Unzivilisiert, wild und triebgesteuert – der Mensch

04.November.20

Fassungslos, schockiert, müde und fertig? Es gibt noch kein Wahlergebnis, ein Kandidat erklärt sich zum Sieger und behauptet, dass der Sieg feststehe, es handle sich ansonsten um Wahlbetrug. 4 Jahre lang haben wir uns einen Menschen an der Spitze der noch mächtigsten Nation der Welt ansehen dürfen, wie er sich über spastische Menschen belustigt, pauschal Minderheiten beleidigt, Menschen herabwürdigt und schamlos lügt. Seine persönliche Wahrheit mit aller Macht intersubjektiviert. Zum Schaden und auf Kosten derer, die ihm nicht nützen.

Ein Clown, so dachte man anfangs, ein Narzisst, den könne man nicht ernst nehmen. Ich hab ihn schon immer ernstgenommen, denn aus welchem Grunde sollte man davon ausgehen, dass gesunder Menschenverstand und Vernunft noch funktionieren? Das haben sie im Grunde nie.

Der Zerfall ist längst da, er war nie weg. Auch dann nicht, wenn man von dortiger Barbarei und hiesiger Zivilisation spricht.

Das sind Labels, die wir uns als Gesellschaft geben, aber auch nicht mehr als das.

Scheinbar sind große Teile der menschlichen Bevölkerung nicht mehr willens, sich an bisher funktionierenden Konsens zu halten. Es ist ok, dass auch der soziale Konsens und Gesellschaftsverträge sich verändern – aber viele dachten lange, es ginge auch ohne Unterdrückung, ohne Blutvergiessen, ohne Drohnenmorde, Giftmorde oder Völkermorde. Es geht nicht. All dies findet statt, permanent eigentlich. Nur glücklicherweise ist es bisher recht fern von uns gewesen.

Europäische Werte, Menschenrechte. Wohlgemeinte einende Konzepte, aber gleichzeitig auch Konstrukte, die gerade einen Umbau erfahren, einen degenerativen Abbau. Abtreibungsgesetze, Nationalismen, Abschottung und nicht zu schweigen von Kriegen. In diesem Gewand kommt die Demontage. Bergkarabach und die Ukraine sind nicht weit.

Etwas weiter weg Syrien, Sudan, Rohingya, beispiellos.

Man sieht es an der Gewalt, an Coronamaßnahmen-Gegnern, die mit Gewalt völlig unbeteiligte Menschen beschimpfen, beleidigen, bedrohen und schlagen. Weil sie anders denken, weil sie sich zur Wehr setzen wollen gegen einen Angriff, den der andere Teil beim besten Willen nicht sehen kann. Sie sind laut, sie kennen keine Hemmschwellen, lassen alles raus.

Die sozialen Medien verändern uns – Möglichkeit und Gefahr.

Es ist die Rede von der Radikalisierung der Pole. Der Radikalisierung der Gesellschaften. Neulich habe ich einen Beitrag auf Arte über evangelikale Christen gesehen. Er war lang und ausgewogen berichtet. Alles, was ich dort sah, zeigte mir noch deutlicher, in welcher Welt wir eigentlich leben. Radikale Christen, radikale Muslime, radikale Hindus.

Die Radikalisierung macht auch vor meinem eigenen Umfeld, meinem eigenen Haus kein Halt. Meine Mutter ist Mitglied einer christlichen Gemeinde. Seit Beginn der Coronazeit sind viele Messen Zuhause per Fernschaltung oder Telko abgehalten worden. Wenn ich mal dabei saß, bin ich vor Schock fast erstarrt. Ekstatisch und voll Zuneigung und Begeisterung preist sie zusammen mit den anderen den Herrn. Und das mindestens täglich.

Im vergangenen Jahr war sie noch gläubig. Nun ist sie auf jeden Fall deutlich mehr als nur gläubig. Und sie ist nicht die Einzige, ich kenne viele Mütter denen dies widerfährt. Alles wird in Gottes Hände gelegt und sie vertraut auf ein gottgefälliges Leben. Der Arte-Beitrag zeigte auch, wie in einigen Gemeinden das gesamte Leben dem Glauben folgt und natürlich hat Gott auch einen Messias gesandt, der als Politiker erscheint, um alle zu retten. 

