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Angst vor der Jugend

14.April.21

Nach meinem Abendspaziergang hab ich mir ein Nudelgericht bestellt. Schon auf dem Gang des Spazierens begegneten mir 4 Jugendliche:

2 Mädchen und 2 Jungs.

Ich konnte sie von Weitem schon sehen, nachdem ich sie vorher schon gehört hab. Sie balgten laut herum und kreischten. Der Wind übertrug das Hörspiel. Man muss dazu wissen, nach einigen Tagen Schlechtwetteralarm, haben sich wohl auch die fauleren Stubenhocker hinauswagen dürfen.

Während ich näher komme, sehe ich sie vor mir. Sie sind klein, jedenfalls auch jung und aufmüpfig. Ich komme langsam näher, schwarzbunte Kleidung, sie kabbeln sich und zeigen ihre Handys, bewegen sich als Gruppe an einem Fleck in einem relativ großen Bewegungsradius.

Ich muss an ihnen vorbei. Außer durch die Mitte ihrer Gruppe zu gehen, bleibt mir wenig übrig. Einer von den Jungs ist recht pummelig, er greift nach dem Handy eines Mädchens, als sie sich das Teil gerade in die Hosentasche stecken will.

Ich husche schnell an ihnen vorbei.

Puh – ganz schön gefährliche Situation, so in Pandemiezeiten.

Ich bestelle also mein Nudelgericht und warte. 10 min.

Mit dem Handy in der Hand. Auf zeit.de eine Rezension über Sahra Wagenknechts neues Werk hat es mir angetan.

Ich schlendere ans Abholfenster, die Zeit ist um. Von der Stelle, an der ich warte, bis zu dem Fenster, muss ich an 6 Fahrradständern vorbei. Wieder durchschlängeln. 

Die zwei aufmüpfigen Jungs winden sich um die Ständer herum, 3 Fahrräder fallen um. 

Neben mir sind 2 andere Parteien, die auch warten.

Keiner sagt was.

Die Jungs glotzen frech und fast angriffslustig in Richtung der Wartenden.

Ich geh an ihnen vorbei und kann es mir einfach nicht verkneifen: „Wollt ihr die Fahrräder nicht wieder aufstellen?“ „Das waren wir gar nicht, wir haben nichts gemacht.“

Ok krass, der Wind auch nicht.

Keiner sagt was.

Ich schaue sie müde an und sag nur: „Na dann.“

Pfff- und denken muss ich an GRM, von Sybille Berg oder den Herrn der Fliegen. An die verwahrlosten Jugendlichen. Und mit verwahrlost meine ich nicht das Aussehen oder so, sondern das sichtbare Fehlen einer Wertschätzung des guten Gemeinwohls, gepaart mit einer unberechbaren Aggressivität. Desillusioniert. Aber erschreckend. Böse ohne Grenzen, fast wie die Trolls in den sozialen Netzwerken.

Gar kein Bock – ich lese es lieber in dem Buch weiter.

Ciao Amigos 

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Brückenlockdown tight

10.April.21

Sie ist um 9 Uhr aufgewacht. Langsam öffnen sich die Augen. Sie blinzelt in den Raum, blinzelt in das Licht.

Ihr Körper fühlt sich schwer an, sie dreht sich nach links. Streckt das rechte Bein aus, um mit dem Fuss aus der Bettdecke zu luken.

Sie betrachtet die Decke über sich, weisse Raufaser. Hell aber verlässlich.

Immerhin haben sich die Augen an das Umgebungslicht gewöhnt.

Greift schlaftrunken nach dem Handy. Tippt automatisch den Sperrcode, es ist 9 Uhr. Zwei, drei Fingertips weiter ist sie bei WhatsApp angelangt. Grünes Kästchen. Die Büchse öffnet sich – rechts die blaue Zeichen; es sind Nachrichten da. Erleichterung. So wie wenn man erleichtert feststellt, dass man an seinem Geburtstag doch nicht vergessen worden ist.

Mit WhatsApp ist jeder neue Tag wie Geburtstag, Nachrichteneingang leer ist schade; Newsbox voll macht das Leben Sinn.

Sarah teilt einen Song aus Spotify, Champagne Showers, ergänzt durch 6 Lachsmileys. Sie weiss Bescheid, Erinnerungen frönen, es entlockt ihr ein Lächeln.

Mama schickt Herzen und ein Bärchen mit kitschig glitzernden Blumen – nett.

Zumindest ist auf Mama immer Verlass.

Und Paul? Paul hat nicht geschrieben seit ihrem letzten Login. Sie schreibt ihm – tippt: Guten Morgen Paul + Lächelsmiley + Sonnensmiley.

Sie legt das Handy zurück. Streckt und dehnt sich geräusch- und genussvoll, streift die schöne Bettwäsche ab. Atmet ein und aus, schaut sich dabei um.

Mit einem Schwung dreht sie sich zur Bettkante hin und spürt den kalten Boden zu ihren Füßen. Parkett.

Sie erhebt sich, geht ins Bad und erledigt ihre Morgentoilette. Anschliessend geht sie in die Küche und erledigt ihre Küchenmorgenroutine.

Nimmt die Lebensmittel mit und setzt sich ins Bett. Vorher richtet sie noch die Kissen so hin, dass es sich anfühlt wie in einem gut eingerichteten Büro. Auf der Bürocouch.

Die nächsten zwei Stunden liest und schreibt sie. Dann eine Stunde Schlaf.

Als sie wieder wach wird, blinzelt sie. Erst das linke Auge, dann das rechte. Es ist so warm unter der Decke, sie nimmt sie etwas runter und streckt nun den linken Fuss aus der Kuschelhöhle raus, um die gefühlte Gesamttemperatur zu regeln.

Wie spät ist es?

Ihre linke Hand greift suchend umher. Tastet, auch rechts, tastet. Ah, das Handy liegt seltsamerweise nun zu ihren Füßen auf der Decke. Sie greift danach. Tippt die Kombi ein. Kein Anruf in Abwesenheit. Was sagt WhatsApp?

Neue Nachrichten von 3 Personen. Sie ist aufgeregt.

Auch Paul hat geschrieben. Er hat geantwortet: Dir auch, Schönheit + Sonnensmiley. Hm, sie ist unzufrieden. Da wäre zwar mehr drin gewesen. Egal, erstmal schauen, was die anderen so schreiben. Nike teilt ein Meme – ein gackerndes Huhn – meeegalustig 100% ihr Humor. Sie lacht inspiriert und begeistert. Antwortet mit 4x dem Tränenlachsmiley mit dem schiefen Kopf und dann dem mit dem geraden Kopf + Kusssmiley. 

Sie steigt aus dem Bett. Macht das Radio an. Irgendwas an Gedudel zur Begleitung aufs Klo und in die Küche und wohin auch immer. Sie macht sich was zu Mittag. Eine Freundin ruft an. Es wird gelacht und gekocht. Später schaut sie eine Reportage auf YouTube und nimmt ihre Mahlzeit zu sich. So wie die meisten Alleinemenschen.

Sie wirft regenfest Jacke und Schuhe über sich und latscht einmal um den Block. Frische Luft schnappen.

Drinnen wieder angekommen prüft sie das Angebot an Snacks. Es wird eine Packung Chips. Sie setzt sich ins Bett und schaut eine Netflixserie. Dabei tippt sie abwechselnd einen Text oder liest mal was.

Schaut auch ab und an ins Handy. 

Irgendwann hat ihr Gehirn zu viel Input, sie ist müde und schläft wieder ein.

Als sie wieder aufwacht, ist es 9 Uhr abends.

What the fork. – Locked down – aber wo ist die Brücke?

Ciao amigos 

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Ovulation

18.November.20

Jedes Wort kann nachgelesen werden, gegoogelt werden und dann weiss man, was los ist, richtig?

Mitnichten.

Wir haben von vielen körperlichen Prozessen vage Vorstellungen. Oftmals noch als Fragmente vorhanden, vermittelt vor Jahrzehnten in der Schulzeit.

Solange man kein Fachexperte ist oder beruflich eine relevante Beziehung zu der Materie hat, bleibt es ein verschwommenes Bild aus dem Hauch von Ahnungen. 

Aber immer dann, wenn man Krankheitsbilder erläutert oder über Dysfunktionen von körperlichen Abläufen spricht, fallen einige Fragezeichen zum Kontext, zum Hintergrund oder zum Vorgang an sich auf.

Der weibliche Zyklus ist zumindest nachgewiesen für mind. ein Viertel der Frauen ein wiederkehrender Topos mit Schmerzen, Alltagseinschränkungen oder auch einfach relevanten Veränderungen.

Bestes Beispiel ist die Ovulation – der Eisprung. Ich nehme stark an, potentiell werdende Eltern interessiert das noch. Frauen, welche ihre Körper erkunden und vllt. neben dem medizinischen Fachpersonal, Menschen, die diese Prozesse bei Tieren interessant finden.

Ovulation (lat. ovum —> Ei) beschreibt den periodisch-wiederkehrenden Vorgang, wenn sich 1x im Monat eine Eizelle aus dem Eierstock loslöst.

Das schreibe ich nicht ohne Anlass. Tatsächlich nehme ich diese Vorgänge sehr deutlich wahr und natürlich habe ich mittlerweile auch meinen Zyklus ganz gut in der Wahrnehmung.

Zunehmender Durst, eine Veränderung des Appetits und Luft im Bauch nehme ich seit etwa 30 Stunden war. Ich hab persönlich den Eindruck, dass meine Körpertemperatur ansteigt und es gibt auch objektiv aussenwirksame Symptome, wie die Veränderung der Zervixschleimkonzentration.

Vor dem Eisprung produziert der Körper eine hohe Menge von Östrogenen, diese wiederum bedingen einen Anstieg des sog. luteinisierenden Hormons.

Die Aufgabe der Östrogene ist es, in der Scheide und dem Gebärmutterhals über die Schleimhäute für ein feuchtes Milieu zu sorgen.

Der zuverlässige Dominoeffekt des Körpers bewirkt als Folge des LH-Anstiegs eine Ausstossung einer Eizelle aus dem Eierstock. Dem Eisprung.

Bei dem Ganzen spielt der Faktor Zeit eine Rolle: Der Eisprung erfolgt etwa 24 -36 Stunden nach dem LH-Anstieg. Das Ei selbst reift in einem der Eierstöcke heran und von der Periode bis zum Zeitpunkt des Eisprungs vergehen etwa 12-16 Tage, was der Hälfte des Zyklus entspricht.

Ab jetzt ist die Frau für einige Tage fruchtbar.

Manchmal haben Frauen keinen (regelmäßigen) Eisprung, dann leiden sie womöglich unter PCOS (polyzystisches Ovarialsyndrom) oder haben Schwierigkeiten mit der Schilddrüse.

Häufiger bin ich in letzter Zeit über die Frage der Intimität in diesen Belangen angesprochen worden. Die Gesundheit des weiblichen Körpers und der weibliche Zyklus im Speziellen haben für das Thema physische und psychische Frauengesundheit eine große Relevanz. Zulange wurden dieses Thema und seine Auswirkungen künstlich tabuisiert, als Schwäche geframed.

Wissen und Prozesskenntnisse helfen allerdings dabei, sich selbst zu verstehen, seine Partnerin oder Freundin oder Tochter besser zu verstehen und in der Folge einen rücksichtsvollen Umgang damit zu finden. Bei all jenen, wo das bereits der Fall ist – super, ich freu mich richtig für euch!

Beim Rest – lasst uns gemeinsam lernen, denn selbst die Forschung beginnt hier erst in ihren Kinderschuhen zu laufen, da dieser Perspektivwechsel noch nicht lange her ist.

On top ist nicht zu vernachlässigen, dass um diesen Themenkomplex eine knallharte, ertragreiche Industrie entstanden ist und weiter wächst und damit ist nicht die Reproduktionsmedizin per se gemeint, sondern alle vorgelagerten und nachgelagerten/nebengelagerten Dienstleistungen.

Man kann mithilfe von Ovulationstests bspw. Heutzutage auch natürlich verhüten bzw. die natürliche Verhütung ergänzen.

More to come.

Ciao amigos

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Der fremde Tropfen, der die eigene Haut berührte und damit alles ins Rollen brachte

14.November.20

Schönen guten Tag! Da möchte frau den Tag beginnen mit einer simplen Blasenentleerung, steigt aus dem Bett, dreht den Swag auf, trottet ins Bad, Klobrille auf und guckt rein: Pipi. Pipi mit ganz viel Farbe. Bilirubin in Action. 

Frau zieht natürlich erstmal ab, denn es könnte ja sein, dass beim eigenen Wasserlassen Tröpfchen des Vorpinklers nach oben titschen und einen berühren. Pfui, es ist mir schon klar, weshalb meine Mitbewohnerschaft das macht. Hartgesottene Eltern mit notorischen Nichtabziehern, können diesen Zustand möglicherweise gekonnt ignorieren und wahlweise unter ach, Kinder oder ach, die Pubertät verbuchen. In meinem Fall ist es aber Absicht.

Wegen der 10 Liter. 

Nicht wegen des Geldes oder des Geizes, nein wegen der Umwelt und des Wassersparens. Vorbildlich. Kann man gerne als Paar machen. Gerne auch alleine. Sehr ungerne mit mir.

Funfact am Rande ist: Natürlich ziehe ich dann vorher ab und nachher auch. Somit ist das Ergebnis des Wasserverbrauchs gleich hoch wie bei erwartbaren Verhalten oder sogar höher. Denn manchmal wird auch nur ein bisschen gedrückt. Ziel und Motivation sind klar und verständlich, gleichzeitig sind auch Lösungen bevorzugt, die mich nicht nötigen potentiell mit dem Urin anderer Menschen in Berührung zu kommen.

Objektiv betrachtet ist Urin gar nichts Schlimmes. Eine Ausscheidung, die quasi der Rest aus dem Filtrat der Nieren darstellt. Ein bisschen Harnstoff, Salze, Hormone und Farbstoffe fertig. Kann man ja auch trinken. Die sogenannte Eigenurintherapie – ich kann mir einfach nicht vorstellen, das eines Tages machen zu wollen … Aber Moment Mal – auf YouTube gibt’s doch die Menschen, deren Channelthema es ist, ganz unterschiedliche Lifestyleprodukte auszuprobieren und uns dann hinterher zu sagen, wie es war. Super!

