwisser unken. 

Stimmt. Also geh ich jetzt unter die Dusche, höre laute Musik und tanze dazu, wasche mein Gesicht.

Setze mich dann auf dem Balkon und starre 5 Minuten durch die Gegend, bereite danach schon das Abendessen vor und lese dann ein bisschen.

Dann treffe ich mich auf einen Tee. Und dann treffe ich mich auf Weinchen und Klamotten aussortieren mit Jölle.

Die Challenge ist es wohl, sich immer wieder Zeit zu nehmen. Egal für was.

Ciao amigos

Der frühe Vogel

08.August.20

Mein Vogel ist für diesen Samstag richtig früh, allerdings mag das nur an den lauten Autos draußen liegen, weshalb ich vorhin das Fenster geschlossen hab‘. Ich verstehe nicht, wieso manche Menschen so extrem laute Gefährte brauchen, es wird mir wohl auf ewig ein Rätsel bleiben.

Am gestrigen Freitag hat mich für das perfekte Homeoffice-Gefühl eine Kollegin besucht auf einen schönen sommerlichen Aperitif und hinterher war ich noch im Freibad. Diese öffentlichen Bäder sind wahnsinnig interessante Orte und in großer Zahl findet sich verhaltensauffälliges Volk gerade im Sommer dort wieder – die Gründe liegen zwar auf der Hand und auch der vorherrschende Altersschnitt, ich frage mich trotzdem, wo dann die anderen sind. Weshalb wirken Bäder gerade im Sommer so asozial und niveaulos bevölkert? Vielleicht weil die Menschen auch keine formende Straßenbekleidung anhaben und genauso innerlich alle Verkleidung abnehmen, sämtliche Filter und Hemmungen? Die Bademeister haben auf jeden Fall sehr viel zu tun und das liegt nicht an unförmigen Körpern. Die an den Tag gelegten Verhaltensweisen, wenig Verständnis und darüber hinaus Respektlosigkeiten und fehlende Regeltreue entsetzen mich dann und wann, weil mit einem solchen Verhalten das große Ganze nicht funktioniert; Gemeinschaften wie die unsere, also freie Gemeinschaften, leben essentiell von gegenseitiger Rücksichtnahme. Schade, dass das vielfach nur mit klaren Regeln, einer gewissen Härte und konsequentem Handeln erreicht werden kann.

All in all hatte ich aber Spaß in dem Bad und körperlich ausgetobt traf ich zurück vor der Haustür an der Mauer meine Nachbarn. Das nette Pärchen. Und hier ist „nett“ etwas untertrieben im Hinblick auf die absolute Sympathie. Gemeint ist damit „nett“ in einem reinen Sinne, sehr freundlich und aufmerksam, fürsorglich und lieb. So nett halt. Mit Freunden weilten sie mit Getränken vor der Mauer des Hauses unter dem Schatten zweier sehr mächtiger Platanen. Ich entschied mich, kurzerhand noch eine große Spazierrunde zu gehen, weil die Temperaturen das eigentlich auch so wollten, und doch kam ich dabei nur bis zur Mauer.

Wir haben geplaudert über dieses und jenes und ich musste erstaunt feststellen, dass im Viertel ein Wettbewerb darüber ausgebrochen ist, wer denn das schönste Beet hat, und die Beetleute kennen sich nun alle und formieren sich außerdem zu Gemeinschaften von freiwilligen Müllsammlern, um ihre Umgebung sauber und schön zu haben.

Ich find das super – ich meine, das ist kein Spießerding, es ist eben ein Selbstanpacken, wenn die öffentlichen Strukturen hier und da nicht ausreichend sind. Ich muss dazu sagen, wir wohnen an einer sehr besonderen Stelle, direkt am Rhein. Aus der Perspektive meines Auges beim Blick aus dem Fenster trennen mich nur die alten Platanen vom Vater Rhein. Und am Rhein selbst gibt es eine ausgesprochen beliebte Wiese, eine hochfrequentierte Promenade und direkt am Wasser ausgewiesene Grillgründe. Dies alles erzeugt bei sommerlichem Wetter einen Urlaubsflair für viele Menschen aus der Umgebung und weiter her. Leider nehmen nicht alle ihren Müll mit. Es fehlt auch an Entsorgungsmöglichkeiten und am Ende haben Raben und Elstern ein leichtes Spiel und einen Gaumenschmaus à la carte. Sie ziehen alles aus den Tonnen, picken die persönliche Selektion heraus und, guess what, lassen den Rest einfach liegen.

