Der Schnellzug ins Wochenende

18.Oktober.20

Der Oktober vergeht so schnell, wie er begonnen hat. Er bleibt nicht.

Wenn morgen die Arbeitswoche mit dem Montag beginnt, setze ich mich rein in den Zug Richtung Wochenende und mein Eindruck ist, er fährt so 300kmh.

Es besteht keine Möglichkeit, sich ausgiebig die Gegend anzusehen. Man bleibt im Zug und die nächste Haltestelle ist wieder Wochenende, dann ist der Oktober auch beinah vorüber. Wochenenden sind schön, aber in diesem Kontext nur eine Verschnaufpause. Ein kurzer Umstieg in die Regionalbahn nur um Montags darauf wieder Fahrt aufzunehmen. Unbefriedigend.

Es folgt der November mit der unsäglichen Schicksalswahl in den USA. Danach kann man viel aufzählen, was aller Wahrscheinlichkeit nach coronabedingt nicht oder sehr eingeschränkt stattfinden wird.

Konzerte, Martinszüge, Weihnachtsmärkte und so. Stattdessen werden wir emsig dem Aufruf der Kanzlerin folgen und weitgehend zuhause bleiben.

Auch gute Dinge werden passieren, wie die Zeitumstellung. Die kommt sogar schon vor dem November, meine ich. Und ich freue mich sosehr auf diese Mehrstunde, ich plane zusätzlich noch mehr zu schlafen. Damit ich mich maximal ausgeruht fühle und weil Schlafen einfach Hammer ist.

Obwohl wir noch nicht nach 12 Uhr haben, habe ich vorhin einen Keks gegessen. Haferkeks zartbitter.

Außerdem vor Kurzem auch ein Stück Fleisch – tatsächlich. Und während ich das schreibe, springt in meinem Kopf der Bock des Vorwurfs umher, shame on me. Ich bin versucht, diese Aussage zu löschen. Ich tue es nicht.

Der Schlendrian hat sich eingeschlichen. Schwermütig, mit vielen Kilos und penetrant hat er sich wieder in mein Leben geschmuggelt. Wo sind die guten neuen, harterarbeiteten Gewohnheiten hin? Ja, ich hab sogar wieder geraucht zwischendrin! Ich weiss nicht, was passiert. Der Schlendrian ist soooo, doof ey. Was will der eigentlich? pfff. Monatelang, ja fast 1 Jahr konnte ich mich anstrengungslos an meine selbstauferlegten Regeln halten, nur um gegen Jahresende zu schludern, ein klares NEIN dagegen. 

Hiermit nehme ich mir vor, in der kommenden Woche gar keine Ausnahme zu meinem Nichtrauch-Vegan-Achtsamkeitsgebot zu machen. Und wenn der Schlendrian auch nur mit seinem Gesicht um die Ecke blickt, boxe ich ihn weg.

Als ich gestern Abend heim fuhr, lief im Auto auf Deutschlandfunk Kultur Richard David Precht im Interview. Ich nehme an, es war wieder ein Interview anlässlich seines Buches (Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens). Sobald ich in der Wohnung war, machte ich mir zum Spülmaschine ausräumen, Lebensmittel einräumen und Wäsche aufhängen, YouTube an und es wurden mir gleich 3 Videos mit Richard David Precht angezeigt. Zugegebenermaßen höre ich bisweilen gerne seine Ansichten, weil er dank seiner Popularität es geschafft hat, Philosophie von einem Nischendasein in die Mitte zu rücken.

Weil also der Algorithmus sowie der Zufall ihn mir wiederholt aufgedrängt haben, beschäftigte ich mich eingehend mit ihm. Ich feier, was er in sehr authentischer Popstar-Manier für die Philosophie getan hat. Gleichzeitig kenn ich auch zahlreiche Menschen, die ihn überhaupt nicht ausstehen können.

Zu arrogant, zu oberflächlich, zickig. Das sind zumeist andere Intellektuelle, die, sagen wir, heute keine große Bühne haben. (richtig, lest gerne mal die Definition nach – Intellektuelle ) Aber mit seinem Standing und seinem Erfolg ebnet er den Weg für andere Philosophen und mich macht das unglaublich froh.

Es scheint zu einer Renaissance des kritischen Denkens gekommen zu sein.

Einer Wiedergeburt im coolen Style, angestrengter Denkerfalte und weissen Sneakers. 

RDP kommt wahrscheinlich so gut an, weil er sehr authentisch ist/wirkt. Er bleibt bei sich und biedert sich nicht an.