Ich könnte so einen anschreiben…

Die Benefits einer Eigenurintherapie liegen auf der Hand:

Kann man einsetzen zur Zahnpflege (ich glaube, das ist wie bei Kurkuma – auftragen, vllt. verreiben und dann abwaschen).

Es soll bei Virusinfektionen helfen können.

Es soll Haarwuchs fördern oder verbessern. 

Kann das Immunsystem fördern.

Kann Allergien vernichten.

Summa summarum: Eigenurin kann eigentlich alles. Heftig. Ich möchte wohl dazu betonen, dass es scheinbar keine wissenschaftlichen Beweise oder viel Forschung dazu gibt. Das ist jedoch häufig so bei Naturheilkunde.

Warum gibt es überhaupt soviel Medizin, würden wir doch einfach die alten heilpraktischen Erkenntnisse und Methoden der Erfahrungsmedizin anwenden. Ich halte viel von Naturheilkunde. 

Vor einigen Jahren trieb mich meine Neugier auch soweit, dass ich einen Brottrunk im Bioladen erstand. Ich hab das dreimal gemacht – ich hab ihn nicht einmal getrunken. Aber die Intention war da.

Von der linken Schulter rief es zu: Trink das, haste jetzt gekauft, ist ja auch gesund und womöglich besser als Brot, hat voll die Benefits.

Die rechte Schulter, von der Seite kam wenig inhaltsvolles. Dafür aber bedeutungsschwere, vorwurfsvolle Ahnungen. Ich konnte mich einfach nicht überwinden. Noch heute frage ich mich, woher dieser Ekel kommt. Vllt. Werde ich demnächst eine Mutprobe unter Freunden machen: Wer es schafft

  1. Brottrunk zu trinken
  2. Katzenfutter zu essen
  3. Hundeleckerlies zu geniessen
  4. Vllt. Ein bisschen Seife, um den Mund nachher sauber zu machen, sorgt auch für einen guten Atem hinterher

Ursprünglich wollte ich über ein sehr empfehlenswertes Buch schreiben und nun hat es aus Gründen nicht funktioniert. Stattdessen kam mir folgender Gedanke: Farbstoffe in der Nahrung färben die Ausscheidung.

Ich werde nicht über den Darm sprechen, das haben schon viele gemacht und tun es weiterhin. Aber mit dem Urin die Sache. Man kann an der Urinfarbe einiges über den körperlichen Zustand ablesen, nicht zuletzt, ob man genug getrunken hat.

Laut Verbraucherschutzzentrale gibt es eine extended Version der Farbindikation Urin. 

https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/nahrungsergaenzungsmittel/wenn-der-urin-ploetzlich-bunt-wird-27759

Konsequenz aus diesem Text ist, dass ich von nun an auf neon-gelb und grün zuarbeiten werde. Bevor ich einen YouTuber frage, schaue ich mal, ob Tomatolix schon was dazu hat. Bekanntermaßen ist er eine Koryphäe der Selbstexperimente, zumindest in YouTube Deutschland. Er hat unter anderem unterschiedliche Drogen für uns ausprobiert und auch eine Woche lang nur Saft oder Kaffee getrunken oder nur ein Outfit getragen. Der Mann ist für diesen Test genau der Richtige.

Hab denen Mal eine Mail geschrieben. Mal sehen, das Ergebnis nehme ich gerne auf meine Kappe.

Ciao amigos

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Unzivilisiert, wild und triebgesteuert – der Mensch

04.November.20

Fassungslos, schockiert, müde und fertig? Es gibt noch kein Wahlergebnis, ein Kandidat erklärt sich zum Sieger und behauptet, dass der Sieg feststehe, es handle sich ansonsten um Wahlbetrug. 4 Jahre lang haben wir uns einen Menschen an der Spitze der noch mächtigsten Nation der Welt ansehen dürfen, wie er sich über spastische Menschen belustigt, pauschal Minderheiten beleidigt, Menschen herabwürdigt und schamlos lügt. Seine persönliche Wahrheit mit aller Macht intersubjektiviert. Zum Schaden und auf Kosten derer, die ihm nicht nützen.

Ein Clown, so dachte man anfangs, ein Narzisst, den könne man nicht ernst nehmen. Ich hab ihn schon immer ernstgenommen, denn aus welchem Grunde sollte man davon ausgehen, dass gesunder Menschenverstand und Vernunft noch funktionieren? Das haben sie im Grunde nie.

Der Zerfall ist längst da, er war nie weg. Auch dann nicht, wenn man von dortiger Barbarei und hiesiger Zivilisation spricht.

Das sind Labels, die wir uns als Gesellschaft geben, aber auch nicht mehr als das.

Scheinbar sind große Teile der menschlichen Bevölkerung nicht mehr willens, sich an bisher funktionierenden Konsens zu halten. Es ist ok, dass auch der soziale Konsens und Gesellschaftsverträge sich verändern – aber viele dachten lange, es ginge auch ohne Unterdrückung, ohne Blutvergiessen, ohne Drohnenmorde, Giftmorde oder Völkermorde. Es geht nicht. All dies findet statt, permanent eigentlich. Nur glücklicherweise ist es bisher recht fern von uns gewesen.

Europäische Werte, Menschenrechte. Wohlgemeinte einende Konzepte, aber gleichzeitig auch Konstrukte, die gerade einen Umbau erfahren, einen degenerativen Abbau. Abtreibungsgesetze, Nationalismen, Abschottung und nicht zu schweigen von Kriegen. In diesem Gewand kommt die Demontage. Bergkarabach und die Ukraine sind nicht weit.

Etwas weiter weg Syrien, Sudan, Rohingya, beispiellos.

Man sieht es an der Gewalt, an Coronamaßnahmen-Gegnern, die mit Gewalt völlig unbeteiligte Menschen beschimpfen, beleidigen, bedrohen und schlagen. Weil sie anders denken, weil sie sich zur Wehr setzen wollen gegen einen Angriff, den der andere Teil beim besten Willen nicht sehen kann. Sie sind laut, sie kennen keine Hemmschwellen, lassen alles raus.

Die sozialen Medien verändern uns – Möglichkeit und Gefahr.

Es ist die Rede von der Radikalisierung der Pole. Der Radikalisierung der Gesellschaften. Neulich habe ich einen Beitrag auf Arte über evangelikale Christen gesehen. Er war lang und ausgewogen berichtet. Alles, was ich dort sah, zeigte mir noch deutlicher, in welcher Welt wir eigentlich leben. Radikale Christen, radikale Muslime, radikale Hindus.

Die Radikalisierung macht auch vor meinem eigenen Umfeld, meinem eigenen Haus kein Halt. Meine Mutter ist Mitglied einer christlichen Gemeinde. Seit Beginn der Coronazeit sind viele Messen Zuhause per Fernschaltung oder Telko abgehalten worden. Wenn ich mal dabei saß, bin ich vor Schock fast erstarrt. Ekstatisch und voll Zuneigung und Begeisterung preist sie zusammen mit den anderen den Herrn. Und das mindestens täglich.

Im vergangenen Jahr war sie noch gläubig. Nun ist sie auf jeden Fall deutlich mehr als nur gläubig. Und sie ist nicht die Einzige, ich kenne viele Mütter denen dies widerfährt. Alles wird in Gottes Hände gelegt und sie vertraut auf ein gottgefälliges Leben. Der Arte-Beitrag zeigte auch, wie in einigen Gemeinden das gesamte Leben dem Glauben folgt und natürlich hat Gott auch einen Messias gesandt, der als Politiker erscheint, um alle zu retten. 

Nicht nur die Grenzen des Sagbaren haben sich verschoben, auch das Denkbare lässt noch mehr zu. Nicht zu schweigen von den Handlungen – erschossene Politiker, geköpfte Lehrer. Ich könnt kotzen.

Auf den Punkt brachte es bei der oben erwähnten Reportage ein sog. Latinowähler für den republikanischen Kandidaten, dessen noch lebende Eltern erst eingewandert sind: Wir haben uns hier alles aufgebaut und hart gearbeitet. Ich liebe Mexiko, aber die anderen sollen dort bleiben. Hinter mir die Grenzen dicht bitte.

Die Wahrheit ist – wir haben keine Demut und keinen Respekt voreinander.

Die Wahrheit ist – wir denken nur an uns selbst.

Die Wahrheit ist – wir wollen nichts teilen.

Wir sind egoistische, egozentrische Heuchler. 

Was ist mit den Werten der der Aufklärung passiert? Vernunft, Wissenschaft, Pragmatismus? Stattdessen Ideologien, welche mit radikalisierten Vorurteilen Toleranz in jedem Diskurs obsolet machen. Menschlichkeit wegradieren. All die Rechte und Freiheiten, gewonnen aus vergangenen Revolutionen und Blutvergiessen, auch das obsolet. Eigentlich nicht verwunderlich, denn der Mensch an sich vergisst gesellschaftliche Ereignisse schnell. Damit fällt eine Einordnung in einen Wertkontext immer wieder schwer. Es wird einfacher, Meinungsmachern zu folgen und das Denken outzusourcen.

Nicht nur die Religionen, alles wird zu einer Glaubensfrage. Ernährung, Stil, welche Sendungen man schaut. Erst heute lese ich in der Zeitung von einem Arzt, der im TV Tipps für eine starke Lunge gegeben hatte. Er wurde bedroht, bepöbelt, beleidigt. Nur weil die Täter nicht an den Coronavirus glauben. Man kann es drehen und wenden wie man will, Fakten haben ihren Absolutheitsanspruch verloren. Das war schon vor der letzten USWahl so und hat in den letzten Jahren durch die Beschleunigung und mithilfe sozialer Netzwerke richtig an Fahrt aufgenommen. Fake News wohin das Auge blickt.

Die sozialen Medien verändern uns, Möglichkeit und Gefahr.

Aber: 

Differenzierte Betrachtungen sind – out.

Lange Texte lesen – out.

Seine Aufmerksamkeit gezielt widmen – out.

Wohlwollendes Aufeinanderzugehen – out.

Wir lassen uns als Einzelpersonen von unseren digitalen Tools und unserem digitalen Lifestyle verkonsumieren. Als Gesellschaft lassen wir uns von den modernen digitalen Fortschritt beherrschen und bilden uns ein, wir hätten die Macht und Kontrolle darüber. Hacker, Botfabriken, soziale Kontrolle und Überwachung – man braucht bloss in Richtung des Landes der aufgehenden Sonne zu blicken, wie die Moderne auch aussehen kann. Eigentlich muss man gar nicht so weit blicken: Nur eine mittelprächtige Recherche zum Thema Algorithmen würde erklären, was hier und heute vor sich geht.

Wo Unrecht zu Recht wird – wird Widerstand zur Pflicht.

Wir werden uns wohl erinnern, wenn es wieder zu spät ist oder sagen wir, für uns wiedermal zu spät ist. Denn weltweit ist es wohl immer wieder mal zu spät, übrigens alles im Namen des Kapitalismus.

Ich möchte die Ereignisse und Entwicklungen weder verteufeln noch beschönigen. Nur festhalten – diesen Moment. Er könnte rückblickend entscheidend für etwas sein, was wir noch nicht wissen.

Wir schreiben schliesslich jeden Tag Geschichte(n).

Ein ernstes Ciao Amigos 

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Selbstgespräche im Homeoffice

03.November.20 

Wir hängen wieder im Homeoffice. Zuhause bleiben ist auf Dauer ermüdend.

Wir, das sind ich und ich. Manchmal nehme ich das so wahr, schliesslich kann ich ja auch mit mir selbst reden.

Selbstgespräche haben sich schon mein Leben lang als sehr unterhaltsam erwiesen. Früher stand ich beim Zähneputzen vor dem Spiegel, entwickelte abstruse Gedanken und lachte mich selbst scheckig über meine eigenen Vorstellungen.

Und das war nicht bloss ein nettes Lächeln, nein, manchmal eskalierte es sogar soweit, dass ich hinterher Bauchweh hatte. Und dann ermahne ich mich immer wieder dazu, meinem Gebaren Einhalt zu gebieten. Es reicht jetzt! Ist genug! Etwa beim exzessiven Grübeln, dann muss ich es mir selber laut sagen.

Lachen ist Balsam für die Seele. Dabei handelt es sich zwar um eine Binsenwahrheit, aber man kann es trotzdem nochmal schreiben. Ich war in den vergangenen Tagen so lost in meinem Kopf. Etwas durcheinander, angestrengt von mir selbst und etwas ratlos. Allerdings gab es keine offenen Fragen. Nur sehr viel, was passiert. Wahlen, Anschläge, Corona. So für einen Tag kann das schon eine Menge sein und schön sind diese Themen ohnehin nicht. Da kam es mir recht gelegen, dass Jölle sich gestern mit einem unverschämten Spruch gemeldet hat. Ich rief sie daraufhin an. Für die nächsten 3 Stunden. Und was haben wir gelacht. Ausschließlich über Blödsinn. Lachen ist Balsam für die Seele. Plötzlich wusste ich wieder, was geht und wer ich bin und fühlte meinen inneren Kompass neu ausgerichtet.

Übrigens, ich hab öfter von Menschen gehört, es sei auch ein ziemlicher Luxus, Homeoffice machen zu dürfen und es gab Unverständnis darüber, dass im Homeoffice Arbeitende sich ab und an beschweren über das Homeoffice. Es hat seine Vorteile, aber es hat auch Nachteile und beide Seiten hätten schwerpunktmäßig etwas mit der Tätigkeit und der Persönlichkeit und Arbeitsweise des Betroffenen zu tun. Für mich sind die Tage im Büro super, aber ich schätze auch die Möglichkeit auf den Arbeitsweg verzichten zu können. Bei diesem Gedanken wollte ich auf den Punkt hinaus, dass man wahrscheinlich den Neid auf die Möglichkeit des Homeoffice-Arbeitens erst dann ablegen können wird, wenn man selbst diese Möglichkeit hat(te). 