Nicht nur die Grenzen des Sagbaren haben sich verschoben, auch das Denkbare lässt noch mehr zu. Nicht zu schweigen von den Handlungen – erschossene Politiker, geköpfte Lehrer. Ich könnt kotzen.

Auf den Punkt brachte es bei der oben erwähnten Reportage ein sog. Latinowähler für den republikanischen Kandidaten, dessen noch lebende Eltern erst eingewandert sind: Wir haben uns hier alles aufgebaut und hart gearbeitet. Ich liebe Mexiko, aber die anderen sollen dort bleiben. Hinter mir die Grenzen dicht bitte.

Die Wahrheit ist – wir haben keine Demut und keinen Respekt voreinander.

Die Wahrheit ist – wir denken nur an uns selbst.

Die Wahrheit ist – wir wollen nichts teilen.

Wir sind egoistische, egozentrische Heuchler. 

Was ist mit den Werten der der Aufklärung passiert? Vernunft, Wissenschaft, Pragmatismus? Stattdessen Ideologien, welche mit radikalisierten Vorurteilen Toleranz in jedem Diskurs obsolet machen. Menschlichkeit wegradieren. All die Rechte und Freiheiten, gewonnen aus vergangenen Revolutionen und Blutvergiessen, auch das obsolet. Eigentlich nicht verwunderlich, denn der Mensch an sich vergisst gesellschaftliche Ereignisse schnell. Damit fällt eine Einordnung in einen Wertkontext immer wieder schwer. Es wird einfacher, Meinungsmachern zu folgen und das Denken outzusourcen.

Nicht nur die Religionen, alles wird zu einer Glaubensfrage. Ernährung, Stil, welche Sendungen man schaut. Erst heute lese ich in der Zeitung von einem Arzt, der im TV Tipps für eine starke Lunge gegeben hatte. Er wurde bedroht, bepöbelt, beleidigt. Nur weil die Täter nicht an den Coronavirus glauben. Man kann es drehen und wenden wie man will, Fakten haben ihren Absolutheitsanspruch verloren. Das war schon vor der letzten USWahl so und hat in den letzten Jahren durch die Beschleunigung und mithilfe sozialer Netzwerke richtig an Fahrt aufgenommen. Fake News wohin das Auge blickt.

Die sozialen Medien verändern uns, Möglichkeit und Gefahr.

Aber: 

Differenzierte Betrachtungen sind – out.

Lange Texte lesen – out.

Seine Aufmerksamkeit gezielt widmen – out.

Wohlwollendes Aufeinanderzugehen – out.

Wir lassen uns als Einzelpersonen von unseren digitalen Tools und unserem digitalen Lifestyle verkonsumieren. Als Gesellschaft lassen wir uns von den modernen digitalen Fortschritt beherrschen und bilden uns ein, wir hätten die Macht und Kontrolle darüber. Hacker, Botfabriken, soziale Kontrolle und Überwachung – man braucht bloss in Richtung des Landes der aufgehenden Sonne zu blicken, wie die Moderne auch aussehen kann. Eigentlich muss man gar nicht so weit blicken: Nur eine mittelprächtige Recherche zum Thema Algorithmen würde erklären, was hier und heute vor sich geht.

Wo Unrecht zu Recht wird – wird Widerstand zur Pflicht.

Wir werden uns wohl erinnern, wenn es wieder zu spät ist oder sagen wir, für uns wiedermal zu spät ist. Denn weltweit ist es wohl immer wieder mal zu spät, übrigens alles im Namen des Kapitalismus.

Ich möchte die Ereignisse und Entwicklungen weder verteufeln noch beschönigen. Nur festhalten – diesen Moment. Er könnte rückblickend entscheidend für etwas sein, was wir noch nicht wissen.

Wir schreiben schliesslich jeden Tag Geschichte(n).

Ein ernstes Ciao Amigos 

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