Brückenlockdown tight

10.April.21

Sie ist um 9 Uhr aufgewacht. Langsam öffnen sich die Augen. Sie blinzelt in den Raum, blinzelt in das Licht.

Ihr Körper fühlt sich schwer an, sie dreht sich nach links. Streckt das rechte Bein aus, um mit dem Fuss aus der Bettdecke zu luken.

Sie betrachtet die Decke über sich, weisse Raufaser. Hell aber verlässlich.

Immerhin haben sich die Augen an das Umgebungslicht gewöhnt.

Greift schlaftrunken nach dem Handy. Tippt automatisch den Sperrcode, es ist 9 Uhr. Zwei, drei Fingertips weiter ist sie bei WhatsApp angelangt. Grünes Kästchen. Die Büchse öffnet sich – rechts die blaue Zeichen; es sind Nachrichten da. Erleichterung. So wie wenn man erleichtert feststellt, dass man an seinem Geburtstag doch nicht vergessen worden ist.

Mit WhatsApp ist jeder neue Tag wie Geburtstag, Nachrichteneingang leer ist schade; Newsbox voll macht das Leben Sinn.

Sarah teilt einen Song aus Spotify, Champagne Showers, ergänzt durch 6 Lachsmileys. Sie weiss Bescheid, Erinnerungen frönen, es entlockt ihr ein Lächeln.

Mama schickt Herzen und ein Bärchen mit kitschig glitzernden Blumen – nett.

Zumindest ist auf Mama immer Verlass.

Und Paul? Paul hat nicht geschrieben seit ihrem letzten Login. Sie schreibt ihm – tippt: Guten Morgen Paul + Lächelsmiley + Sonnensmiley.

Sie legt das Handy zurück. Streckt und dehnt sich geräusch- und genussvoll, streift die schöne Bettwäsche ab. Atmet ein und aus, schaut sich dabei um.

Mit einem Schwung dreht sie sich zur Bettkante hin und spürt den kalten Boden zu ihren Füßen. Parkett.

Sie erhebt sich, geht ins Bad und erledigt ihre Morgentoilette. Anschliessend geht sie in die Küche und erledigt ihre Küchenmorgenroutine.

Nimmt die Lebensmittel mit und setzt sich ins Bett. Vorher richtet sie noch die Kissen so hin, dass es sich anfühlt wie in einem gut eingerichteten Büro. Auf der Bürocouch.

Die nächsten zwei Stunden liest und schreibt sie. Dann eine Stunde Schlaf.

Als sie wieder wach wird, blinzelt sie. Erst das linke Auge, dann das rechte. Es ist so warm unter der Decke, sie nimmt sie etwas runter und streckt nun den linken Fuss aus der Kuschelhöhle raus, um die gefühlte Gesamttemperatur zu regeln.

Wie spät ist es?

Ihre linke Hand greift suchend umher. Tastet, auch rechts, tastet. Ah, das Handy liegt seltsamerweise nun zu ihren Füßen auf der Decke. Sie greift danach. Tippt die Kombi ein. Kein Anruf in Abwesenheit. Was sagt WhatsApp?

Neue Nachrichten von 3 Personen. Sie ist aufgeregt.

Auch Paul hat geschrieben. Er hat geantwortet: Dir auch, Schönheit + Sonnensmiley. Hm, sie ist unzufrieden. Da wäre zwar mehr drin gewesen. Egal, erstmal schauen, was die anderen so schreiben. Nike teilt ein Meme – ein gackerndes Huhn – meeegalustig 100% ihr Humor. Sie lacht inspiriert und begeistert. Antwortet mit 4x dem Tränenlachsmiley mit dem schiefen Kopf und dann dem mit dem geraden Kopf + Kusssmiley. 

Sie steigt aus dem Bett. Macht das Radio an. Irgendwas an Gedudel zur Begleitung aufs Klo und in die Küche und wohin auch immer. Sie macht sich was zu Mittag. Eine Freundin ruft an. Es wird gelacht und gekocht. Später schaut sie eine Reportage auf YouTube und nimmt ihre Mahlzeit zu sich. So wie die meisten Alleinemenschen.

Sie wirft regenfest Jacke und Schuhe über sich und latscht einmal um den Block. Frische Luft schnappen.

Drinnen wieder angekommen prüft sie das Angebot an Snacks. Es wird eine Packung Chips. Sie setzt sich ins Bett und schaut eine Netflixserie. Dabei tippt sie abwechselnd einen Text oder liest mal was.

Schaut auch ab und an ins Handy. 

Irgendwann hat ihr Gehirn zu viel Input, sie ist müde und schläft wieder ein.

Als sie wieder aufwacht, ist es 9 Uhr abends.

What the fork. – Locked down – aber wo ist die Brücke?

Ciao amigos 

3 Kommentare zu „Brückenlockdown tight

  1. Sehr schön geschrieben. Irgendwann merken wir, das Ablenkung mit Handy und Co. nicht alles im Leben ist. Wir entdecken unsere Gabe, das was wir am besten können und fühlen uns super wohl damit. Als Kind wussten wir das noch, was wir gerne machten und wo die Zeit einfach verflog . Eine malte Steine bunt an, andere bauten Brücken am Fluss aus Holz. Und wieder andere kletterten die Bäume hoch, weil von oben die Sicht einfach anders war. Die Brücke zum Leben ist deine Gabe, das was du liebst zu tun. Tanzen, zur Not vor YouTube, Blumen auf dem Balkon pflanzen oder die Wohnung umdekorieren, vielleicht minimalistisch werden….

    Gefällt 1 Person

    1. *g**, ja, das klingt gut. Ich frage mich eben, wie es „nach“ Corona und in der „neuen“ Normalität wird. hmmpff, tanzen und singen hab ich übrigens die Tage auch wiederentdeckt 🙂

      Gefällt mir

Schreibe eine Antwort zu PIAW-Weisheiten Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: