Unzivilisiert, wild und triebgesteuert – der Mensch

04.November.20

Fassungslos, schockiert, müde und fertig? Es gibt noch kein Wahlergebnis, ein Kandidat erklärt sich zum Sieger und behauptet, dass der Sieg feststehe, es handle sich ansonsten um Wahlbetrug. 4 Jahre lang haben wir uns einen Menschen an der Spitze der noch mächtigsten Nation der Welt ansehen dürfen, wie er sich über spastische Menschen belustigt, pauschal Minderheiten beleidigt, Menschen herabwürdigt und schamlos lügt. Seine persönliche Wahrheit mit aller Macht intersubjektiviert. Zum Schaden und auf Kosten derer, die ihm nicht nützen.

Ein Clown, so dachte man anfangs, ein Narzisst, den könne man nicht ernst nehmen. Ich hab ihn schon immer ernstgenommen, denn aus welchem Grunde sollte man davon ausgehen, dass gesunder Menschenverstand und Vernunft noch funktionieren? Das haben sie im Grunde nie.

Der Zerfall ist längst da, er war nie weg. Auch dann nicht, wenn man von dortiger Barbarei und hiesiger Zivilisation spricht.

Das sind Labels, die wir uns als Gesellschaft geben, aber auch nicht mehr als das.

Scheinbar sind große Teile der menschlichen Bevölkerung nicht mehr willens, sich an bisher funktionierenden Konsens zu halten. Es ist ok, dass auch der soziale Konsens und Gesellschaftsverträge sich verändern – aber viele dachten lange, es ginge auch ohne Unterdrückung, ohne Blutvergiessen, ohne Drohnenmorde, Giftmorde oder Völkermorde. Es geht nicht. All dies findet statt, permanent eigentlich. Nur glücklicherweise ist es bisher recht fern von uns gewesen.

Europäische Werte, Menschenrechte. Wohlgemeinte einende Konzepte, aber gleichzeitig auch Konstrukte, die gerade einen Umbau erfahren, einen degenerativen Abbau. Abtreibungsgesetze, Nationalismen, Abschottung und nicht zu schweigen von Kriegen. In diesem Gewand kommt die Demontage. Bergkarabach und die Ukraine sind nicht weit.

Etwas weiter weg Syrien, Sudan, Rohingya, beispiellos.

Man sieht es an der Gewalt, an Coronamaßnahmen-Gegnern, die mit Gewalt völlig unbeteiligte Menschen beschimpfen, beleidigen, bedrohen und schlagen. Weil sie anders denken, weil sie sich zur Wehr setzen wollen gegen einen Angriff, den der andere Teil beim besten Willen nicht sehen kann. Sie sind laut, sie kennen keine Hemmschwellen, lassen alles raus.

Die sozialen Medien verändern uns – Möglichkeit und Gefahr.

Es ist die Rede von der Radikalisierung der Pole. Der Radikalisierung der Gesellschaften. Neulich habe ich einen Beitrag auf Arte über evangelikale Christen gesehen. Er war lang und ausgewogen berichtet. Alles, was ich dort sah, zeigte mir noch deutlicher, in welcher Welt wir eigentlich leben. Radikale Christen, radikale Muslime, radikale Hindus.

Die Radikalisierung macht auch vor meinem eigenen Umfeld, meinem eigenen Haus kein Halt. Meine Mutter ist Mitglied einer christlichen Gemeinde. Seit Beginn der Coronazeit sind viele Messen Zuhause per Fernschaltung oder Telko abgehalten worden. Wenn ich mal dabei saß, bin ich vor Schock fast erstarrt. Ekstatisch und voll Zuneigung und Begeisterung preist sie zusammen mit den anderen den Herrn. Und das mindestens täglich.

Im vergangenen Jahr war sie noch gläubig. Nun ist sie auf jeden Fall deutlich mehr als nur gläubig. Und sie ist nicht die Einzige, ich kenne viele Mütter denen dies widerfährt. Alles wird in Gottes Hände gelegt und sie vertraut auf ein gottgefälliges Leben. Der Arte-Beitrag zeigte auch, wie in einigen Gemeinden das gesamte Leben dem Glauben folgt und natürlich hat Gott auch einen Messias gesandt, der als Politiker erscheint, um alle zu retten. 

Nicht nur die Grenzen des Sagbaren haben sich verschoben, auch das Denkbare lässt noch mehr zu. Nicht zu schweigen von den Handlungen – erschossene Politiker, geköpfte Lehrer. Ich könnt kotzen.

Auf den Punkt brachte es bei der oben erwähnten Reportage ein sog. Latinowähler für den republikanischen Kandidaten, dessen noch lebende Eltern erst eingewandert sind: Wir haben uns hier alles aufgebaut und hart gearbeitet. Ich liebe Mexiko, aber die anderen sollen dort bleiben. Hinter mir die Grenzen dicht bitte.

Die Wahrheit ist – wir haben keine Demut und keinen Respekt voreinander.

Die Wahrheit ist – wir denken nur an uns selbst.

Die Wahrheit ist – wir wollen nichts teilen.

Wir sind egoistische, egozentrische Heuchler. 

Was ist mit den Werten der der Aufklärung passiert? Vernunft, Wissenschaft, Pragmatismus? Stattdessen Ideologien, welche mit radikalisierten Vorurteilen Toleranz in jedem Diskurs obsolet machen. Menschlichkeit wegradieren. All die Rechte und Freiheiten, gewonnen aus vergangenen Revolutionen und Blutvergiessen, auch das obsolet. Eigentlich nicht verwunderlich, denn der Mensch an sich vergisst gesellschaftliche Ereignisse schnell. Damit fällt eine Einordnung in einen Wertkontext immer wieder schwer. Es wird einfacher, Meinungsmachern zu folgen und das Denken outzusourcen.

Nicht nur die Religionen, alles wird zu einer Glaubensfrage. Ernährung, Stil, welche Sendungen man schaut. Erst heute lese ich in der Zeitung von einem Arzt, der im TV Tipps für eine starke Lunge gegeben hatte. Er wurde bedroht, bepöbelt, beleidigt. Nur weil die Täter nicht an den Coronavirus glauben. Man kann es drehen und wenden wie man will, Fakten haben ihren Absolutheitsanspruch verloren. Das war schon vor der letzten USWahl so und hat in den letzten Jahren durch die Beschleunigung und mithilfe sozialer Netzwerke richtig an Fahrt aufgenommen. Fake News wohin das Auge blickt.

Die sozialen Medien verändern uns, Möglichkeit und Gefahr.

Aber: 

Differenzierte Betrachtungen sind – out.

Lange Texte lesen – out.

Seine Aufmerksamkeit gezielt widmen – out.

Wohlwollendes Aufeinanderzugehen – out.

Wir lassen uns als Einzelpersonen von unseren digitalen Tools und unserem digitalen Lifestyle verkonsumieren. Als Gesellschaft lassen wir uns von den modernen digitalen Fortschritt beherrschen und bilden uns ein, wir hätten die Macht und Kontrolle darüber. Hacker, Botfabriken, soziale Kontrolle und Überwachung – man braucht bloss in Richtung des Landes der aufgehenden Sonne zu blicken, wie die Moderne auch aussehen kann. Eigentlich muss man gar nicht so weit blicken: Nur eine mittelprächtige Recherche zum Thema Algorithmen würde erklären, was hier und heute vor sich geht.

Wo Unrecht zu Recht wird – wird Widerstand zur Pflicht.

Wir werden uns wohl erinnern, wenn es wieder zu spät ist oder sagen wir, für uns wiedermal zu spät ist. Denn weltweit ist es wohl immer wieder mal zu spät, übrigens alles im Namen des Kapitalismus.

Ich möchte die Ereignisse und Entwicklungen weder verteufeln noch beschönigen. Nur festhalten – diesen Moment. Er könnte rückblickend entscheidend für etwas sein, was wir noch nicht wissen.

Wir schreiben schliesslich jeden Tag Geschichte(n).

Ein ernstes Ciao Amigos 

Selbstgespräche im Homeoffice

03.November.20 

Wir hängen wieder im Homeoffice. Zuhause bleiben ist auf Dauer ermüdend.

Wir, das sind ich und ich. Manchmal nehme ich das so wahr, schliesslich kann ich ja auch mit mir selbst reden.

Selbstgespräche haben sich schon mein Leben lang als sehr unterhaltsam erwiesen. Früher stand ich beim Zähneputzen vor dem Spiegel, entwickelte abstruse Gedanken und lachte mich selbst scheckig über meine eigenen Vorstellungen.