Ich würde mal sagen, die Stadt hat was zu tun und weil das in erster Linie Warten bedeutet, machen die Nachbarn eben freiwillig sauber. Find‘ ich gut und bin ich auch dabei.

Ja, also gestern war es wie gesagt sehr schön, das befreundete Pärchen von meinen Nachbarn hat vor, in diesem Herbst zu heiraten nach 14 Jahren(!!) Beziehung und ich war sehr entzückt. Ich fragte nach dem Geheimnis ihrer Liebe und sie sagte dann ziemlich flott: Wir sind einfach streitfaul, wir haben einfach keine Lust uns zu streiten.

Wooouhouu. Ja, der ist natürlich gut, ich fand, das ist ein super Tipp. Hm, ich bin mittlerweile auch streitfauler geworden, mal sehen. Als ich mit einem konkreten Beispiel nachhakte, war die Unerreichbarkeit des Zustandes der Streitfaulheit etwas relativiert und der Glanz plötzlich deutlich stumpfer, denn die eine konkrete Erzählung (eine/r ist zickig, es gibt vllt. ein Missverständnis, es folgt eine kurze Auseinandersetzung, man geht räumlich auseinander, später vertragen) kam mir sehr bekannt vor aus meinem eigenen Repertoire.

Ist euch eigentlich schon mal aufgefallen, dass „vertragen“, „sich vertragen“ oder „etwas vertragen“ im Wortstamm den Vertrag enthalten. OMG, war mir nicht so bewusst. Unmittelbar scheint es den Vorgang der Versöhnung, des Aufeinanderzugehens zu formalisieren. Deutsch ist eine geniale Sprache, in vielen Punkten aber sehr formalistisch, behördlich, trocken, amtsdeutsch und technisch.

Etwas anders dagegen das österreichische Deutsch. Das höre ich zuletzt täglich stundenlang, weil ich eine neue Serie suchte. „Vorstadtweiber“ in der ARD-Mediathek.

Ich hatte in der vergangenen Woche meine Cookies gelöscht und auch alle anderen Privatsphäre-Einstellungen untersucht und am Ende einfach vor lauter Wut und Entsetzen gelöscht; was ich in Zukunft häufiger machen möchte. Wut darüber, welche Erlaubnisse ich erteilt hatte, um mich vollumfänglich tracken zu dürfen – und wem auch noch!

Meine PW-Einstellungen für Netflix waren also weg und ich schau’s eh nicht oft. So fand ich diese Vorstadtweiber online und bisher bin ich gut unterhalten. Den Machern ist das Nuancieren und das Herausarbeiten des typisch Österreichischen gut gelungen. Und das geht zumeist auch über Sprache, nicht nur über den Dialekt und Redensarten.

Schleich dich, schnackseln, eh nicht, dieses etwas nasale Deutsch-Eigengebräu gefällt mir momentan sehr. Die Story ist nicht anspruchsvoll, aber unterhaltsam gut. Ich würd‘ sagen, es ist mehr Würze drin als bei einer klassischen deutschen Produktion in der ARD. Steinigt mich nicht, macht’s euch selbst ein Bild.

Jetzt ist es schon etwas später und es dürstet mich nach einem Glas Wasser und Kaffee. Ich bin froh drüber, dass der frühe Vogel mir die Muße gegeben hat, heute hier schreiben zu können.

Was mit Felix ist? Ich vermisse ihn und hab‘ ein gutes, warmes Gefühl, wenn ich an ihn denke.

Schönes Wochenende

Wohin mit dem Öl aus dem Antipastiglas?

04.August.20

Ja, ich hab‘ grad mit einer Freundin telefoniert und sie gefragt, was sie mit dem Öl aus Antipastigläsern macht? Normalerweise bin ich nämlich keine Antipasti-Esserin bzw. kenn‘ ich das nicht wirklich, dass man das im Glas kauft. Ich kenne das eher so, dass man Vieles selbst macht und selbst einlegt. Aber die Temperaturen der letzten Tage und meine plötzlichen Gelüste nach besonderen, kräftigen Aromen, haben mich im Supermarkt vor diesen Gläsern von Oliven, Artischocken und eingelegten Champignons überwältigt. Die Champignons waren eher unnötig, hätte man echt selbst schnell machen können, aber ich wollte es gerne probieren. Auch ist es schön praktisch, wenn man Freunde zu Besuch hat.

