Geghostet – Einfach weg

31.Januar.21

Ich erlebe meinen persönlichen You-Moment gerade, wenn ich feststellen muss, dass Felix nicht die Person ist, für die ich ihn gehalten habe.

Nicht, dass er anders aussieht, aber die Bandbreite seiner Handlungsfacetten scheint weiterzugehen, als ich es mir je hätte vorstellen können.

„You – du wirst mich lieben“ ist eine schrecklich feine Netflix-Serie. Es geht um Abgründe. Abgründe, die wir alle haben – nur absolut auf die Spitze getrieben. Morden, töten, stalken und manipulieren. Gerechtfertigt durch eine moralische Umkehrung und dadurch auch Relativierung. Ich kann diese bereits 2mal studierte Serie nur als cok güzel bewerten und mit sehr viel Herz weiterempfehlen.

Es ist 2 Uhr nachts und ich bin wach geworden. Durst und das Verlangen, kurz einen anderen Ort aufzusuchen. 

Mein erster Gedanke: Es ist Absicht. Der Gedanke kommt wie eine Eingebung begleitet von seinem Gift, welches sich in meinem Brustkorb ausbreitet. Kleine schnelle wieselflinke Giftschlangen, die ihren Saft in meinem Körper mit ihren langen Zungen ausspucken.

Ich hab’ mich geirrt. Lange hab ich mich permanent selbst überprüft, ob ich mir nichts vormache, ob ich ihm vertrauen kann. Es schien keine Frage zu sein. Alle meine detektivischen Fragen führten dazu: Ok, du kannst diesem Menschen auch nach so langer Zeit noch vertrauen. Ich fragte auch ihn: Bin ich dumm?

Nachrichten.

Liebesbekundungen.

Zusicherungen.

Absprachen.

Jetzt hat er sich nicht mehr gemeldet. Seit nun 5 Tagen nicht. Und ich habe auch keinen Grund anzunehmen, dass er sich melden wird. 

Die Eingebung sagt es mir eigentlich. Meine Logik: Mich zu ghosten, ist der einzige Weg für ihn, mich und unser langjähriges Wir mit Druck und größtmöglicher Gewalt aus seinem Leben zu drängen. Er kann es mir nicht sagen. Es fehlt an Charakter, an Mut, an Aufrichtigkeit – ich weiss es nicht.

Ich frage mich, wie nun meine Tage werden? Es wird eine vollkommene Leere eintreten. Der Raum, den er gefüllt hat, dieser Raum, wird sich leeren.

Ich hab Angst vor der Trauer, die mich runterziehen kann – auf der anderen Seite ging diesem Moment schon viel Trauer voraus und ich bin zuversichtlich, dass ich es bewältigen werde.

Wie kann man so etwas tun, habe ich mich gefragt? Unabhängig davon, welche Entscheidung zu Grunde liegt, wieso kann man der anderen Person das nicht sagen? Oder schreiben? Selbst das wäre besser als einfach zu verschwinden. Das ist so feige. Ich möchte es auch gar nicht verstehen. Um ehrlich zu sein, muss ich mich erstmal um mich kümmern. Mich davon abgrenzen und verarbeiten.

Ich hab ihm die Stückchen zugeworfen: Wir müssen das nicht tun, wir können es auch lassen. Mir ging es nur darum, dass wir gut miteinander umgehen. Ich erinnere mich, als wir uns getrennt haben. Wir haben uns im Taunus getroffen, es war sehr übel. Aber es geschah geradeaus mit jedem Respekt. Vielleicht liegt genau darin das Problem. Gut miteinander umgehen ist wohl auch Auslegungssache.

Zu diesem Zeitpunkt könnte ich natürlich auch annehmen, dass ihm was passiert sei. Kann sein. Irgendwas Schlimmes. Möglich.

Neulich rief mich eine Freundin an: Ich war die letzten 5 Tage im Krankenhaus.

Als sie mit der ganzen Story durch war, haben wir gefeiert, dass sie überlebt hatte und gesund war. Ernsthaft, es war wunderschön. 

Ich glaube aber nicht, dass er in einem Krankenhaus ist und sich deswegen nicht meldet.

Irgendwann weiß man, ob man seiner Intuition trauen kann oder nicht.

Das Glücksspiel des Lebens ist verrückt. Ich hab’ alles danach ausgerichtet in den letzen 2 Monaten. Nach ihm, nach uns, nach abgemachten Plänen.

Habe mich beworben, habe mich erkundigt, war ready to go. 

Bei Felix war immer etwas, bei dem ich dachte, das ist komisch, es war immer ein Restzweifel da. Jetzt hat es sich manifestiert in einem wahnsinnig enttäuschenden Verhalten. Ich kann es eigentlich noch immer nicht fassen.

Ich hätte es besser wissen müssen. Das ist der You-Moment, wenn du feststellen musst, dass sich in der Person, die du liebst, die du all’ die Zeit treu in deinem Herzen getragen hast, tiefe menschliche Abgründe auftun, die ich persönlich nicht für möglich gehalten habe.

Würde ich ihn aufsuchen und konfrontieren? Bislang nicht. Ich möchte bald abschließen können, bringt ja sonst auch nichts.

Ich liebe ihn. Und ich liebe auch mich selbst. Die Idee von unserem Wir muss ich nun hinter mir lassen. Das Cringelevel ist on peak.

Ciao Amigos 

4 Kommentare zu „Geghostet – Einfach weg

  1. Ich denke, dass es gut ist, so etwas endgültig zu klären und zugleich halte ich dein Verhalten für absolut gut und richtig für den aktuellen Moment. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass Dinge ihren Abschluss brauchen, sonst trägt man sie ewig mit sich herum. Ob er es überhaupt verdient hat, sich nochmal mit dir unterhalten zu dürfen, sei mal dahingestellt. Ich wünsche dir viel Kraft!

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    1. Ja, Danke Ben. Das stimmt. Alles zu seiner Zeit.
      Und ich will einfach die Kraft aus Positivem schöpfen.
      Jeder Moment ist Teil eines Ganzen – und nach den Tagen kamen andere. Es sind Geschichten, die das Leben schreibt.

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  2. Wow, wunderbarer Text. Mir hat vor langer Zeit mal jemand gesagt: „Wir können nicht so gut schreiben, wenn wir nicht erleben, was wir erleben. Die Geschichten unseres wahren Lebens machen uns zu den Lebenskünstlern, die wir sind. Langweilig kann ja jeder. Aber wer will schon jeder sein? Wir wollen etwas erleben. Wir wollen Aktion. Wir wollen Spaß. Ja und alles das kriegen wir dann, ohne Ausnahme. Wir bekommen immer exakt das, was wir wollen. Wir haben es nur noch nicht alle bemerkt. Daher pass auf, was du dir wünscht. An jedem Wunsch hängt noch ein langer unsichtbarer Schwanz dran sozusagen…

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