Traurig sein für Anfänger

19.Oktober.20

Die Traurigkeit legt sich wie ein dunkler Schleier über den grauen Regentag – ein Entkommen scheint mir unmöglich.

Bis abends hin komme ich nicht aus ihr heraus. Ein schwerer, steifer Ledermantel, der einen vollkommen umhüllt.

Ein Gespräch mit lustigen Kollegen, ein lustiges Gespräch mit Kollegen? 

Der Strohhalm, an den ich mich klammere. 

Wie gehts es uns heute von 1-10? Die anderen bewegen sich zwischen 7 und 9. 

,,4,8“, lautet meine schwermütige Antwort. 

Entsetzen, die Reaktion der anderen.

Ich bin müde, weiss nicht wohin mit mir. Die Fröhlichkeit kann sich nicht auf Knopfdruck einstellen, nicht wie sonst.

Nicht durch Essen, nicht durch lustige Kollegen, nicht durch tanzen; einfach nicht.

Mama ruft an: „Wie gehts dir?“

,,Nicht so gut.“ 

,,Oh, was ist denn passiert?“

,,Nichts, ich bin traurig heute.“ 

,,Nein, du musst doch nicht traurig sein, du bist doch gesund und hast Arbeit! Du hast doch keinen Grund.“

,,Boah, Mama!“

,,Ja, stimmt doch. Es fehlt vielen Menschen an Gesundheit.“

Ich weiss, es stimmt, aber ich kann es nicht fühlen. Ich kann mich nicht freuen, nicht die Dankbarkeit empfinden.

,,Es wird schon wieder besser gehen und das, was fehlt wird zu dir kommen.“

,,Danke, liebe Mama.“

Ich habe keine Lust, mir was Leckeres zu kochen.

Keine Lust, mich ans Klavier zu setzen.

Keine Kraft, mich aufzuraffen zum Sport.

Keine Kraft für Yoga.

Einfach nein.

Draussen hat es etwas aufgeklart. Obwohl ich für den heutigen Tag noch nicht fertig bin mit der Arbeit, möchte ich vor Sonnenuntergang raus. Ich möchte spazieren in der Dämmerung.

Ich ziehe mich an. Pack mich ein.

Laufe raus.

An der Rheinpromenade ist viel los. Radfahrer, Fussgänger, Kinderwagen schiebende Mütter. Schlendernde, Raser oder Interessierte, die immer wieder mal stehenbleiben. 

Das Wasser ist ruhig, die Wasseroberfläche wirkt wie ein ruhiges Bild mit der Tüte aus den Augsburger Puppenspielen.

Ein Mann kommt mir entgegen – er lächelt.

Die innere Müdigkeit legt sich wie eine Gipsmaske auf mein Gesicht; zieht es runter. Ich glaub, ich sehe sehr alt aus.

Es tut gut, draussen zu sein. Zu gehen und sich zu spüren. Den Wind zu spüren, Menschen zu sehen.

Lange habe ich mich so nicht gefühlt, ich bin für gewöhnlich eine Hubba-Bubba-Frohnatur.

Ich rufe einen guten Freund an, einfach so. Er ist einer der wärmsten und lustigsten Menschen, die ich kenne.

Es klingelt. Ich bange kurz – geht er ran?

In unserer arbeitswütigen, modernen Welt ist es bisweilen nicht leicht, Freunde spontan zu erreichen.

Er meldet sich. Darüber freue mich ins Unermessliche. Er schafft es, mich abzuholen. Ich lass mich drauf ein. Wir sprechen – schon gehts besser.

Unterdessen ist es dunkel geworden. Die Promenade leert sich. Ich begegne nur noch ambitionierten Joggern und schnellen Radfahrern in regenfester Kleidung.

Er muss nun was bei sich im Garten erledigen. Wir beenden das Gespräch.

Zwischendurch hab ich einige Anrufe bekommen.

Ein letzter Blick zum Himmel, auf den Spiegel des Wassers und den Horizont.

Mone ruft an.

Ich gehe das Treppenhaus hoch, in der dritten Etage verkrampft mein Unterleib. Ich spüre etwas. Mein Körper ist für einen kurzen langen Moment ein Schmerzkrampf.

Ich wuchte mich hoch in die Wohnung. Mir fällt ein, Eisprung, es ist wieder so weit.

Mone hat Ahnung. Sie sagt: „Es ist voll ok. Brauchst gar nicht dagegen anzukämpfen, es ist ok“. 

Sie sagt: „Es tut mir leid, dass du traurig bist“.

Ich fühl mich verstanden – ernstgenommen.

Ich bin dankbar und freue mich, ich bin nicht allein.

Später erinnere ich mich, dass ich schon länger merke, dass mir etwas fehlt.

Extremer Eisenmangel, Vitamin D und fleischlose Ernährung, großer Blutverlust bei Periode. Ich mach dann mal ein großes Blutbild.

Ciao amigos 

Der rote Faden

13.Oktober.20

Disclaimer: Period.

Es ist 22 Uhr, ich sitze auf der Couch und esse. Gebackene Paprika rot und grün mit Basmatireis. Gebackene Ofenpaprika sind der Hit – schneiden, würzen, ölen, reinschieben und warten. Dann geniessen. Ich war eben schwimmen. 

Nach mehrwöchiger Abstinenz war es mal wieder schön im Schwimmbad zu sein. Danach fühlt sich mein Körper immer anders an, ich kann es nur schwer beschreiben. Es ist in etwa so, als würde er jedes mal von neu durch das Wasser geformt. Und ich behaupte, Wasser macht die Körperform schöner.

Anyway, was sicher nach dem Schwimmen kommt, ist der Hunger. Und daher sitze ich auf der Couch und esse.

In den letzten Tagen war ich in meiner inneren Haltung nicht so aktiv. Meine Position und Situation war die einer Wartenden. Seit etwa einem Jahr notiere ich handschriftlich meine Periode, nachdem ich die Periodenapp gelöscht hab. Keine Lust, meine Daten zu verschenken. 

Nach dieser bisher sehr treffend genauen Aufzeichnung und Prognose hätte meine Freundin Rot am 06.10. eintreffen müssen. Aber sie kam nicht. Einfach nicht. Stattdessen bin ich vor lauter Wassereinlagerungen bald geplatzt und auch andere Symptome bahnten sich schon ihren Weg – trotzdem meine Tage hatten keine Lust. Verständlicherweise kommt es ganz natürlich im weiblichen Zyklus zu Änderungen. Aber 5 Tage später? Das ist mir bisher noch nicht passiert und die Folgen sind erheblich.

Ich hab demnach unerwartet 5 Tage später mit Schmerzen rechnen müssen. Schmerzen, die sich nur liegend ertragen lassen. Schmerzen, die mich nötigen Schmerzmittel zu nehmen.

Gegen die Schmerzen kann man ja Schmerzmittel mitnehmen, im Falle dessen, dass man auch mal das Haus verlassen muss. Aber seit etwa einem Jahr muss ich mich regelmäßig übergeben und vollständig entleeren.

Meine Lehre aus diesem innovativem Handeln meines Körpers ist, dass ich vor meiner Periode einfach sehr wenig esse, damit es nicht wieder raus muss. Wenn sie sich aber um Tage verschieben, müsste ich dummerweise auch tagelang sehr wenig essen. Ätzend.

Übrigens zu den Schmerzen: Am Wochenende hatte ich eine geplante Zufallsbekanntschaft mit einer sehr interessanten Frau. Sie ist an Multipler Sklerose erkrankt. Wir saßen an einem Tisch, unterhielten uns und tranken Tee. Ich fragte sie, da wir nur zu zweit waren, wie ihr Leben mit der Krankheit wäre und wie sie ihren Schmerz beschreiben würde.

Chronische Schmerzen sind schrecklich und ich kann mein Mitgefühl für jeglichen Betroffenen nicht in Worte ausdrücken. Es ist vollkommen. Jedenfalls die Frau, nennen wir sie Jacky, etwa in meinem Alter sagte mir, dass sie einen Dauerschmerz hätte, der etwa bei 3 liegt und an Tagen mit Wetterwechseln beispielsweise, lägen die Schmerzen bei 7 oder 8.