Jedenfalls hat die Besagte Freundin zum Besten gegeben, sie würde das Öl zumeist für Salatdressings aufbewahren und Gurkenwasser sogar immer trinken. 

Wow.

Ich nicht. 

Ehm, tja, es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich einige „Glaswässer“ oder -öle sicherlich für Salate oder andere Gerichte zum Aufpimpen eignen, aber ich weiß nicht, da hege ich ein großes Misstrauen der Ernährungsindustrie gegenüber.

Allerdings überzeugt die Kombination fest und geschmackvoll mich in der Richtung mehr als flüssig und geschmacksstark. Was ist also die richtige Art, dieses Flüssige, eben nur das Öl, richtig zu entsorgen, falls ich mich entscheide, es nicht weiterzuverwenden?

Elsi würde mit einiger Wahrscheinlichkeit eine Entsorgung über das Klo vornehmen. Öl und Wasser? Ich werde gleich die Etiketten studieren. Meine Vermutung ist, das Öl ist im normalen Haushaltsmüll besser aufgehoben als im Klo oder generell im Abfluss.

Übrigens: mein Misstrauen der Lebensmittelindustrie gegenüber ist sehr ausgeprägt. Gute Lobbyarbeit und von der Presse gerne verwendete Euphemismen machen uns glauben, alles sei in Ordnung.

Lebensmittelsicherheit, Trinkwasserqualität, verbraucherfreundliche Preise – sie verschleiern und wiegen uns in vermeintlicher Sicherheit, an die alle auch gerne glauben können, wenn sie denn möchten.

Dabei ist den meisten Menschen nicht bewusst, was ihre Lebensmittel genau beinhalten: von künstlichen Aromen bis zu Stroh. Es werden viele ausgeklügelte Techniken angewandt und aufgefahren, um auch aus diesem Geschäft das meiste Kapital herauszuholen. Schon lange verzichte ich daher weitgehend auf behandeltes, industriell verarbeitetes Essen – wohlwissend, dass leider auch unser Obst und Gemüse, ja selbst das Wasser, genetisch, künstlich und mindestens aber umweltlich beeinflusst und verändert sind. Auf eine Art und Weise, bei der noch niemand Langzeitwirkungen korrespondierend nachweisen kann, weil uns in den meisten Fällen die wissenschaftlichen Erkenntnisse fehlen. Dummerweise ist es auch nicht gewollt. Es wäre kein Widerspruch mit wirklich hochwertigen, guten Lebensmitteln auch guten Profit zu machen.

Wie komme ich aber heute zu diesem Rant? Eine an Krebs erkrankte Bekannte erleidet Rückfalle in Form epileptischer Anfälle und wird vielleicht nie wieder arbeiten können, obwohl sie gerne würde und das Arbeiten ihr Leben sozial aufwertet.

Beim Mittagessen in der Kantine unterhielt ich mich mit einer Kollegin darüber. Sie ist in dieser Hinsicht bereits sehr leidgeprüft, da sie im Laufe der Zeit einige liebe, nahe Menschen an diese Krankheit verloren hat.

Wir kamen nach langer Diskussion zu dem Schluss, dass sehr wahrscheinlich der Krebs als Zellmutation eng mit unseren Lebensgewohnheiten und unserer Ernährung zusammenhängt. Dazu kommt das Wissen darum, dass Chemotherapien außerordentlich teuer und kostspielig sind und angeblich auch dann noch zum Einsatz kommen, wenn die Überlebensprognosen kaum noch vorhanden sind. Ich stelle keinen direkten Zusammenhang her. Für mich gehören Ernährung und Gesundheit untrennbar zusammen und dies insbesondere bei Menschen, die zuvor weitgehend immer gesund waren.

Natürlich könnte nun ein Einwand kommen, ich wäre kein Arzt, kein Experte und habe tatsächlich für diese Kommentierung keine wissenschaftlichen Studien ausgewertet, die ich hier benennen kann. Aber es lässt sich dennoch beobachten, dass vieles ungeklärt ist. In einer Gesellschaft, die sich für so aufgeklärt hält, und insbesondere auch der Punkt, dass häufig versucht wird, bei bestimmten Erkrankungen medikamentös zu heilen, werden einige Therapieansätze unterstützt, andere gar nicht. Wobei eine Ernährungsanpassung oder Umstellung unterstützend oder gar heilend definitiv ein mitunter nachhaltigerer und günstigerer Ansatz wäre.

