Traurig sein für Anfänger

19.Oktober.20

Die Traurigkeit legt sich wie ein dunkler Schleier über den grauen Regentag – ein Entkommen scheint mir unmöglich.

Bis abends hin komme ich nicht aus ihr heraus. Ein schwerer, steifer Ledermantel, der einen vollkommen umhüllt.

Ein Gespräch mit lustigen Kollegen, ein lustiges Gespräch mit Kollegen? 

Der Strohhalm, an den ich mich klammere. 

Wie gehts es uns heute von 1-10? Die anderen bewegen sich zwischen 7 und 9. 

,,4,8“, lautet meine schwermütige Antwort. 

Entsetzen, die Reaktion der anderen.

Ich bin müde, weiss nicht wohin mit mir. Die Fröhlichkeit kann sich nicht auf Knopfdruck einstellen, nicht wie sonst.

Nicht durch Essen, nicht durch lustige Kollegen, nicht durch tanzen; einfach nicht.

Mama ruft an: „Wie gehts dir?“

,,Nicht so gut.“ 

,,Oh, was ist denn passiert?“

,,Nichts, ich bin traurig heute.“ 

,,Nein, du musst doch nicht traurig sein, du bist doch gesund und hast Arbeit! Du hast doch keinen Grund.“

,,Boah, Mama!“

,,Ja, stimmt doch. Es fehlt vielen Menschen an Gesundheit.“

Ich weiss, es stimmt, aber ich kann es nicht fühlen. Ich kann mich nicht freuen, nicht die Dankbarkeit empfinden.

,,Es wird schon wieder besser gehen und das, was fehlt wird zu dir kommen.“

,,Danke, liebe Mama.“

Ich habe keine Lust, mir was Leckeres zu kochen.

Keine Lust, mich ans Klavier zu setzen.

Keine Kraft, mich aufzuraffen zum Sport.

Keine Kraft für Yoga.

Einfach nein.

Draussen hat es etwas aufgeklart. Obwohl ich für den heutigen Tag noch nicht fertig bin mit der Arbeit, möchte ich vor Sonnenuntergang raus. Ich möchte spazieren in der Dämmerung.

Ich ziehe mich an. Pack mich ein.

Laufe raus.

An der Rheinpromenade ist viel los. Radfahrer, Fussgänger, Kinderwagen schiebende Mütter. Schlendernde, Raser oder Interessierte, die immer wieder mal stehenbleiben. 

Das Wasser ist ruhig, die Wasseroberfläche wirkt wie ein ruhiges Bild mit der Tüte aus den Augsburger Puppenspielen.

Ein Mann kommt mir entgegen – er lächelt.

Die innere Müdigkeit legt sich wie eine Gipsmaske auf mein Gesicht; zieht es runter. Ich glaub, ich sehe sehr alt aus.

Es tut gut, draussen zu sein. Zu gehen und sich zu spüren. Den Wind zu spüren, Menschen zu sehen.

Lange habe ich mich so nicht gefühlt, ich bin für gewöhnlich eine Hubba-Bubba-Frohnatur.

Ich rufe einen guten Freund an, einfach so. Er ist einer der wärmsten und lustigsten Menschen, die ich kenne.

Es klingelt. Ich bange kurz – geht er ran?

In unserer arbeitswütigen, modernen Welt ist es bisweilen nicht leicht, Freunde spontan zu erreichen.

Er meldet sich. Darüber freue mich ins Unermessliche. Er schafft es, mich abzuholen. Ich lass mich drauf ein. Wir sprechen – schon gehts besser.

Unterdessen ist es dunkel geworden. Die Promenade leert sich. Ich begegne nur noch ambitionierten Joggern und schnellen Radfahrern in regenfester Kleidung.

Er muss nun was bei sich im Garten erledigen. Wir beenden das Gespräch.

Zwischendurch hab ich einige Anrufe bekommen.

Ein letzter Blick zum Himmel, auf den Spiegel des Wassers und den Horizont.

Mone ruft an.

Ich gehe das Treppenhaus hoch, in der dritten Etage verkrampft mein Unterleib. Ich spüre etwas. Mein Körper ist für einen kurzen langen Moment ein Schmerzkrampf.

Ich wuchte mich hoch in die Wohnung. Mir fällt ein, Eisprung, es ist wieder so weit.

Mone hat Ahnung. Sie sagt: „Es ist voll ok. Brauchst gar nicht dagegen anzukämpfen, es ist ok“. 

Sie sagt: „Es tut mir leid, dass du traurig bist“.

Ich fühl mich verstanden – ernstgenommen.

Ich bin dankbar und freue mich, ich bin nicht allein.

Später erinnere ich mich, dass ich schon länger merke, dass mir etwas fehlt.

Extremer Eisenmangel, Vitamin D und fleischlose Ernährung, großer Blutverlust bei Periode. Ich mach dann mal ein großes Blutbild.

Ciao amigos 

2 Kommentare zu „Traurig sein für Anfänger

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