Ich war entsetzt. Diese junge, hübsche, tolle Person, frei und unbedarft, wie sie wirkte; war tagtäglich eingeschränkt durch eine Krankheit, die sie in ihrer Vergangenheit bereits für Jahre aus dem Leben gerissen hatte. Gegen die Schmerzen wurde ihr ein Medikamentenpotpourri verschrieben, sie rauchte an dem Tag aber lieber einen Joint, die Schmerzmittel sind einfach zu stark. 

Multiple Sklerose ist eine neurologische Autoimmunerkrankung, bei der durch Entzündungen im Bereich des zentralen Nervensystems Zellen beschädigt werden. Das führt zu Lähmungen und Taubheitsgefühlen an allmöglichen Extremitäten und Störungen des Seh- oder Sprechzentrums. Sie hat mir das alles erklärt und ich merkte den Zwiespalt, einmal etwas zu erzählen, was von ihr ist, was Teil ihres Lebens ist, aber andererseits auch etwas mitzuteilen, was nicht wünschenswert für Aussenstehende ist, eine Schwäche, welche zuzugeben nicht leicht ist.

Eigentlich unterhielten wir uns über Vorstellungen vom Beruf, auch weil ihre Erkrankung sie in Laufe des Lebens in ihrer Ausbildung zeitlich aber auch motivationell sehr und immer wieder zurückgeworfen hatte. Eine Zerreißprobe, die Krankheit als Grund und Erschwernis oder eben die Krankheit als Ausrede, um etwaiges Scheitern zu rechtfertigen.

Die Begegnung mit Jacky gab mir viel zu denken und erfüllte mich mit Dankbarkeit. Ich wünsche ihr für ihren Weg nur das Beste und bin gerne an ihrer Seite. Gleichzeitig gibt mir diese neue Dimension von Schmerzerfahrung Stoff für Überlegungen. An mehreren Stellen sprach sie von meiner Krankheit, meinem MS, liebevoll und annehmend. Ich war sehr berührt und bekräftigt darin auch meine Schmerzen noch mehr anzunehmen.

Übrigens:

Gestern Früh, als ich ins Büro fuhr, begegnete ich auf dem Parkplatz einem Kollegen. Wir kamen uns entgegen und wenn man morgens um 9 einem Kollegen auf dem Parkplatz begegnet, der zum Auto geht, fragt man schon mal, ob er denn wieder heimführe. Klassiker. Mit einem Lächeln im Gesicht.

„Nö“, sagt er. Er müsse nur was holen und wie ginge es denn mir, lange nicht gesehen. „Joah“, sagte ich. „Ok“, ich wäre nicht allzu fit. Er springt daraufhin einfach 5 Meter von mir weg.

Ich muss, ob seines leicht entsetzten Gesichtsausdrucks, verstärkt lächeln, fast lachen und sage: „Nee, ich hab kein Corona und bin auch nicht erkältet. Ich hab das jeden Monat“. Verwirrt sagt er „Aber du siehst echt aus, als sollest du ins Bett“. Ich so ,,Ja stimmt, aber jetzt bin ich hier und fühle mich ok“. Er so:  „Was kann man denn dagegen machen?“. Ich: „Einfach keine Frau sein“ und lache mich kaputt. Schöner Start in den Tag!

Und es wurde dann tatsächlich noch ein ausserordentlich schöner Tag, an dem ich auch noch einen fantastischen Traum hatte, aber das erzähl ich beim nächsten Mal.

Jetzt werde ich, wenn ich richtig dolle Schmerzen hab, die ich mit einer Medikamenteneinnahme punktuell gut managen kann, an Jacky denken und sie für ihre Kraft und ihren Lebensmut bewundern und sie für jeden Erfolg feiern.

Ciao amigos 

Zu Tisch mit Reichsbürgerin

03.Oktober.20

Die Diskussionen am gestrigen Abend hatten am Ende das Groteske von Talkshows, indem wir ständig moderieren mussten und uns ab und an auch selbst festhalten, um uns nicht hier und da mal vor Fassungslosigkeit einige Haare herauszureissen. 

Ich war anlässlich des Geburtstags ihres Bruders bei Jölle, die, wie ihr euch erinnert, mittlerweile wieder in den Norden gezogen ist.

Als ich ankam, waren die Feierlichkeiten im Gange. Es hatten sich wie immer die gleichen Mitglieder der Familie eingefunden. Eine gemütliche Runde am Esstisch, eine andere gemütliche Runde im Wohnzimmer. Es gab ein großes Hallo, aber tatsächlich wollte ich keinen umarmen oder sonstig zur Begrüssung berühren. Das hat mich selbst überrascht, aber mir war natürlich bewusst, dass ein ganzer Abend innerhalb eines geschlossenen Raumes mit anderen Menschen für eine Corona-Ansteckung mehr als ausreichend sein könnte.

Nun gibt es aber keine offiziellen Beschränkungen und es handelte sich ja um eine kleine Familie. Über den Abend hinweg konnte ich mich aber wieder entspannen. Es war meine erste Feierlichkeit, wenn man so will, seit dem ersten Lockdown. Etwas sehr Besonderes und hat mich als solches auch ausserordentlich glücklich und dankbar gemacht. Morgens zuvor noch habe ich mit meiner Mutter rückblickend darüber gescherzt, wie furchtbar es während des Lockdowns war, sie einfach nicht zu drücken, küssen oder umarmen zu können. 

Es kommt entscheidend darauf an, was für ein Kommunikationstyp man ist, ich bin da sehr körperlich. Jede Berührung zählt.

Ich blieb am Esstisch hängen, legte ab und kriegte erstmal was zu essen. Anwesend waren die Eltern, Jölle, Onkel Kalle und Tante Elke sowie die Freundin von Jölles Mutter, Jenny. Eine altbekannte Kombination – bekannt, seitdem Jölle und ich uns vor 17 Jahren kennenlernten. Es gab eine leckere Auswahl am Büfett und als Neuankömmling wurde man gleich mehrfach gefragt, wie es einem denn gehe. „Gut“, antwortete ich und testete konzentriert die Leckereien auf meinen beiden Tellern. Auf dem zweiten Teller war Suppe. Ich fragte zurück, jeden aus der Runde nach Befinden und Neuigkeiten, um den Fokus von mir zu nehmen. Der Ball wurde mir nach Komplimenten und Kommentaren zu meiner Frisur wieder zurückgespielt.

Ich eröffnete mit: „Alles gut. Mich beschäftigt momentan wieder eine neue Facette der Sinnfrage“. Augenrollen. Blicke auf die Tischdecke gerichtet.

Ich erzählte von einem nachmittäglichen Spaziergang, dass mir das System oft sehr sinnfrei erschiene, wenn Menschen ihr verdientes Geld für Konsum ausgeben, der (in meinen Augen) völlig sinnlos wäre. Es folgten Zustimmung, Kommentare zum Hamsterrad und die Überzeugung, man müsse ja arbeiten, um was zu essen. Eine Person hingegen fühlte sich da aber besonders abgeholt. Jenny. Wir seien Sklaven der BRD und befänden uns in einer Okkupationsverwaltung der Alliierten.

Gleichzeitig saßen auch die zwei Handyexperten aus der Runde nebeneinander und zeigten sich neue Gimmicks und Apps. Hat mich irgendwie sehr amüsiert das Bild – da sitzt meine Elterngeneration und hat alle Apps und immer die neusten Handys und kennt alle Features, aber auf die Frage, wozu das denn alles gut sein soll, kommt keine schlüssige Antwort. Nichts gegen Technikbegeisterung – ich bin dafür. 

Aber bereits an anderer Stelle stellte ich fest, dass eine gewisse Basis-Mediennutzungskompetenz auch zum Grundkurs Technik für Fortgeschrittene gehören sollte.Zum Beispiel hier. Anyway.

Meine Entzückung war da und es gab schon Gründe Bauklötze zu staunen, Infrarotdetektoren für geheime Kameras, Umgehung von Kameraverboten mit ausgestatteten Kulis, mobiles WLAN am Start. Im Vergleich zu denen, lebte ich in der Steinzeit.