Und so ist es wahrscheinlich mit vielen Lebensaspekten; Dinge, die man nicht kennt oder mit denen man keine Erfahrung hat, kann man kaum beurteilen. Man kann lediglich seine Ahnung und Vorstellung davon teilen. Erst in der Situation selbst entwickelt sich eine Erfahrung, die aber dann wiederum nur subjektiv limitiert ist.

Wenn man aber dann auch noch Freunde hat oder andere Gleichgesinnte mit ähnlichen Erfahrungen, dann kann die Erfahrungen in Teilen intersubjektiv werden. Aber es wird niemals objektiv. Deswegen ist es fast unmöglich bestimmte Handlungsmotivationen anderer Menschen nachvollziehen zu können und mittlerweile versuche ich mich deswegen aktiv darin nicht mehr zu urteilen.

Urteile und Einordnungen helfen uns, uns in dieser Welt zurechtzufinden, oft aber auch nicht und man kann es wirklich übertreiben. Es ist eine spannende Übung, die Dinge, Situationen, Menschen einfach sein zu lassen. Gewähren zu lassen. Aktiv.

Wie komm ich nun überhaupt darauf? Ich glaub, ich erwische mich oft dabei, meine Gedanken auszusprechen – für mich – für andere. Und meine Zunge ist so schnell. In etwa so schnell wie wenn Lucky Luke seine Pistole aus dem Halfter zieht. Superschnell, ich komme manchmal mit meinem Bewusstsein gar nicht hinterher. Ich merke dann hinterher erst, was ich gesagt hab.

Bisweilen recht impulsiv. Impulskontrolle – noch so ein Wort, für den Psychologen fast schon ein Trigger, um postwendend einen pathologischen Befund zu notieren. Das ist noch normal bei mir – sag ich mal so.

Selbstgespräche kann mal im Kopf oder selbstverständlich auch lautsprachlich führen. Ich frag mich gerade, ob gebärdende Menschen auch manchmal ein Selbstgespräch führen oder zumindest unterbewusst dazu ansetzen. So wie man bspw. sauer wäre und die Faust in der Taschen ballen würde oder so. Wenn ich spazieren bin und mich in Gedanken verliere, dann muss ich oft auch lächeln.

Wir wissen ja auch dank der heutigen Wissenschaft, dass Freundlichkeit gespiegelt zum Zurücklächeln führt. Oder habt ihr schonmal ein richtig lustiges Buch gelesen (sagen wir mal als Kind und sagen wir mal das Sams) und dann richtig laut lachen müssen? Da kann ich nicht in mich reinlachen, das muss raus. Aber funktioniert das eigentlich nur, wenn es echt ist? Ist es nicht so, dass wir gespieltes Lächeln identifizieren und als kälter wahrnehmen können? Ich spreche jetzt nicht von einem kalten, bösen Lächeln. Aber wenn jemand zum Beispiel unauthentisch, unehrlich lächelt, nicht aus Freude, Beschämung, guten Gedanken oder weils einfach lustig ist. Nehmen wir das im Normalfall wahr oder gelingt es den meisten Menschen, es als opportunistisches, manipulatives Lächeln zu identifizieren.

Ich mag Gesichtsbeobachtungen und bei dem opportunistischen Lächeln musste ich grad an meinen Vater denken. Möchte ich mit meinem Vater ein Selfie machen, dann spielt er natürlich sein Lächeln. Und weil ich keine professionelle Bitte-Lächeln-Animatrice bin, mache ich ihn darauf aufmerksam in etwa mit: Papa, lach doch mal.

Heraus kommt eine völlig überzogene Lächelgrimasse – sehr künstlich und die Situation löst sich meist darin auf, dass wir uns über das Ergebnis amüsieren.

Neulich ist mir im Homeoffice Folgendes passiert: Ich hatte ein Gespräch bei Teams. Es war vorbei, aber ich hab den virtuellen Raum nicht verlassen. Dann hab ich mit mir selbst gesprochen, E-Mails kommentiert, etwas wirres Zeug, bin durch die Wohnung gelaufen und hab dann erst festgestellt, dass ich noch im Raum war. Zum Glück keiner sonst ausser mir. Aber umgekehrt habe ich oft noch Kollegen nach dem Call unfreiwillig vernommen. Beim rumräumen, eine rauchen oder sonst was. Das kann lustig sein, aber irgendwie war das mit Skype anders. Da merkt und reagiert man eher, wenn das Gespräch beendet ist. 

Ich warte nur darauf, dass man das Abmelden vergisst und es zu einer komischen Situation kommt. Ein Kandidat dafür wäre ich mit meinen Selbstgesprächen allemal. Ich würde es einfach Weglachen – schliesslich ist Lachen Balsam für die Seele.

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Der Schnellzug ins Wochenende

18.Oktober.20

Der Oktober vergeht so schnell, wie er begonnen hat. Er bleibt nicht.

Wenn morgen die Arbeitswoche mit dem Montag beginnt, setze ich mich rein in den Zug Richtung Wochenende und mein Eindruck ist, er fährt so 300kmh.

Es besteht keine Möglichkeit, sich ausgiebig die Gegend anzusehen. Man bleibt im Zug und die nächste Haltestelle ist wieder Wochenende, dann ist der Oktober auch beinah vorüber. Wochenenden sind schön, aber in diesem Kontext nur eine Verschnaufpause. Ein kurzer Umstieg in die Regionalbahn nur um Montags darauf wieder Fahrt aufzunehmen. Unbefriedigend.

Es folgt der November mit der unsäglichen Schicksalswahl in den USA. Danach kann man viel aufzählen, was aller Wahrscheinlichkeit nach coronabedingt nicht oder sehr eingeschränkt stattfinden wird.

Konzerte, Martinszüge, Weihnachtsmärkte und so. Stattdessen werden wir emsig dem Aufruf der Kanzlerin folgen und weitgehend zuhause bleiben.

Auch gute Dinge werden passieren, wie die Zeitumstellung. Die kommt sogar schon vor dem November, meine ich. Und ich freue mich sosehr auf diese Mehrstunde, ich plane zusätzlich noch mehr zu schlafen. Damit ich mich maximal ausgeruht fühle und weil Schlafen einfach Hammer ist.

Obwohl wir noch nicht nach 12 Uhr haben, habe ich vorhin einen Keks gegessen. Haferkeks zartbitter.

Außerdem vor Kurzem auch ein Stück Fleisch – tatsächlich. Und während ich das schreibe, springt in meinem Kopf der Bock des Vorwurfs umher, shame on me. Ich bin versucht, diese Aussage zu löschen. Ich tue es nicht.

Der Schlendrian hat sich eingeschlichen. Schwermütig, mit vielen Kilos und penetrant hat er sich wieder in mein Leben geschmuggelt. Wo sind die guten neuen, harterarbeiteten Gewohnheiten hin? Ja, ich hab sogar wieder geraucht zwischendrin! Ich weiss nicht, was passiert. Der Schlendrian ist soooo, doof ey. Was will der eigentlich? pfff. Monatelang, ja fast 1 Jahr konnte ich mich anstrengungslos an meine selbstauferlegten Regeln halten, nur um gegen Jahresende zu schludern, ein klares NEIN dagegen. 

Hiermit nehme ich mir vor, in der kommenden Woche gar keine Ausnahme zu meinem Nichtrauch-Vegan-Achtsamkeitsgebot zu machen. Und wenn der Schlendrian auch nur mit seinem Gesicht um die Ecke blickt, boxe ich ihn weg.

Als ich gestern Abend heim fuhr, lief im Auto auf Deutschlandfunk Kultur Richard David Precht im Interview. Ich nehme an, es war wieder ein Interview anlässlich seines Buches (Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens). Sobald ich in der Wohnung war, machte ich mir zum Spülmaschine ausräumen, Lebensmittel einräumen und Wäsche aufhängen, YouTube an und es wurden mir gleich 3 Videos mit Richard David Precht angezeigt. Zugegebenermaßen höre ich bisweilen gerne seine Ansichten, weil er dank seiner Popularität es geschafft hat, Philosophie von einem Nischendasein in die Mitte zu rücken.

Weil also der Algorithmus sowie der Zufall ihn mir wiederholt aufgedrängt haben, beschäftigte ich mich eingehend mit ihm. Ich feier, was er in sehr authentischer Popstar-Manier für die Philosophie getan hat. Gleichzeitig kenn ich auch zahlreiche Menschen, die ihn überhaupt nicht ausstehen können.

Zu arrogant, zu oberflächlich, zickig. Das sind zumeist andere Intellektuelle, die, sagen wir, heute keine große Bühne haben. (richtig, lest gerne mal die Definition nach – Intellektuelle ) Aber mit seinem Standing und seinem Erfolg ebnet er den Weg für andere Philosophen und mich macht das unglaublich froh.

Es scheint zu einer Renaissance des kritischen Denkens gekommen zu sein.

Einer Wiedergeburt im coolen Style, angestrengter Denkerfalte und weissen Sneakers. 

RDP kommt wahrscheinlich so gut an, weil er sehr authentisch ist/wirkt. Er bleibt bei sich und biedert sich nicht an.

Nach meinem Schulabschluss zog es mich an die Uni Wuppertal in den Fachbereich Philosophie. Klar, das war zu dem Zeitpunkt eingestaubt und strange, man sah es an den Kommilitonen und den Professoren. Viele ungepflegte Nerds, graue Menschen, absolute Aussenseiter und eine überragende Männerquote. Der Fachbereich war klein. Aber die Vorlesungen, Seminare und Kurse waren toll. Oft haben wir über die Zeit hinaus in den Räumen gesessen und Fragen geklärt, selbst in den Pausen und draussen, haben wir weiternachgedacht. Die Philosophie ist meiner Meinung nach schon immer die grundsätzlichste aller Geisteswissenschaften gewesen und damit auch die Basis für andere Wissenschaften.

Die Kunst des Denkens an sich, frei und ohne vorgegebene Bahnen, die Kunst vorgegebene Bahnen verlassen zu können und die eigene Vorstellungskraft zu erweitern – das ist für mich Philosophie, die Mutter des kritischen Denkens. Klar, damals hiess es, es wäre eine brotlose Kunst und auch die Tatsache, ein Philostudium gemacht zu haben, macht einen nicht direkt zum Philosophen. 

Aber ich denke, es macht einen zu einem besseren Entscheider, zu einem demütig umsichtigeren Denker und zu einem reicheren Menschen (nicht monetär). Dies alleine schon aus dem Grunde, dass man Distanz aufbauen kann, zu der Tatsache, dass heute gängige Theorien objektive Gesetzmäßigkeiten beschreiben würden.

So wünschte ich mir mehr Wertschätzung für die Mutter der Akademia und das schafft Richard David Precht und er schafft auch den Spagat, es populärwissenschaftlich erklären zu können und so ein breites Publikum mitzunehmen. Ja, ganz ehrlich, ich weiss das sind höchstemotionale Lobeshymnen und Überzeugungen, aber es macht mich glücklich, weil es mich final in der Wertung bestätigt, was wirklich wichtig ist und zählt.

Die Rechtswissenschaften beispielsweise, hab ich rückblickend gerne gelernt. Aber genau so wie die Wirtschaftswissenschaften sind sie systemimmanent und systemerhaltend. Sie erlauben es nicht oder nur ganz selten, dass man sie grundsätzlich in Frage stellt, weil man damit im Grunde ihre Daseinsberechtigung untergraben würde. Es sind Disziplinen, die dem Geschehen hinterherlaufen. Sie versuchen dann im Rahmen der Gegebenheiten und der aktuellen Leitlinien bzw. des politischen Willens das Bestehende und das Neue innerhalb der Disziplin zu ordnen.

Als Beispiel für ReWi: neue Kriege. Und für die Wirtschaftswissenschaften: Wirecard. 

Kurzum ließe sich auch behaupten, dass bestimmte Disziplinen innerhalb der Philosophie die Freiheit zu Denken, sich Vorstellungen zu machen maximal erlauben und sie damit ein Potential aufweist, lange vorher nach Antworten zu suchen und Fragen zu stellen, mit denen sich dann auch die Fachdisziplinen auseinandersetzen können. Denn am besten ist dies an RDP’s Lieblingsthema KI zu sehen: Die Macher und die Firmen, die diese technischen Innovationen vorantreiben, haben ein wirtschaftliches Interesse im Sinn, nicht aber das Wohl einer Gesellschaft und darin liegt das Grundübel.

Es gibt wenig Anreize, diese Konzepte komplett zu durchdenken, zumeist verfolgt man auch den Ansatz: Einfach mal machen und dann mal gucken.

Aber manche Entwicklungen sind nicht zurückzudrehen. Das Paradebeispiel für mich, ist die Wirkung der sozialen Medien. Es gibt viel Wissen und auch Forschung, aber dies führt nicht dazu, dass der Großteil der Benutzer damit kompetent und souverän umgehen kann. Und so bin ich mir für meinen Teil recht sicher, dass die Hysterie und die extremen Polarisierungen der Gegenwart viel mit der Welt – To-Go in der Hosentasche zu tun haben.

Kurzum, wenns läuft, ist die Philosophie nicht so wichtig, wenn’s aus Sicht von vielen immer weniger läuft, dann wird sie relevanter. Krisen und Strukturwandel sind Langzeitereignisse mit mehrdimensionalen Folgen.

Ob ich das Buch von RDP noch lese? Ich weiss es nicht, möglicherweise.

Momentan bin ich sehr glücklich mit Sally Jones von Jakob Wegelius – Bericht folgt.

Ich muss den Schlendrian jetzt suchen und ihm klarmachen, wer hier das sagen hat. Dann setze ich mich ins Bahnhofscafé, weil morgen früh der Zug ins nächste Wochenende fährt.

Ciao amigos

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Traurig sein für Anfänger

19.Oktober.20

Die Traurigkeit legt sich wie ein dunkler Schleier über den grauen Regentag – ein Entkommen scheint mir unmöglich.