Und das war nicht bloss ein nettes Lächeln, nein, manchmal eskalierte es sogar soweit, dass ich hinterher Bauchweh hatte. Und dann ermahne ich mich immer wieder dazu, meinem Gebaren Einhalt zu gebieten. Es reicht jetzt! Ist genug! Etwa beim exzessiven Grübeln, dann muss ich es mir selber laut sagen.

Lachen ist Balsam für die Seele. Dabei handelt es sich zwar um eine Binsenwahrheit, aber man kann es trotzdem nochmal schreiben. Ich war in den vergangenen Tagen so lost in meinem Kopf. Etwas durcheinander, angestrengt von mir selbst und etwas ratlos. Allerdings gab es keine offenen Fragen. Nur sehr viel, was passiert. Wahlen, Anschläge, Corona. So für einen Tag kann das schon eine Menge sein und schön sind diese Themen ohnehin nicht. Da kam es mir recht gelegen, dass Jölle sich gestern mit einem unverschämten Spruch gemeldet hat. Ich rief sie daraufhin an. Für die nächsten 3 Stunden. Und was haben wir gelacht. Ausschließlich über Blödsinn. Lachen ist Balsam für die Seele. Plötzlich wusste ich wieder, was geht und wer ich bin und fühlte meinen inneren Kompass neu ausgerichtet.

Übrigens, ich hab öfter von Menschen gehört, es sei auch ein ziemlicher Luxus, Homeoffice machen zu dürfen und es gab Unverständnis darüber, dass im Homeoffice Arbeitende sich ab und an beschweren über das Homeoffice. Es hat seine Vorteile, aber es hat auch Nachteile und beide Seiten hätten schwerpunktmäßig etwas mit der Tätigkeit und der Persönlichkeit und Arbeitsweise des Betroffenen zu tun. Für mich sind die Tage im Büro super, aber ich schätze auch die Möglichkeit auf den Arbeitsweg verzichten zu können. Bei diesem Gedanken wollte ich auf den Punkt hinaus, dass man wahrscheinlich den Neid auf die Möglichkeit des Homeoffice-Arbeitens erst dann ablegen können wird, wenn man selbst diese Möglichkeit hat(te). 

Und so ist es wahrscheinlich mit vielen Lebensaspekten; Dinge, die man nicht kennt oder mit denen man keine Erfahrung hat, kann man kaum beurteilen. Man kann lediglich seine Ahnung und Vorstellung davon teilen. Erst in der Situation selbst entwickelt sich eine Erfahrung, die aber dann wiederum nur subjektiv limitiert ist.

Wenn man aber dann auch noch Freunde hat oder andere Gleichgesinnte mit ähnlichen Erfahrungen, dann kann die Erfahrungen in Teilen intersubjektiv werden. Aber es wird niemals objektiv. Deswegen ist es fast unmöglich bestimmte Handlungsmotivationen anderer Menschen nachvollziehen zu können und mittlerweile versuche ich mich deswegen aktiv darin nicht mehr zu urteilen.

Urteile und Einordnungen helfen uns, uns in dieser Welt zurechtzufinden, oft aber auch nicht und man kann es wirklich übertreiben. Es ist eine spannende Übung, die Dinge, Situationen, Menschen einfach sein zu lassen. Gewähren zu lassen. Aktiv.

Wie komm ich nun überhaupt darauf? Ich glaub, ich erwische mich oft dabei, meine Gedanken auszusprechen – für mich – für andere. Und meine Zunge ist so schnell. In etwa so schnell wie wenn Lucky Luke seine Pistole aus dem Halfter zieht. Superschnell, ich komme manchmal mit meinem Bewusstsein gar nicht hinterher. Ich merke dann hinterher erst, was ich gesagt hab.

Bisweilen recht impulsiv. Impulskontrolle – noch so ein Wort, für den Psychologen fast schon ein Trigger, um postwendend einen pathologischen Befund zu notieren. Das ist noch normal bei mir – sag ich mal so.

Selbstgespräche kann mal im Kopf oder selbstverständlich auch lautsprachlich führen. Ich frag mich gerade, ob gebärdende Menschen auch manchmal ein Selbstgespräch führen oder zumindest unterbewusst dazu ansetzen. So wie man bspw. sauer wäre und die Faust in der Taschen ballen würde oder so. Wenn ich spazieren bin und mich in Gedanken verliere, dann muss ich oft auch lächeln.

Wir wissen ja auch dank der heutigen Wissenschaft, dass Freundlichkeit gespiegelt zum Zurücklächeln führt. Oder habt ihr schonmal ein richtig lustiges Buch gelesen (sagen wir mal als Kind und sagen wir mal das Sams) und dann richtig laut lachen müssen? Da kann ich nicht in mich reinlachen, das muss raus. Aber funktioniert das eigentlich nur, wenn es echt ist? Ist es nicht so, dass wir gespieltes Lächeln identifizieren und als kälter wahrnehmen können? Ich spreche jetzt nicht von einem kalten, bösen Lächeln. Aber wenn jemand zum Beispiel unauthentisch, unehrlich lächelt, nicht aus Freude, Beschämung, guten Gedanken oder weils einfach lustig ist. Nehmen wir das im Normalfall wahr oder gelingt es den meisten Menschen, es als opportunistisches, manipulatives Lächeln zu identifizieren.

Ich mag Gesichtsbeobachtungen und bei dem opportunistischen Lächeln musste ich grad an meinen Vater denken. Möchte ich mit meinem Vater ein Selfie machen, dann spielt er natürlich sein Lächeln. Und weil ich keine professionelle Bitte-Lächeln-Animatrice bin, mache ich ihn darauf aufmerksam in etwa mit: Papa, lach doch mal.

Heraus kommt eine völlig überzogene Lächelgrimasse – sehr künstlich und die Situation löst sich meist darin auf, dass wir uns über das Ergebnis amüsieren.

Neulich ist mir im Homeoffice Folgendes passiert: Ich hatte ein Gespräch bei Teams. Es war vorbei, aber ich hab den virtuellen Raum nicht verlassen. Dann hab ich mit mir selbst gesprochen, E-Mails kommentiert, etwas wirres Zeug, bin durch die Wohnung gelaufen und hab dann erst festgestellt, dass ich noch im Raum war. Zum Glück keiner sonst ausser mir. Aber umgekehrt habe ich oft noch Kollegen nach dem Call unfreiwillig vernommen. Beim rumräumen, eine rauchen oder sonst was. Das kann lustig sein, aber irgendwie war das mit Skype anders. Da merkt und reagiert man eher, wenn das Gespräch beendet ist. 

Ich warte nur darauf, dass man das Abmelden vergisst und es zu einer komischen Situation kommt. Ein Kandidat dafür wäre ich mit meinen Selbstgesprächen allemal. Ich würde es einfach Weglachen – schliesslich ist Lachen Balsam für die Seele.

Der Schnellzug ins Wochenende

18.Oktober.20

Der Oktober vergeht so schnell, wie er begonnen hat. Er bleibt nicht.

Wenn morgen die Arbeitswoche mit dem Montag beginnt, setze ich mich rein in den Zug Richtung Wochenende und mein Eindruck ist, er fährt so 300kmh.

Es besteht keine Möglichkeit, sich ausgiebig die Gegend anzusehen. Man bleibt im Zug und die nächste Haltestelle ist wieder Wochenende, dann ist der Oktober auch beinah vorüber. Wochenenden sind schön, aber in diesem Kontext nur eine Verschnaufpause. Ein kurzer Umstieg in die Regionalbahn nur um Montags darauf wieder Fahrt aufzunehmen. Unbefriedigend.

Es folgt der November mit der unsäglichen Schicksalswahl in den USA. Danach kann man viel aufzählen, was aller Wahrscheinlichkeit nach coronabedingt nicht oder sehr eingeschränkt stattfinden wird.

Konzerte, Martinszüge, Weihnachtsmärkte und so. Stattdessen werden wir emsig dem Aufruf der Kanzlerin folgen und weitgehend zuhause bleiben.

Auch gute Dinge werden passieren, wie die Zeitumstellung. Die kommt sogar schon vor dem November, meine ich. Und ich freue mich sosehr auf diese Mehrstunde, ich plane zusätzlich noch mehr zu schlafen. Damit ich mich maximal ausgeruht fühle und weil Schlafen einfach Hammer ist.

Obwohl wir noch nicht nach 12 Uhr haben, habe ich vorhin einen Keks gegessen. Haferkeks zartbitter.

