Lesebrille

SchreibenLesen, über das LesenSchreiben diesdasananas – Rezensions

Ohnehin schreibe ich viel über die Bücher, die ich lese. Hier findet ihr unter der Kunst eines unendlich herzlichen Menschen eine Kollektion meiner wärmsten Empfehlungen.

Buchtipp iz da

Dieser Text ist schon lange überfällig und jedes Mal, wenn ich auf Youtube bei einem von SPIEGEL TV promoteten Video über Clans in Deutschland hängenbleibe, fällt es mir wieder ein.

Wenn ich Deutschrap höre, fällt es mir wieder ein.

Und wenn ich mit meinem Bruder telefoniere, fällt es mir auch wieder ein!

Die Rede ist von Xatars Alles oder nix: Bei uns sagt man, die Welt gehört dir.

Schon lange versuchte, mein Bruder mir dieses Buch in die Hand zu drücken, ich lehnte müde lächelnd und etwas mitleidig blickend ab. Er versprach mir, dass ich es auf keinen Fall bereuen würde, und bearbeitete mich, bis ich letztlich zustimmte. Resigniert, aber auch sehr neugierig nahm ich die Aufgabe an.

Das Buch ist im riva Verlag  erschienen, welcher in der Kategorie Biographien und Schicksale häufiger Titel wie diesen anbietet https://www.m-vg.de/riva/shop/kategorie/307-biografien-schicksale/. Einen kernigen, martialischen bis markanten Titel und dann ein Rapper. 

Andere Beispiele gefällig:

  • Zuna – Richtung Paradies
  • AK Außer Kontrolle – Auf Staat sein Nacken

Oder gar 

  • Eno – Ein Fuchs muss tun, was ein Fuchs tun muss.

Besonders überzeugt hat mich Schwester Ewa’s: Enthüllungen – das Leben fickt am Härtesten.

Hier geht es aber um die Geschichte von Xatar und ich muss zugeben, seine Story ist sehr unterhaltsam, spannend und cool erzählt.

Alles oder nichts, besteht aus 224 Seiten Text und dem obligatorischen Mittelteil mit Bildern.

Der Schreibstil ist locker und sehr bildlich – in manchen Szenen so, als würde man mit ihm in einer Shishabar sitzen mit noch so 2 bis 3 anderen und Cola trinken, zuhören. Besonders anschaulich ist dies bei Szenen im Gefängnis oder auch bei unterschiedlichen Deals mit einflussreichen Personen aus der Verbrecherwelt. Erwartungsgemäß kommt es zu Gewalt und Kriminalität.

Es kommt jedoch auch zu viel Menschlichkeit, Spaß, Zuneigung, Enttäuschungen. Menschliche Dramen eben.

Xatar geht auf seine Familie ein, explizit auch auf den Verlauf des Verhältnisses zu seinen Eltern.

Wer sich nicht von der Tatsache echauffieren lässt, dass Sinnabschnitte optisch unter Zuhilfenahme von drei Pistolen unterteilt werden, der wird mit Textzeilen belohnt wie:

(…)

Wenn ich nicht gerade malte, dann verbrachte ich die meiste Zeit draußen bei uns in der Siedlung. Nicht nur wegen der Kakerlaken und dem Schimmel, der mir immer unangenehmer wurde und den ich meinen Freunden nicht zumuten wollte. Es war einfach extrem unruhig zu Hause. Unsere Bonner Wohnung war Teil einer Hochhaussiedlung. Und die Wände waren dünn. Über uns wohnten Kurden. Unter uns wohnten die Schwildens. Eine klassische, deutsche Biertrinker Familie. Wahrscheinlich haben sie ihre gesamte Sozialhilfe für Alkohol verballert. Irgendwer hat sich jedenfalls immer gestritten im Haus. (..)

S. 19./20.

Die Kunst, die dem Autor hier gelungen ist: den Leser in seiner Vielschichtigkeit und Komplexität der Persona Xatar abzuholen. Nicht nur in Situationen, in denen man sich mit ihm bspw. in seiner Rolle identifizieren kann, so etwa wenn er erzählt, wie er in der Schule von seinen Lehrern und Mitschülern ausgegrenzt wurde. Vielmehr macht er sehr klar deutlich, dass es im Leben immer wieder Entscheidungen sind, die uns am Ende dahin bringen, wo wir hinkommen. Neben seinem Image, welches er als Gangsterrapper sorgsam pflegt, und der Tatsache, dass er spätestens nach dem bundesweit bekanntgewordenen Goldraub tatsächlich ein schwerer Junge im wahrsten Sinne des Wortes ist, lässt sich nicht von der Hand weisen, dass er immer noch ein Mensch mit Werten und Idealen bleibt, den auch die Umstände nicht unerheblich beeinflussten.