Die Antenne des mobilen WLANs wurde schliesslich von Jenny zweckentfremdet. Je mehr O-Saft und Bier flossen, desto stärker wurde die Fantasie angeregt. Mit dem Teil an dem Kopf gesetzt, verbildlichte sie den Anwesenden die Antennen zum morphischen Feld. Denn eigentlich, weil der Mensch die Fähigkeit zu Telepathie habe, brauche man eh keine Handys. Und wenn, dann bitte nur Telegramm. Weshalb? Weil es die Einzigen sind, denen man trauen kann. Verstanden. Ansonsten käme es infolge von Fremdsteuerung ohnehin zur digitalen Demenz und man müsse schliesslich auch selber noch nachdenken. Ich frage Jenny, wo sie ihre Informationen herbekomme. Sie fertigte mir eine Liste mit den einschlägigen YouTube-Channels an.

Besetzerstaat, BLM, Polizeigewalt. Wer trägt die Verantwortung? Jedes Individuum und damit auch die Gesamtgesellschaft oder eben nur die Eliten? Genannt wurden ganz konkret Gates, Soros und Rockefeller unter anderem. Das sind im Prinzip ohnehin immer die gleichen Namen. QAnon ist schließlich derselben Meinung. Die Diskussion plättet mich, 90% versuchen eine Verbindung zu Jennys 10% zu finden. Wir werden nicht fündig.

Tante und Onkel haben sich irgendwann verabschiedet, Kalle nicht ohne sich die Liste mit Jennys Informationsquellen abzufotografieren. Die Polarisierung ist total. Ohnehin ist Jennys Konter auf offenstehende Nachfragen stets:

„Man muss sich auch für etwas Neues öffnen und ein bisschen nachdenken muss man schon selber.“ Schließlich versuchen fast alle uns alle zu manipulieren.

So zitierte sie bspw. schwungvoll einen Vorschlag von Sprüchen, die an jedem Schuleingang stehen sollten: ,,Wascht eure Hände, euer Gehirn waschen wir“. Das mittlerweile auch am Tisch sitzende Geburtstagskind kommentierte: ,,Wir hatten nicht mal Seife an der Schule“.

Jölle und ich krümmten uns vor Lachen. Ich konnte nur läpsch ergänzen: ,,Wir hatten nicht mal ne Schule“.

Der rauchig milde Whisky leerte sich mit einer graduellen Zunahme in der Geschwindigkeit, je höher die Verzweiflung am Tisch stieg. 

Ich war ganz froh, dass wir irgendwann nur noch über Lösungsmöglichkeiten gesellschaftlicher Probleme sprachen. Von einer Seite war die einzig mögliche Lösung klar, die Eliten müssten vernichtet werden und das kann am besten ein Messias Trump und seine Gang. Na, danke auch. Und der Einzelne trage eh keine Verantwortung, worin ich eine der Hauptschwierigkeiten sehe.

Man wünscht sich einen Erlöser, einen Aufräumer, her. Meine Fantasie ist unlimitiert, aber die Konstellation dieser Mensch (Trump) = Aufräumer und Erlöser, echt nicht. 

Die Meinungsverschiedenheiten hatten eine Qualität und Ausmaß, da kann jeder Plasberg einpacken.

Vorhin habe ich mir einige Channels aus Jennys Liste angesehen und muss sagen, teilweise ist es großer Müll, eigentlich zum größten Teil. Es wird vor einem Krieg gegen alle Menschen gewarnt und es käme jetzt zu einem neuen Erwachen usw. Es sind aber durchaus einfach abweichende Meinungen und teilweise Aufzählungen gegen die Maskenpflicht. Auffallend ist, dass einige der Betreiber eine örtliche Nähe haben, was dafür spricht, dass es ihr nicht unerheblich um die Aufrechterhaltung zwischenmenschlichen Kontakts geht, gegen die Vereinsamung.

  1. Sie hat ungefiltert 1 zu 1 alles nachgesprochen, was ihr dort erzählt wurde.
  2. Aus welchem Grund kann sie diesen Medien vertrauen und den anderen nicht? Weil sie ein für sie valides Feindbild bemühen?

Nach dem gestrigen Abend könnte ich mir vorstellen, dass Trump wirklich glaubt, was er erzählt.

Zu Jenny:

Andererseits, wenn auch nur ein Teil dessen sich als wahr herausstellen sollte, koch ich einen Besenstiel ein und ess ihn auf. Vielleicht mit Ketchup aber ich fress einen Besen.

Tatsache.

Ich möchte zuletzt zwei Dinge über die Liebe sagen:

Trotz der erschreckenden Einsichten von gestern habe ich große Zuneigung und Respekt für den Menschen Jenny und feiere es hart, dass alle Anwesenden sie trotzdem lieben und sie zurück.

Dann ein Zitat von Jölles Papa, wie man die Ehe auch sehen könnte: ,,Ich bin der Kopf und Ulla der Hals. Der Hals dreht den Kopf“.

Den Rest überlasse ich euch, ciao amigos 

Endlich Instagram gelöscht

01.Oktober.20

Ich liege im Bett, 21:30 Uhr und bin ausserordentlich müde. Ereignisreicher Tag heute. Bei 17 Grad Tageshöchsttemperatur friere ich wie verrückt und während ich auf dem Bauch liegend tippe, wärmt eine gut gefüllte Wärmflasche meinen Unterbauch. Selbstverständlich ist die Heizung an.

Gestern hab ich Instagram gelöscht. Endlich und einfach so. Was für eine Lebenszeitverschwendung, was für ein Suchtmacher. Der Moment, wenn deine Hand nach deinem Handy greift und du automatische Eingaben machst und plötzlich irgendwo landest. Bei mir bevorzugt auf Nachrichtenseiten oder eben Instagram. Ich bin drauf, schaue meinen Thread durch und merke, dass einer der Channel, den ich am liebsten mag auch auf Twitter ist. Die Entdeckung des Tages war das. Twitter hab ich noch nicht genutzt und Instagram wollte ich loswerden. Zuviel Marktmacht für den Zuckerberg.

Während des sinnlosen Rumscrollens im Feed oder in der Timeline gelange ich nach mehreren langweiligen Posts (alles irgendwie schon mal gesehen oder einfach nicht interessant) zu einem ernüchternden Moment, in dem ich mir selbst befehle, nun bis 10 runterzuzählen. Noch 10 Posts, weil die da zumeist auch doof sind, verhandele ich während des Weiterscrollens neu mit mir und sag dann sowas wie: Ok noch 5. Am Ende bin ich meistens übersättigt und unzufrieden.

Wie ursprünglich gedacht, finde ich Instagram vom Konzept her nicht schlecht, obwohl es weitgehend mit Bildern arbeitet. Gerade für bestimmte Nischen, Special-Interest-Gruppen oder Minderheiten-in-Mehrheiten-Konzepte, hat es das Potential zu empowern, einen Einstieg in ein Thema zu ermöglichen oder eben andere Bilder im Kopf groß werden zu lassen, als jene, die man bereits kennt. Dafür muss man aber wissen, was man will und sich auch ein stückweit mit der Funktionsweise beschäftigen. Meinen Instagram-Account habe ich mir gemacht, um das Netzwerk mal auszuprobieren. Da ich mich weigere Apps zu nutzen, hatte ich es die meiste Zeit nur auf dem Laptop. Aber es machte mich immer weniger fröhlich und vor allem hat es einfach so viel Zeit und Energie gefressen, für nichts. Der Mehrwert wurde immer geringer.

Ich hab also bei den Einstellungen und im Profil und so geschaut, um zu sehen, wo ich es denn löschen kann. Also mich löschen. Meinen Account.

Ich fand nur die Option das Konto zu deaktivieren, sozusagen erstmal eine Beziehungspause. Von meiner Facebooktrennung aus letztem Jahr wusste ich noch, dass der Facebook-Konzern es einem nicht leicht macht.