Außerdem vor Kurzem auch ein Stück Fleisch – tatsächlich. Und während ich das schreibe, springt in meinem Kopf der Bock des Vorwurfs umher, shame on me. Ich bin versucht, diese Aussage zu löschen. Ich tue es nicht.

Der Schlendrian hat sich eingeschlichen. Schwermütig, mit vielen Kilos und penetrant hat er sich wieder in mein Leben geschmuggelt. Wo sind die guten neuen, harterarbeiteten Gewohnheiten hin? Ja, ich hab sogar wieder geraucht zwischendrin! Ich weiss nicht, was passiert. Der Schlendrian ist soooo, doof ey. Was will der eigentlich? pfff. Monatelang, ja fast 1 Jahr konnte ich mich anstrengungslos an meine selbstauferlegten Regeln halten, nur um gegen Jahresende zu schludern, ein klares NEIN dagegen. 

Hiermit nehme ich mir vor, in der kommenden Woche gar keine Ausnahme zu meinem Nichtrauch-Vegan-Achtsamkeitsgebot zu machen. Und wenn der Schlendrian auch nur mit seinem Gesicht um die Ecke blickt, boxe ich ihn weg.

Als ich gestern Abend heim fuhr, lief im Auto auf Deutschlandfunk Kultur Richard David Precht im Interview. Ich nehme an, es war wieder ein Interview anlässlich seines Buches (Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens). Sobald ich in der Wohnung war, machte ich mir zum Spülmaschine ausräumen, Lebensmittel einräumen und Wäsche aufhängen, YouTube an und es wurden mir gleich 3 Videos mit Richard David Precht angezeigt. Zugegebenermaßen höre ich bisweilen gerne seine Ansichten, weil er dank seiner Popularität es geschafft hat, Philosophie von einem Nischendasein in die Mitte zu rücken.

Weil also der Algorithmus sowie der Zufall ihn mir wiederholt aufgedrängt haben, beschäftigte ich mich eingehend mit ihm. Ich feier, was er in sehr authentischer Popstar-Manier für die Philosophie getan hat. Gleichzeitig kenn ich auch zahlreiche Menschen, die ihn überhaupt nicht ausstehen können.

Zu arrogant, zu oberflächlich, zickig. Das sind zumeist andere Intellektuelle, die, sagen wir, heute keine große Bühne haben. (richtig, lest gerne mal die Definition nach – Intellektuelle ) Aber mit seinem Standing und seinem Erfolg ebnet er den Weg für andere Philosophen und mich macht das unglaublich froh.

Es scheint zu einer Renaissance des kritischen Denkens gekommen zu sein.

Einer Wiedergeburt im coolen Style, angestrengter Denkerfalte und weissen Sneakers. 

RDP kommt wahrscheinlich so gut an, weil er sehr authentisch ist/wirkt. Er bleibt bei sich und biedert sich nicht an.

Nach meinem Schulabschluss zog es mich an die Uni Wuppertal in den Fachbereich Philosophie. Klar, das war zu dem Zeitpunkt eingestaubt und strange, man sah es an den Kommilitonen und den Professoren. Viele ungepflegte Nerds, graue Menschen, absolute Aussenseiter und eine überragende Männerquote. Der Fachbereich war klein. Aber die Vorlesungen, Seminare und Kurse waren toll. Oft haben wir über die Zeit hinaus in den Räumen gesessen und Fragen geklärt, selbst in den Pausen und draussen, haben wir weiternachgedacht. Die Philosophie ist meiner Meinung nach schon immer die grundsätzlichste aller Geisteswissenschaften gewesen und damit auch die Basis für andere Wissenschaften.

Die Kunst des Denkens an sich, frei und ohne vorgegebene Bahnen, die Kunst vorgegebene Bahnen verlassen zu können und die eigene Vorstellungskraft zu erweitern – das ist für mich Philosophie, die Mutter des kritischen Denkens. Klar, damals hiess es, es wäre eine brotlose Kunst und auch die Tatsache, ein Philostudium gemacht zu haben, macht einen nicht direkt zum Philosophen. 

Aber ich denke, es macht einen zu einem besseren Entscheider, zu einem demütig umsichtigeren Denker und zu einem reicheren Menschen (nicht monetär). Dies alleine schon aus dem Grunde, dass man Distanz aufbauen kann, zu der Tatsache, dass heute gängige Theorien objektive Gesetzmäßigkeiten beschreiben würden.

So wünschte ich mir mehr Wertschätzung für die Mutter der Akademia und das schafft Richard David Precht und er schafft auch den Spagat, es populärwissenschaftlich erklären zu können und so ein breites Publikum mitzunehmen. Ja, ganz ehrlich, ich weiss das sind höchstemotionale Lobeshymnen und Überzeugungen, aber es macht mich glücklich, weil es mich final in der Wertung bestätigt, was wirklich wichtig ist und zählt.

Die Rechtswissenschaften beispielsweise, hab ich rückblickend gerne gelernt. Aber genau so wie die Wirtschaftswissenschaften sind sie systemimmanent und systemerhaltend. Sie erlauben es nicht oder nur ganz selten, dass man sie grundsätzlich in Frage stellt, weil man damit im Grunde ihre Daseinsberechtigung untergraben würde. Es sind Disziplinen, die dem Geschehen hinterherlaufen. Sie versuchen dann im Rahmen der Gegebenheiten und der aktuellen Leitlinien bzw. des politischen Willens das Bestehende und das Neue innerhalb der Disziplin zu ordnen.

Als Beispiel für ReWi: neue Kriege. Und für die Wirtschaftswissenschaften: Wirecard. 

Kurzum ließe sich auch behaupten, dass bestimmte Disziplinen innerhalb der Philosophie die Freiheit zu Denken, sich Vorstellungen zu machen maximal erlauben und sie damit ein Potential aufweist, lange vorher nach Antworten zu suchen und Fragen zu stellen, mit denen sich dann auch die Fachdisziplinen auseinandersetzen können. Denn am besten ist dies an RDP’s Lieblingsthema KI zu sehen: Die Macher und die Firmen, die diese technischen Innovationen vorantreiben, haben ein wirtschaftliches Interesse im Sinn, nicht aber das Wohl einer Gesellschaft und darin liegt das Grundübel.

Es gibt wenig Anreize, diese Konzepte komplett zu durchdenken, zumeist verfolgt man auch den Ansatz: Einfach mal machen und dann mal gucken.

Aber manche Entwicklungen sind nicht zurückzudrehen. Das Paradebeispiel für mich, ist die Wirkung der sozialen Medien. Es gibt viel Wissen und auch Forschung, aber dies führt nicht dazu, dass der Großteil der Benutzer damit kompetent und souverän umgehen kann. Und so bin ich mir für meinen Teil recht sicher, dass die Hysterie und die extremen Polarisierungen der Gegenwart viel mit der Welt – To-Go in der Hosentasche zu tun haben.

Kurzum, wenns läuft, ist die Philosophie nicht so wichtig, wenn’s aus Sicht von vielen immer weniger läuft, dann wird sie relevanter. Krisen und Strukturwandel sind Langzeitereignisse mit mehrdimensionalen Folgen.

Ob ich das Buch von RDP noch lese? Ich weiss es nicht, möglicherweise.

Momentan bin ich sehr glücklich mit Sally Jones von Jakob Wegelius – Bericht folgt.

Ich muss den Schlendrian jetzt suchen und ihm klarmachen, wer hier das sagen hat. Dann setze ich mich ins Bahnhofscafé, weil morgen früh der Zug ins nächste Wochenende fährt.

Ciao amigos

Traurig sein für Anfänger

19.Oktober.20

Die Traurigkeit legt sich wie ein dunkler Schleier über den grauen Regentag – ein Entkommen scheint mir unmöglich.

Bis abends hin komme ich nicht aus ihr heraus. Ein schwerer, steifer Ledermantel, der einen vollkommen umhüllt.

Ein Gespräch mit lustigen Kollegen, ein lustiges Gespräch mit Kollegen? 

Der Strohhalm, an den ich mich klammere. 

Wie gehts es uns heute von 1-10? Die anderen bewegen sich zwischen 7 und 9. 

,,4,8“, lautet meine schwermütige Antwort. 

Entsetzen, die Reaktion der anderen.

Ich bin müde, weiss nicht wohin mit mir. Die Fröhlichkeit kann sich nicht auf Knopfdruck einstellen, nicht wie sonst.

Nicht durch Essen, nicht durch lustige Kollegen, nicht durch tanzen; einfach nicht.