Bis abends hin komme ich nicht aus ihr heraus. Ein schwerer, steifer Ledermantel, der einen vollkommen umhüllt.

Ein Gespräch mit lustigen Kollegen, ein lustiges Gespräch mit Kollegen? 

Der Strohhalm, an den ich mich klammere. 

Wie gehts es uns heute von 1-10? Die anderen bewegen sich zwischen 7 und 9. 

,,4,8“, lautet meine schwermütige Antwort. 

Entsetzen, die Reaktion der anderen.

Ich bin müde, weiss nicht wohin mit mir. Die Fröhlichkeit kann sich nicht auf Knopfdruck einstellen, nicht wie sonst.

Nicht durch Essen, nicht durch lustige Kollegen, nicht durch tanzen; einfach nicht.

Mama ruft an: „Wie gehts dir?“

,,Nicht so gut.“ 

,,Oh, was ist denn passiert?“

,,Nichts, ich bin traurig heute.“ 

,,Nein, du musst doch nicht traurig sein, du bist doch gesund und hast Arbeit! Du hast doch keinen Grund.“

,,Boah, Mama!“

,,Ja, stimmt doch. Es fehlt vielen Menschen an Gesundheit.“

Ich weiss, es stimmt, aber ich kann es nicht fühlen. Ich kann mich nicht freuen, nicht die Dankbarkeit empfinden.

,,Es wird schon wieder besser gehen und das, was fehlt wird zu dir kommen.“

,,Danke, liebe Mama.“

Ich habe keine Lust, mir was Leckeres zu kochen.

Keine Lust, mich ans Klavier zu setzen.

Keine Kraft, mich aufzuraffen zum Sport.

Keine Kraft für Yoga.

Einfach nein.

Draussen hat es etwas aufgeklart. Obwohl ich für den heutigen Tag noch nicht fertig bin mit der Arbeit, möchte ich vor Sonnenuntergang raus. Ich möchte spazieren in der Dämmerung.

Ich ziehe mich an. Pack mich ein.

Laufe raus.

An der Rheinpromenade ist viel los. Radfahrer, Fussgänger, Kinderwagen schiebende Mütter. Schlendernde, Raser oder Interessierte, die immer wieder mal stehenbleiben. 

Das Wasser ist ruhig, die Wasseroberfläche wirkt wie ein ruhiges Bild mit der Tüte aus den Augsburger Puppenspielen.

Ein Mann kommt mir entgegen – er lächelt.

Die innere Müdigkeit legt sich wie eine Gipsmaske auf mein Gesicht; zieht es runter. Ich glaub, ich sehe sehr alt aus.

Es tut gut, draussen zu sein. Zu gehen und sich zu spüren. Den Wind zu spüren, Menschen zu sehen.

Lange habe ich mich so nicht gefühlt, ich bin für gewöhnlich eine Hubba-Bubba-Frohnatur.

Ich rufe einen guten Freund an, einfach so. Er ist einer der wärmsten und lustigsten Menschen, die ich kenne.

Es klingelt. Ich bange kurz – geht er ran?

In unserer arbeitswütigen, modernen Welt ist es bisweilen nicht leicht, Freunde spontan zu erreichen.

Er meldet sich. Darüber freue mich ins Unermessliche. Er schafft es, mich abzuholen. Ich lass mich drauf ein. Wir sprechen – schon gehts besser.

Unterdessen ist es dunkel geworden. Die Promenade leert sich. Ich begegne nur noch ambitionierten Joggern und schnellen Radfahrern in regenfester Kleidung.

Er muss nun was bei sich im Garten erledigen. Wir beenden das Gespräch.

Zwischendurch hab ich einige Anrufe bekommen.

Ein letzter Blick zum Himmel, auf den Spiegel des Wassers und den Horizont.

Mone ruft an.

Ich gehe das Treppenhaus hoch, in der dritten Etage verkrampft mein Unterleib. Ich spüre etwas. Mein Körper ist für einen kurzen langen Moment ein Schmerzkrampf.

Ich wuchte mich hoch in die Wohnung. Mir fällt ein, Eisprung, es ist wieder so weit.

Mone hat Ahnung. Sie sagt: „Es ist voll ok. Brauchst gar nicht dagegen anzukämpfen, es ist ok“. 

Sie sagt: „Es tut mir leid, dass du traurig bist“.

Ich fühl mich verstanden – ernstgenommen.

Ich bin dankbar und freue mich, ich bin nicht allein.

Später erinnere ich mich, dass ich schon länger merke, dass mir etwas fehlt.

Extremer Eisenmangel, Vitamin D und fleischlose Ernährung, großer Blutverlust bei Periode. Ich mach dann mal ein großes Blutbild.

Ciao amigos 

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Lara zieht weg

18.August.20

Noch geniesse ich die samstägliche Morgenruhe auf dem Balkon, halte Ausschau nach aggressiven Wespen, die mir in den Mund fliegen wollen und fühle mich ein in die Morgenruhe.

Ein Kind spricht leise in naher Ferne, von weit her hört man Motorengeräusche, Vögel und den raschelnden Wind in Blättern der Buchen und Ahornbäumen in dem Balkon-U. Im Innenhof hat ein Nachbar seine Garage offen stehen und ist darin wie so oft verschwunden. Ich höre nun Frühstücksgeschirr und Sekunden nachdem der Wind in den Baumkronen laut war, spüre ich ihn auf meinem Gesicht. Durch die graue Wolkendecke kämpft sich neckisch die Sonne hindurch, es fühlt sich an wie im Urlaub.

Den ich ab jetzt übrigens habe. Eine Woche intensiven Genuss. Keine Eile, keine Verpflichtungen, nur mehr Möglichkeiten. 

Ich räuspere mich und es hallt intensiv wider. Es ist wirklich noch still, der frühe Vogel halt. Gestern gab es einen starken Regenschauer und weil die Luft nach Regen besonders gut sein soll und sich in meiner Wahrnehmung zumindest auch immer so anfühlt, bin ich direkt spazieren gegangen. Spazieren ist ja mein neues Hobby, man könnte es auch Spazierwandern nennen, wenn aus dem Spaziergang plötzlich 20 km werden. Aber ja, ich finde das toll, das Gehen kann in seinen Geschwindigkeiten sehr variieren, aber ich komme immer mit. Ich kann immer anhalten, innehalten und festhalten. So war ich also gestern Abend spazieren mit meiner Freundin Lara.

Lara hat in 2020 viel erlebt. Es ist das Jahr eines Umbruchs. Trennung und dann ganz viele Fragezeichen. Jetzt zieht Lara nach Berlin. Zweimal hab ich mich während unseres Gesprächs gestern gefragt, warum sie das denn nun macht. Ich kam nicht drauf, schliesslich haben wir drüber gesprochen. Lara hat ihre Arbeit gekündigt und will ihre Zelte abbrechen.

,,Lara, hm, aber warum denn jetzt eigentlich? Ich finde es super, dass du intuitiv spürst, dass dies die richtige Entscheidung ist und ich freue mich für dich und vertraue dir darin sehr – aaaaber …“. So ging das dann. Und Lara grinste nur und antwortete darauf sowas wie: ,,Ja, die meisten Leute ertragen es nicht, dass ich diese Entscheidung scheinbar in Ermangelung eines Grundes treffe.“ 

Die Sache mit den Gründen ist ja so. Natürlich kann jeder und jede tun und lassen, was er und sie will. Aber wenn man zum Beispiel umzieht, dann geschieht das meist aus einer der bekannten, üblichen Motivationen heraus. Job oder Liebe. Bei Lara ist das anders. Sie will einfach eine Veränderung. Sowas wie: Man könnte ja auch die Räume neu streichen oder sich ein neues Hobby suchen. 

Lara aber möchte die totale Veränderung. Find ich ja schon super und vor allem sehr spannend. Wohnung suchen und Job suchen, wird interessant und zweifellos erfolgreich.

Im Coronajahr ist wirklich viel Aufbruchsstimmung um mich herum. Viele ziehen um, wechseln Jobs, lernen neue Dinge oder haben neue Partner. Vielleicht nehme ich das aber selbst nur so wahr, weil es auch mich nach einer Veränderung dürstet. Ich hab vor, mein Leben so zu verändern, dass ich das Gefühl habe, ich führe nun ein anderes Leben. Bisher ist mein Leben toll, das haben wir auch gestern noch konstatiert. Wir leben in einem Land, welches uns viele Freiheiten gibt. Wir geniessen einen hohen Lebensstandard, namentlich eine gute medizinische Grundversorgung und es gibt keinen Mangel in der Lebensmittelversorgung und vor allem auch keine kriegerischen Auseinandersetzungen auf diesem Gebiet.

Trotzdem, ich benötige einen Wechsel. Neue Menschen, neue Herausforderungen, neue Bilder. Kann aber auch sein, dass das alles Quatsch ist. Kann ja auch sein, dass, wenn man sich so verändert, sich ja gar nichts zum Positiven wendet oder dieser Durst nach Veränderung gar nicht gestillt werden kann. Kann sein, dass sobald sich eine Routine einstellt, alles gleich ist, weil wir selbst ja immer dabei sind und deswegen möglicherweise auch immer der gleiche Film läuft. 

So viele „Vielleichts“ und Möglichkeiten. Das spanische Wort für vielleicht – Quizas, finde ich wortmalerisch wunderbar treffend. Es ist eine beinah melancholische Annahme eines großen Zweifels, welches die Fülle aller Möglichkeiten zwischen dem I und dem A als Extreme umfasst. Und sehnsüchtig auf dem Weg dahin, sich dem Quizas anzunähern, egal ob zum I oder zum A, feststellen zu müssen, dass es sich immer weiter entfernt, wie eine Fatamorgana oder kleiner wird, wie ein Scheinriese. 

Es gibt schliesslich keine Antwort und keine Lösung. Es gibt nur, was es gibt.

Ich streiche mir mit der linken Hand auf den rechten Arm. Meine Härchen haben sich in der Sonne aufgehellt und meine Haut empfinde ich als sommerlich gesund und schön. Ich muss auch einbisschen grinsen, immerhin gibt mir das Freude wieder. Ich höre im Bad nebenan, dass man sich die Nägel knipst. Super, ich find Nagelscheren ohnehin ausgesprochen unnötig und komisch. Linkshänder, Rechtshänder und am Ende hat es nicht geklappt.

pfff. Unter meinem Achseln bildet sich am T-Shirt ein Wärmestau, ich schwitze ein wenig. Ich möchte duschen. Als ich gestern geduscht hab, hat die Frische gerade mal 20 Minuten angehalten. Es hat mich frustriert.

Über das „Vielleicht“ hab ich noch nicht sinniert. Noch nie. Dabei habe ich das Gefühl, würde ich nun mittels eines Analysetools oder selbst nur zählen, wie häufig ich es verwende, feststellen, dass dies sehr oft ist. Warum auch nicht?

Es ist ja nichts sicher, auch wenn viele das gerne so hätten und sich wünschen. Vieles ist möglich, sehen wir ja zuletzt an Corona. 

Manchmal habe ich den Eindruck, dass wenn ich auch schon vor Corona Zweifel an den Grundfesten der gesellschaftlichen Konstitution und Organisation äußerte, meine Mitmenschen mit Ablehnung und Angst reagieren:

Wie? Geld verdienen könnte in einem anderen Funktionskonzept nicht funktionieren?

Wie? Mit den berechtigen Zweifeln und dem Stand der Wissenschaft umgehen, könnte nicht sein?

Massenmanipulation? Ja, kenn ich aus der Werbung, aber es soll auch überall sonst stattfinden, wo die Öffentlichkeit in den Medien einen konsensualen Diskurs führt?

Die meisten Menschen haben Angst davor, feststellen zu müssen, dass einiges von dem, was als gegeben hingenommen und akzeptiert wurde, nicht so ist oder nicht so sein könnte. Eine andere Frage ist natürlich, was aus dieser Erkenntnis denn nun resultiert. Damit bestimmte Dinge funktionieren, muss man sich als Gesellschaft auf normative Verhaltensweisen und Definitionen einigen.

Zunächst zurück zum Wort „Vielleicht“. Der Duden, mein bester Freund, schreibt im Wesentlichen, es handele sich um ein relativierendes Adverb. Dem stimme ich soweit zu, zur Herkunft aber schreibt der Duden:

Herkunft: spätmittelhochdeutsch villīhte, zusammengerückt aus mittelhochdeutsch vil līhte = sehr leicht, vermutlich, möglicherweise

Das stellt mich jetzt ehrlich gesagt nicht zufrieden. Die „sehr leicht“ Bedeutung ist nachvollziehbar, aber wieder bleibe ich mit mehr Fragen als Antworten zurück. Ich checke mal die nächste Quelle. Wikipedia schreibt von Künstlern, deren Lieder oder Filme mit vielleicht tituliert sind, wahlweise mit einem Ausrufezeichen oder einem Fragezeichen oder so. Und Achtung von der sogenannten verbalen Rating-Skala. Diggäh, ich hätte jetzt gern einen Brockhaus.

Nachdem ich diesen Artikel von Wikipedia gelesen habe, weiss ich nun, es gibt auch eine numerische Rating-Skala und eine sogenannte visuelle Analogskala. Interessant. Die Experten auf den entsprechenden Gebieten wissen Bescheid.

Das Wort vielleicht behalte ich von nun an im Blick. Eine historische und am Wort orientierte Auslegung ist mir am liebsten.

Mittlerweile habe ich mich reingesetzt. Die Sonne ballert nun richtig auf die Haut und das Schwitzen erreicht einen neuen Höhepunkt. Der graue Himmel enttäuscht mich, er sorgt so gar nicht dafür, dass es angenehm und erträglich ist. Die vielen grauen Wolken sind schwache Fake-Wolken. Das ist wie bei einem zahnlosen Tiger. Egal, ich muss eh los. Einen Staubsauger wegbringen, den ich seit Wochen im Kofferraum habe und zu einer geheimen Quelle. Das zu meinem Samstag.