Ich habs also schnell in eine Suchmaschine eingegeben und kam da auf Chip oder sowas. Konnte da einem Link folgen und musste nur noch 3 Mal klicken. Ich wurde gefragt, ob mir klar wäre, dass meine Bilder gelöscht würden und das wars. Facebook hat sich etwas mehr Mühe gegeben, mich nicht gehen zu lassen. Rückblickend fühlt sich die Instagramtrennung an, wie eine Trennung von jemandem, der zu feige war, sich selbst zu trennen und gewartet hat.

Ich hab dann meinen Lieblingsort aufgesucht, das Bett. Ehrlich, sollte mich irgendwer suchen, ich lieg im Bett. Und lese, starre die Decke an, schaue die Wand an, träume umher oder sitze im Bett, esse, schaue Filme oder Youtube.

Mein Bett ist echt der beste Spot. Shout Out! 

Nochmal zurück zu Insta. Ich möchte keinen Nutzer be/verurteilen. Für mich ist es einfach das Zeitargument. Es ist sooo unnötig. Es ist, obwohl ich kein Hardcore-Nutzer war, schon viel zu viel Zeit unaufmerksam oder halbaufmerksam von 70% für mich persönlichem Müll geklaut worden. 

Als ich danach im Bett lag, habe ich meine Gedanken so hart schweifen lassen und konnte verdammt gut geschlafen.

Und dann reden alle von Handy-Detox, monitoren die Nutzungszeit am besten noch mit eigens dafür definierten Apps, das ist heftig. Wir haben diese sozialen Netzwerke aus meiner Sicht jetzt etwa mein halbes Leben. Sie machen uns süchtig und verändern uns. Aber die Wenigsten setzen sich wirklich mit der Metaebene auseinander, bis sie eines Tages ein wirkliches Problem damit haben, welcher Art auch immer.

Hier nochmal kurz die Geburtsjahre:

Insta 2010

Twitter 2006

Facebook 2004

Studi-VZ 2005

Youtube 2005

Google 1998 (ok, alt)

Wen das Thema übrigens mehr interessiert – in meinem Augen haben häufig die überzeugendsten Argumente: Jene, die lange in diesen Unternehmen gearbeitet haben und/oder and der Konzeption der Wirkmechanismen und Geschäftsmodelle beteiligt sind. Demnächst dazu mehr.

Ciao Amigos 

Samstagsblues und Coronatestnachspiel

26.September.20

Disclaimer: Sloborn Spoiler 

Was geht überhaupt mit Felix? Lange nichts mehr gehört, woll?

Er fand so nebenbei statt, immerhin war ich jetzt auch fast den ganzen September unterwegs und das ohne ihn. Da war nicht viel Platz für große Dramen. Hätte ich aber schreiben wollen, so hätte es in den vergangenen Wochen durchweg geheißen: „Er ist wahnsinnig toll und ich vermisse ihn und eigentlich ist es super zwischen uns“. 

Ist ja auch so, nur halt mit etwa 700 km dazwischen. Luftlinie etwas weniger. Zuletzt hab ich gestern mit ihm gesprochen. 

Kennt ihr das, wenn ihr jemanden explizit nach Rat fragt? Es gibt Menschen, die würde ich eher für Belange des Aussehens oder des Spasses nachfragen. Ganz entsprechend der Frage, wem man welche Kompetenz zuspricht. Und bei Fragen bzgl. des Jobs, muss ich zugeben, ist Felix einfach der beste Ratgeber. Auch generell schätze ich seinen Rat sehr, denn immer dann wenn ich nicht weiter weiss, findet er die Worte die mich überzeugen, begeistern und beflügeln.

Und ich bin echt nicht leicht zu begeistern. Das treibt die oder den einen oder anderen ab und an zur Weissglut. Früher dachte ich das läge an meiner Nüchternheit und ausgeprägten Skepsis und einem Hang zur Perfektion.

Heute nehme ich an, dass mich einfach die meisten Dinge nicht begeistern. Es kommt drauf an, was denn diese Freude und Inspiration auslöst und auch entscheidend der Zeitpunkt und sonstiger Kontext.

Gerade sitze ich im Bett und trinke einen Morgentee. Ich geniess es für den Moment keine Verpflichtungen zu haben. Draussen tröpfelt der Regen auf die Strasse, mein Fenster ist voll von abgeprallten und antrocknenden Regentropfen. Das Geräusch, wenn Autos über nasse Strassen fahren, mit etwa 30 kmh. Meine Mutter hat sich für einen Besuch angemeldet und ich bin nicht begeistert. Noch kranke ich weiterhin umher. Es ist frisch geworden draussen und meine Nase läuft noch immer, meine Stimme ist sehr belegt. Von fit bin ich weit entfernt. Im Gegenteil, gestern hab ich eine neue Serie auf ZDF-Neo gestartet Sloborn,eine Insel in Schleswig-Holstein oder Dänemark und alle kriegen einen tödlichen Virus. Bisher empfehlenswert, aber sowohl die Bilder als auch die Storyline machen mich nicht gerade gesünder.

An dem Film fällt mir gerade auf, dass sowohl einige der bösen Knastis als auch die Prostituierte in der Dorfkaschemme PoC sind. Sonst keiner. Das ist arm, verzerrend und verdient zumindest einen Call-out. Ansonsten lässt er sich anschauen. 

Ich freue mich andererseits sehr, dass meine Mama kommt. Es ist immer schön mit ihr. Sie erzählt toll, wir können schön abhängen und es gibt leckeres Essen. Essen von Mama ist mehr als nur Essen, selbst wenn es top gesund ist. Ich verspreche mir davon einen Boost für mein Mikrobiom, Mamas Essen macht gesund.

Bei dem Wort Mama denke ich auch an vergangene Unterhaltungen mit meinen Freundinnen. Der Konsens war stets, dass wir es extrem abtörnend fanden, wenn der Partner in Abwesenheit seiner eigenen Mutter von Mama spricht. Das schien so unmännlich, so abhängig, so wenig erwachsen auch. Aber bei uns Mädels war das ok. Im Nachhinein weiss ich nicht mehr so recht, wie ich drüber denken soll. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es aus einer Muttersicht ist, aber ich dachte gerade, dass die Bewertung und dieses Urteil, welches wir damals einfach aus einem Gefühl der Überzeugung heraus gesagt haben, allgemein einfach nicht fair ist. Jeder sollte Mama zu seiner Mutter sagen dürfen.

Apropos krank und gesund. Ich hab vor 6 Tagen präventiv einen Coronatest gemacht als ich auf der Höhe meiner Erkältung war. Ich erwähnte ja bereits, dass ich zuvor in einem Nichtrisikogebiet geurlaubt hab. Bis heute hat sich bei mir keiner gemeldet. Auch bei meiner Freundin nicht. Find ich schon krass. Wir haben im Schutzzentrum angerufen, beim Gesundheitsamt bei einem eigens dafür geschalteten Bürgertelefon und es gab einfach nichts.

Keine Rückmeldung, kein Testergebnis bis heute nicht. Find ich schon erstaunlich und wundere mich, was denn passiert, wenn die Erkältungszeit ihren Peak erreicht. 

Die Serie ist echt gut, zeichnet und überzeichnet wenig. So kann ein Worst-Case-Scenario aussehen und im Grunde haben wir gesamtgesellschaftlich bisher auch sehr viel Glück mit unserem Coronavirus gehabt. Andere Epi- und Pandemien haben örtlich zu größerem Schaden geführt, mit Bildern, die denen in der Serie ähneln.

Das ist wahrscheinlich auch einer der wenigen Filme, in denen ich Wotan Wilke Möhring in seiner Rolle wirklich ernst nehmen kann. Und auch die anderen SchauspielerInnen sind grandiose Mimen in diesem visionärem Stück aus dem vergangenen Jahr. Der Film hat im Genre den Zusatz Dystopie – etwas bitter im Geschmack, fühl ich mich doch in Anbetracht der täglichen Nachrichten und des Weltgeschehens, auch ohne Corona schon manchmal in einer Dystopie.

Es ist spät.

Ciao Amigos

Pommes und GermanZero

23.September.20

Es ist 8 Uhr und nach einem 10-Stunden Homeoffice-Computertag, sitze ich am Laptop und und schaue eine Reportage, tippe und esse Pommes-rot. 

Rot-weiss gibt es für mich nicht mehr. Also zumindest keine normale Mayo, die ist bekanntlich nicht vegan.