Der Profit wäre allerdings für einige Akteure weitaus geringer im Vergleich zu heute.

Da der gesamte Themenkomplex schon traurig genug ist und mich ermüdet, mach‘ ich jetzt mal Schluss, lese die Glasetiketten und schaue jetzt eine Reportage über Epigenetik auf Arte. Ich bin gespannt.

Bonne nuit 

Hin und Weg

03. August.20

Dafür, dass Schlafen eigentlich mein Hobby ist und ich wirklich sehr gerne schlafe, fällt es mir mit zunehmenden Alter und vllt. auch gerade in dieser Phase schwerer einzuschlafen. Das größte Hindernis sind rasende Gedanken, weswegen ich mittlerweile diese Zustände einfach hinnehme und dann wahlweise musiziere, lese oder eben wie jetzt schreibe. Es war ja auch ein ereignisreicher Tag, aber insbesondere liegt in meinem Bett gerade Felix. 

Das ist megaweird. Also, heute kam er halbwegs spontan, aber mit Hindernissen vorbei. Wir trafen uns auf einer Fahrradroute, die wir dann gemeinsam als kleine Etappe gefahren sind – denn das war eben der Plan und das hat auch wirklich großen Spaß gemacht. Eine gute Rast und eine Pizza später haben wir uns noch ein bisschen unterhalten und sind nun ins Bett. Man darf durchaus bei einigen bewältigten Kilometern für Untrainierte, erschöpft und müde zu Bett gehen; das ist mehr als legitim, auch weil morgen schon wieder Programm stattfinden wird. 

Felix ist mir dennoch menschlich ein Rätsel. Deswegen muss ich grad so grübeln. Da will er gerne spontan meinen Vater treffen, der ihn heute angerufen hat, völlig randommäßig. Gleichwohl hab‘ ich irgendwie das Gefühl, emotional ist eine unsichtbare Wand zwischen uns beiden.

Ich spüre ab und an das Bedürfnis, diesem Gefühl nachzugehen, die Wand zu durchbrechen, aber ich weiß nicht wie und ich fürchte, dass wäre ziemlich typisch für mich. Möglicherweise abrupt oder zu radikal oder einfach zu krass.

Kennt ihr das? Mein Eindruck ist, es gibt Menschen, die für sich Situationen und Umstände, welche sich nicht gut anfühlen, beobachten, und trotzdem nichts ändern. Ich jedoch ändere gern mit leidenschaftlicher Vehemenz.

Zum Beispiel gibt es einen Kontext der früheren Beziehung zu Felix, in welchem ich häufiger Schluss gemacht hab, eben aus Situationen heraus, in denen ich eben diesen kontrollierten Bereich verlassen habe und sehr impulsiv gehandelt habe. Es muss in unserer Dynamik etwas sein, dass mich extrem triggert. Wenn ich davon spreche, dass mir Felix ein Rätsel ist, meine ich, dass er für mich auch unberechenbar ist, und meine Reaktion aus der Ohnmacht ist sehr impulsiv. Aus unbedingtem Wunsch heraus, mich physisch und psychisch genau in dem Moment zu distanzieren. 

Nächster Tag

Als ich dann so nachts schrieb, kam Felix und fragte mich, ob ich wieder ins Bett käme. Ich dachte: „Ok, könnte ich mal versuchen in seinem Arm einzuschlafen“, der Körpergeruch und die Position für den Kopf haben mich sonst immer beruhigt. Im Arm einzuschlafen, ist wirklich eine Zärtlichkeit, die sehr viel Geborgenheit vermittelt.

Die Nacht war jetzt nicht die erholsamste, aber geschlafen habe ich dennoch. Aufgewacht mit Nacken und Rückenverspannung, habe ich den Versuch unternommen, den Tag zu überstehen und rückblickend ist es mir ok gelungen. Ich sitze in meinem Bett, die Sonne scheint durch das Blattwerk der Pappel vor meinem Fenster und ich bin hin und hergerissen zwischen Müdigkeit und Tatkraft. Man könnte rausgehen, die Sonne genießen, ein Eis essen, draußen lesen oder aber musizieren, drinnen lesen und die neue Nähmaschine erkunden. Ich bin einfach zu müde.

