Der Rückschlag – oder zurück auf den Boden der Tatsachen

31.August.20

Disclaimer: Spoiler Dirty John 2

Ich sitze auf der Couch, die Füsse im warmen Wasserbad. Eiskalt waren meine Füsse, vom Sitzen im Homeoffice. Heute Mittag habe ich zwar eine Yogasession eingelegt, aber die Fenster waren aus der Sommergewohnheit heraus geöffnet und es lässt sich nun nicht mehr leugnen, dass der Herbst mit großen Schritten unverkennbar auf uns zukommt. Der Laptop liegt auf dem Schoß und im Kopf die Entscheidung Netflix zu schauen. Neben mir auf dem Couchtisch ein heisser Minztee. Das Fussbad enthält auch Minze und etwas winterlich Duftendes, aber es spielt grad eh keine Rolle, denn wenn ich dran denke oder nur wage in diese Richtung zu denken, spüre ich den Widerhall des Schlages in die Magengrube. Es passierte alles am Ende des Telefonats mit Felix. Zu Beginn war alles in Ordnung, zum Ende hin, hab ich nichts mehr verstanden und fühle mich dreckig und durcheinander. Ist es Liebeskummer? Bin ich dumm? Was ist das alles? Ablenkung muss her.

Jölle hat mir vor einigen Tagen eine Nachricht geschickt, dass die zweite Staffel Dirty John auf Netflix angelaufen sei. Ich hab ihr angekündigt, es nun sehen zu wollen und sie schreibt, dass in der Staffel die Frau die Betrügerin sei. Das törnt mich ein bisschen ab. Wieso kann nicht wieder Dirty John der Täter sein? Eigentlich hab ich jetzt schon wieder keine Lust mehr. Der Anfang ist trotzdem verheißungsvoll: 1986 in Kalifornien, Musik klingend nach Cindy Lauper, blonde, flotte Protagonistin. Mal sehen. Sie befindet sich in einer fiesen Scheidung von ihrem reichen Mann, der scheinbar nichts von seinem/ihrem Vermögen teilen will. Sie kommt, nachdem sie sein neues Haus mit ihrem Auto anfährt, auf seine Veranlassung hin in eine psychiatrische Klinik. Oh, und er enthält ihr die Kinder vor. Was für eine Energie! Und natürlich hat sie dadurch nun alles verloren.

Das Wasser wird kalt, meine Füsse brauchen aber noch etwas Ummantelung von angenehm duftenden, wohlig warmen Wasser. Ich schütte noch heisses Wasser hinzu. Gestern hab ich bereits wenig geschlafen, ich sollte heute den Weg in die Falle früher finden.

Bei der Story blicke ich noch nicht durch. In einem zweideutigen Gespräch scheint es, als wolle er sie und die Familie zurück – die Bilderbuchfamilie mit den 4 wunderbaren Kindern restituieren. Jedenfalls berichtet sie ihren Freundinnen auf diese Art und Weise davon, ganz elektrisiert von der Aussicht auf eine mögliche zweite Chance.

Was für ein Hohn. Ich fühle mich veräppelt, muss das sein? Das lässt meine eigenen Zweifel bezüglich meiner Situation mit Felix sowas von aufleben.

Von der zwischen uns vereinbarten Trennung, hat er niemandem groß erzählt. Es wurde totgeschwiegen, etwa wie der Elefant im Raum, denn ich habe ja in der gesamten Zeit in diesem Kontext nicht stattgefunden. Nun arbeiten wir seit Monaten an uns und haben gemeinsam beschlossen es nochmal zu versuchen – nur nicht mehr als Fernbeziehung. Und als ich ihn darauf anspreche, möchte er den Elefanten benennen. Zu diesem Zeitpunkt? Ich verstehe das nicht. Ich dachte, wir hätten einen gemeinsamen Plan. Langsam krieg ich Kopfschmerzen. Das einzig wirklich Gute ist, ich bin geerdet und bei mir. Im Normalfall würde ich jetzt sehr traurig sein und möglicherweise auch weinen. Vor Wut. Auf mich selbst. Die Tränen kommen aber nicht. Nicht mal eine Ahnung davon.