Ich war grad draussen, habe ein Paket verschickt, bin weitergelaufen an einen zentraleren Punkt und habe mir dann Pommes gekauft. Wahrscheinlich die letzte Verkaufte an diesem Tag. Voll geil, schmeckt schon bombig. Und das trotz getrübten Geschmacksinns. Naja, Ketchup, Salz und Fett sind stark im Geschmack und überwinden jede Erkältung. Vielleicht nicht den coronabedingten Sinnverlust, aber immerhin. Außerdem, wir erinnern uns, wollten wir ja die Pommeskartoffelbauern weiter esskräftig unterstützen.

Oha, meine Reportage war zu Ende und jetzt kommt grad eine Werbung von Germanzero, die machen und bewerben wohl einen Klimaplan. Krasse Initiative – das ist echt ein bisschen erschreckend. Und wirkt sich voll auf meinen Appetit aus.

Ich bin jetzt völlig Bananas. Was ist denn bitte da los? Germanzero? Meine Pommes, oh wei. Sie schmecken schon wie Pommeszero.

Da macht ja fast jeder mit. Meine Lieblingstatortschauspieler, Jan Delay sogar Rezo. Hmpfff, also die Message der Werbung ist ja auch: „Das sind deine Freunde und die machen was Gutes und du willst doch bestimmt auch mitmachen. Du kannst ruhig mal auf die Website gehen“. Das natürlich neben dem Punkt, dass die geballte Power für (ich meine gegen) den Klimawandel benötigt wird.

Mein Gewissen ist manchmal leicht zu manipulieren. Noch habe ich mich zur Wehr setzen können, aber meine Neugier wird siegen. Sehr bald schon werde ich mir anschauen, was hinter der Initiative steckt. Und mir die Frage stellen, ob ich spenden will. 

Das ist übertrieben? Nein, die haben das in dem Werbeclip gesagt. Sie haben gesagt, man erhalte sofort eine Spendenquittung. Ich weiss ja nicht – Greenpeace, Utopia und eine recht bewusste, konsumreduzierte Lebensweise; weniger beeinflusst durch das Internet als durch meine Naturheilkunde-liebende Mutter und extrem sparsam lebende linke Freunde haben mich stark geprägt. Ich bin überrascht, wie gut diese Werbung bewusst und sicherlich auch noch unbewusst oder unterbewusst wirkt.

Der Tag ist einfach komisch. Rückblickend fühle ich mich, als würde er ausschliesslich meinem Arbeitgeber oder meiner Arbeit gehören. Und damit meine ich meine Lohnarbeit… gefällt mir nicht. Aber aus Strebergründen muss ich gleich noch was fertig machen. Ätzend, dabei hasse ich solche Menschen, Kollegen, die abends noch Emails versenden. 

Von einem besonderen Kollegen habe ich soeben folgende Email erhalten: „(…) mir macht aktuell viel Freude mit dir zu arbeiten, weil die Ergebnisse gut sind (…)“. Ehm, Entschuldigung. Was soll man bitte dazu sagen? Denkt er, das wäre ein Kompliment? Mir fällt auf jeden Fall viel ein, was ich ihm gerne darauf antworten würde. Natürlich nett und freundlich, keine Frage. Aber es ist Arbeit und wir arbeiten zusammen, auch wenn die Ergebnisse schlecht sind und es ihm keine Freude macht. Das freut mich dann umso mehr, ich mag nämlich Menschen unabhängig von Ergebnissen und Performances – behaupte ich mal so.

Jedenfalls, es ist nun 10 nach 9. Mach ich noch was oder nicht? Da der Tag ohnehin schon meiner Arbeit gehört hat, könnte ich das noch zu Ende bringen und stattdessen morgen länger schlafen oder so. Die Müdigkeit überfällt mich. Die Pumpe des Aquariums im Wohnzimmer brummt und von draussen dringen durch die geöffnete Balkontür Geräusche aus dem Balkon-U. Ich hab vor nicht allzu langer Zeit geduscht und gebadet. German Zero, wie kommen die auch auf den Namen? Ich hätte komplett andere Assoziationsketten.

Ich muss gähnen. Der Gipfel der Müdigkeit ist erreicht.

Ich machs fertig. Und chille morgen.

Ciao Amigos

Coronatest und Pommeskrise

21.September.20

Ich war im Urlaub und es war schön und spannend und toll und viel gesehen. Also eher Action Urlaub als Chiller-Urlaub.

Wegen Corona sind die Reiseziele eher eingeschränkt oder zumindest anders fokussiert und zusätzlich ständig im Wandel. Wir wollten ursprünglich in den Südosten Frankreichs. Zwei Tage vor Abreise hiess es, Frankreich sei von nun an Risikogebiet. Da wir eh einen Roadtrip machen wollten, mussten wir nur festlegen, in welche Richtung wir stattdessen fahren wollten. Kurzum, wir sind final in Italien gelandet und es war sehr schön.

Bis auf die letzte Nacht in Mailand, was eine reine Suffentscheidung war, in der ich mich entschied, das Fenster alternativ zur Klimaanlage zu betätigen. Mit absehbaren Folgen. Natürlich kühlte es ausgerechnet in dieser Nacht erheblich ab und ich war zack erkältet. 

12 Stunden Autofahrt Richtung Heimat zu dritt später, wurde es immer schlimmer. Heute haben daher alle einen Coronatest gemacht. War gar nicht so einfach. In das Hauptinfektionsschutzzentrum der Stadt fuhr ich heute Morgen zur Öffnungszeit und fand eine Schlange vor, die ihresgleichen suchte. Scheinbar standen die Menschen da schon seit über 2 Stunden. 

Hoffnungsvoll reihte ich mich ein, schliesslich hatte ich mir einen großen Pott Tee mit Honig gekocht und hielt den lässig in der linken Hand. Nach etwa einer Stunde kam ein Mitarbeiter des Zentrums und teilte den Wartenden ab einer bestimmten Höhe in der Schlange (er hat die Menschen in der abgezählt) mit, dass von diesem Punkt an noch mit 3,5 Stunden Wartezeit zu rechnen sei. What? Und online steht etwas von 10 Minuten….

Ich schlage vor, die Angaben werden der Realität nach upgedatet, es ist wohl eher damit zu rechnen, dass im Herbst mit den ganzen Erkältungen sich im Zweifel mehr Menschen testen lassen möchten, als im Sommer. Denn so wird das nicht funktionieren.

Es gibt Geschäftsmodelle, die in der Coronasituation funktionieren und solche, die nicht funktionieren. Wo es Verlierer gibt, gibt es eigentlich auch immer Gewinner unter der Annahme, dass die Gesamt(geld)menge nicht abnimmt.

Ich schau gerade parallel Arte, die Reportage Pommes Berge durch Corona. Darin wird beschrieben, wie bestimmte Geschäftsmodelle heftig betroffen sind; ich finde es immer sehr anschaulich, wenn insbesondere industrielle und landwirtschaftliche Realitäten gezeigt werden, denn das sind Lebenswirklichkeiten, die man sich als Nichtbetroffene weniger gut vorstellen kann und sie erhalten häufig auch nicht die große Deckung in den Medien.

Scheinbar leidet die gesamte Lieferkette in der Pommesherstellung, weil durch den Wegfall und die Einschränkung öffentlicher Großveranstaltungen die Hauptabsatzmärkte weggebrochen sind. Und das betrifft insbesondere Kartoffelbauern, die ausschließlich auf Pommeskartoffeln setzen.

Lukrativ wenn es läuft, aber anfällig in der Krise – das gilt aber für alle Bereiche. Es gibt kaum krisensichere Jobs, dessen muss man sich bewusst sein. 

Letztlich bin ich nach der Heimfahrt und frustrierenden Internetrecherchen, Arzt-Terminvereinbarung am Folgetag, einfach nicht zur Ruhe gekommen.

Glücklicherweise hat meine mitgefahrene Freundin Minz eine Teststation ausfindig machen können, bei der man wirklich nicht lange warten musste. Ich bin hingefahren, denn der Arzttermin war zwar echt kurzfristig aber ich war so unentspannt und wollte wahrscheinlich auch unter dem Eindruck der schmalzigen Erkältung unbedingt diesen Test machen. Immerhin wollte ich nach zwei Wochen Urlaub im Homeoffice zumindest etwas arbeiten.