Links wabert der Geruch von Lavendel in feinen Stößen zu mir rüber und rechts mein Kissen, dass nach Felix riecht. Jetzt, wo er weg ist, vermisse ich ihn. Er fehlt mir ungemein und das umso stärker, je länger er weg ist. 

Jölle wollte natürlich direkt wissen, wie der Tag war und alle Details und so weiter. Ich hab selbstverständlich berichtet. Auch, dass er mich bei der Verabschiedung fragte, ob er denn auch einen richtigen Kuss bekäme. Dann spürte ich mich, wie mein Gesicht sich in Skepsis und Unsicherheit anschrägte und ich seine warme Lippen nach einem OK küsste. Und dann nochmal, aus freien Stücken und weil es so schön war und weil einfach.

Danach trottete ich etwas verpeilt heim. Seitdem vermiss‘ ich ihn, immer mehr. Er fehlt mir. Und wenn ich seinen Körperduft rieche oder seinen Schweiß in der Bettwäsche, wünschte ich, er wäre nur gegangen, um bald wieder zurückzukehren. 

Tja, so ist das eben. Jedenfalls beschwerte ich mich wohl, dass mein indifferentes Gefühl und latente Enttäuschung auch daher rühren, dass ich denke, er würde nicht genug machen für uns. Dann fragt Jölle mich, was ich denn machen würde. Und mir fiel ein … nichts. Wow.

Das gab mir dann etwas zu denken. 

Während ich hier im Bett liege und noch überlege, was ich jetzt am besten unternehmen könnte (Yoga?), hab‘ ich noch einen Artikel über Incels (Involuntary Celibates) ausstehen, mir wurde nämlich gerade aus dem Freundeskreis ein solcher Artikel geteilt. Merkwürdiges Phänomen.

Interessant jedoch in einer gesellschaftlichen Gegenwart, in der Frauen sich Eizellen einfrieren lassen. Es sieht so aus, als würde der französische Staat dies demnächst befürworten, dass generell die Hürden für künstliche Befruchtungen abgesenkt werden und die Krankenkassen das Ganze bezuschussen. In so einem Klima scheint sich der männerseitige Hass gegen Frauen zu radikalisieren. Wie eigentlich alles andere auch – Radikalisierung ist der Trend.

Eine solche Bewegung von Frauen ist mir bisher noch nicht begegnet. Mir ist jedoch eine Verachtung von Frauen gegen Männern begegnet und ich kann mir vorstellen, dass auch diese Erscheinung weiter ins Bewusstsein kehrt und auch eine Ausprägung in Taten und Handlungen findet.

In unterschiedlichen Büchern, sei es nun im Werk Bert Heilingers oder aber in der populären Selbsthilfe-Literatur wie bei Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest, wird auf das Phänomen eingegangen, dass gesellschaftshistorisch bedingt durch starke patriarchale Strukturen Frauen im Kern oftmals tief eine Art von Verachtung gegen Männer in sich trügen. Diese Form von Verachtung läge auch in erlebten Enttäuschungen durch männliche Bezugspersonen, natürlich unter Zugrundelegung bestimmter definierbarer Erwartungen. 

Dass Frauen durch geschaffene Infrastrukturen wie in Frankreich, Dänemark und den Niederlanden dazu empowert werden, neue Modelle zu erwägen und sich Kinder machen zu lassen. Auch die Möglichkeit, dies außerhalb einer Heterobeziehung und Langzeitpartnerschaft zu tun, halte ich für folgerichtig. Es ist ein Paradigmenwechsel und auf der Seite des männlichen Geschlechts führt es ohne Frage zu mehr Druck. Gleichzeitig ist es eine Möglichkeit und eine Chance, denn wir wissen nicht, wohin es führen kann.

Schließlich gibt es auch heute noch matriarchalisch geprägte Gesellschaften, die laufen auch nicht schlecht.

Jedenfalls diese Incels, ne? Ich guck‘ mal. Für heute schließe ich nun mein Herz. Ich werde auf jeden Fall folgendes tun:

Rausgehen.

Und dann schlafen.

Ciao amigos 

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