Zu Tisch mit Reichsbürgerin

03.Oktober.20

Die Diskussionen am gestrigen Abend hatten am Ende das Groteske von Talkshows, indem wir ständig moderieren mussten und uns ab und an auch selbst festhalten, um uns nicht hier und da mal vor Fassungslosigkeit einige Haare herauszureissen. 

Ich war anlässlich des Geburtstags ihres Bruders bei Jölle, die, wie ihr euch erinnert, mittlerweile wieder in den Norden gezogen ist.

Als ich ankam, waren die Feierlichkeiten im Gange. Es hatten sich wie immer die gleichen Mitglieder der Familie eingefunden. Eine gemütliche Runde am Esstisch, eine andere gemütliche Runde im Wohnzimmer. Es gab ein großes Hallo, aber tatsächlich wollte ich keinen umarmen oder sonstig zur Begrüssung berühren. Das hat mich selbst überrascht, aber mir war natürlich bewusst, dass ein ganzer Abend innerhalb eines geschlossenen Raumes mit anderen Menschen für eine Corona-Ansteckung mehr als ausreichend sein könnte.

Nun gibt es aber keine offiziellen Beschränkungen und es handelte sich ja um eine kleine Familie. Über den Abend hinweg konnte ich mich aber wieder entspannen. Es war meine erste Feierlichkeit, wenn man so will, seit dem ersten Lockdown. Etwas sehr Besonderes und hat mich als solches auch ausserordentlich glücklich und dankbar gemacht. Morgens zuvor noch habe ich mit meiner Mutter rückblickend darüber gescherzt, wie furchtbar es während des Lockdowns war, sie einfach nicht zu drücken, küssen oder umarmen zu können. 

Es kommt entscheidend darauf an, was für ein Kommunikationstyp man ist, ich bin da sehr körperlich. Jede Berührung zählt.

Ich blieb am Esstisch hängen, legte ab und kriegte erstmal was zu essen. Anwesend waren die Eltern, Jölle, Onkel Kalle und Tante Elke sowie die Freundin von Jölles Mutter, Jenny. Eine altbekannte Kombination – bekannt, seitdem Jölle und ich uns vor 17 Jahren kennenlernten. Es gab eine leckere Auswahl am Büfett und als Neuankömmling wurde man gleich mehrfach gefragt, wie es einem denn gehe. „Gut“, antwortete ich und testete konzentriert die Leckereien auf meinen beiden Tellern. Auf dem zweiten Teller war Suppe. Ich fragte zurück, jeden aus der Runde nach Befinden und Neuigkeiten, um den Fokus von mir zu nehmen. Der Ball wurde mir nach Komplimenten und Kommentaren zu meiner Frisur wieder zurückgespielt.

Ich eröffnete mit: „Alles gut. Mich beschäftigt momentan wieder eine neue Facette der Sinnfrage“. Augenrollen. Blicke auf die Tischdecke gerichtet.

Ich erzählte von einem nachmittäglichen Spaziergang, dass mir das System oft sehr sinnfrei erschiene, wenn Menschen ihr verdientes Geld für Konsum ausgeben, der (in meinen Augen) völlig sinnlos wäre. Es folgten Zustimmung, Kommentare zum Hamsterrad und die Überzeugung, man müsse ja arbeiten, um was zu essen. Eine Person hingegen fühlte sich da aber besonders abgeholt. Jenny. Wir seien Sklaven der BRD und befänden uns in einer Okkupationsverwaltung der Alliierten.

Gleichzeitig saßen auch die zwei Handyexperten aus der Runde nebeneinander und zeigten sich neue Gimmicks und Apps. Hat mich irgendwie sehr amüsiert das Bild – da sitzt meine Elterngeneration und hat alle Apps und immer die neusten Handys und kennt alle Features, aber auf die Frage, wozu das denn alles gut sein soll, kommt keine schlüssige Antwort. Nichts gegen Technikbegeisterung – ich bin dafür. 

Aber bereits an anderer Stelle stellte ich fest, dass eine gewisse Basis-Mediennutzungskompetenz auch zum Grundkurs Technik für Fortgeschrittene gehören sollte.Zum Beispiel hier. Anyway.

Meine Entzückung war da und es gab schon Gründe Bauklötze zu staunen, Infrarotdetektoren für geheime Kameras, Umgehung von Kameraverboten mit ausgestatteten Kulis, mobiles WLAN am Start. Im Vergleich zu denen, lebte ich in der Steinzeit.

Die Antenne des mobilen WLANs wurde schliesslich von Jenny zweckentfremdet. Je mehr O-Saft und Bier flossen, desto stärker wurde die Fantasie angeregt. Mit dem Teil an dem Kopf gesetzt, verbildlichte sie den Anwesenden die Antennen zum morphischen Feld. Denn eigentlich, weil der Mensch die Fähigkeit zu Telepathie habe, brauche man eh keine Handys. Und wenn, dann bitte nur Telegramm. Weshalb? Weil es die Einzigen sind, denen man trauen kann. Verstanden. Ansonsten käme es infolge von Fremdsteuerung ohnehin zur digitalen Demenz und man müsse schliesslich auch selber noch nachdenken. Ich frage Jenny, wo sie ihre Informationen herbekomme. Sie fertigte mir eine Liste mit den einschlägigen YouTube-Channels an.