Gesellschaftshistorisch betrachtet ist Xatar ein wichtiger Player im deutschen Rapgame.

Zusammen mit anderen hat er die Tür für den sog. Azzlack-Rap weit aufgemacht. Auf einmal konnten sich alle Außenseiter mit einer Figur identifizieren, die ihre Sprache sprach, authentisch und erfolgreich war und damit einen Kontrast zu damals erfolgreichen Rapgrößen wie Sammy Deluxe, Fettes Brot und Die Fantastischen Vier setzte. Vor allem die Fantas repräsentierten eher den Mittelstand – bürgerlichen Rap, kind of. Ein Paradigmenwechsel zu dieser Zeit. Eine Hilfestellung für die Rückblende in die Zeit sind auf jeden Fall die Bilder im Mittelteil, wo er uns echte und intime Einblicke in sein Familienfotoalbum gestattet.

Nachdem ich das Buch zu Ende gelesen hatte, musste ich meinen Bruder anrufen und mich bedanken. Im Grunde ist der Titel ein klassischer Mutmacher und ich dachte mir: Wie schön, dass diese Erzählart von Xatar ebenso wertvoll und bereichernd wirkt wie die eines großen Literaten!

Denn durch den erfrischenden Witz des angenehmen Erzählstils, der authentisch wirkendenden Offenheit und den Geschichten hat das Buch schonmal einen hohen Unterhaltungswert.

Gleichzeitig gibt es einem etwas mit: Hartnäckigkeit, Wille und Glück spielen im Leben stets eine große Rolle.

Ich bin immer noch kein Fan von Xatars Musik, zumindest nicht der, bei der er selbst als Rapper vorne steht. Aber sein Durchhaltevermögen, mit der er an seinem Traum drangeblieben ist, und auch seine Resilienz machen ihn zu einem starken Vorbild (in der Sache). 

Umstritten mag diese Formulierung schon sein. Ich denke da an 2012. Ich war noch Studentin und gab einem Nachhilfeschüler in Bonn Unterricht. Sein gepflegtes, bürgerliches Elternhaus befand sich am Fuße des „Ghettos“ Brüser Berg. Ich weiß noch, wie damals fast jede Unterrichtsstunde damit begann, dass Christoph mir sagte: „Kennst du Xatar, kennst du Xatar, der mit dem Goldraub?“ Damals hatte ich keine Ahnung davon, wer dieser Kerl sein sollte – ich dachte mir einfach, der ist einer von vielen Rappern. Aber die Faszination, mit der mein Nachhilfeschüler mit der Geschichte kokettierte, die findet sich eben heute auch noch wieder. Zum Beispiel in den Erfolgen von Serien wie 4Blocks oder Skylines, aber auch in den Abrufzahlen bei Youtube für alles, was Clan oder Gangster im Titel hat.

Es sind die Abenteuer der Rebellen, die ein bisschen die Dinge tun, die wir irgendwie theoretisch auch tun könnten, aber es uns nicht trauen, uns dagegen entscheiden oder es woanders ausleben. Stellvertretend dafür tun es die neuen Rebellen.

Später habe ich mir auf Youtube Archivmaterial angesehen und Berichte über den Goldraub, Xatar bei den Gerichtsterminen und Xatar bei Vollzug seiner Haftstrafe. An der Stelle trat an die schwelende Knastromantik aus dem Buch, langweiliger Gefängnisalltag irgendwo in Deutschland.

Es gibt viele, die Menschen wie Xatar verurteilen. 

Ich würde ihnen empfehlen, sein Buch zu lesen.

Es handelt sich um solide, schöne, leichtbekömmliche Unterhaltung, in der er mal kein Objekt ist, sondern selbst der Erzähler.

Mein Bruder kann nun endlich sein Buch wiederhaben und es dem nächsten auf der langen Liste derer geben, die es auch lesen wollen.

Buch iz da.

Ciao amigos

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