Mama ruft an: „Wie gehts dir?“

,,Nicht so gut.“ 

,,Oh, was ist denn passiert?“

,,Nichts, ich bin traurig heute.“ 

,,Nein, du musst doch nicht traurig sein, du bist doch gesund und hast Arbeit! Du hast doch keinen Grund.“

,,Boah, Mama!“

,,Ja, stimmt doch. Es fehlt vielen Menschen an Gesundheit.“

Ich weiss, es stimmt, aber ich kann es nicht fühlen. Ich kann mich nicht freuen, nicht die Dankbarkeit empfinden.

,,Es wird schon wieder besser gehen und das, was fehlt wird zu dir kommen.“

,,Danke, liebe Mama.“

Ich habe keine Lust, mir was Leckeres zu kochen.

Keine Lust, mich ans Klavier zu setzen.

Keine Kraft, mich aufzuraffen zum Sport.

Keine Kraft für Yoga.

Einfach nein.

Draussen hat es etwas aufgeklart. Obwohl ich für den heutigen Tag noch nicht fertig bin mit der Arbeit, möchte ich vor Sonnenuntergang raus. Ich möchte spazieren in der Dämmerung.

Ich ziehe mich an. Pack mich ein.

Laufe raus.

An der Rheinpromenade ist viel los. Radfahrer, Fussgänger, Kinderwagen schiebende Mütter. Schlendernde, Raser oder Interessierte, die immer wieder mal stehenbleiben. 

Das Wasser ist ruhig, die Wasseroberfläche wirkt wie ein ruhiges Bild mit der Tüte aus den Augsburger Puppenspielen.

Ein Mann kommt mir entgegen – er lächelt.

Die innere Müdigkeit legt sich wie eine Gipsmaske auf mein Gesicht; zieht es runter. Ich glaub, ich sehe sehr alt aus.

Es tut gut, draussen zu sein. Zu gehen und sich zu spüren. Den Wind zu spüren, Menschen zu sehen.

Lange habe ich mich so nicht gefühlt, ich bin für gewöhnlich eine Hubba-Bubba-Frohnatur.

Ich rufe einen guten Freund an, einfach so. Er ist einer der wärmsten und lustigsten Menschen, die ich kenne.

Es klingelt. Ich bange kurz – geht er ran?

In unserer arbeitswütigen, modernen Welt ist es bisweilen nicht leicht, Freunde spontan zu erreichen.

Er meldet sich. Darüber freue mich ins Unermessliche. Er schafft es, mich abzuholen. Ich lass mich drauf ein. Wir sprechen – schon gehts besser.

Unterdessen ist es dunkel geworden. Die Promenade leert sich. Ich begegne nur noch ambitionierten Joggern und schnellen Radfahrern in regenfester Kleidung.

Er muss nun was bei sich im Garten erledigen. Wir beenden das Gespräch.

Zwischendurch hab ich einige Anrufe bekommen.

Ein letzter Blick zum Himmel, auf den Spiegel des Wassers und den Horizont.

Mone ruft an.

Ich gehe das Treppenhaus hoch, in der dritten Etage verkrampft mein Unterleib. Ich spüre etwas. Mein Körper ist für einen kurzen langen Moment ein Schmerzkrampf.

Ich wuchte mich hoch in die Wohnung. Mir fällt ein, Eisprung, es ist wieder so weit.

Mone hat Ahnung. Sie sagt: „Es ist voll ok. Brauchst gar nicht dagegen anzukämpfen, es ist ok“. 

Sie sagt: „Es tut mir leid, dass du traurig bist“.

Ich fühl mich verstanden – ernstgenommen.

Ich bin dankbar und freue mich, ich bin nicht allein.

Später erinnere ich mich, dass ich schon länger merke, dass mir etwas fehlt.

Extremer Eisenmangel, Vitamin D und fleischlose Ernährung, großer Blutverlust bei Periode. Ich mach dann mal ein großes Blutbild.

Ciao amigos 

Der rote Faden

13.Oktober.20

Disclaimer: Period.

Es ist 22 Uhr, ich sitze auf der Couch und esse. Gebackene Paprika rot und grün mit Basmatireis. Gebackene Ofenpaprika sind der Hit – schneiden, würzen, ölen, reinschieben und warten. Dann geniessen. Ich war eben schwimmen. 

Nach mehrwöchiger Abstinenz war es mal wieder schön im Schwimmbad zu sein. Danach fühlt sich mein Körper immer anders an, ich kann es nur schwer beschreiben. Es ist in etwa so, als würde er jedes mal von neu durch das Wasser geformt. Und ich behaupte, Wasser macht die Körperform schöner.

Anyway, was sicher nach dem Schwimmen kommt, ist der Hunger. Und daher sitze ich auf der Couch und esse.

In den letzten Tagen war ich in meiner inneren Haltung nicht so aktiv. Meine Position und Situation war die einer Wartenden. Seit etwa einem Jahr notiere ich handschriftlich meine Periode, nachdem ich die Periodenapp gelöscht hab. Keine Lust, meine Daten zu verschenken. 

Nach dieser bisher sehr treffend genauen Aufzeichnung und Prognose hätte meine Freundin Rot am 06.10. eintreffen müssen. Aber sie kam nicht. Einfach nicht. Stattdessen bin ich vor lauter Wassereinlagerungen bald geplatzt und auch andere Symptome bahnten sich schon ihren Weg – trotzdem meine Tage hatten keine Lust. Verständlicherweise kommt es ganz natürlich im weiblichen Zyklus zu Änderungen. Aber 5 Tage später? Das ist mir bisher noch nicht passiert und die Folgen sind erheblich.

Ich hab demnach unerwartet 5 Tage später mit Schmerzen rechnen müssen. Schmerzen, die sich nur liegend ertragen lassen. Schmerzen, die mich nötigen Schmerzmittel zu nehmen.

Gegen die Schmerzen kann man ja Schmerzmittel mitnehmen, im Falle dessen, dass man auch mal das Haus verlassen muss. Aber seit etwa einem Jahr muss ich mich regelmäßig übergeben und vollständig entleeren.

Meine Lehre aus diesem innovativem Handeln meines Körpers ist, dass ich vor meiner Periode einfach sehr wenig esse, damit es nicht wieder raus muss. Wenn sie sich aber um Tage verschieben, müsste ich dummerweise auch tagelang sehr wenig essen. Ätzend.

Übrigens zu den Schmerzen: Am Wochenende hatte ich eine geplante Zufallsbekanntschaft mit einer sehr interessanten Frau. Sie ist an Multipler Sklerose erkrankt. Wir saßen an einem Tisch, unterhielten uns und tranken Tee. Ich fragte sie, da wir nur zu zweit waren, wie ihr Leben mit der Krankheit wäre und wie sie ihren Schmerz beschreiben würde.

Chronische Schmerzen sind schrecklich und ich kann mein Mitgefühl für jeglichen Betroffenen nicht in Worte ausdrücken. Es ist vollkommen. Jedenfalls die Frau, nennen wir sie Jacky, etwa in meinem Alter sagte mir, dass sie einen Dauerschmerz hätte, der etwa bei 3 liegt und an Tagen mit Wetterwechseln beispielsweise, lägen die Schmerzen bei 7 oder 8.

Ich war entsetzt. Diese junge, hübsche, tolle Person, frei und unbedarft, wie sie wirkte; war tagtäglich eingeschränkt durch eine Krankheit, die sie in ihrer Vergangenheit bereits für Jahre aus dem Leben gerissen hatte. Gegen die Schmerzen wurde ihr ein Medikamentenpotpourri verschrieben, sie rauchte an dem Tag aber lieber einen Joint, die Schmerzmittel sind einfach zu stark. 

Multiple Sklerose ist eine neurologische Autoimmunerkrankung, bei der durch Entzündungen im Bereich des zentralen Nervensystems Zellen beschädigt werden. Das führt zu Lähmungen und Taubheitsgefühlen an allmöglichen Extremitäten und Störungen des Seh- oder Sprechzentrums. Sie hat mir das alles erklärt und ich merkte den Zwiespalt, einmal etwas zu erzählen, was von ihr ist, was Teil ihres Lebens ist, aber andererseits auch etwas mitzuteilen, was nicht wünschenswert für Aussenstehende ist, eine Schwäche, welche zuzugeben nicht leicht ist.

Eigentlich unterhielten wir uns über Vorstellungen vom Beruf, auch weil ihre Erkrankung sie in Laufe des Lebens in ihrer Ausbildung zeitlich aber auch motivationell sehr und immer wieder zurückgeworfen hatte. Eine Zerreißprobe, die Krankheit als Grund und Erschwernis oder eben die Krankheit als Ausrede, um etwaiges Scheitern zu rechtfertigen.

