Coronatest und Pommeskrise

21.September.20

Ich war im Urlaub und es war schön und spannend und toll und viel gesehen. Also eher Action Urlaub als Chiller-Urlaub.

Wegen Corona sind die Reiseziele eher eingeschränkt oder zumindest anders fokussiert und zusätzlich ständig im Wandel. Wir wollten ursprünglich in den Südosten Frankreichs. Zwei Tage vor Abreise hiess es, Frankreich sei von nun an Risikogebiet. Da wir eh einen Roadtrip machen wollten, mussten wir nur festlegen, in welche Richtung wir stattdessen fahren wollten. Kurzum, wir sind final in Italien gelandet und es war sehr schön.

Bis auf die letzte Nacht in Mailand, was eine reine Suffentscheidung war, in der ich mich entschied, das Fenster alternativ zur Klimaanlage zu betätigen. Mit absehbaren Folgen. Natürlich kühlte es ausgerechnet in dieser Nacht erheblich ab und ich war zack erkältet. 

12 Stunden Autofahrt Richtung Heimat zu dritt später, wurde es immer schlimmer. Heute haben daher alle einen Coronatest gemacht. War gar nicht so einfach. In das Hauptinfektionsschutzzentrum der Stadt fuhr ich heute Morgen zur Öffnungszeit und fand eine Schlange vor, die ihresgleichen suchte. Scheinbar standen die Menschen da schon seit über 2 Stunden. 

Hoffnungsvoll reihte ich mich ein, schliesslich hatte ich mir einen großen Pott Tee mit Honig gekocht und hielt den lässig in der linken Hand. Nach etwa einer Stunde kam ein Mitarbeiter des Zentrums und teilte den Wartenden ab einer bestimmten Höhe in der Schlange (er hat die Menschen in der abgezählt) mit, dass von diesem Punkt an noch mit 3,5 Stunden Wartezeit zu rechnen sei. What? Und online steht etwas von 10 Minuten….

Ich schlage vor, die Angaben werden der Realität nach upgedatet, es ist wohl eher damit zu rechnen, dass im Herbst mit den ganzen Erkältungen sich im Zweifel mehr Menschen testen lassen möchten, als im Sommer. Denn so wird das nicht funktionieren.

Es gibt Geschäftsmodelle, die in der Coronasituation funktionieren und solche, die nicht funktionieren. Wo es Verlierer gibt, gibt es eigentlich auch immer Gewinner unter der Annahme, dass die Gesamt(geld)menge nicht abnimmt.

Ich schau gerade parallel Arte, die Reportage Pommes Berge durch Corona. Darin wird beschrieben, wie bestimmte Geschäftsmodelle heftig betroffen sind; ich finde es immer sehr anschaulich, wenn insbesondere industrielle und landwirtschaftliche Realitäten gezeigt werden, denn das sind Lebenswirklichkeiten, die man sich als Nichtbetroffene weniger gut vorstellen kann und sie erhalten häufig auch nicht die große Deckung in den Medien.

Scheinbar leidet die gesamte Lieferkette in der Pommesherstellung, weil durch den Wegfall und die Einschränkung öffentlicher Großveranstaltungen die Hauptabsatzmärkte weggebrochen sind. Und das betrifft insbesondere Kartoffelbauern, die ausschließlich auf Pommeskartoffeln setzen.

Lukrativ wenn es läuft, aber anfällig in der Krise – das gilt aber für alle Bereiche. Es gibt kaum krisensichere Jobs, dessen muss man sich bewusst sein. 

Letztlich bin ich nach der Heimfahrt und frustrierenden Internetrecherchen, Arzt-Terminvereinbarung am Folgetag, einfach nicht zur Ruhe gekommen.

Glücklicherweise hat meine mitgefahrene Freundin Minz eine Teststation ausfindig machen können, bei der man wirklich nicht lange warten musste. Ich bin hingefahren, denn der Arzttermin war zwar echt kurzfristig aber ich war so unentspannt und wollte wahrscheinlich auch unter dem Eindruck der schmalzigen Erkältung unbedingt diesen Test machen. Immerhin wollte ich nach zwei Wochen Urlaub im Homeoffice zumindest etwas arbeiten.

Kurzum, ich fahr zu der Station, nette Jungs begrüßen am provisorisch abgeschirmten Eingangsbereich im Freien. Die Teststation ist ein Container.

Ich werde durchgeschleust, vorbei an Fragen, Blicken und Fieberthermometern. Meine Freundin hatte mir bereits detailliert ihr Erlebnis berichtet. Ich bekam nichts mehr mit, war wie betäubt. Ich bin erkältet, es ist heiss und ich bin aufgeregt.

Schliesslich bin ich dran, ich sehe vor mir in einem blauen Vollkörperschutzanzug den jungen Mann (nach Stimme und Augen könnte man auch Jüngling sagen). Sein Visier lässt seine blauen Augen im Gesamtbild noch blauer wirken, er scheint nicht zu schwitzen. An den Händen blaue Handschuhe, welche er vor meiner Behandlung desinfiziert – die Handschuhe. Allright, er macht es gründlich. Er erklärt mir den Vorgang, wo er überall mit dem Stäbchen eindringen möchte und wie tief und dass ich nicht zurückweichen solle. Ich nicke folgsam und nehme mir vor mein Bestes zu geben.

Was kann ich sagen? Mein Bestes hat nicht gereicht. Trotz aller Mühe, mussten wir jedes Eindringen mehrfach neu ansetzen. Mit Pausen, gutem Zureden, Tränen und Schwitzen blickte ich ihn angstvoll an, als er mir sagte, das habe noch nicht gereicht und wäre nicht tief genug. Ich war fertig mit den Nerven. Er sprach mir ehrlich Mut zu, aber ich konnte nicht mehr.

Am Ende hat es irgendwie geklappt, ich hab mich bedankt, die Hände desinfiziert und bin abgehauen. Ich werde von nun an wieder verstärkt Social Distancing betreiben, denn trotz jedweder potentieller Erkrankungseventualitäten möchte ich einfach nicht mehr getestet werden, oder es vermeiden. Ich bin dankbar für den medizinischen Fortschritt, aber auch an die Zweifler gerichtet, diese Testung ist wirklich unangenehm. Dagegen ist ein Finger im Hintern wohl eher einer Massage gleichend.

Vom Finger zur Pommes, die Auswirkungen von der Coronasituation sind sehr unterschiedlich und man kriegt in seiner Bubble nur sehr limitiert mit, was passiert. Es ist natürlich auch fraglich, ob man nun jedes Szenario kennen muss, aber interessanterweise hat man mit vielem dann wieder Berührungspunkte. Ich bspw. habe seit der Krise mehr holländische Superpommes gegessen als je zuvor. Das liegt einfach daran, dass ich ohne Fleisch beim Fastfood etwas eingeschränkt bin. Und mich überkam seit März mindestens 4 mal der Fastfoodhunger. Ich hoffe, dass die gebeutelten Menschen in der Krise aus dieser herauswachsen können und vllt. ihre Geschäftsmodelle auch ein stückweit flexibilisieren und anpassen. Nichts ist unmöglich und manchmal zwingt Zwang zum Perspektivwechsel und wird damit zur Chance.

Ciao amigos

2 Kommentare zu „Coronatest und Pommeskrise

  1. Ein sehr interessanter Beitrag !
    Besonders die Zusammenhänge zwischen der Corona Pandemie und den Kartoffelbauern regen zum nachdenken an…..
    Da ich persönlich immer gedacht habe das die Lebensmittelindustrie einer der wenigen ist, die nicht von der Krise betroffen ist.
    #Daumenhoch

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    1. Das dachte ich auch, die Lebensmittelindustrie und da ganz besonders, die Agrarindustrie ist zumeist nur dann hochprofitabel, wenn sie maximal spezialisiert ist. Daher aber in solchen Krisen auch maximal anfällig…Danke, Felix 🙂

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