Bei Betty in Dirty John ist mittlerweile auch der Schlag gekommen. Von der Schlagkraft und Heftigkeit her würde ich sagen, mitten ins Gesicht. Eine saftige Ohrfeige. Denn anders als sie erwartet, erhält sie von ihrem Noch-Ehemann ein Schreiben. Darin verlangt er eine beschleunigte Scheidung zu, sagen wir mal hanebüchenen Konditionen, scheinbar klar zu ihren Ungunsten. Wow.

Schliesslich kündigt auch noch ihr Anwalt. Bei einem Abendessen mit Freunden sagt sie den wunderbaren Satz: „Ich weiss nicht, was gerade passiert, es ändert sich von Tag zu Tag“. Besser lässt sich nicht sagen, wie es mir gerade ergeht.

Felix sagte, er sei erstaunt, wie positiv ich alles sehen würde. Grundsätzlich mache ich Dinge aus guten, schönen Gründen und Aussichten. Das nennt ich hierzulande erstrebenswert. Würde ich zu sehr hadern und mir gar nicht sicher sein, würde ich es wahrscheinlich eher lassen. Mir ist auch klar, dass nicht jeder seine Entscheidungen auf diese Art und Weise trifft. Bei vielen motiviert vllt. eher eine Verlustaversion, eine Angst vor dem unbekannten Nichts. 

Er traue sich noch nicht so recht, zu was auch immer – ich weiss es nicht mehr. Jedenfalls sehe ich die Abmachung auf eine gemeinsame Zukunft weit weg in die Ferne entschwinden.

Das Wasser wird wieder kalt und meine Augen hängen immer tiefer.

Jetzt bittet sie den gemeinsamen Freund, dem Noch-Ehemann zu sagen, dass es nie zu spät sei. Nie zu spät? Ich weiss nicht. Dann geht sie feiern, Klassiker der Gedankenverstreuung. Und sie kann sich nicht mal gedanklich auf jemand anderes einlassen, auf der Tanzfläche sieht sie ihren Noch-Ehemann, der Blick zieht ihn sehnsüchtig zu ihr.

Ob jetzt in echt oder nicht. Ich verstehe sie absolut. Und dennoch oder genau deswegen, weiss ich nicht, was ich davon halten soll. Am besten gar nichts. Sie träumt sich in die Vergangenheit zurück, sie liebt ihn noch. Dann ruft sie ihn an und sie telefonieren, sie lachen über einen Insiderwitz. 

Aber das Blatt wendet sich schnell. Tags drauf schickt er ohne ihr Wissen die Kinder zum Psychiater, damit sie über ihre Ängste sprechen können, über die Mutter, über Betty. Und frisiert Anwaltsschreiben und richterliche Anhörungstermine ihr gegenüber, damit sie keine Gelegenheit erhält, für sich einzustehen. Niederträchtig sowas.

Ich nehme meine Füsse aus dem lauwarmen Wasser und lasse sie auf dem Handtuch neben dem Wasserbecken trocknen, ein befriedigendes Gefühl. 

Es ist spät geworden, die Folge ist gleich vorbei und ich werde keine weitere schauen heute, viel zu aufwühlend. Neben meinen Augen hängt nun auch meine übrige Gesichtskomposition. Ich muss ins Bett.

Sie glaubt an ihn, sie glaubt an sie beide. Aber er spielt schon lange nicht für sie, er spielt was anderes und gaukelt ihr etwas vor. Sie hört nicht auf ihre Freunde, die ihr raten nach vorne zu schauen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen. (hakuna matata!) Ich bin fassungslos über ihren Realitätsverlust oder sagen wir eher über ihren guten Glauben, ihre Hoffnung, ihre Liebe. Verdammt, was sollen diese ganzen Parallelen. Worst case fühlt es sich so an! Danke Jölle not, für diesen Serientipp.

Immerhin hat sie ihn final wohl liquidiert. Was soll man dazu sagen.

Ciao amigos

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