Besetzerstaat, BLM, Polizeigewalt. Wer trägt die Verantwortung? Jedes Individuum und damit auch die Gesamtgesellschaft oder eben nur die Eliten? Genannt wurden ganz konkret Gates, Soros und Rockefeller unter anderem. Das sind im Prinzip ohnehin immer die gleichen Namen. QAnon ist schließlich derselben Meinung. Die Diskussion plättet mich, 90% versuchen eine Verbindung zu Jennys 10% zu finden. Wir werden nicht fündig.

Tante und Onkel haben sich irgendwann verabschiedet, Kalle nicht ohne sich die Liste mit Jennys Informationsquellen abzufotografieren. Die Polarisierung ist total. Ohnehin ist Jennys Konter auf offenstehende Nachfragen stets:

„Man muss sich auch für etwas Neues öffnen und ein bisschen nachdenken muss man schon selber.“ Schließlich versuchen fast alle uns alle zu manipulieren.

So zitierte sie bspw. schwungvoll einen Vorschlag von Sprüchen, die an jedem Schuleingang stehen sollten: ,,Wascht eure Hände, euer Gehirn waschen wir“. Das mittlerweile auch am Tisch sitzende Geburtstagskind kommentierte: ,,Wir hatten nicht mal Seife an der Schule“.

Jölle und ich krümmten uns vor Lachen. Ich konnte nur läpsch ergänzen: ,,Wir hatten nicht mal ne Schule“.

Der rauchig milde Whisky leerte sich mit einer graduellen Zunahme in der Geschwindigkeit, je höher die Verzweiflung am Tisch stieg. 

Ich war ganz froh, dass wir irgendwann nur noch über Lösungsmöglichkeiten gesellschaftlicher Probleme sprachen. Von einer Seite war die einzig mögliche Lösung klar, die Eliten müssten vernichtet werden und das kann am besten ein Messias Trump und seine Gang. Na, danke auch. Und der Einzelne trage eh keine Verantwortung, worin ich eine der Hauptschwierigkeiten sehe.

Man wünscht sich einen Erlöser, einen Aufräumer, her. Meine Fantasie ist unlimitiert, aber die Konstellation dieser Mensch (Trump) = Aufräumer und Erlöser, echt nicht. 

Die Meinungsverschiedenheiten hatten eine Qualität und Ausmaß, da kann jeder Plasberg einpacken.

Vorhin habe ich mir einige Channels aus Jennys Liste angesehen und muss sagen, teilweise ist es großer Müll, eigentlich zum größten Teil. Es wird vor einem Krieg gegen alle Menschen gewarnt und es käme jetzt zu einem neuen Erwachen usw. Es sind aber durchaus einfach abweichende Meinungen und teilweise Aufzählungen gegen die Maskenpflicht. Auffallend ist, dass einige der Betreiber eine örtliche Nähe haben, was dafür spricht, dass es ihr nicht unerheblich um die Aufrechterhaltung zwischenmenschlichen Kontakts geht, gegen die Vereinsamung.

  1. Sie hat ungefiltert 1 zu 1 alles nachgesprochen, was ihr dort erzählt wurde.
  2. Aus welchem Grund kann sie diesen Medien vertrauen und den anderen nicht? Weil sie ein für sie valides Feindbild bemühen?

Nach dem gestrigen Abend könnte ich mir vorstellen, dass Trump wirklich glaubt, was er erzählt.

Zu Jenny:

Andererseits, wenn auch nur ein Teil dessen sich als wahr herausstellen sollte, koch ich einen Besenstiel ein und ess ihn auf. Vielleicht mit Ketchup aber ich fress einen Besen.

Tatsache.

Ich möchte zuletzt zwei Dinge über die Liebe sagen:

Trotz der erschreckenden Einsichten von gestern habe ich große Zuneigung und Respekt für den Menschen Jenny und feiere es hart, dass alle Anwesenden sie trotzdem lieben und sie zurück.

Dann ein Zitat von Jölles Papa, wie man die Ehe auch sehen könnte: ,,Ich bin der Kopf und Ulla der Hals. Der Hals dreht den Kopf“.

Den Rest überlasse ich euch, ciao amigos 

6 Kommentare zu „Zu Tisch mit Reichsbürgerin

  1. Was mich ein wenig stört, ist bei den Menschen, die sich für solche Ideen und Theorien interessieren, dass sie zugleich Youtube und Facebook auf ihren Handys nutzen (spannend, dass zumindest WhatsApp ausgehebelt wurde, wenngleich Telegram für mich nicht ein Stück sicherer ist als WA). Ich finde es deswegen kritisch, weil die eigene Handlung nicht hinterfragt wird. Verändert sich unsere Welt in eine Mischung aus „1984“ und „Brave New World“? Ich kann das schon auch erkennen, brauche aber nicht die böse Elite, die uns das aufzwingt, weil wir uns das sehr bereitwillig selbst auferlegen. Wir geben unsere Daten preis, damit wir nichts bezahlen müssen. Wir machen uns damit transparent und ja, es gibt so einige Regime, die das dann sofort ausnutzen und sogar noch weiterentwickeln (China mit dem Sozialpunktesystem). Inwiefern Deutschland so einen Weg gehen wird, dürfen wir ja glücklicherweise mitentscheiden. Mich freut aber dein Abschluss, also dass ihr Jenny liebt und sie euch ebenso. Denn ich fürchte, dass die allgemeine Polarisierung nicht hilfreich ist, wenn man die Welt ein wenig besser machen möchte.

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