Ciao Amigos 

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Transzendenz und Zeitmangel

16.August.20

Es ist Sonntag, 9 Uhr und ich liege im Bett, radiohörend und tippend. Und ausserdem ist mir übel. Ich hab vorhin festgestellt, dass ein neuer Zyklus begonnen hat. Mein Körper fühlt sich seltsam an: kraftlos und komisch. 

Mein Klobesuch war begleitet von einem kurzen Moment der Resignation. Es fühlte sich an wie: „Ok, in Ordnung, ich hab keine Wahl“.

Wach bin ich schon länger, ich wollte schwimmen gehen. Heute um 9 Uhr hatte ich vor, Sprünge zu üben. Aber in Anbetracht meiner körperlichen Unfitheit und einer gewissen Unberechenbarkeit des Schmerz- und Übelkeitsverlaufes, entscheide ich mich für die warme Geborgenheit meines Bettes.

Diese Woche hat rückblickend einige Besonderheiten aufzuweisen und mir interessante Beobachtungen beschert, da sich sehr viel ereignet hat.

Ich war in Darmstadt, in Bielefeld, in Düsseldorf und komme mir vor, als wäre ich wirklich viel herumgekommen. Natürlich, wir befinden uns schliesslich im Jahre 2020, dem Jahr von Corona, von Covid-19.

Es ist aber bisher auch das Jahr, in welchem äußere Umstände die (digitale) Beschleunigung ausgebremst haben. Einige behaupten, nur für kurze Zeit. Ich indes sehe eine deutliche nachhaltige Komponente. Viele Menschen aus meinem Umfeld überdenken gewissenhaft und intensiv bisherige Gewohnheiten – ich denke, das ist schon viel.

In diesen Zeiten war ich ich also an diesen drei zugegebenermaßen, relativ unweit auseinander liegenden Orten und ehm, habe Dinge erledigt. Meine Arbeits- und Freizeit kann ich glücklicherweise flexibel abstimmen, sodass ich die Zeit optimal nutzen kann. Allerdings wird mir dadurch eine Art von Transzendenz deutlich. Es gibt keine richtige Trennung mehr von Zeit und Raum. Arbeitszeit und Freizeit, und Arbeit und frei können ebenso theoretisch an vielen Orten gleichzeitig exerziert werden. 

In Darmstadt war ich bei Menschen, die auch im Homeoffice gearbeitet haben, sodass wir uns zu dritt einen Co-Working Space gestaltet haben. Das fand ich super. Gleichzeitig habe ich oft abends (nach der Arbeit) neben meinem privaten Handy auch mein Diensthandy dabei und erwische mich dabei Emails zu lesen, Präsentationen anzusehen oder so. 

Je nachdem, welchen Job man hat, ob man eine kreative umfangreiche Aufgabenstellung verfolgt oder einfach eine Lösung für ein zwischenmenschliches Problem oder einen Konflikt sucht; oft gestaltet sich eine Lösungsfindung unterbewusst oder es kommt eben bei einer unerwarteten Situation oder eine klassischen Alltagssituation zu einer Lösung. Was bisweilen zu einer zeitnahen Umsetzung führt und somit alle zeitliche und räumliche Trennung aufhebt.

Es gibt fliessende Übergänge und in meinem Kopf scheint es auch keine Trennung der Bereiche mehr zu geben. Die Trennung liegt nur darin, dass ich sagen kann:. „Ok – jetzt lese ich diesen Artikel, oder jetzt musiziere ich lieber, oder ich fange heute später an, weil ich um 7 Uhr ins Schwimmbad gehen möchte“. Aber alles ist miteinander verbunden. Alle Tätigkeiten und Aufgaben bilden die Erwartungen meiner Außenwelt aber auch und vor allem meine eigenen Erwartungen an mich selbst. Neu ist – mir ist sehr bewusst, wie frei ich darin bin das zu gestalten.

Die Flexibilität und Entscheidungsfreiheit erlaubt mir, die Zeit so zu nutzen, dass ich sie selbst als maximal sinnvoll erlebe. Ich kann nicht mal sagen, ob die Voraussetzung dafür eine positive Assoziation mit dem Beruf und verbunden Aufgaben sein muss. Ich versuche mir allerdings auch Unschmackhaftes schön zu machen, damit ich mit Spass dabei sein kann und Spass ist ja unlimitiert – zumindest in meinem Kopf ist viel davon. 

Jetzt wird der eine oder andere denken: „Jaaaa, aber ich kann das nicht wegen ….“. Nein. Die Begrenzungen sind in unseren Köpfen und sonst nirgends. Mit seinen individuellen Möglichkeiten kann man sich Gestaltungswege finden. Aber zugegeben: Manche Menschen finden ohnehin immer Gründe und Ausreden, weshalb Dinge nicht gehen. Da komme ich nicht mit, ich bin ein eher aktiver „Möglichkeitensucher“.

Zwischendurch schlucke ich immer mal wieder viel Spucke – das ist die Kurz-Vor-Kotzen-Situation. Ich traue mich definitiv nicht, Kaffee zu trinken. Ein Glas Wasser versuche ich mal. Der erste Tage der Periode ist mit schrecklichen Erfahrungen verknüpft: Nächtelanges, tagelanges überm Klo hängen, zitternd vor Elektrolytmangel im Bett liegend, krümmend vor Schmerzen irgendwo sitzen oder im besten Fall – Ruhe haben und mit Scherzmitteln im Bett liegend, innerlich betend und bettelnd sofort einschlafen zu dürfen, um das alles nicht mitzubekommen. Viele Frauen kennen das. Aber Angst macht mir, dass es nicht immer gleich abläuft. 

Ein Hormonspiegel kann schwanken und somit auch die Ausprägungen der Periode.

Was sie auf jeden Fall macht, ist es mich zu entschleunigen. Bei anstrengenden Unternehmungen bin ich raus, bei festen Verabredungen bin ich auch raus – ich brauch da absolute Freiheit mit der Option jederzeit abhauen zu können und mich in mein Bett flüchten zu können.

Entschleunigung ist ein gutes Wort, vllt. das Wort der Stunde. Eines dieser Wörter, die vor Corona immer in Begleitung der Wörter Stress, Arbeit und Burnout einher kamen. Als Lösung, als Allheilmittel. Zusammen mit ihrer Schwester Achtsamkeit und deren besten Freundinnen Yoga und Meditation.

Ist ja wirklich so. Zumindest verdächtige ich die Medien und den modernen Sprech, es handelt sich um Sprachassoziationsketten a la mode. In der Werbung spricht man von so festen, als Zusammenhang feststehenden Wortpaarungen, kontextuell von Framing, im positiven Sinne. Aber das ist genau genommen nichts Neues.

Na, jedenfalls setzt das Bedürfnis nach Entschleunigung zunächst die Wahrnehmung eines beschleunigten Daseins voraus. Auch anders formuliert, dass das Individuum in seinem Dasein in einer Welt, die immer mehr verlangt (zum Beispiel Aufmerksamkeit), sich immer schneller dreht und uns auch immer mehr verwirrt, komplett überfordert ist und deswegen nach Langsamkeit lechzt. Nach Übersichtlichkeit; es kann ja noch alles erklärt und beschrieben werden, aber wann soll man das denn alles verstehen können?Es fehlt einfach an Zeit.

So schrieb ich ja bereits in der Vergangenheit davon, dass ich mir bspw. meine Samstage frei von Verabredungen halten wolle. Und so gerne ich jetzt im Schwimmbad wäre, ich finds auch schön, nun gerade auf dem Balkon zu sitzen und zu schreiben, jetzt einen Kaffee zu trinken, der gleich hoffentlich noch drin bleibt.

Zurück zur Woche: Ich brauche mehr Zeit, um all die Dinge zu tun, die ich gerne tun würde. Ja, ich könnte auch die Anzahl der Dinge reduzieren, die ich tun will oder einfach priorisieren. Aber nein, ich brauche mehr Zeit.

„Ja, dann nimm sie dir doch!“, hör ich von weitem die Besserwisser unken. 

Stimmt. Also geh ich jetzt unter die Dusche, höre laute Musik und tanze dazu, wasche mein Gesicht.

Setze mich dann auf dem Balkon und starre 5 Minuten durch die Gegend, bereite danach schon das Abendessen vor und lese dann ein bisschen.

Dann treffe ich mich auf einen Tee. Und dann treffe ich mich auf Weinchen und Klamotten aussortieren mit Jölle.

Die Challenge ist es wohl, sich immer wieder Zeit zu nehmen. Egal für was.

Ciao amigos

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Die heimliche Aufnahme

19.Juli.20

Bisher läuft hier alles einwandfrei. Ich hab einen tollen Kaffee getrunken, auf dem Balkon, bei angeblichen 30 Grad gelesen und nun krieg ich etwas Hunger, so werde ich mir wohl etwas zu Essen machen. 

Gestern, so muss ich leider gestehen, hab ich ein kleines Stückchen Fleisch gegessen. Ich war bei meiner Schwester eingeladen und die haben gegrillt.

Es wurde auch Gemüse gegrillt und eben sehr schmackhaftes und dem Anschein nach auch gutes Fleisch von einem guten Metzger. Was für ein Dilemma! Seit nun mehr als 8 Monaten habe ich kein Fleisch mehr gegessen und dann sowas. Ich hab 1/3 Wurst gegessen, mit einem schlechten Gewissen und kurzem Würgereiz, etwas später. 

Hmmmm – da kamen die alten Gewohnheiten wieder hoch. Ich ernähre mich weitgehend pflanzenbasiert, aber ich weiss nicht, ob man es so steif und dogmatisch nehmen muss. Man muss ja eh nichts. Aber ich möchte eigentlich weiterhin kein Fleisch essen. Früher hab ich sehr gerne Fleisch gegessen, aber ich weiss auch, dass das nicht sonderlich gut für meine Verdauung war, denn seitdem ich ich auf Fleisch und Milchprodukte verzichte, ist eine zuverlässige on Point-Verdauung für mich kein Problem mehr. 

Jaja, so ist das mit alten Gewohnheiten.

Warum ich überhaupt auf Fleisch verzichten will?

Eine sehr lange Geschichte. Schon als Pubertierende war ich öfters phasenweise vegetarisch, überwiegend aus Gründen des Tierwohls. Eigentlich ausschliesslich. Und auch heute ist es so, die gesundheitlichen Aspekte sind für mich keine Motivation; es ist eher die ethische Komponente, das ekelhafte, schamlose Ausbeuten unter schlimmen Bedingungen, welches wir Menschen veranstalten. 

Früher sprach man ja auch nicht von Fleischproduktion, heute ist dieser Begriff so normal wie Wurstbrot. Einfach Standard. Aber Fleisch kann man in meinen Augen (ich nehme jetzt mal Laborfleisch und vegan/vegetarische Fleischalternativen raus) nicht produzieren. Das ist irgendwie als Aussage nicht kohärent und macht auch sonst keinen Sinn. Insbesondere, wenn man das Säugetier z. B. Rind, durch das Säugetier Mensch einfach austauscht. 

Jaaa, ich höre schon die ganzen Besserwisser herumnörgeln und mein Fleisch hier und mein Fleisch da und so super Sprüche wie: ,,Mir nimmt keiner mein Fleisch weg.“ Defensiv und wirklich voller Angst und Ärger regen sich diese Menschen auf und fast erscheint auf deren Stirn schon der Schriftzug in leuchtendem rot – schlechtes Gewissen, aber bitte lasse mir dieses Privileg. 

So führen sich Menschen auf, wenn sie sich eingeengt fühlen. Dieses Phänomen und die heftigen Reaktionen, lassen mich immer wieder aufhorchen. Denn in meinen Augen ist das Essen und der Genuss von Fleisch nicht verwerflich per se. Aber die Anspruchshaltung, regelmäßig oder täglich fette Koteletts, günstige Minutensteaks oder abgepackte Leberwurst essen zu dürfen, ohne dabei den konkreten Bezug zu der Quelle zu machen und sich mit den Umständen der Haltung/Schlachtung aka Produktion auseinander zu setzen und dann auch noch einen Preis zu zahlen, der dem Ganzen nicht im geringsten gerecht wird; diese Anspruchshaltung hingegen ist es schon.

Denn sie ist durch und durch ignorant, einfach die Augen verschliessen vor der Realität, einfach bitte keine Probleme.

Naja, es ist gleich 14 Uhr und ich habe richtig dollen Hunger. Also, werde ich mir jetzt etwas kochen und dann bin ich wieder am Start mit Neuigkeiten von Felix.

Zwei Stunden später bin ich wieder zurück. Es gab Kichererbsencurry mit Tomaten und weil kein Reis mehr da war, als Beilage endlich mal wieder Polenta. Und nun sitze ich wieder auf dem Balkon und schreibe. Wenn ich übrigens nicht schreibe, dann lese ich auf dem Balkon. Momentan Herkunft, von Sasa Stanisic.

Der Ort ist nur mittlerweile für mich kein guter Ort mehr, um wichtige oder intime Gespräche zu führen. Ich bin etwas datensensibel und man kann hier, weil der Balkon sich in einem U-förmigen Hinterhof befindet, alle Parteien hören. An sich ist es nicht schlimm, aber es gibt schon Themen und Unterhaltungen, da ist es mir wichtig meine Nachbarn nicht dran teilhaben zu lassen.

Andersherum kriegt man hier natürlich sehr viel mit. Gerade bei gutem Wetter und vielen geöffneten Fenstern gibt es Unterhaltungen von Balkon zu Balkon. Man erhält die Möglichkeit seinen eigenen Musikgenuss um Neues zu erweitern bzw. wahlweise auch einfach Antworten zu finden, auf Fragen wie: ,,Wer hört denn bitte so etwas?“. 

Dann hab ich Nachbarn, die professionell singen und Instrumente spielen und welche, die regelmäßig dem Alkohol auf ihrem Balkon frönen und schliesslich hab ich heute von gegenüber, angrenzend an unser Hufeisen, schamlose Nachbarn beim Sex vernommen. 