Die Begegnung mit Jacky gab mir viel zu denken und erfüllte mich mit Dankbarkeit. Ich wünsche ihr für ihren Weg nur das Beste und bin gerne an ihrer Seite. Gleichzeitig gibt mir diese neue Dimension von Schmerzerfahrung Stoff für Überlegungen. An mehreren Stellen sprach sie von meiner Krankheit, meinem MS, liebevoll und annehmend. Ich war sehr berührt und bekräftigt darin auch meine Schmerzen noch mehr anzunehmen.

Übrigens:

Gestern Früh, als ich ins Büro fuhr, begegnete ich auf dem Parkplatz einem Kollegen. Wir kamen uns entgegen und wenn man morgens um 9 einem Kollegen auf dem Parkplatz begegnet, der zum Auto geht, fragt man schon mal, ob er denn wieder heimführe. Klassiker. Mit einem Lächeln im Gesicht.

„Nö“, sagt er. Er müsse nur was holen und wie ginge es denn mir, lange nicht gesehen. „Joah“, sagte ich. „Ok“, ich wäre nicht allzu fit. Er springt daraufhin einfach 5 Meter von mir weg.

Ich muss, ob seines leicht entsetzten Gesichtsausdrucks, verstärkt lächeln, fast lachen und sage: „Nee, ich hab kein Corona und bin auch nicht erkältet. Ich hab das jeden Monat“. Verwirrt sagt er „Aber du siehst echt aus, als sollest du ins Bett“. Ich so ,,Ja stimmt, aber jetzt bin ich hier und fühle mich ok“. Er so:  „Was kann man denn dagegen machen?“. Ich: „Einfach keine Frau sein“ und lache mich kaputt. Schöner Start in den Tag!

Und es wurde dann tatsächlich noch ein ausserordentlich schöner Tag, an dem ich auch noch einen fantastischen Traum hatte, aber das erzähl ich beim nächsten Mal.

Jetzt werde ich, wenn ich richtig dolle Schmerzen hab, die ich mit einer Medikamenteneinnahme punktuell gut managen kann, an Jacky denken und sie für ihre Kraft und ihren Lebensmut bewundern und sie für jeden Erfolg feiern.

Ciao amigos 

Zu Tisch mit Reichsbürgerin

03.Oktober.20

Die Diskussionen am gestrigen Abend hatten am Ende das Groteske von Talkshows, indem wir ständig moderieren mussten und uns ab und an auch selbst festhalten, um uns nicht hier und da mal vor Fassungslosigkeit einige Haare herauszureissen. 

Ich war anlässlich des Geburtstags ihres Bruders bei Jölle, die, wie ihr euch erinnert, mittlerweile wieder in den Norden gezogen ist.

Als ich ankam, waren die Feierlichkeiten im Gange. Es hatten sich wie immer die gleichen Mitglieder der Familie eingefunden. Eine gemütliche Runde am Esstisch, eine andere gemütliche Runde im Wohnzimmer. Es gab ein großes Hallo, aber tatsächlich wollte ich keinen umarmen oder sonstig zur Begrüssung berühren. Das hat mich selbst überrascht, aber mir war natürlich bewusst, dass ein ganzer Abend innerhalb eines geschlossenen Raumes mit anderen Menschen für eine Corona-Ansteckung mehr als ausreichend sein könnte.

Nun gibt es aber keine offiziellen Beschränkungen und es handelte sich ja um eine kleine Familie. Über den Abend hinweg konnte ich mich aber wieder entspannen. Es war meine erste Feierlichkeit, wenn man so will, seit dem ersten Lockdown. Etwas sehr Besonderes und hat mich als solches auch ausserordentlich glücklich und dankbar gemacht. Morgens zuvor noch habe ich mit meiner Mutter rückblickend darüber gescherzt, wie furchtbar es während des Lockdowns war, sie einfach nicht zu drücken, küssen oder umarmen zu können. 

Es kommt entscheidend darauf an, was für ein Kommunikationstyp man ist, ich bin da sehr körperlich. Jede Berührung zählt.

Ich blieb am Esstisch hängen, legte ab und kriegte erstmal was zu essen. Anwesend waren die Eltern, Jölle, Onkel Kalle und Tante Elke sowie die Freundin von Jölles Mutter, Jenny. Eine altbekannte Kombination – bekannt, seitdem Jölle und ich uns vor 17 Jahren kennenlernten. Es gab eine leckere Auswahl am Büfett und als Neuankömmling wurde man gleich mehrfach gefragt, wie es einem denn gehe. „Gut“, antwortete ich und testete konzentriert die Leckereien auf meinen beiden Tellern. Auf dem zweiten Teller war Suppe. Ich fragte zurück, jeden aus der Runde nach Befinden und Neuigkeiten, um den Fokus von mir zu nehmen. Der Ball wurde mir nach Komplimenten und Kommentaren zu meiner Frisur wieder zurückgespielt.

Ich eröffnete mit: „Alles gut. Mich beschäftigt momentan wieder eine neue Facette der Sinnfrage“. Augenrollen. Blicke auf die Tischdecke gerichtet.

Ich erzählte von einem nachmittäglichen Spaziergang, dass mir das System oft sehr sinnfrei erschiene, wenn Menschen ihr verdientes Geld für Konsum ausgeben, der (in meinen Augen) völlig sinnlos wäre. Es folgten Zustimmung, Kommentare zum Hamsterrad und die Überzeugung, man müsse ja arbeiten, um was zu essen. Eine Person hingegen fühlte sich da aber besonders abgeholt. Jenny. Wir seien Sklaven der BRD und befänden uns in einer Okkupationsverwaltung der Alliierten.

Gleichzeitig saßen auch die zwei Handyexperten aus der Runde nebeneinander und zeigten sich neue Gimmicks und Apps. Hat mich irgendwie sehr amüsiert das Bild – da sitzt meine Elterngeneration und hat alle Apps und immer die neusten Handys und kennt alle Features, aber auf die Frage, wozu das denn alles gut sein soll, kommt keine schlüssige Antwort. Nichts gegen Technikbegeisterung – ich bin dafür. 

Aber bereits an anderer Stelle stellte ich fest, dass eine gewisse Basis-Mediennutzungskompetenz auch zum Grundkurs Technik für Fortgeschrittene gehören sollte.Zum Beispiel hier. Anyway.

Meine Entzückung war da und es gab schon Gründe Bauklötze zu staunen, Infrarotdetektoren für geheime Kameras, Umgehung von Kameraverboten mit ausgestatteten Kulis, mobiles WLAN am Start. Im Vergleich zu denen, lebte ich in der Steinzeit.

Die Antenne des mobilen WLANs wurde schliesslich von Jenny zweckentfremdet. Je mehr O-Saft und Bier flossen, desto stärker wurde die Fantasie angeregt. Mit dem Teil an dem Kopf gesetzt, verbildlichte sie den Anwesenden die Antennen zum morphischen Feld. Denn eigentlich, weil der Mensch die Fähigkeit zu Telepathie habe, brauche man eh keine Handys. Und wenn, dann bitte nur Telegramm. Weshalb? Weil es die Einzigen sind, denen man trauen kann. Verstanden. Ansonsten käme es infolge von Fremdsteuerung ohnehin zur digitalen Demenz und man müsse schliesslich auch selber noch nachdenken. Ich frage Jenny, wo sie ihre Informationen herbekomme. Sie fertigte mir eine Liste mit den einschlägigen YouTube-Channels an.

Besetzerstaat, BLM, Polizeigewalt. Wer trägt die Verantwortung? Jedes Individuum und damit auch die Gesamtgesellschaft oder eben nur die Eliten? Genannt wurden ganz konkret Gates, Soros und Rockefeller unter anderem. Das sind im Prinzip ohnehin immer die gleichen Namen. QAnon ist schließlich derselben Meinung. Die Diskussion plättet mich, 90% versuchen eine Verbindung zu Jennys 10% zu finden. Wir werden nicht fündig.

Tante und Onkel haben sich irgendwann verabschiedet, Kalle nicht ohne sich die Liste mit Jennys Informationsquellen abzufotografieren. Die Polarisierung ist total. Ohnehin ist Jennys Konter auf offenstehende Nachfragen stets:

„Man muss sich auch für etwas Neues öffnen und ein bisschen nachdenken muss man schon selber.“ Schließlich versuchen fast alle uns alle zu manipulieren.

So zitierte sie bspw. schwungvoll einen Vorschlag von Sprüchen, die an jedem Schuleingang stehen sollten: ,,Wascht eure Hände, euer Gehirn waschen wir“. Das mittlerweile auch am Tisch sitzende Geburtstagskind kommentierte: ,,Wir hatten nicht mal Seife an der Schule“.