Nach meinem Schulabschluss zog es mich an die Uni Wuppertal in den Fachbereich Philosophie. Klar, das war zu dem Zeitpunkt eingestaubt und strange, man sah es an den Kommilitonen und den Professoren. Viele ungepflegte Nerds, graue Menschen, absolute Aussenseiter und eine überragende Männerquote. Der Fachbereich war klein. Aber die Vorlesungen, Seminare und Kurse waren toll. Oft haben wir über die Zeit hinaus in den Räumen gesessen und Fragen geklärt, selbst in den Pausen und draussen, haben wir weiternachgedacht. Die Philosophie ist meiner Meinung nach schon immer die grundsätzlichste aller Geisteswissenschaften gewesen und damit auch die Basis für andere Wissenschaften.

Die Kunst des Denkens an sich, frei und ohne vorgegebene Bahnen, die Kunst vorgegebene Bahnen verlassen zu können und die eigene Vorstellungskraft zu erweitern – das ist für mich Philosophie, die Mutter des kritischen Denkens. Klar, damals hiess es, es wäre eine brotlose Kunst und auch die Tatsache, ein Philostudium gemacht zu haben, macht einen nicht direkt zum Philosophen. 

Aber ich denke, es macht einen zu einem besseren Entscheider, zu einem demütig umsichtigeren Denker und zu einem reicheren Menschen (nicht monetär). Dies alleine schon aus dem Grunde, dass man Distanz aufbauen kann, zu der Tatsache, dass heute gängige Theorien objektive Gesetzmäßigkeiten beschreiben würden.

So wünschte ich mir mehr Wertschätzung für die Mutter der Akademia und das schafft Richard David Precht und er schafft auch den Spagat, es populärwissenschaftlich erklären zu können und so ein breites Publikum mitzunehmen. Ja, ganz ehrlich, ich weiss das sind höchstemotionale Lobeshymnen und Überzeugungen, aber es macht mich glücklich, weil es mich final in der Wertung bestätigt, was wirklich wichtig ist und zählt.

Die Rechtswissenschaften beispielsweise, hab ich rückblickend gerne gelernt. Aber genau so wie die Wirtschaftswissenschaften sind sie systemimmanent und systemerhaltend. Sie erlauben es nicht oder nur ganz selten, dass man sie grundsätzlich in Frage stellt, weil man damit im Grunde ihre Daseinsberechtigung untergraben würde. Es sind Disziplinen, die dem Geschehen hinterherlaufen. Sie versuchen dann im Rahmen der Gegebenheiten und der aktuellen Leitlinien bzw. des politischen Willens das Bestehende und das Neue innerhalb der Disziplin zu ordnen.

Als Beispiel für ReWi: neue Kriege. Und für die Wirtschaftswissenschaften: Wirecard. 

Kurzum ließe sich auch behaupten, dass bestimmte Disziplinen innerhalb der Philosophie die Freiheit zu Denken, sich Vorstellungen zu machen maximal erlauben und sie damit ein Potential aufweist, lange vorher nach Antworten zu suchen und Fragen zu stellen, mit denen sich dann auch die Fachdisziplinen auseinandersetzen können. Denn am besten ist dies an RDP’s Lieblingsthema KI zu sehen: Die Macher und die Firmen, die diese technischen Innovationen vorantreiben, haben ein wirtschaftliches Interesse im Sinn, nicht aber das Wohl einer Gesellschaft und darin liegt das Grundübel.

Es gibt wenig Anreize, diese Konzepte komplett zu durchdenken, zumeist verfolgt man auch den Ansatz: Einfach mal machen und dann mal gucken.

Aber manche Entwicklungen sind nicht zurückzudrehen. Das Paradebeispiel für mich, ist die Wirkung der sozialen Medien. Es gibt viel Wissen und auch Forschung, aber dies führt nicht dazu, dass der Großteil der Benutzer damit kompetent und souverän umgehen kann. Und so bin ich mir für meinen Teil recht sicher, dass die Hysterie und die extremen Polarisierungen der Gegenwart viel mit der Welt – To-Go in der Hosentasche zu tun haben.

Kurzum, wenns läuft, ist die Philosophie nicht so wichtig, wenn’s aus Sicht von vielen immer weniger läuft, dann wird sie relevanter. Krisen und Strukturwandel sind Langzeitereignisse mit mehrdimensionalen Folgen.

Ob ich das Buch von RDP noch lese? Ich weiss es nicht, möglicherweise.

Momentan bin ich sehr glücklich mit Sally Jones von Jakob Wegelius – Bericht folgt.

Ich muss den Schlendrian jetzt suchen und ihm klarmachen, wer hier das sagen hat. Dann setze ich mich ins Bahnhofscafé, weil morgen früh der Zug ins nächste Wochenende fährt.

Ciao amigos

2 Kommentare zu „Der Schnellzug ins Wochenende

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: