Der rote Faden

13.Oktober.20

Disclaimer: Period.

Es ist 22 Uhr, ich sitze auf der Couch und esse. Gebackene Paprika rot und grün mit Basmatireis. Gebackene Ofenpaprika sind der Hit – schneiden, würzen, ölen, reinschieben und warten. Dann geniessen. Ich war eben schwimmen. 

Nach mehrwöchiger Abstinenz war es mal wieder schön im Schwimmbad zu sein. Danach fühlt sich mein Körper immer anders an, ich kann es nur schwer beschreiben. Es ist in etwa so, als würde er jedes mal von neu durch das Wasser geformt. Und ich behaupte, Wasser macht die Körperform schöner.

Anyway, was sicher nach dem Schwimmen kommt, ist der Hunger. Und daher sitze ich auf der Couch und esse.

In den letzten Tagen war ich in meiner inneren Haltung nicht so aktiv. Meine Position und Situation war die einer Wartenden. Seit etwa einem Jahr notiere ich handschriftlich meine Periode, nachdem ich die Periodenapp gelöscht hab. Keine Lust, meine Daten zu verschenken. 

Nach dieser bisher sehr treffend genauen Aufzeichnung und Prognose hätte meine Freundin Rot am 06.10. eintreffen müssen. Aber sie kam nicht. Einfach nicht. Stattdessen bin ich vor lauter Wassereinlagerungen bald geplatzt und auch andere Symptome bahnten sich schon ihren Weg – trotzdem meine Tage hatten keine Lust. Verständlicherweise kommt es ganz natürlich im weiblichen Zyklus zu Änderungen. Aber 5 Tage später? Das ist mir bisher noch nicht passiert und die Folgen sind erheblich.

Ich hab demnach unerwartet 5 Tage später mit Schmerzen rechnen müssen. Schmerzen, die sich nur liegend ertragen lassen. Schmerzen, die mich nötigen Schmerzmittel zu nehmen.

Gegen die Schmerzen kann man ja Schmerzmittel mitnehmen, im Falle dessen, dass man auch mal das Haus verlassen muss. Aber seit etwa einem Jahr muss ich mich regelmäßig übergeben und vollständig entleeren.

Meine Lehre aus diesem innovativem Handeln meines Körpers ist, dass ich vor meiner Periode einfach sehr wenig esse, damit es nicht wieder raus muss. Wenn sie sich aber um Tage verschieben, müsste ich dummerweise auch tagelang sehr wenig essen. Ätzend.

Übrigens zu den Schmerzen: Am Wochenende hatte ich eine geplante Zufallsbekanntschaft mit einer sehr interessanten Frau. Sie ist an Multipler Sklerose erkrankt. Wir saßen an einem Tisch, unterhielten uns und tranken Tee. Ich fragte sie, da wir nur zu zweit waren, wie ihr Leben mit der Krankheit wäre und wie sie ihren Schmerz beschreiben würde.

Chronische Schmerzen sind schrecklich und ich kann mein Mitgefühl für jeglichen Betroffenen nicht in Worte ausdrücken. Es ist vollkommen. Jedenfalls die Frau, nennen wir sie Jacky, etwa in meinem Alter sagte mir, dass sie einen Dauerschmerz hätte, der etwa bei 3 liegt und an Tagen mit Wetterwechseln beispielsweise, lägen die Schmerzen bei 7 oder 8.

Ich war entsetzt. Diese junge, hübsche, tolle Person, frei und unbedarft, wie sie wirkte; war tagtäglich eingeschränkt durch eine Krankheit, die sie in ihrer Vergangenheit bereits für Jahre aus dem Leben gerissen hatte. Gegen die Schmerzen wurde ihr ein Medikamentenpotpourri verschrieben, sie rauchte an dem Tag aber lieber einen Joint, die Schmerzmittel sind einfach zu stark. 

Multiple Sklerose ist eine neurologische Autoimmunerkrankung, bei der durch Entzündungen im Bereich des zentralen Nervensystems Zellen beschädigt werden. Das führt zu Lähmungen und Taubheitsgefühlen an allmöglichen Extremitäten und Störungen des Seh- oder Sprechzentrums. Sie hat mir das alles erklärt und ich merkte den Zwiespalt, einmal etwas zu erzählen, was von ihr ist, was Teil ihres Lebens ist, aber andererseits auch etwas mitzuteilen, was nicht wünschenswert für Aussenstehende ist, eine Schwäche, welche zuzugeben nicht leicht ist.

Eigentlich unterhielten wir uns über Vorstellungen vom Beruf, auch weil ihre Erkrankung sie in Laufe des Lebens in ihrer Ausbildung zeitlich aber auch motivationell sehr und immer wieder zurückgeworfen hatte. Eine Zerreißprobe, die Krankheit als Grund und Erschwernis oder eben die Krankheit als Ausrede, um etwaiges Scheitern zu rechtfertigen.

Die Begegnung mit Jacky gab mir viel zu denken und erfüllte mich mit Dankbarkeit. Ich wünsche ihr für ihren Weg nur das Beste und bin gerne an ihrer Seite. Gleichzeitig gibt mir diese neue Dimension von Schmerzerfahrung Stoff für Überlegungen. An mehreren Stellen sprach sie von meiner Krankheit, meinem MS, liebevoll und annehmend. Ich war sehr berührt und bekräftigt darin auch meine Schmerzen noch mehr anzunehmen.

Übrigens:

Gestern Früh, als ich ins Büro fuhr, begegnete ich auf dem Parkplatz einem Kollegen. Wir kamen uns entgegen und wenn man morgens um 9 einem Kollegen auf dem Parkplatz begegnet, der zum Auto geht, fragt man schon mal, ob er denn wieder heimführe. Klassiker. Mit einem Lächeln im Gesicht.

„Nö“, sagt er. Er müsse nur was holen und wie ginge es denn mir, lange nicht gesehen. „Joah“, sagte ich. „Ok“, ich wäre nicht allzu fit. Er springt daraufhin einfach 5 Meter von mir weg.

Ich muss, ob seines leicht entsetzten Gesichtsausdrucks, verstärkt lächeln, fast lachen und sage: „Nee, ich hab kein Corona und bin auch nicht erkältet. Ich hab das jeden Monat“. Verwirrt sagt er „Aber du siehst echt aus, als sollest du ins Bett“. Ich so ,,Ja stimmt, aber jetzt bin ich hier und fühle mich ok“. Er so:  „Was kann man denn dagegen machen?“. Ich: „Einfach keine Frau sein“ und lache mich kaputt. Schöner Start in den Tag!

Und es wurde dann tatsächlich noch ein ausserordentlich schöner Tag, an dem ich auch noch einen fantastischen Traum hatte, aber das erzähl ich beim nächsten Mal.

Jetzt werde ich, wenn ich richtig dolle Schmerzen hab, die ich mit einer Medikamenteneinnahme punktuell gut managen kann, an Jacky denken und sie für ihre Kraft und ihren Lebensmut bewundern und sie für jeden Erfolg feiern.

Ciao amigos 

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