Karstadt schließt

25.August.20

Gestern haben wir die Frankfurter Innenstadt besichtigt. Wir kamen nicht besonders weit, weil zwischen uns und dem Weiterkommen der Karstadt lag. An dem sind wir nicht vorbeigekommen. Ich hab mich erinnert, dass er nun schließen würde und Fredi wollte unbedingt ihre Batterie von der alten Uhr austauschen lassen. So sind wir dann im Karstadt gelandet, wegen meiner Neugier und Fredis Uhr. 

Der Laden sah aus wie geplündert, die Kosmetikabteilung, Parfümabteilung und bei den Uhren schien mir, als wäre das Motto 100 % Selbstbedienung und die Regale aufgefüllt hat auch keiner. Früher durfte man fast nichts im Karstadt – immer kam direkt irgendeine engagierte Fachkraft oder Promoter/in, die einen beraten wollte. Und die Waren waren ordentlich aufgereiht und sortiert. Einkaufen im Karstadt (ich spreche eigentlich generell von großen Warenhäusern) ist für mich mit vielen starken Erinnerungen aufgeladen.

Just am Morgen des gleichen Tages hörte ich einen der gefühlt 100 Millionen Radiobeiträge über sterbende Innenstädte und coronabedingten Beschleunigungen von Schließungen und der Tatsache, dass Karstadt und Kaufhof viele weitere Häuser schließen würden. Eigentlich war schon bei der Rettung vor einigen Jahren klar, dass das Warenhaussterben weitergehen würde. Und da ich eh nicht so gerne kaufe und noch weniger gern online, bedaure ich das Verschwinden dieser großen geschichtsträchtigen Dinosaurier in unseren Fußgängerzonen. Die Erinnerung aber zeigt ein beschränktes Bild: In dem Radiobeitrag hieß es auch, dass die erste Fussgängerzone 1953 in den Niederlanden entstanden ist und sich dann dieser Siegeszug der Gehpriorität durch ganz Europa zog. Somit ist an sich die Geschichte der Warenhäuser in Fussgängerzonen gar nicht so lang in absoluten Zahlen, aber immerhin lang genug, um mehrere Generationen von Konsumopfern nachhaltig und romantisch zu prägen.

So große Warenhäuser lösen schon am Eingang Erwartungen und Kindheitserinnerungen aus. Damals ist man ja einige Male im Jahr (ok vllt. auch nur einmal) dorthin und hat geshoppt. Fredi meint, das war damals noch kein shoppen. Es war ein Großeinkauf mit der Familie, verbunden mit viel Warterei und Langeweile. Dem wurde die Spielecke und ein Fernseher in der Spielzeugabteilung entgegengesetzt. Das hat man so gemacht im Wohlstandswirtschaftswunderland Deutschland. 

Wir sind jedenfalls rein und haben uns die übrig gebliebenen Döschen und Verpackungen von Naturkosmetik angesehen und in unseren Einkaufskörbchen untergebracht. Auch bei der konventionellen hochpreisigen Kosmetik haben wir angehalten – ich hielt einen Artdeco Nagellack in Weinrot in den Händen und meine Begierde stritt laut mit meiner Vernunft. Ich brauch das noch gar nicht; hab ich nicht noch roten Nagellack? Aber Artdeco ist sooo gute Qualität. Am Ende hab ich das Fläschchen zurückgestellt.

Sehnsüchte, die Warenhäuser haben Sehnsüchte erschaffen. Einen Raum der Fantasie und des Verlangens zwischen der gewünschten Sache und dir selbst. Eine Geschichte, ein aufgeladenes Gefühl. Die heutige Produktionseffizienz, intransparente Lieferketten mit subventionierten Preisen bzw. Preisen, welche keine Umweltfolgen berücksichtigen und schnelle Verfügbarkeiten haben diese Sehnsüchte gelöscht. Heute kann jeder sehr schnell alles haben. Spätestens Amazon und die Discounter sorgen für eine Zugang zu allem möglichen, sodass man heute  sowohl von einer Demokratisierung des Zugangs zu Gütern sprechen und gleichzeitig einer sinnlosen Entfesselung. Wir kaufen einfach um zu kaufen und ich hab den Verdacht, dass bei einigen Dingen der Sinn erst dann da ist, nachdem man gekauft hat. Manche formulieren es auch so: Das Kaufen ist an sich ein Selbstzweck.

Wir wollten in den fünften Stock zu den Stoffen. Uns war klar, dass wir in jeder Etage mal schauen würden. Schließlich hatten wir Urlaub und wir waren lange nicht mehr einkaufen in der Stadt. Gleich in der ersten Etage gab es Damenbekleidung. Unterschiedliche Marken, die Shop-in-Shop-Shops  hochwertige Damenbekleidung so weit das Auge blickte. Aber etwas war anders. Es räumte ja keiner mehr richtig auf. Die Bekleidung lag kreuz und quer verteilt auf den Ständern, daneben bunte Stoffe und ich hab nichts mehr verstanden. Überall, wirklich überall, Schilder des Ausverkaufs: 40 %, 25 % zusätzlich noch 20 % auf alles. Es war nicht nur ein Ausverkauf von Warenbeständen. Es war einerseits ebenso ein Ausverkauf von Arbeit, der Werte des Schweißes der Näherinnen und Näher, Färber, Arbeiter. Anderseits ein Ausverkauf der Fachexpertise der Verkäufer/innen, der Liebe, der Erfahrung der Kundenberatung. Eine Gesellschaft, die durch eine Verhaltensänderung sagt: „Ok, ihr werdet einfach nicht mehr gebraucht“. Und die Sehnsucht nicht mehr vorhanden, durch die Unterdrückung und der Kürze des Weges, des Abstandes zwischen Haben und Wollen. Ein Klick genügt.

Als wir in der vierten Etage angekommen sind, mussten wir den Aufzug nehmen, um in die Stoffabteilung zu gelangen. Ich war schon völlig fertig – Fredi aber erblühte in Freude. Stoffe, Schnittmuster, Wolle und dann noch 40 % auf alles – das kann schon die Fantasie beflügeln. Erstmal mussten wir auf Toilette, denn ein anderes Bedürfnis meldete sich schon sehr lange. Wir betraten den Vorraum und mir war klar, dass es sich um die original Ersteinrichtung handeln musste. Schwere Farben, hochwertiges Porzellan – 1964?

Der Aufzug für 21 Personen jedenfalls wurde 1964 gebaut. Eine kurze Recherche ergibt, dass das Gelände schon länger Standort eines Kaufhauses war, aber wann diese Teile entstanden sind, finde ich auf die Schnelle nun nicht.

Während Fredi bei den Stoffen stöberte, wollte ich einen Kaffee trinken und begab mich in den Restaurantteil. Neben gähnender Leere und Sitzgarnituren aus der Vergangenheit begegnete ich außerordentlich freundlichen Angestellten. Viele dieser Menschen werden ihren Arbeitsplatz verlieren.

Das beschäftigt mich schon sehr.

Es wurde mangels Milchalternativen kein Kaffee, sondern ich snackte zum Tellerpreis Bratkartoffeln mit Sauerkraut und einem Gemüseratatouille, welches man sich selbst zusammenstellen konnte. Wirklich schmackhaft. Währenddessen las ich und schließlich kam Fredi – dann gab es aber nichts mehr, um 18 Uhr schließt das Restaurant. Auf dem Weg zum Aufzug nach unten standen zwei Spielautomaten, einer war an. Ich kam mir wirklich vor wie in einem Museum. Es müssen sich ja Menschen Zeit genommen haben, damit zu spielen. Wenn ich versuchte mir das vorstellen, kam es mir immer vor wie ein Film, einem Produkt meiner Fantasie. Wir nahmen den Aufzug nach unten und ich muss sagen mit schwerem Herzen schon Abschied.

Fredi erinnerte sich, wie es nach dem Einkauf für die gesamte Familie ein Würstchen oder eine Currywurst mit Fritten an dem Stand zu essen gab. Ich rieche die Wurst (sehr lecker). Aber wir sind keine Kinder mehr.

Ich hab in den letzten Monaten häufiger meine Kleidung aussortiert, mehr als sonst und habe ich auch Freundinnen zum Tauschen dagehabt. Die Kleidungsstücke waren immer neuwertig. Sie wurden einige wenige Male (wenn überhaupt) getragen, weil einem dann einfiel, dass man die Kleidung so gar nicht mochte. Gebraucht hat man sie – seien wir mal ehrlich – auch nur relativ. Unser Kaufverhalten hat sich verändert, sodass zwischen Fastfashion und Secondhand große Warenhäuser altbacken wirken und darin sentimental und nostalgisch an andere, vergangene Zeiten erinnern. Sie sind nicht mitgekommen und damit ein Auslaufmodell. Wer weiss, vielleicht kommen sie wieder. Retrostyle.

Ciao amigos 

2 Kommentare zu „Karstadt schließt

  1. Schöner Text und treffender Umriss der heutigen Konsumwelt und unseres Verhaltens darin. Klick und meins. Und dann braucht man es nicht mehr wirklich. Hauptsache billiger. Beim Lesen habe ich mich auch gleich in alten Erinnerung geschwelgt. Wie ich mit meinen Eltern zu einem großen Einkaufszentrum gegangen bin und dann Stunden in der Spielzeugabteilung verbracht habe, um Gameboy zu spielen. Danach gab es Gyros oder ein Fischbrötchen bei Nordsee.

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    1. *g* Danke, lieber Maty.
      Ich erinnere mich an den Fernseher bei C&A und zwischendurch: Kommst mal bitte anprobieren?
      tja, der Wandel ist stetig und wir sind Zeugen, wie Akteure.
      Wünsch dir einen guten Tag!

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