Kurz dachte ich, es handele sich womöglich um Katzen, doch nach 2 – 3 lustvollen Stöhnern der Frau, begann auf einmal der Mann furchtbar laut zu grunzen und kam auch noch vor ihr. Hihihi – ich hab mich schon für die zwei gefreut. Die Sexualkraft ist immerhin nicht irgendeine Kraft, aber andererseits dachte ich; wenn ich das aus 90 m Luftlinie so gut hören kann, wie mag das wohl für die direkten Nachbarn erst gewesen sein? Schon ein bisschen rücksichtslos … Wegen rücksichtslos, das bringt mich direkt zum nächsten Thema. 

Ja, also gestern hatte ich ein weiteres Gespräch mit Felix und ich hab was Heftiges getan.

Ich hab einen großen Teil (etwa 36 min) unseres Gespräches einfach aufgezeichnet. Ich weiss nicht, wieso ich es einfach gemacht hab, aber beide Handys lagen vor mir und ich dachte: hmm, wieso denn nicht …

Dieses Vorhaben hatte ich schon öfters. Es speist sich aus unterschiedlichen Erfahrungen; zum einen hab ich im Nachhinein oft nicht verstanden, weshalb sich manche unserer Gespräche so anstrengend anfühlten, zum anderen wollte ich verstehen, wie ich selbst kommuniziere und was mein Beitrag an Eskalationen (vermutlich nicht unerheblich) ist.

Die Aufnahme von gestern hab ich mir seitdem 4x angehört und ich bin wirklich fasziniert. Gleichzeitig quält mich natürlich auch ein schlechtes Gewissen. Fänd ich umgekehrt ganz sicher uncool, wenn mein Partner einfach so unser privates, intimes Gespräch aufnehmen würde. Aber ich schwöre bei Gott; ich hab es niemandem gezeigt und hab es auch nicht vor.

Ich wollte es ihm auch unbedingt beichten, aber bisher hat er mich heute noch nicht zurückgerufen.

Warum nun bin ich vom Inhalt entzückt? Ok, ich versuche es mit einer Aufzählung meiner Erkenntnisse: 

  1. Felix kommuniziert fokussiert und hat eigentlich einen roten Faden; ich nicht. Ich verliere mich leidenschaftlich gerne in Details.
  2. Felix ist immer ruhig in seinem Reden. Ich versuche ruhig zu bleiben aber selbst in Abschnitten, in welchen ich denke, dass ich ruhig bin, hab ich einen deutlichen Druck in der Stimme (Felix sagte leichte Aggression).
  3. Ich neige dazu jedes Gespräch als Basis für eine Sprachanalyse zu nehmen. Sprich, ich prüfe automatisch und gar nicht mal so unbewusst, ob der Inhalt zur Art und Weise und zum genauen Wortlaut passt.
  4. Wir beide nehmen sehr selektiv wahr (Standard) aber fokussieren natürlich bekannte Triggerwörter. Das sollte man immer im Hinterkopf haben.
  5. Ich steigere mich auf jeden Fall gerne in Sachen rein und spreche dann eine unglaubliche Zahl von Wörtern nacheinander, die mich selbst sprachlos und entsetzt zurücklässt, weil ich feststellen muss, darin bin ich genauso wie mein Vater … Ich hab eine Affinität zum Reden und Schreiben, aber hab auch einen minimalen Hang zum Drama.

Später hab ich heute mit Mama telefoniert und ihr davon berichtet und Felix’ Bitte und ihre Antwort war nur: ,Ja, er ist so wie ich. Du musst lernen sanftmütiger und gezielt mit Liebe und Wohlwollen zu kommunizieren“.

What a challenge!

Ok, ich mag Herausforderungen – also mal sehen.

Schluss für heute mit dem Gedankensalat.

ciao amigos

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Kopfdrama und Ausgesperrt

08.Juli.20

Jetzt kann ich nicht einschlafen. Und ich habe mir vorgenommen, das anzunehmen, wenn ich mal Einschlafschwierigkeiten habe, und einfach was anderes zu machen. Früher hätte ich mich geärgert und selbst gerügt. Heute mache ich einfach etwas anderes als Schlafen. Ganz selten funktioniert es mit Lesen, oft mit Internetzapping.

Auf Hörbücher habe ich gerade keine Lust und manchmal muss ich aufstehen und ans Klavier. Nun also das Schreiben. Ich glaube, das ist ganz gut. So kann man sich etwas von der Seele schreiben, und ich bin insgesamt sehr gespannt, ob Tippen am Ende zumindest für mich persönlich die gleiche Wirkung hat wie Schreiben auf Papier mit der Hand, in einer grausigen Krakelschrift, sodass ich mich selbst immer wieder ermahnen muss, ordentlich zu schreiben, denn ich kann es meist selber nicht mehr lesen.

Heute habe ich mir einfach freigenommen. Mitten in der Woche, einfach so. Ursprünglich hatte ich beabsichtigt, Longboard zu fahren mit zwei Freunden, aber es spielte weder das Wetter mit noch die Longboards.

Nun ist es so. Pech.

Da es aber heute zum langersehnten Regen kam, habe ich mich eher mit Indooraktivitäten begnügt, die an sich ja auch schön sind.

Der Tag war sehr, sehr schön, bis zu meinem Telefonat um halb 9 mit Felix, welches durch einen leeren Akku beendet wurde. Von da an ging alles bergab. Und deswegen sitze ich jetzt hier und schreibe, weil ich nicht schlafen kann.

Nun, zunächst hatte ich Besuch von Paul. Paul ist ein ganz toller Mensch und Freund. Wir haben meine Autoreifen aufgepumpt und waren im Baumarkt, schliesslich haben wir noch Abendessen zubereitet. Essen ist übrigens bei mir zu einer wahren Herausforderung geworden, denn neuerdings hat ja jeder meiner Freunde und Bekannten eine Lebensmittelunverträglichkeit oder Allergie. Oder es ist mir bloß nicht früher so ins Auge gestochen. Mit mir als Veganerin ist Essen ein Abenteuer, aber auch mit Basti und seiner krassen Nussallergie und mit Paul und seiner Glutenunverträglichkeit. Dazu aber in einem anderen Bericht. Zu heute Abend also: Nachdem Paul und ich gekocht und gegessen haben, rief ich nach Termin Felix an. Wir kamen gut ins Gespräch, allerdings war ich etwas angespannt, weil ich dachte, es könnte blöd rüberkommen, wenn ich erwähne, dass Paul da sei. Erstmal, weil Felix Paul nicht kennt, und zweitens, weil ein Gespräch dann von vornherein zeitlich limitiert gewesen wäre, das wollte ich nicht, denn so oft sprechen wir nicht miteinander.

So sprachen wir also über dieses und jenes (neue Frisur, gutes Hautbild und Jobentwicklung). Nun muss man wissen, dass nach meinem Verständnis Felix und ich zwar nach unserer Trennung im vergangenen Jahr kein Paar mehr sind, aber uns das Wort gegeben haben, einen Versuch nochmal zu starten. Ich hatte verstanden, dass wir einen gemeinsamen Plan verfolgten und unter neuen Bedingungen einen Neuanfang versuchen wollen. Nun bin ich vollends verunsichert, denn heute sagte er mir ganz nebenbei, dass er einen Urlaub mit seiner gesamten Familie vorhabe, mit dem Ergebnis, dass ich mich tatsächlich gekränkt, weil ausgeschlossen fühlte. Natürlich habe ich mich gefragt, ob ich umgekehrt auch ihn mitnehmen würde? Aber ich denke schon, zumindest würde ich ihn fragen, denn man möchte doch die Menschen, die man lieb hat, gerne bei sich haben. Felix wird nicht müde zu betonen, dass ich ja die Beziehung beendet habe (stimmt!). Und sagte dann auf meine Nachfrage, er habe sich nicht vorstellen können, dass ich überhaupt mitgewollt hätte.

Aber ja, verstehe ich. Ich denke aber, wenn man eine gemeinsame Zukunft plant, kann man den anderen doch vielleicht inhaltlich abholen. Es ist emotional sehr anstrengend, denn ab einem bestimmten Punkt nach der Trennung hab‘ ich innerlich wieder ,,ja“ gesagt und daraus erwachsen für mich andere Erwartungen. Anyway, jedenfalls war ich unzufrieden und mein Akku ging während des Gesprächs leer; dann war mir als Gelegenheitsraucherin arg nach einer Zigarette und ich zog mich an, um zum Kiosk zu gehen.

Beim Hinausgehen (Paul war hinter mir) stellte ich fest, dass mein Schlüssel nicht an der Frau, sondern in der Wohnung war. Tja, meine Mitbewohnerin in Portugal konnte mir um fast 10 Uhr abends auch keinen Ersatzschlüssel mehr klar machen. So bin ich schnurstracks mit Paul zu meinem Nachbarn Thomas und wir haben den Schlüsseldienst angerufen.

Dort bekamen wir vom rausgeweckten Thomas je ein alkoholisches Kaltgetränk und Zigaretten. Wir haben einen preisgünstigen Schlüsseldienst über Google ausfindiggemacht und der Mensch wollte in einer halben Stunde da sein. Dumm nur, dass Pauls Handy (meins war in der Wohnung!!!) auf stumm geschaltet war und wir eher zufällig aus einem angeregten Gespräch heraus aufs Handy schauten, nur um festzustellen, dass der Mann vom Schlüsseldienst 8 Mal angerufen hatte. Zu allem Überfluss war nämlich auch noch Thomas‘ Türklingel defekt. So kam es, dass ich richtig genervt mit Bier und Kippchen den Menschen bekniete, doch nochmal zu kommen, denn er war mittlerweile wieder zu Hause. Und weil ich denn auch manchmal Glück habe, kam er wieder zurück und ich für gutes Geld wieder in die Wohnung.

Das war dann 4 Kippen später – Alkohol und Zigaretten machen keinen guten Schlaf. Ich denke, deswegen ist es grad doof.

Anyway, ciao amigos

Kommt Migos eigentlich von amigos; also der Bandname?

Schau‘ ich direkt mal nach.

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Der Dickwanst

29.Juni.20

Heute ist ein grauwamer Tag. Gestern noch heiß-schwül, heute schon wieder etwas abgekühlt, aber so, dass von der gestrigen schwülen Hitze noch ein Hauch übrig ist. Man fragt sich auch ständig, wann es denn endlich zu regnen beginnt.

Das Grau des Himmels, changierend im Spiel zwischen hell und dunkel und mittel und weniger und mehr, ummantelt die Wolken und lässt nur eine Ahnung von Blau durch.

Und immernoch fragt man sich, wann es denn endlich regnet. Ich denke nur so: Selbst wenn ich meinen Internet-/Social-Media-Konsum cutten würde, wäre ich wahrscheinlich noch immer am Wetterbericht interessiert. Täglich checken wir das Wetter. Insbesondere deshalb, weil es sich ja wegen und mit Corona neuerdings anders darzustellen scheint. Die Vorhersagen werden unpräziser und deswegen schaut man lieber noch mal nach – zur Sicherheit.

Nun ja, und wenn man dann nachgeschaut hat, reichen nicht nur die kommenden zwei Tage. Mehr noch: Meine Reflexion scheint mir zuzuflüstern, dass in jedem Fall die 14-Tage-Vorschau wichtig ist. Das ist ganz sicher auch den ganzen Wetterseitenbetreibern und Wetterappbetreibern dieser Welt mit ihren Analysetools schon klar. Nur stelle ich mir denn aus dieser Beobachtung heraus die Frage, was diese Information mit mir macht. Leicht süchtig, und ich meine auch ziemlich unterbewusst automatisiert, greife ich nach dem Smartphone und suche nach dem Wetter. Dann steht da für heute, von gestern, zum Beispiel, dass es regnen wird mit einer 70-prozentigen Wahrscheinlichkeit. Das sind zwar keine 100 Prozent, aber gefühlt und auch in Anbetracht der gestrigen schwülen Hitze und des Himmelswolkenfarbschauspiels würde es mich, glaub‘ ich, unbefriedigt zurücklassen, wenn es nicht regnen würde. In meinen Augen wäre das ziemlich läppisch und enttäuschend.

Ich meine, Wetter ist schon wirklich krass. In der Erwartung liegt inhärent ein Plan, eine Art der Kontrolle über die Ereignisse. In dem Moment, in dem der Regen beginnt, werde ich in meinen Erwartungen bestätigt. Jetzt hab ich vorhin aus lauter Hin- und Hergerissenheit die Pflanzen auf dem Balkon gegossen. Naja, ich find’s eigentlich auch geil, nicht zu wissen, wie das Wetter wird. Also, nicht so genau zumindest. Immer einen Tag zu haben zwischen zwei wechselnden Großwetterlagen, an dem ich mich falsch kleide – zu warm oder zu kalt, auf jeden Fall nicht richtig. Anyway, das ist die Sache mit dem Wetter und wenn man auf den Regen wartet. Ich meine, wenn der Regen nicht kommt, würde ich mit weniger Vorkehrungen (sprich: ohne regenfeste Schuhe) diesen Sonntagnachmittag mit einem schönen Spaziergang angehen. Bei Regen auch, aber dann eben regenfest. 😉

Kennt ihr übrigens Sonnenjan und Regenjan? Phantastisches Kinderbuch in Reimform und mit (Wie soll man es nennen?) Reverse-Bookcover, sag‘ ich mal so. Also, es gibt keine Vorderseite und keine Rückseite. Auf einer Seite beginnt der Sonnenjan und auf der anderen der Regenjan. Isso *g* und beides ist geil. Deshalb: Ich mag eigentlich auch jedes Wetter, ich geh‘ auch bei jedem Wetter raus – nur eben mit dem ausgeprägten Bedürfnis, das vorher zu wissen.

Gestern Abend (ich hab‘ gestern meine Tage gekriegt) habe ich vor Beendigung meines Tagwerks (einkaufen, aufräumen, dies das) noch eine Freundin getroffen und sie hat wiederum eine Freundin mitgebracht, die in meiner Nähe wohnt. So weit, so gut. Diese Freundin hat mütterlicherseits koreanische Wurzeln und hat gestern auch noch an einem Antirassismusworkshop teilgenommen.

Ich empfinde viel Zuneigung für diese Freundin, wir kennen uns noch nicht so lange.

Aber ich feier‘ es auch richtig geil, wie ihr bei jedem Thema einfach jede noch so unwahrscheinliche Verbindung zum Thema Rassismus einfällt – das muss man erstmal hinbekommen.

Jedenfalls hatte ich mich schon auf Bierchen und dann einen ruhigen Abend zu Hause eingestellt: muckeln, Film schauen, gammeln. Pustekuchen, stattdessen musste ich zur Vervollständigung meiner Besorgungen noch einkaufen, denn mir blieb wirklich nicht mehr viel und ich hatte für den Sonntag auch keine Idee, was ich denn kochen und essen sollte. So bin ich kurzerhand gegen 8 zum Lidl gefahren, um dort einzukaufen.

An der Kasse dann folgende Situation: Vor mir ein weißer, wahrscheinlich deutscher Mann in meinem Alter, etwa 1,90 m groß, leger gekleidet. Davor ein weißer Mann, seinen Redebeiträgen nach zu urteilen, wohl auch deutsch; ausgeprägter Vorbau, dabei aber ein gelbes weites T-Shirt und eine kurze dunkle Hose. Seine noch zu bezahlenden Waren in einem Jutebeutel. Vor ihm wiederum ein Pärchen, sie mit Kopftuch, er sportlich-sommerlich gekleidet. Die beiden laden gerade ihre Einkäufe aufs Band. Dickbauchhorst registriert, dass die kopftuchtragende Dame ihren Mundschutz unzureichend trägt, da dieser die Nase nicht bedeckt. Hörbar sagt er zu sich selbst (oder auch zu allen oder auch egal einfach): ,,Das kann nicht sein, was ist nur aus Deutschland geworden? Wieso tragen die den Mundschutz so und halten sich nicht an die Regeln?!“ Dreht sich dann um, checkt, wer hinter ihm steht und spricht seinen Hintermann an. „Diese Ausländer, die machen, was sie wollen und ich? Was ist mit mir? Werde hier meiner billigen Rente abgespeist und die kommen hierhin und halten sich nicht an die Regeln; immer diese Südländer …“ Ich schon voll die Augen verdreht wegen Horst. Die Reaktion des Hintermanns ist einfach lautstarkes Schweigen (ich seh‘ sein Gesicht nicht, aber ich denke mal, er könnte versucht haben, durch Horst hindurch zu schauen). WOW. Ok, dann wendet sich Horst dem Pärchen zu und sagt zu dem Mann: „Sie tragen ihre Maske nicht richtig, sie müssen den Mundschutz über die Nase tragen.“ Er sagt dies laut und angriffslustig, schon gereizt.

Was dann passiert, damit hab ich so auch nicht gerechnet. Der Mann entgegnet: Halt die Fresse. HALT DIE FRESSE.“ Das wird unterbrochen von Dickbauchhorst mit einer Drohung, er würde dann ihn mit einer seiner Flaschen (Bierflaschen, lagen nun ja auf dem Band, aus der Jutetasche heraus) schlagen. Ein weiteres Mal ,,Halt die Fresse“ und weitere Male ,,Was ist nur aus Deutschland geworden?“. Schliesslich verlässt das Pärchen den Laden und das wutverzerrte Gesicht des muslimischen Mannes hat ganz klar Horst davon abgehalten, weitere Worte an ihn zu richten. Nun kam er ja dran und musste laut bei der Kassiererin feststellen: ,,Sie tragen ja auch keinen Mundschutz richtig und genauso wie diese Ausländer, diese ganzen Menschen aus dem Süden“, blablabla. Achso, zwischendurch wurde mir das Schweigen meines Vordermanns, also seines Hintermannes, zu laut, sodass ich dann in den Kassenraum rief: „Lassen Sie die Leute in Ruhe!“

Zwischenzeitlich wird hinter mir die Schlange länger und länger. Naja, dann hat er sich noch weiter mit der Kassiererin gestritten und auch gesagt, er würde auch ihren Manager mit einer Flasche verletzen.

Wow. Das war die Geschichte von Dickbauchhorst und die haben wir dann mit einigen Bieren und Cocktails analysiert.

Mich hätte interessiert, wie mein Vordermann die Geschichte erlebt hat oder erzählen würde. Ich musste jedenfalls erstmal etwas trinken, um über dieses besondere Einkaufserlebnis hinwegzukommen.

Hervorgehoben

Perspektivwechsel – Intro

28.Juni.20

Ich hasse den, den ich liebe, und ich will ihn nie wiedersehen, ich will nie wieder diesen Schmerz fühlen. Wieso lasse ich mich denn überhaupt auf sowas ein? Immer wieder und wieder? Wieso mache ich immer wieder die gleichen Fehler? Ich bin sauer auf mich, richtig wütend sogar.

So fühle ich mich, wenn eine erneute Kränkung sich auf den bereits vorhandenen Berg der Kränkungen von Felix aufaddiert. Es fühlt sich an, als würde ein neuer Schmerz stechen und der Schmerz in seiner Erscheinung als stechender Blitz, schwelendes Feuerchen und rucksackschwere Steinbruchausbeute mich gleichzeitig brechen, verwirren, lähmen und mich auch Stück für Stück verbrennen. Die Narben sind zwar unsichtbar, aber sie zeigen sich bei jeder neuen Kränkung und manifestieren sich auch in der Vorsicht und dem Misstrauen bei jeder erneuten Annäherung.

Nur nehme ich das meistens nicht so stark wahr, denn bei einem vertrauten Menschen überwiegen in Zeiten des Vergebens und Vertragens oft die Sehnsucht nach einem schönen Moment und der Wunsch nach Nähe.

Ich werde meine Geschichten erzählen, denn im Kopf habe ich unglaublich viele. Wahre, unwahre, halbwahre. Solche, die alles drei sind oder nur eine Kombination von zweien. Solche, die trotz der Tatsache, dass ich sie mir ausgedacht habe, meine Wirklichkeit prägen, weil sie ihre Grundlage sind. Geschichten, die gesehen, gedacht, gefühlt, gelebt oder nur erbrochen sind. 

Gemeint war „errochen“ und ich ergänze „erfühlt“. Aber da das Wort „erbrochen“ sich Dank automatischer Worterkennung seinen Weg in diesen Text erschlichen hat und ich es zudem für sehr passend halte, lass ich es einfach stehen. Warum auch nicht.

Sagte ich vorhin übrigens „Kränkungen von Felix“? Denn eigentlich hat Felix die Kränkung bei mir nur ausgelöst. Sie gehört mir, diese Kränkung. Sie passiert ja schließlich auch in mir. Insofern ist diese angezeigte Possessivrelation nicht korrekt. Zumindest nicht ganz. Ganz sicher aber ungenau oder irreführend.

Wer mich kennt, weiß, dass ich in meinen Gedanken sehr umherspringe, sodass es bisweilen nicht leicht ist mir zu folgen. Hin und her, vor und zurück. Das finde ich nicht schlimm. Es widerspricht jedoch den Erwartungen in der alltäglichen Kommunikation. Ich schreibe all diese Zeilen, weil ich mich selbst permanent darüber ärgere, meine Zeit beeinflusst von süchtig machenden Algorithmen auf sozialen Plattformen zu verbringen oder meines noch größeren Lasters zu frönen: dem zuweilen sinnlosen Sammeln von Informationen. Nachdem ich mich bereits aus einigen Gemeinschaften entfernt habe, bin ich noch bei Whatsapp und Instagram aktiv und arbeite derzeit an meinen Ausstiegsszenarien. Meine Gedanken mache ich zugänglich, weil das Schreiben es mir erlaubt, zu anderen Zeitpunkten Leserin meiner Gedanken zu sein. Es erlaubt mir einen Perspektivwechsel.

Der Mehrwert für den/die LeserIn kann in der Theorie nicht geringer sein als bei vielen anderen Geschichten aus den sozialen Medien oder aus den Qualitätsmedien oder eben anders von Menschen Hergebrachtem und Erzähltem. Das meiste ist und bleibt eine Geschichte. Hier kommen meine.

Seaspiracy – Filmtipp

12.April.21

Hab einwenig gewartet, dass der erste Hype abflaut. Man kann sich ja sonst über fast nichts mehr rational-ruhig unterhalten.

Wieder ein Grund, keinen Fisch mehr zu essen und weitgehend auf tierische Lebensmittel zu verzichten. Zumindest ist dies möglich für jene, die die Wahl haben und auf Alternativen in der Ernährung zurückgreifen können.

Wieder wird aus Gier jegliches natürliches Gleichgewicht gefährdet, verschiedene Lebewesen in den Weltmeeren werden mehr und mehr dezimiert.

Nicht, dass Überfischung und das Auslöschen konsekutiver Organismen in Nahrungsketten ausreichten, durch unseren undurchdachten und oft rücksichtslosen Umgang mit Ressourcen tragen wir zudem zur Verschmutzung der Weltmeere bei.

Der kommerzielle Fischfang mit augenwischenden Zertifizierungen und unglaublichen Mengen an Beifang sind in ihrem Ausmaß nicht zu fassen.

Verzicht, und nur Verzicht, kann als große Bewegung Druck ausüben.

Die Doku bietet in 89 min viel Aufklärung, starke Bilder und wenig Raum für Missinterpretation. Selbst wenn einige Fakten kontextuell anders eingeordnet abgeschwächt wirken würden oder umstritten sind, kann all dies nicht über den offensichtlich destabilisierenden Einfluss des Menschen auf die Meere der Welt hinwegtäuschen.

Fährt man an Küstenorte ans Meer und dort ins Fischrestaurant; kann man heute in den meisten Fällen davon ausgehen, dass Zuchtfisch aufgetischt wird, der nicht unbedingt unter guten Bedingungen gewachsen ist. Gut nach den Maßstäben der VerzehrerInnen, welche ungern wissen wollen, wie dieser Fisch auf den Tellern landet. Fangfrischer Fisch aus dem Meer hingegen, kostet zumeist ein Mehrfaches.

Die Gier nach mehr, nach Wachstum und ökonomischen Gewinn um jeden Preis, geht auf Kosten unserer Umwelt und am Ende auch auf Kosten von uns Menschen. Das passiert schon heute, nur haben wir bislang das Glück noch keine einschneidenden unmittelbaren Folgen leben zu müssen. Die Küsten vor Afrika werden weiterhin geplündert und Politiker machen nichts gegen das Stehlen von wildem Fisch vor fremden Gewässern.

Mit jeder Konsumentscheidung treffen wir eine Wahl, mit jeder Handlungsoption tragen wir auch persönlich Verantwortung für die Konsequenzen. Ob es unserem Gewissen passt oder nicht.

Ali Tabrizis Film besticht auch durch Hintergrundinformationen über Beifangmengen, Fischereifangnetze und korrupte Umweltorganisationen. Er ordnet populäre bekannte Bilder und Narrative ein und richtet den Zeigefinger deutlich auf die Fischereiindustrie. Gleichzeitig werden auch bekannte Wirkmechanismen und natürliche Zusammenhänge erklärt. Was passiert eigentlich, wenn die mal Meere leergefischt sind? 

Es lohnt sich diese Doku anzusehen, als motivierenden Mahner unserer Zeit und anschaulichen (Wieder-) Einstieg in diese wichtige Thematik.

Wichtige Links:

https://sea-shepherd.de

Faktcheck:

https://www.bbc.com/news/56660823

Weitere Einordnung:

Ein ruhiger Aufbruch

03.April.21

Die Zeit vergeht und Dinge passieren.

Continuum.

Moralisierend das Drumherum, richtig – falsch, solidarisch – un-, fair – nicht.

Der Frühling ist fast da, er kommt mit großen Schritten. Sonnenstrahlen in alle lichtdurchfluteten Räume hinein, frische Luft im lauen Wind draussen. Das Blühen im vollen Gange bringt Pollen mit und lässt die Augen und Herzen aller Floralästheten leuchten. 

Die Sinne bekommen was Neues zu tun. Trägheit und Schwere der dunklen Jahreszeit können abgelegt werden.

Was wird passieren? Was hat das Jahr noch so mit uns vor?

Das erste Quartal, beinah die erste Jahreszeit ist nun um, verbracht im Kokon  der Pandemie. Eingehüllt zwischen Regeln und Massnahmen, Ängsten und Hoffnungen. Verdammt zum Warten.

Manchmal denke ich, dass diese Warterei eigentlich gar keine ist. Sicherlich können wir jetzt nur limitiert Menschen treffen und es gibt auch viele Realitäten mit echten Impact. Ist es im Grunde nicht so, dass wir beraubt sind von all dem, was uns normalerweise ablenkt?

Unterhaltung, Ausgehen, Kino, Urlaub, Parties – soziale Interaktion ist wichtig für unsere Gesundheit. Ketzerisch behauptet.

Oder auch nicht.

Jedenfalls haben der Pastor und das Domradio Ostern als Neustart beschworen. Diesen Betrachtungswinkel hab ich bisher noch gar nicht einnehmen dürfen. Das ist toll. Denn Silvester und Neujahr nach dem römischen Kalender haben gar nichts Neues gebracht. Alles blieb im Grunde, wie es war.

Die letzten Monate waren zäh und unbehäbig, schwerfällig und lästig. Tunnel. Tunnel mit Licht am Ende. Aber das Licht ist eine Fata Morgana und man weiss es schon.

Doch nun kommt der Frühling. Hoffentlich bleibt er lange. Und beglückt uns mit trotzender Kraft und Schönheit. Und steckt uns an mit Glück, Mut, Hoffnung und Energie.

Ciao amigos 

Angst und Stress – Teil 1

2.Februar.21

Es ist 5 Uhr morgens. Ich sitze im Bett, Kissen am Rücken, Lieblingsposition, aber nach fast einem Jahr Corona und Nackenschmerzen, hat so ein Schreibtischplatz im Büro schon seinen Reiz. Jedenfalls ist es eine kurze Nacht. Etwa gegen halb 2 bin ich eingeschlafen. Glücklicherweise straft mich mein Herz gerade nicht mit intensivem Pumpen.

Es schlägt ruhig, ich atme tief ein und aus. Sehr bewusst.