Kurzum, ich fahr zu der Station, nette Jungs begrüßen am provisorisch abgeschirmten Eingangsbereich im Freien. Die Teststation ist ein Container.

Ich werde durchgeschleust, vorbei an Fragen, Blicken und Fieberthermometern. Meine Freundin hatte mir bereits detailliert ihr Erlebnis berichtet. Ich bekam nichts mehr mit, war wie betäubt. Ich bin erkältet, es ist heiss und ich bin aufgeregt.

Schliesslich bin ich dran, ich sehe vor mir in einem blauen Vollkörperschutzanzug den jungen Mann (nach Stimme und Augen könnte man auch Jüngling sagen). Sein Visier lässt seine blauen Augen im Gesamtbild noch blauer wirken, er scheint nicht zu schwitzen. An den Händen blaue Handschuhe, welche er vor meiner Behandlung desinfiziert – die Handschuhe. Allright, er macht es gründlich. Er erklärt mir den Vorgang, wo er überall mit dem Stäbchen eindringen möchte und wie tief und dass ich nicht zurückweichen solle. Ich nicke folgsam und nehme mir vor mein Bestes zu geben.

Was kann ich sagen? Mein Bestes hat nicht gereicht. Trotz aller Mühe, mussten wir jedes Eindringen mehrfach neu ansetzen. Mit Pausen, gutem Zureden, Tränen und Schwitzen blickte ich ihn angstvoll an, als er mir sagte, das habe noch nicht gereicht und wäre nicht tief genug. Ich war fertig mit den Nerven. Er sprach mir ehrlich Mut zu, aber ich konnte nicht mehr.

Am Ende hat es irgendwie geklappt, ich hab mich bedankt, die Hände desinfiziert und bin abgehauen. Ich werde von nun an wieder verstärkt Social Distancing betreiben, denn trotz jedweder potentieller Erkrankungseventualitäten möchte ich einfach nicht mehr getestet werden, oder es vermeiden. Ich bin dankbar für den medizinischen Fortschritt, aber auch an die Zweifler gerichtet, diese Testung ist wirklich unangenehm. Dagegen ist ein Finger im Hintern wohl eher einer Massage gleichend.

Vom Finger zur Pommes, die Auswirkungen von der Coronasituation sind sehr unterschiedlich und man kriegt in seiner Bubble nur sehr limitiert mit, was passiert. Es ist natürlich auch fraglich, ob man nun jedes Szenario kennen muss, aber interessanterweise hat man mit vielem dann wieder Berührungspunkte. Ich bspw. habe seit der Krise mehr holländische Superpommes gegessen als je zuvor. Das liegt einfach daran, dass ich ohne Fleisch beim Fastfood etwas eingeschränkt bin. Und mich überkam seit März mindestens 4 mal der Fastfoodhunger. Ich hoffe, dass die gebeutelten Menschen in der Krise aus dieser herauswachsen können und vllt. ihre Geschäftsmodelle auch ein stückweit flexibilisieren und anpassen. Nichts ist unmöglich und manchmal zwingt Zwang zum Perspektivwechsel und wird damit zur Chance.

Ciao amigos

Retrospektive – was ist nur los in Deutschland

3.September.20

Ich befasse mich jetzt erst richtig mit der aus dem Ruder gelaufenen Querdenker-Demo in Berlin. Was ist denn bloss los mit den ganzen Leuten?

Ich kann verstehen, dass die Komplexität von Phänomenen wie einer Pandemie oder der Klimasituation viele Menschen verunsichert und ich bin auch der Überzeugung, dass es richtig ist, Zweifel zu haben und Dinge in Frage zu stellen. Aber es gibt einen Wissenschaftspluralismus und die Tatsache, dass man selbst wohl stets zugeben muss, nichts bis sehr wenig zu wissen. Denn weder generieren wir dieses Wissen zumeist selbst, noch sind alle Methoden der Überprüfbarkeit ausgeschöpft.

Aus allen Richtungen wäre in dieser Gesamtdebatte auf jeden Fall etwas Ruhe und Besonnenheit angesagt.

Ferner kenne ich es von anderen Massenveranstaltungen oder von Fussballspielen, dass Situationen gerne mal eskalieren. Die Emotionen, die sich auf den Bildern entladen und ich spreche nicht von den Bildern des Sturmes auf den Reichstag, sondern sonstige begleitende Reportagen, tragen eine sehr große Energie mit sich. Diese Menschen haben teilweise wirklich Angst und spiegeln eine große Verzweiflung und konkrete Sorgen wider.

Aber wovor genau? Und woher kommt das? Und warum manifestiert sich das erst jetzt? Und weshalb so heftig?

Menschen in Deutschland haben schon immer Jobs verloren, Strukturwandel durchlebt und sind Teil von Globalisierung, Automatisierung, Modernisierung, Digitalisierung. Ein Wandel findet immer statt bzw. er ist eine Konstante.

Der Wandel, so wage ich es zu formulieren, ist auch eine menschengemachte Konstante.

Folgen des Lockdowns? Mit der Kurzarbeiterregelung und massiv viel Steuergeld fällt man in Deutschland wirklich recht weich im Vergleich zu anderen Ländern. Natürlich hängt dann das Damoklesschwert der Unsicherheit über einem, aber über allen und allem im Prinzip und grundsätzlich auch immer. Es ist eine Illusion zu denken, der Status quo wäre in Stein gemeißelt. Es muss doch jedem klar sein, dass wir in einer Blase der Sicherheit und des Wohlstandes leben, zumindest in meiner Generation. Das Wirtschaftssystem, Finanz- und Geldsystem sind abhängig von einem Konsens, nämlich der unausgesprochenen Einigung an sie zu glauben.

Ich bin wirklich sprachlos darüber, dass Menschen gar nicht sehen können, wie gut es ihnen eigentlich geht. Aber das Problem ist auch kein Materielles, es geht um das Gift der Angst.

Das Hauptargument der Protestierenden für ihre Haltung und ihren Protest ist neben der Angst vor Arbeitsplatzverlust die Angst vor Grundrechtseinschränkungen. Dabei spielt der Freiheitsbegriff eine Rolle, der sich paradoxerweise bei jedem Protest wieder manifestiert. Und das ist bereits an vielen Stellen konstatiert worden.

Sicherlich sind bzgl. der Coronakrise oder Pandemie Wahrheit und Wirklichkeit zu betrachten und zu diskutieren, aber mein Eindruck ist, dass dieses Thema zu einer einzigen Polarisierung führt und zu einer Glaubens- und Haltungsfrage hinuntergebrochen wird.

Drastisch betrachtet ist Glauben ohnehin heutzutage der Vater der Meinungsvielfalt. Das Statement möchte ich grad nicht challengen, aber es gibt keine vollendete Wahrheit.

Eine gewisse Demut, Möglichkeit, auch Fehlbarkeit bei sich selbst zu erkennen und ein Rest Offenheit, sind für ein Miteinander essenziell.

Die Medienlandschaft scheint sich zu fragmentieren und zu verändern, wir erleben neue Player, die alten bewährten haben an Glaubwürdigkeit eingebüsst, gleichzeitig gibt es aber auch eine neue Generation von Medienmachern, die aus Egogründen, politischer Ignoranz oder unreflektierter Überzeugung den freigewordenen Raum erobern wollen.

Wir denken weiter nach.