Jölle und ich krümmten uns vor Lachen. Ich konnte nur läpsch ergänzen: ,,Wir hatten nicht mal ne Schule“.

Der rauchig milde Whisky leerte sich mit einer graduellen Zunahme in der Geschwindigkeit, je höher die Verzweiflung am Tisch stieg. 

Ich war ganz froh, dass wir irgendwann nur noch über Lösungsmöglichkeiten gesellschaftlicher Probleme sprachen. Von einer Seite war die einzig mögliche Lösung klar, die Eliten müssten vernichtet werden und das kann am besten ein Messias Trump und seine Gang. Na, danke auch. Und der Einzelne trage eh keine Verantwortung, worin ich eine der Hauptschwierigkeiten sehe.

Man wünscht sich einen Erlöser, einen Aufräumer, her. Meine Fantasie ist unlimitiert, aber die Konstellation dieser Mensch (Trump) = Aufräumer und Erlöser, echt nicht. 

Die Meinungsverschiedenheiten hatten eine Qualität und Ausmaß, da kann jeder Plasberg einpacken.

Vorhin habe ich mir einige Channels aus Jennys Liste angesehen und muss sagen, teilweise ist es großer Müll, eigentlich zum größten Teil. Es wird vor einem Krieg gegen alle Menschen gewarnt und es käme jetzt zu einem neuen Erwachen usw. Es sind aber durchaus einfach abweichende Meinungen und teilweise Aufzählungen gegen die Maskenpflicht. Auffallend ist, dass einige der Betreiber eine örtliche Nähe haben, was dafür spricht, dass es ihr nicht unerheblich um die Aufrechterhaltung zwischenmenschlichen Kontakts geht, gegen die Vereinsamung.

  1. Sie hat ungefiltert 1 zu 1 alles nachgesprochen, was ihr dort erzählt wurde.
  2. Aus welchem Grund kann sie diesen Medien vertrauen und den anderen nicht? Weil sie ein für sie valides Feindbild bemühen?

Nach dem gestrigen Abend könnte ich mir vorstellen, dass Trump wirklich glaubt, was er erzählt.

Zu Jenny:

Andererseits, wenn auch nur ein Teil dessen sich als wahr herausstellen sollte, koch ich einen Besenstiel ein und ess ihn auf. Vielleicht mit Ketchup aber ich fress einen Besen.

Tatsache.

Ich möchte zuletzt zwei Dinge über die Liebe sagen:

Trotz der erschreckenden Einsichten von gestern habe ich große Zuneigung und Respekt für den Menschen Jenny und feiere es hart, dass alle Anwesenden sie trotzdem lieben und sie zurück.

Dann ein Zitat von Jölles Papa, wie man die Ehe auch sehen könnte: ,,Ich bin der Kopf und Ulla der Hals. Der Hals dreht den Kopf“.

Den Rest überlasse ich euch, ciao amigos 

Endlich Instagram gelöscht

01.Oktober.20

Ich liege im Bett, 21:30 Uhr und bin ausserordentlich müde. Ereignisreicher Tag heute. Bei 17 Grad Tageshöchsttemperatur friere ich wie verrückt und während ich auf dem Bauch liegend tippe, wärmt eine gut gefüllte Wärmflasche meinen Unterbauch. Selbstverständlich ist die Heizung an.

Gestern hab ich Instagram gelöscht. Endlich und einfach so. Was für eine Lebenszeitverschwendung, was für ein Suchtmacher. Der Moment, wenn deine Hand nach deinem Handy greift und du automatische Eingaben machst und plötzlich irgendwo landest. Bei mir bevorzugt auf Nachrichtenseiten oder eben Instagram. Ich bin drauf, schaue meinen Thread durch und merke, dass einer der Channel, den ich am liebsten mag auch auf Twitter ist. Die Entdeckung des Tages war das. Twitter hab ich noch nicht genutzt und Instagram wollte ich loswerden. Zuviel Marktmacht für den Zuckerberg.

Während des sinnlosen Rumscrollens im Feed oder in der Timeline gelange ich nach mehreren langweiligen Posts (alles irgendwie schon mal gesehen oder einfach nicht interessant) zu einem ernüchternden Moment, in dem ich mir selbst befehle, nun bis 10 runterzuzählen. Noch 10 Posts, weil die da zumeist auch doof sind, verhandele ich während des Weiterscrollens neu mit mir und sag dann sowas wie: Ok noch 5. Am Ende bin ich meistens übersättigt und unzufrieden.

Wie ursprünglich gedacht, finde ich Instagram vom Konzept her nicht schlecht, obwohl es weitgehend mit Bildern arbeitet. Gerade für bestimmte Nischen, Special-Interest-Gruppen oder Minderheiten-in-Mehrheiten-Konzepte, hat es das Potential zu empowern, einen Einstieg in ein Thema zu ermöglichen oder eben andere Bilder im Kopf groß werden zu lassen, als jene, die man bereits kennt. Dafür muss man aber wissen, was man will und sich auch ein stückweit mit der Funktionsweise beschäftigen. Meinen Instagram-Account habe ich mir gemacht, um das Netzwerk mal auszuprobieren. Da ich mich weigere Apps zu nutzen, hatte ich es die meiste Zeit nur auf dem Laptop. Aber es machte mich immer weniger fröhlich und vor allem hat es einfach so viel Zeit und Energie gefressen, für nichts. Der Mehrwert wurde immer geringer.

Ich hab also bei den Einstellungen und im Profil und so geschaut, um zu sehen, wo ich es denn löschen kann. Also mich löschen. Meinen Account.

Ich fand nur die Option das Konto zu deaktivieren, sozusagen erstmal eine Beziehungspause. Von meiner Facebooktrennung aus letztem Jahr wusste ich noch, dass der Facebook-Konzern es einem nicht leicht macht.

Ich habs also schnell in eine Suchmaschine eingegeben und kam da auf Chip oder sowas. Konnte da einem Link folgen und musste nur noch 3 Mal klicken. Ich wurde gefragt, ob mir klar wäre, dass meine Bilder gelöscht würden und das wars. Facebook hat sich etwas mehr Mühe gegeben, mich nicht gehen zu lassen. Rückblickend fühlt sich die Instagramtrennung an, wie eine Trennung von jemandem, der zu feige war, sich selbst zu trennen und gewartet hat.

Ich hab dann meinen Lieblingsort aufgesucht, das Bett. Ehrlich, sollte mich irgendwer suchen, ich lieg im Bett. Und lese, starre die Decke an, schaue die Wand an, träume umher oder sitze im Bett, esse, schaue Filme oder Youtube.

Mein Bett ist echt der beste Spot. Shout Out! 

Nochmal zurück zu Insta. Ich möchte keinen Nutzer be/verurteilen. Für mich ist es einfach das Zeitargument. Es ist sooo unnötig. Es ist, obwohl ich kein Hardcore-Nutzer war, schon viel zu viel Zeit unaufmerksam oder halbaufmerksam von 70% für mich persönlichem Müll geklaut worden. 

Als ich danach im Bett lag, habe ich meine Gedanken so hart schweifen lassen und konnte verdammt gut geschlafen.

Und dann reden alle von Handy-Detox, monitoren die Nutzungszeit am besten noch mit eigens dafür definierten Apps, das ist heftig. Wir haben diese sozialen Netzwerke aus meiner Sicht jetzt etwa mein halbes Leben. Sie machen uns süchtig und verändern uns. Aber die Wenigsten setzen sich wirklich mit der Metaebene auseinander, bis sie eines Tages ein wirkliches Problem damit haben, welcher Art auch immer.

Hier nochmal kurz die Geburtsjahre:

Insta 2010

Twitter 2006

Facebook 2004

Studi-VZ 2005

Youtube 2005

Google 1998 (ok, alt)

Wen das Thema übrigens mehr interessiert – in meinem Augen haben häufig die überzeugendsten Argumente: Jene, die lange in diesen Unternehmen gearbeitet haben und/oder and der Konzeption der Wirkmechanismen und Geschäftsmodelle beteiligt sind. Demnächst dazu mehr.

Ciao Amigos 

Samstagsblues und Coronatestnachspiel

26.September.20

Disclaimer: Sloborn Spoiler 

Was geht überhaupt mit Felix? Lange nichts mehr gehört, woll?

Er fand so nebenbei statt, immerhin war ich jetzt auch fast den ganzen September unterwegs und das ohne ihn. Da war nicht viel Platz für große Dramen. Hätte ich aber schreiben wollen, so hätte es in den vergangenen Wochen durchweg geheißen: „Er ist wahnsinnig toll und ich vermisse ihn und eigentlich ist es super zwischen uns“. 