Der Grund, warum ich wach bin, ist Angst. Gestern habe ich mich vor dem Schlafengehen mit Ängsten beschäftigt und wollte sie nachfühlen.

Ich beabsichtigte, mich in jemanden einzufühlen, eine Situation nachfühlen; sie mir besser vorstellen.

Ich frage mich, was mir denn Angst machte.

Ich stelle mir eine Situation im Schwimmbad vor.

Es kommt schließlich zu meiner größten Angst, der Angst vor dem Ersticken/Ertrinken. Tatsächlich stellen sich beim Gedanken daran unmittelbar ein:

Steigender Puls.

  • Unruhe. 
  • Mein Körper erstarrt.
  • Stress. 
  • Ungeordnete Gedanken.
  • Erinnerungen an mich in Schwimmbädern.
  • Und ich rieche sogar ein bisschen Chlor.

Das kam direkt und ging leider auch nicht mehr so schnell weg. Ich horchte in mich rein, mein Herz schlug, aber es war nicht dieses beunruhigende Schlagen. Es war nicht materialisierend-klopfend, so wie man vielleicht das Herzklopfen sonst von Zeichnungen kennt. 

Angst kann sich unterschiedlich anfühlen. Subtil, wie etwas Steuerndes, eine unsichtbare Handlungsanweisung, ganz so, als stünde ein gefühlskalter Dirigent mit Harry Potters Unsichtbarkeitsumhang vor mir und diktiere, was zu tun sei. Aber die Angst und Panik, welche ich vor einigen Tagen verspürt hab’, war anders. Diese Angst war ganz offensichtlich pures Gift. Und man konnte spüren, wie es sich im Körper verbreitete, aus inneren Poren und Drüsen rausschoss und sich unmittelbar auswirkte. 

Es genügt ein Gedanke, ein Trigger und schon ist man in der Situation. Eine selbsterschaffte Situation. Ich bin nicht irgendwo hingegangen, ich lag am gleichen Ort, an welchem es mir noch vor Sekunden ausgezeichnet ging und dann ganz plötzlich nicht mehr. Alles passiert im Kopf.

Die Angst, die so stark und gewaltig daher kommt, macht auf jeden Fall körperlich etwas; konzentriert die Aufmerksamkeit, beeinflusst die Atmung. Aber sie hemmt dich, du kannst dich auf nichts anderes mehr einlassen, es ist der reine Überlebensmodus. Wenn ich mir vorstelle, dass es Menschen gibt, die diese Art von Angst regelmäßig oder gar permanent spüren, verstehe ich, dass sie maximal belastend sein muss.

Nach der Angst kommt bei mir nach einiger Zeit die Erschöpfung. Auch eine Erschöpfung, wie ich sie bislang nicht kenne. Ich war einfach ausgelaugt, 72 Stunden Adrenalin-High-Level gehen nicht spurlos an mir vorbei.

Mit Schwimmbädern ist es bei mir so:

Der Geruch von Chlor triggert mich nicht mehr. 

Früher hat alleine das mir schon heftige Angst gemacht. Das Bedürfnis mich vorher komplett zu entleeren, verwirklichte sich stets. Dann die Fahrten mit dem Schulbus zum Schulschwimmen: Je näher das Schwimmbad rückte, umso größer wurde die Angst.

Wovor habe ich eigentlich Angst? Zu versagen. Ich vertraue meinen Fähigkeiten nicht, mich selbst in jedmöglicher Situation alleine über Wasser zu halten. Als Resultat eines Badeunfalls im Kindesalter. Dabei sieht es von außen betrachtet technisch wohl ausgezeichnet aus. Aber zuvor muss die Angst überwunden werden, das gelingt mir mal besser, mal schlechter. Insgesamt mache ich deutliche Fortschritte. Die einzelnen Schritte sind jedoch sehr klein und sehr hart erkämpft. Ich gebe mich nicht geschlagen.

Und jetzt – kurze Atemmedition für den Tag.

Ciao Amigos

Geghostet – Einfach weg

31.Januar.21

Ich erlebe meinen persönlichen You-Moment gerade, wenn ich feststellen muss, dass Felix nicht die Person ist, für die ich ihn gehalten habe.

Nicht, dass er anders aussieht, aber die Bandbreite seiner Handlungsfacetten scheint weiterzugehen, als ich es mir je hätte vorstellen können.

„You – du wirst mich lieben“ ist eine schrecklich feine Netflix-Serie. Es geht um Abgründe. Abgründe, die wir alle haben – nur absolut auf die Spitze getrieben. Morden, töten, stalken und manipulieren. Gerechtfertigt durch eine moralische Umkehrung und dadurch auch Relativierung. Ich kann diese bereits 2mal studierte Serie nur als cok güzel bewerten und mit sehr viel Herz weiterempfehlen.

Es ist 2 Uhr nachts und ich bin wach geworden. Durst und das Verlangen, kurz einen anderen Ort aufzusuchen. 

Mein erster Gedanke: Es ist Absicht. Der Gedanke kommt wie eine Eingebung begleitet von seinem Gift, welches sich in meinem Brustkorb ausbreitet. Kleine schnelle wieselflinke Giftschlangen, die ihren Saft in meinem Körper mit ihren langen Zungen ausspucken.

Ich hab’ mich geirrt. Lange hab ich mich permanent selbst überprüft, ob ich mir nichts vormache, ob ich ihm vertrauen kann. Es schien keine Frage zu sein. Alle meine detektivischen Fragen führten dazu: Ok, du kannst diesem Menschen auch nach so langer Zeit noch vertrauen. Ich fragte auch ihn: Bin ich dumm?

Nachrichten.

Liebesbekundungen.

Zusicherungen.

Absprachen.

Jetzt hat er sich nicht mehr gemeldet. Seit nun 5 Tagen nicht. Und ich habe auch keinen Grund anzunehmen, dass er sich melden wird. 

Die Eingebung sagt es mir eigentlich. Meine Logik: Mich zu ghosten, ist der einzige Weg für ihn, mich und unser langjähriges Wir mit Druck und größtmöglicher Gewalt aus seinem Leben zu drängen. Er kann es mir nicht sagen. Es fehlt an Charakter, an Mut, an Aufrichtigkeit – ich weiss es nicht.

Ich frage mich, wie nun meine Tage werden? Es wird eine vollkommene Leere eintreten. Der Raum, den er gefüllt hat, dieser Raum, wird sich leeren.

Ich hab Angst vor der Trauer, die mich runterziehen kann – auf der anderen Seite ging diesem Moment schon viel Trauer voraus und ich bin zuversichtlich, dass ich es bewältigen werde.

Wie kann man so etwas tun, habe ich mich gefragt? Unabhängig davon, welche Entscheidung zu Grunde liegt, wieso kann man der anderen Person das nicht sagen? Oder schreiben? Selbst das wäre besser als einfach zu verschwinden. Das ist so feige. Ich möchte es auch gar nicht verstehen. Um ehrlich zu sein, muss ich mich erstmal um mich kümmern. Mich davon abgrenzen und verarbeiten.

Ich hab ihm die Stückchen zugeworfen: Wir müssen das nicht tun, wir können es auch lassen. Mir ging es nur darum, dass wir gut miteinander umgehen. Ich erinnere mich, als wir uns getrennt haben. Wir haben uns im Taunus getroffen, es war sehr übel. Aber es geschah geradeaus mit jedem Respekt. Vielleicht liegt genau darin das Problem. Gut miteinander umgehen ist wohl auch Auslegungssache.

Zu diesem Zeitpunkt könnte ich natürlich auch annehmen, dass ihm was passiert sei. Kann sein. Irgendwas Schlimmes. Möglich.

Neulich rief mich eine Freundin an: Ich war die letzten 5 Tage im Krankenhaus.

Als sie mit der ganzen Story durch war, haben wir gefeiert, dass sie überlebt hatte und gesund war. Ernsthaft, es war wunderschön. 

Ich glaube aber nicht, dass er in einem Krankenhaus ist und sich deswegen nicht meldet.

Irgendwann weiß man, ob man seiner Intuition trauen kann oder nicht.

Das Glücksspiel des Lebens ist verrückt. Ich hab’ alles danach ausgerichtet in den letzen 2 Monaten. Nach ihm, nach uns, nach abgemachten Plänen.

Habe mich beworben, habe mich erkundigt, war ready to go. 

Bei Felix war immer etwas, bei dem ich dachte, das ist komisch, es war immer ein Restzweifel da. Jetzt hat es sich manifestiert in einem wahnsinnig enttäuschenden Verhalten. Ich kann es eigentlich noch immer nicht fassen.

Ich hätte es besser wissen müssen. Das ist der You-Moment, wenn du feststellen musst, dass sich in der Person, die du liebst, die du all’ die Zeit treu in deinem Herzen getragen hast, tiefe menschliche Abgründe auftun, die ich persönlich nicht für möglich gehalten habe.

Würde ich ihn aufsuchen und konfrontieren? Bislang nicht. Ich möchte bald abschließen können, bringt ja sonst auch nichts.

Ich liebe ihn. Und ich liebe auch mich selbst. Die Idee von unserem Wir muss ich nun hinter mir lassen. Das Cringelevel ist on peak.

Ciao Amigos 

1 Abend in Luxembourg – Kippe rauchen

12.Februar.21

Sie4: Ich geh’ eine rauchen.

Er1: Ich komme mit.

Treppe hinunter. Zigaretten an. Rauchen auf der Terrasse. Sonne scheint. Ausgezeichnetes Wetter. Gegenüber die neue Garage.

Sie4: Seit wann steht denn die Garage dort? Wie habt ihr sie auf einmal dahin gebaut?

Er1 zeigt auf einen Stein: 30Norm/60Norm. Da war ja schon Fundament. Hier könnten wir das Haus erweitern, aber das brauchen wir nicht mehr.

Sie4: Ist jedenfalls toll, dass man nicht mehr ewig laufen muss, um zu parken.

Er1:Ja, das ist gut. Wir haben jetzt 4 Autos. Der Camper steht bei meinem Vater. Hab’ mir noch einen Golf Cabrio gekauft, das war ein gutes Geschäft.

Sie4: Echt? Einfach aus Spaß?

Er1: Ja, ich konnte nicht Nein sagen. Ledersitze, neue Reifen, 100.000 gelaufen. Alles Top, von meiner Tante.

Sie4: Mach doch Sharemycar.

Er1: Nö. Aber wenn Freunde kommen, dürfen sie es gerne fahren.

Schau mal, der Vogel.

Vögelchen futtert am Futterhäuschen, fliegt aufs Nachbargrundstück und zurück. Dann wieder hin. In eine karge Winterbaumkrone zu anderen Vogelfreunden.

Sie4: Ja, voll cool.

Er1: Ja, voll.

Sie4: Oki.

Er1: Ok.

Klappe zu, Affe tot. Treppe aufwärts.

1 Abend in Luxemburg

12.Februar.21

Er 1-4// Sie 1-4

Darunter 1 Pärchen.

Rest: sehr enge Freunde. Wohnzimmer in Luxembourg. Es wird deutsch gesprochen.

Er1: Ich bin der Tattoomeister.     Lacht verrückt.

Er2: Ich auch.       Lacht voll laut wie Gargamel.

Er4 zu Er1: Ich wollte schon immer ein Tattoo von dir haben. Homemade.

Lacht erwartungsvoll.

Er2: Es ist nun Zeit.           Lacht gönnerhaft.

Sie1-4 Lachen die ganze Zeit über und gackern fröhlich. Tauschen dabei wissende Blicke aus.

Er1 besorgt einen Tattoo-koffer und anderes Werkzeug.

Er2 besorgt kleine gelbe Schreibtischlampe. Es ist bereits dunkel draußen. Künstliches Licht im Raum.

Er4 nimmt Platz auf einem breiten, cremefarbenen Ledersessel mit massivhölzernem Rundfuß und ausfahrbaren Tischchen. Krempelt den Pullover hoch. Legt den Arm auf den Tisch. Bereit.

Sie4: Muss man nicht erst alles desinfizieren?

Sie1-3: Äh, ich hab auch eines von ihm. Haben wir auch so gemacht.

Sie4: Ja, ich weiß. Lacht unsicher. Weiß, dass fast alle berauscht sind.

Er2 niest laut. Putzt sich schon zum 8. Mal mit dem gleichen Papiertaschentuch die Nase. Hundehaarallergie.

Sie1-4 tanzen zur Musik. Raum ist dunkel. Außer der kleinen Schreibtischleuchte tanzt eine Lichtanlage bunt an der Wand, zum Beat.

Er1 bereitet das Werkzeug vor. Konzentriert. Tinte, Nadel.

Er2 bittet um Ruhe.

Er1 macht nun zur besseren Konzentration fetten Technobass rein.

Er2 zeichnet nun eine Kastanie auf den Arm von Er4. Sie sieht aus wie ein hässlicher Regentropfen.

Er3und4 sind maßlos begeistert.

Er1und2 feiern sich selbst.

Tinte ist bereit. Tattoomaschine eingestellt. Es geht los. Mit ruhiger Hand, Konzentration und Entschlossenheit entsteht auf dem Arm von Er4 eine Kastanie für die Ewigkeit. Zumindest beinah. Erster Stich ist durch.

Begeisterungsrufe.

Mit Hochprozentigem wird die überschüssige Tinte abgewischt. Begutachtung des Ergebnisses. Zweiter Stich.

Er4 ist sehr zufrieden.

Sie4 gibt sich zufrieden, obgleich keine Kastanie zu erkennen ist.

Er1 und Er2 sind höchst angetan und wollen weiterstechen.

Später wird der Fuß von Er3 dekoriert. Es entsteht ein Meer mit Wellen, Sonne, Strand und Fröhlichkeit. Und eine Peniswelle. Eine Welle mit einem Strich am Zipfel.

Sie4 bleibt die einzige Tattoo-Jungfrau. Aber sie hat ihr Symbol gefunden.

ErundSie diskutieren, an welche Stelle das Tattoo wie groß hinsoll.

Am Ende sind viele verkatert. Alles passiert immer wieder.

Ciao amores

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