Ciao Amigos 

Der Rückschlag – oder zurück auf den Boden der Tatsachen

31.August.20

Disclaimer: Spoiler Dirty John 2

Ich sitze auf der Couch, die Füsse im warmen Wasserbad. Eiskalt waren meine Füsse, vom Sitzen im Homeoffice. Heute Mittag habe ich zwar eine Yogasession eingelegt, aber die Fenster waren aus der Sommergewohnheit heraus geöffnet und es lässt sich nun nicht mehr leugnen, dass der Herbst mit großen Schritten unverkennbar auf uns zukommt. Der Laptop liegt auf dem Schoß und im Kopf die Entscheidung Netflix zu schauen. Neben mir auf dem Couchtisch ein heisser Minztee. Das Fussbad enthält auch Minze und etwas winterlich Duftendes, aber es spielt grad eh keine Rolle, denn wenn ich dran denke oder nur wage in diese Richtung zu denken, spüre ich den Widerhall des Schlages in die Magengrube. Es passierte alles am Ende des Telefonats mit Felix. Zu Beginn war alles in Ordnung, zum Ende hin, hab ich nichts mehr verstanden und fühle mich dreckig und durcheinander. Ist es Liebeskummer? Bin ich dumm? Was ist das alles? Ablenkung muss her.

Jölle hat mir vor einigen Tagen eine Nachricht geschickt, dass die zweite Staffel Dirty John auf Netflix angelaufen sei. Ich hab ihr angekündigt, es nun sehen zu wollen und sie schreibt, dass in der Staffel die Frau die Betrügerin sei. Das törnt mich ein bisschen ab. Wieso kann nicht wieder Dirty John der Täter sein? Eigentlich hab ich jetzt schon wieder keine Lust mehr. Der Anfang ist trotzdem verheißungsvoll: 1986 in Kalifornien, Musik klingend nach Cindy Lauper, blonde, flotte Protagonistin. Mal sehen. Sie befindet sich in einer fiesen Scheidung von ihrem reichen Mann, der scheinbar nichts von seinem/ihrem Vermögen teilen will. Sie kommt, nachdem sie sein neues Haus mit ihrem Auto anfährt, auf seine Veranlassung hin in eine psychiatrische Klinik. Oh, und er enthält ihr die Kinder vor. Was für eine Energie! Und natürlich hat sie dadurch nun alles verloren.

Das Wasser wird kalt, meine Füsse brauchen aber noch etwas Ummantelung von angenehm duftenden, wohlig warmen Wasser. Ich schütte noch heisses Wasser hinzu. Gestern hab ich bereits wenig geschlafen, ich sollte heute den Weg in die Falle früher finden.

Bei der Story blicke ich noch nicht durch. In einem zweideutigen Gespräch scheint es, als wolle er sie und die Familie zurück – die Bilderbuchfamilie mit den 4 wunderbaren Kindern restituieren. Jedenfalls berichtet sie ihren Freundinnen auf diese Art und Weise davon, ganz elektrisiert von der Aussicht auf eine mögliche zweite Chance.

Was für ein Hohn. Ich fühle mich veräppelt, muss das sein? Das lässt meine eigenen Zweifel bezüglich meiner Situation mit Felix sowas von aufleben.

Von der zwischen uns vereinbarten Trennung, hat er niemandem groß erzählt. Es wurde totgeschwiegen, etwa wie der Elefant im Raum, denn ich habe ja in der gesamten Zeit in diesem Kontext nicht stattgefunden. Nun arbeiten wir seit Monaten an uns und haben gemeinsam beschlossen es nochmal zu versuchen – nur nicht mehr als Fernbeziehung. Und als ich ihn darauf anspreche, möchte er den Elefanten benennen. Zu diesem Zeitpunkt? Ich verstehe das nicht. Ich dachte, wir hätten einen gemeinsamen Plan. Langsam krieg ich Kopfschmerzen. Das einzig wirklich Gute ist, ich bin geerdet und bei mir. Im Normalfall würde ich jetzt sehr traurig sein und möglicherweise auch weinen. Vor Wut. Auf mich selbst. Die Tränen kommen aber nicht. Nicht mal eine Ahnung davon.

Bei Betty in Dirty John ist mittlerweile auch der Schlag gekommen. Von der Schlagkraft und Heftigkeit her würde ich sagen, mitten ins Gesicht. Eine saftige Ohrfeige. Denn anders als sie erwartet, erhält sie von ihrem Noch-Ehemann ein Schreiben. Darin verlangt er eine beschleunigte Scheidung zu, sagen wir mal hanebüchenen Konditionen, scheinbar klar zu ihren Ungunsten. Wow.

Schliesslich kündigt auch noch ihr Anwalt. Bei einem Abendessen mit Freunden sagt sie den wunderbaren Satz: „Ich weiss nicht, was gerade passiert, es ändert sich von Tag zu Tag“. Besser lässt sich nicht sagen, wie es mir gerade ergeht.

Felix sagte, er sei erstaunt, wie positiv ich alles sehen würde. Grundsätzlich mache ich Dinge aus guten, schönen Gründen und Aussichten. Das nennt ich hierzulande erstrebenswert. Würde ich zu sehr hadern und mir gar nicht sicher sein, würde ich es wahrscheinlich eher lassen. Mir ist auch klar, dass nicht jeder seine Entscheidungen auf diese Art und Weise trifft. Bei vielen motiviert vllt. eher eine Verlustaversion, eine Angst vor dem unbekannten Nichts. 

Er traue sich noch nicht so recht, zu was auch immer – ich weiss es nicht mehr. Jedenfalls sehe ich die Abmachung auf eine gemeinsame Zukunft weit weg in die Ferne entschwinden.

Das Wasser wird wieder kalt und meine Augen hängen immer tiefer.

Jetzt bittet sie den gemeinsamen Freund, dem Noch-Ehemann zu sagen, dass es nie zu spät sei. Nie zu spät? Ich weiss nicht. Dann geht sie feiern, Klassiker der Gedankenverstreuung. Und sie kann sich nicht mal gedanklich auf jemand anderes einlassen, auf der Tanzfläche sieht sie ihren Noch-Ehemann, der Blick zieht ihn sehnsüchtig zu ihr.

Ob jetzt in echt oder nicht. Ich verstehe sie absolut. Und dennoch oder genau deswegen, weiss ich nicht, was ich davon halten soll. Am besten gar nichts. Sie träumt sich in die Vergangenheit zurück, sie liebt ihn noch. Dann ruft sie ihn an und sie telefonieren, sie lachen über einen Insiderwitz. 

Aber das Blatt wendet sich schnell. Tags drauf schickt er ohne ihr Wissen die Kinder zum Psychiater, damit sie über ihre Ängste sprechen können, über die Mutter, über Betty. Und frisiert Anwaltsschreiben und richterliche Anhörungstermine ihr gegenüber, damit sie keine Gelegenheit erhält, für sich einzustehen. Niederträchtig sowas.

Ich nehme meine Füsse aus dem lauwarmen Wasser und lasse sie auf dem Handtuch neben dem Wasserbecken trocknen, ein befriedigendes Gefühl. 

Es ist spät geworden, die Folge ist gleich vorbei und ich werde keine weitere schauen heute, viel zu aufwühlend. Neben meinen Augen hängt nun auch meine übrige Gesichtskomposition. Ich muss ins Bett.

Sie glaubt an ihn, sie glaubt an sie beide. Aber er spielt schon lange nicht für sie, er spielt was anderes und gaukelt ihr etwas vor. Sie hört nicht auf ihre Freunde, die ihr raten nach vorne zu schauen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen. (hakuna matata!) Ich bin fassungslos über ihren Realitätsverlust oder sagen wir eher über ihren guten Glauben, ihre Hoffnung, ihre Liebe. Verdammt, was sollen diese ganzen Parallelen. Worst case fühlt es sich so an! Danke Jölle not, für diesen Serientipp.

Immerhin hat sie ihn final wohl liquidiert. Was soll man dazu sagen.

Ciao amigos

Karstadt schließt

25.August.20

Gestern haben wir die Frankfurter Innenstadt besichtigt. Wir kamen nicht besonders weit, weil zwischen uns und dem Weiterkommen der Karstadt lag. An dem sind wir nicht vorbeigekommen. Ich hab mich erinnert, dass er nun schließen würde und Fredi wollte unbedingt ihre Batterie von der alten Uhr austauschen lassen. So sind wir dann im Karstadt gelandet, wegen meiner Neugier und Fredis Uhr. 