Ist ja auch so, nur halt mit etwa 700 km dazwischen. Luftlinie etwas weniger. Zuletzt hab ich gestern mit ihm gesprochen. 

Kennt ihr das, wenn ihr jemanden explizit nach Rat fragt? Es gibt Menschen, die würde ich eher für Belange des Aussehens oder des Spasses nachfragen. Ganz entsprechend der Frage, wem man welche Kompetenz zuspricht. Und bei Fragen bzgl. des Jobs, muss ich zugeben, ist Felix einfach der beste Ratgeber. Auch generell schätze ich seinen Rat sehr, denn immer dann wenn ich nicht weiter weiss, findet er die Worte die mich überzeugen, begeistern und beflügeln.

Und ich bin echt nicht leicht zu begeistern. Das treibt die oder den einen oder anderen ab und an zur Weissglut. Früher dachte ich das läge an meiner Nüchternheit und ausgeprägten Skepsis und einem Hang zur Perfektion.

Heute nehme ich an, dass mich einfach die meisten Dinge nicht begeistern. Es kommt drauf an, was denn diese Freude und Inspiration auslöst und auch entscheidend der Zeitpunkt und sonstiger Kontext.

Gerade sitze ich im Bett und trinke einen Morgentee. Ich geniess es für den Moment keine Verpflichtungen zu haben. Draussen tröpfelt der Regen auf die Strasse, mein Fenster ist voll von abgeprallten und antrocknenden Regentropfen. Das Geräusch, wenn Autos über nasse Strassen fahren, mit etwa 30 kmh. Meine Mutter hat sich für einen Besuch angemeldet und ich bin nicht begeistert. Noch kranke ich weiterhin umher. Es ist frisch geworden draussen und meine Nase läuft noch immer, meine Stimme ist sehr belegt. Von fit bin ich weit entfernt. Im Gegenteil, gestern hab ich eine neue Serie auf ZDF-Neo gestartet Sloborn,eine Insel in Schleswig-Holstein oder Dänemark und alle kriegen einen tödlichen Virus. Bisher empfehlenswert, aber sowohl die Bilder als auch die Storyline machen mich nicht gerade gesünder.

An dem Film fällt mir gerade auf, dass sowohl einige der bösen Knastis als auch die Prostituierte in der Dorfkaschemme PoC sind. Sonst keiner. Das ist arm, verzerrend und verdient zumindest einen Call-out. Ansonsten lässt er sich anschauen. 

Ich freue mich andererseits sehr, dass meine Mama kommt. Es ist immer schön mit ihr. Sie erzählt toll, wir können schön abhängen und es gibt leckeres Essen. Essen von Mama ist mehr als nur Essen, selbst wenn es top gesund ist. Ich verspreche mir davon einen Boost für mein Mikrobiom, Mamas Essen macht gesund.

Bei dem Wort Mama denke ich auch an vergangene Unterhaltungen mit meinen Freundinnen. Der Konsens war stets, dass wir es extrem abtörnend fanden, wenn der Partner in Abwesenheit seiner eigenen Mutter von Mama spricht. Das schien so unmännlich, so abhängig, so wenig erwachsen auch. Aber bei uns Mädels war das ok. Im Nachhinein weiss ich nicht mehr so recht, wie ich drüber denken soll. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es aus einer Muttersicht ist, aber ich dachte gerade, dass die Bewertung und dieses Urteil, welches wir damals einfach aus einem Gefühl der Überzeugung heraus gesagt haben, allgemein einfach nicht fair ist. Jeder sollte Mama zu seiner Mutter sagen dürfen.

Apropos krank und gesund. Ich hab vor 6 Tagen präventiv einen Coronatest gemacht als ich auf der Höhe meiner Erkältung war. Ich erwähnte ja bereits, dass ich zuvor in einem Nichtrisikogebiet geurlaubt hab. Bis heute hat sich bei mir keiner gemeldet. Auch bei meiner Freundin nicht. Find ich schon krass. Wir haben im Schutzzentrum angerufen, beim Gesundheitsamt bei einem eigens dafür geschalteten Bürgertelefon und es gab einfach nichts.

Keine Rückmeldung, kein Testergebnis bis heute nicht. Find ich schon erstaunlich und wundere mich, was denn passiert, wenn die Erkältungszeit ihren Peak erreicht. 

Die Serie ist echt gut, zeichnet und überzeichnet wenig. So kann ein Worst-Case-Scenario aussehen und im Grunde haben wir gesamtgesellschaftlich bisher auch sehr viel Glück mit unserem Coronavirus gehabt. Andere Epi- und Pandemien haben örtlich zu größerem Schaden geführt, mit Bildern, die denen in der Serie ähneln.

Das ist wahrscheinlich auch einer der wenigen Filme, in denen ich Wotan Wilke Möhring in seiner Rolle wirklich ernst nehmen kann. Und auch die anderen SchauspielerInnen sind grandiose Mimen in diesem visionärem Stück aus dem vergangenen Jahr. Der Film hat im Genre den Zusatz Dystopie – etwas bitter im Geschmack, fühl ich mich doch in Anbetracht der täglichen Nachrichten und des Weltgeschehens, auch ohne Corona schon manchmal in einer Dystopie.

Es ist spät.

Ciao Amigos

Pommes und GermanZero

23.September.20

Es ist 8 Uhr und nach einem 10-Stunden Homeoffice-Computertag, sitze ich am Laptop und und schaue eine Reportage, tippe und esse Pommes-rot. 

Rot-weiss gibt es für mich nicht mehr. Also zumindest keine normale Mayo, die ist bekanntlich nicht vegan.

Ich war grad draussen, habe ein Paket verschickt, bin weitergelaufen an einen zentraleren Punkt und habe mir dann Pommes gekauft. Wahrscheinlich die letzte Verkaufte an diesem Tag. Voll geil, schmeckt schon bombig. Und das trotz getrübten Geschmacksinns. Naja, Ketchup, Salz und Fett sind stark im Geschmack und überwinden jede Erkältung. Vielleicht nicht den coronabedingten Sinnverlust, aber immerhin. Außerdem, wir erinnern uns, wollten wir ja die Pommeskartoffelbauern weiter esskräftig unterstützen.

Oha, meine Reportage war zu Ende und jetzt kommt grad eine Werbung von Germanzero, die machen und bewerben wohl einen Klimaplan. Krasse Initiative – das ist echt ein bisschen erschreckend. Und wirkt sich voll auf meinen Appetit aus.

Ich bin jetzt völlig Bananas. Was ist denn bitte da los? Germanzero? Meine Pommes, oh wei. Sie schmecken schon wie Pommeszero.

Da macht ja fast jeder mit. Meine Lieblingstatortschauspieler, Jan Delay sogar Rezo. Hmpfff, also die Message der Werbung ist ja auch: „Das sind deine Freunde und die machen was Gutes und du willst doch bestimmt auch mitmachen. Du kannst ruhig mal auf die Website gehen“. Das natürlich neben dem Punkt, dass die geballte Power für (ich meine gegen) den Klimawandel benötigt wird.

Mein Gewissen ist manchmal leicht zu manipulieren. Noch habe ich mich zur Wehr setzen können, aber meine Neugier wird siegen. Sehr bald schon werde ich mir anschauen, was hinter der Initiative steckt. Und mir die Frage stellen, ob ich spenden will. 

Das ist übertrieben? Nein, die haben das in dem Werbeclip gesagt. Sie haben gesagt, man erhalte sofort eine Spendenquittung. Ich weiss ja nicht – Greenpeace, Utopia und eine recht bewusste, konsumreduzierte Lebensweise; weniger beeinflusst durch das Internet als durch meine Naturheilkunde-liebende Mutter und extrem sparsam lebende linke Freunde haben mich stark geprägt. Ich bin überrascht, wie gut diese Werbung bewusst und sicherlich auch noch unbewusst oder unterbewusst wirkt.

Der Tag ist einfach komisch. Rückblickend fühle ich mich, als würde er ausschliesslich meinem Arbeitgeber oder meiner Arbeit gehören. Und damit meine ich meine Lohnarbeit… gefällt mir nicht. Aber aus Strebergründen muss ich gleich noch was fertig machen. Ätzend, dabei hasse ich solche Menschen, Kollegen, die abends noch Emails versenden. 