Der Laden sah aus wie geplündert, die Kosmetikabteilung, Parfümabteilung und bei den Uhren schien mir, als wäre das Motto 100 % Selbstbedienung und die Regale aufgefüllt hat auch keiner. Früher durfte man fast nichts im Karstadt – immer kam direkt irgendeine engagierte Fachkraft oder Promoter/in, die einen beraten wollte. Und die Waren waren ordentlich aufgereiht und sortiert. Einkaufen im Karstadt (ich spreche eigentlich generell von großen Warenhäusern) ist für mich mit vielen starken Erinnerungen aufgeladen.

Just am Morgen des gleichen Tages hörte ich einen der gefühlt 100 Millionen Radiobeiträge über sterbende Innenstädte und coronabedingten Beschleunigungen von Schließungen und der Tatsache, dass Karstadt und Kaufhof viele weitere Häuser schließen würden. Eigentlich war schon bei der Rettung vor einigen Jahren klar, dass das Warenhaussterben weitergehen würde. Und da ich eh nicht so gerne kaufe und noch weniger gern online, bedaure ich das Verschwinden dieser großen geschichtsträchtigen Dinosaurier in unseren Fußgängerzonen. Die Erinnerung aber zeigt ein beschränktes Bild: In dem Radiobeitrag hieß es auch, dass die erste Fussgängerzone 1953 in den Niederlanden entstanden ist und sich dann dieser Siegeszug der Gehpriorität durch ganz Europa zog. Somit ist an sich die Geschichte der Warenhäuser in Fussgängerzonen gar nicht so lang in absoluten Zahlen, aber immerhin lang genug, um mehrere Generationen von Konsumopfern nachhaltig und romantisch zu prägen.

So große Warenhäuser lösen schon am Eingang Erwartungen und Kindheitserinnerungen aus. Damals ist man ja einige Male im Jahr (ok vllt. auch nur einmal) dorthin und hat geshoppt. Fredi meint, das war damals noch kein shoppen. Es war ein Großeinkauf mit der Familie, verbunden mit viel Warterei und Langeweile. Dem wurde die Spielecke und ein Fernseher in der Spielzeugabteilung entgegengesetzt. Das hat man so gemacht im Wohlstandswirtschaftswunderland Deutschland. 

Wir sind jedenfalls rein und haben uns die übrig gebliebenen Döschen und Verpackungen von Naturkosmetik angesehen und in unseren Einkaufskörbchen untergebracht. Auch bei der konventionellen hochpreisigen Kosmetik haben wir angehalten – ich hielt einen Artdeco Nagellack in Weinrot in den Händen und meine Begierde stritt laut mit meiner Vernunft. Ich brauch das noch gar nicht; hab ich nicht noch roten Nagellack? Aber Artdeco ist sooo gute Qualität. Am Ende hab ich das Fläschchen zurückgestellt.

Sehnsüchte, die Warenhäuser haben Sehnsüchte erschaffen. Einen Raum der Fantasie und des Verlangens zwischen der gewünschten Sache und dir selbst. Eine Geschichte, ein aufgeladenes Gefühl. Die heutige Produktionseffizienz, intransparente Lieferketten mit subventionierten Preisen bzw. Preisen, welche keine Umweltfolgen berücksichtigen und schnelle Verfügbarkeiten haben diese Sehnsüchte gelöscht. Heute kann jeder sehr schnell alles haben. Spätestens Amazon und die Discounter sorgen für eine Zugang zu allem möglichen, sodass man heute  sowohl von einer Demokratisierung des Zugangs zu Gütern sprechen und gleichzeitig einer sinnlosen Entfesselung. Wir kaufen einfach um zu kaufen und ich hab den Verdacht, dass bei einigen Dingen der Sinn erst dann da ist, nachdem man gekauft hat. Manche formulieren es auch so: Das Kaufen ist an sich ein Selbstzweck.

Wir wollten in den fünften Stock zu den Stoffen. Uns war klar, dass wir in jeder Etage mal schauen würden. Schließlich hatten wir Urlaub und wir waren lange nicht mehr einkaufen in der Stadt. Gleich in der ersten Etage gab es Damenbekleidung. Unterschiedliche Marken, die Shop-in-Shop-Shops  hochwertige Damenbekleidung so weit das Auge blickte. Aber etwas war anders. Es räumte ja keiner mehr richtig auf. Die Bekleidung lag kreuz und quer verteilt auf den Ständern, daneben bunte Stoffe und ich hab nichts mehr verstanden. Überall, wirklich überall, Schilder des Ausverkaufs: 40 %, 25 % zusätzlich noch 20 % auf alles. Es war nicht nur ein Ausverkauf von Warenbeständen. Es war einerseits ebenso ein Ausverkauf von Arbeit, der Werte des Schweißes der Näherinnen und Näher, Färber, Arbeiter. Anderseits ein Ausverkauf der Fachexpertise der Verkäufer/innen, der Liebe, der Erfahrung der Kundenberatung. Eine Gesellschaft, die durch eine Verhaltensänderung sagt: „Ok, ihr werdet einfach nicht mehr gebraucht“. Und die Sehnsucht nicht mehr vorhanden, durch die Unterdrückung und der Kürze des Weges, des Abstandes zwischen Haben und Wollen. Ein Klick genügt.

Als wir in der vierten Etage angekommen sind, mussten wir den Aufzug nehmen, um in die Stoffabteilung zu gelangen. Ich war schon völlig fertig – Fredi aber erblühte in Freude. Stoffe, Schnittmuster, Wolle und dann noch 40 % auf alles – das kann schon die Fantasie beflügeln. Erstmal mussten wir auf Toilette, denn ein anderes Bedürfnis meldete sich schon sehr lange. Wir betraten den Vorraum und mir war klar, dass es sich um die original Ersteinrichtung handeln musste. Schwere Farben, hochwertiges Porzellan – 1964?

Der Aufzug für 21 Personen jedenfalls wurde 1964 gebaut. Eine kurze Recherche ergibt, dass das Gelände schon länger Standort eines Kaufhauses war, aber wann diese Teile entstanden sind, finde ich auf die Schnelle nun nicht.

Während Fredi bei den Stoffen stöberte, wollte ich einen Kaffee trinken und begab mich in den Restaurantteil. Neben gähnender Leere und Sitzgarnituren aus der Vergangenheit begegnete ich außerordentlich freundlichen Angestellten. Viele dieser Menschen werden ihren Arbeitsplatz verlieren.

Das beschäftigt mich schon sehr.

Es wurde mangels Milchalternativen kein Kaffee, sondern ich snackte zum Tellerpreis Bratkartoffeln mit Sauerkraut und einem Gemüseratatouille, welches man sich selbst zusammenstellen konnte. Wirklich schmackhaft. Währenddessen las ich und schließlich kam Fredi – dann gab es aber nichts mehr, um 18 Uhr schließt das Restaurant. Auf dem Weg zum Aufzug nach unten standen zwei Spielautomaten, einer war an. Ich kam mir wirklich vor wie in einem Museum. Es müssen sich ja Menschen Zeit genommen haben, damit zu spielen. Wenn ich versuchte mir das vorstellen, kam es mir immer vor wie ein Film, einem Produkt meiner Fantasie. Wir nahmen den Aufzug nach unten und ich muss sagen mit schwerem Herzen schon Abschied.

Fredi erinnerte sich, wie es nach dem Einkauf für die gesamte Familie ein Würstchen oder eine Currywurst mit Fritten an dem Stand zu essen gab. Ich rieche die Wurst (sehr lecker). Aber wir sind keine Kinder mehr.

Ich hab in den letzten Monaten häufiger meine Kleidung aussortiert, mehr als sonst und habe ich auch Freundinnen zum Tauschen dagehabt. Die Kleidungsstücke waren immer neuwertig. Sie wurden einige wenige Male (wenn überhaupt) getragen, weil einem dann einfiel, dass man die Kleidung so gar nicht mochte. Gebraucht hat man sie – seien wir mal ehrlich – auch nur relativ. Unser Kaufverhalten hat sich verändert, sodass zwischen Fastfashion und Secondhand große Warenhäuser altbacken wirken und darin sentimental und nostalgisch an andere, vergangene Zeiten erinnern. Sie sind nicht mitgekommen und damit ein Auslaufmodell. Wer weiss, vielleicht kommen sie wieder. Retrostyle.

Ciao amigos 

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