Von einem besonderen Kollegen habe ich soeben folgende Email erhalten: „(…) mir macht aktuell viel Freude mit dir zu arbeiten, weil die Ergebnisse gut sind (…)“. Ehm, Entschuldigung. Was soll man bitte dazu sagen? Denkt er, das wäre ein Kompliment? Mir fällt auf jeden Fall viel ein, was ich ihm gerne darauf antworten würde. Natürlich nett und freundlich, keine Frage. Aber es ist Arbeit und wir arbeiten zusammen, auch wenn die Ergebnisse schlecht sind und es ihm keine Freude macht. Das freut mich dann umso mehr, ich mag nämlich Menschen unabhängig von Ergebnissen und Performances – behaupte ich mal so.

Jedenfalls, es ist nun 10 nach 9. Mach ich noch was oder nicht? Da der Tag ohnehin schon meiner Arbeit gehört hat, könnte ich das noch zu Ende bringen und stattdessen morgen länger schlafen oder so. Die Müdigkeit überfällt mich. Die Pumpe des Aquariums im Wohnzimmer brummt und von draussen dringen durch die geöffnete Balkontür Geräusche aus dem Balkon-U. Ich hab vor nicht allzu langer Zeit geduscht und gebadet. German Zero, wie kommen die auch auf den Namen? Ich hätte komplett andere Assoziationsketten.

Ich muss gähnen. Der Gipfel der Müdigkeit ist erreicht.

Ich machs fertig. Und chille morgen.

Ciao Amigos

Coronatest und Pommeskrise

21.September.20

Ich war im Urlaub und es war schön und spannend und toll und viel gesehen. Also eher Action Urlaub als Chiller-Urlaub.

Wegen Corona sind die Reiseziele eher eingeschränkt oder zumindest anders fokussiert und zusätzlich ständig im Wandel. Wir wollten ursprünglich in den Südosten Frankreichs. Zwei Tage vor Abreise hiess es, Frankreich sei von nun an Risikogebiet. Da wir eh einen Roadtrip machen wollten, mussten wir nur festlegen, in welche Richtung wir stattdessen fahren wollten. Kurzum, wir sind final in Italien gelandet und es war sehr schön.

Bis auf die letzte Nacht in Mailand, was eine reine Suffentscheidung war, in der ich mich entschied, das Fenster alternativ zur Klimaanlage zu betätigen. Mit absehbaren Folgen. Natürlich kühlte es ausgerechnet in dieser Nacht erheblich ab und ich war zack erkältet. 

12 Stunden Autofahrt Richtung Heimat zu dritt später, wurde es immer schlimmer. Heute haben daher alle einen Coronatest gemacht. War gar nicht so einfach. In das Hauptinfektionsschutzzentrum der Stadt fuhr ich heute Morgen zur Öffnungszeit und fand eine Schlange vor, die ihresgleichen suchte. Scheinbar standen die Menschen da schon seit über 2 Stunden. 

Hoffnungsvoll reihte ich mich ein, schliesslich hatte ich mir einen großen Pott Tee mit Honig gekocht und hielt den lässig in der linken Hand. Nach etwa einer Stunde kam ein Mitarbeiter des Zentrums und teilte den Wartenden ab einer bestimmten Höhe in der Schlange (er hat die Menschen in der abgezählt) mit, dass von diesem Punkt an noch mit 3,5 Stunden Wartezeit zu rechnen sei. What? Und online steht etwas von 10 Minuten….

Ich schlage vor, die Angaben werden der Realität nach upgedatet, es ist wohl eher damit zu rechnen, dass im Herbst mit den ganzen Erkältungen sich im Zweifel mehr Menschen testen lassen möchten, als im Sommer. Denn so wird das nicht funktionieren.

Es gibt Geschäftsmodelle, die in der Coronasituation funktionieren und solche, die nicht funktionieren. Wo es Verlierer gibt, gibt es eigentlich auch immer Gewinner unter der Annahme, dass die Gesamt(geld)menge nicht abnimmt.

Ich schau gerade parallel Arte, die Reportage Pommes Berge durch Corona. Darin wird beschrieben, wie bestimmte Geschäftsmodelle heftig betroffen sind; ich finde es immer sehr anschaulich, wenn insbesondere industrielle und landwirtschaftliche Realitäten gezeigt werden, denn das sind Lebenswirklichkeiten, die man sich als Nichtbetroffene weniger gut vorstellen kann und sie erhalten häufig auch nicht die große Deckung in den Medien.

Scheinbar leidet die gesamte Lieferkette in der Pommesherstellung, weil durch den Wegfall und die Einschränkung öffentlicher Großveranstaltungen die Hauptabsatzmärkte weggebrochen sind. Und das betrifft insbesondere Kartoffelbauern, die ausschließlich auf Pommeskartoffeln setzen.

Lukrativ wenn es läuft, aber anfällig in der Krise – das gilt aber für alle Bereiche. Es gibt kaum krisensichere Jobs, dessen muss man sich bewusst sein. 

Letztlich bin ich nach der Heimfahrt und frustrierenden Internetrecherchen, Arzt-Terminvereinbarung am Folgetag, einfach nicht zur Ruhe gekommen.

Glücklicherweise hat meine mitgefahrene Freundin Minz eine Teststation ausfindig machen können, bei der man wirklich nicht lange warten musste. Ich bin hingefahren, denn der Arzttermin war zwar echt kurzfristig aber ich war so unentspannt und wollte wahrscheinlich auch unter dem Eindruck der schmalzigen Erkältung unbedingt diesen Test machen. Immerhin wollte ich nach zwei Wochen Urlaub im Homeoffice zumindest etwas arbeiten.

Kurzum, ich fahr zu der Station, nette Jungs begrüßen am provisorisch abgeschirmten Eingangsbereich im Freien. Die Teststation ist ein Container.

Ich werde durchgeschleust, vorbei an Fragen, Blicken und Fieberthermometern. Meine Freundin hatte mir bereits detailliert ihr Erlebnis berichtet. Ich bekam nichts mehr mit, war wie betäubt. Ich bin erkältet, es ist heiss und ich bin aufgeregt.

Schliesslich bin ich dran, ich sehe vor mir in einem blauen Vollkörperschutzanzug den jungen Mann (nach Stimme und Augen könnte man auch Jüngling sagen). Sein Visier lässt seine blauen Augen im Gesamtbild noch blauer wirken, er scheint nicht zu schwitzen. An den Händen blaue Handschuhe, welche er vor meiner Behandlung desinfiziert – die Handschuhe. Allright, er macht es gründlich. Er erklärt mir den Vorgang, wo er überall mit dem Stäbchen eindringen möchte und wie tief und dass ich nicht zurückweichen solle. Ich nicke folgsam und nehme mir vor mein Bestes zu geben.

Was kann ich sagen? Mein Bestes hat nicht gereicht. Trotz aller Mühe, mussten wir jedes Eindringen mehrfach neu ansetzen. Mit Pausen, gutem Zureden, Tränen und Schwitzen blickte ich ihn angstvoll an, als er mir sagte, das habe noch nicht gereicht und wäre nicht tief genug. Ich war fertig mit den Nerven. Er sprach mir ehrlich Mut zu, aber ich konnte nicht mehr.

Am Ende hat es irgendwie geklappt, ich hab mich bedankt, die Hände desinfiziert und bin abgehauen. Ich werde von nun an wieder verstärkt Social Distancing betreiben, denn trotz jedweder potentieller Erkrankungseventualitäten möchte ich einfach nicht mehr getestet werden, oder es vermeiden. Ich bin dankbar für den medizinischen Fortschritt, aber auch an die Zweifler gerichtet, diese Testung ist wirklich unangenehm. Dagegen ist ein Finger im Hintern wohl eher einer Massage gleichend.

Vom Finger zur Pommes, die Auswirkungen von der Coronasituation sind sehr unterschiedlich und man kriegt in seiner Bubble nur sehr limitiert mit, was passiert. Es ist natürlich auch fraglich, ob man nun jedes Szenario kennen muss, aber interessanterweise hat man mit vielem dann wieder Berührungspunkte. Ich bspw. habe seit der Krise mehr holländische Superpommes gegessen als je zuvor. Das liegt einfach daran, dass ich ohne Fleisch beim Fastfood etwas eingeschränkt bin. Und mich überkam seit März mindestens 4 mal der Fastfoodhunger. Ich hoffe, dass die gebeutelten Menschen in der Krise aus dieser herauswachsen können und vllt. ihre Geschäftsmodelle auch ein stückweit flexibilisieren und anpassen. Nichts ist unmöglich und manchmal zwingt Zwang zum Perspektivwechsel und wird damit zur Chance.

Ciao amigos

%d Bloggern gefällt das: