Rock im Schritt und Mittelverteilungsdruck

23.August.20

Gestern hat die Reise begonnen. Erstmal mit dem Auto nach Mitteldeutschland. Es ist durch Corona sehr gängig geworden, seinen Urlaub sehr nah am eigenen Zuhause zu verbringen. Find ich super. So sind Fredi und ich jetzt eine Woche im Herzen Deutschlands unterwegs. Der erste Halt findet in Frankfurt statt. War ich schon öfter, diesmal hab ich das Gefühl, mit mehr Zeit werde ich auch mehr von der Stadt und der Region sehen und verstehen. Hoffe ich zumindest.

Vor dem Losfahren standen einige Aufgaben auf dem Erledigungsplan. Staubsauger wegbringen, zum Optiker gehen (nicht geschafft), zum Fahrradladen, Mittagessen mit Freundin, Kaffee trinken mit anderen Freunden, aussortierte Kleidung von Umzugsfreunden entgegennehmen und, und, und. Das meiste habe ich vor der Abreise geschafft. Somit war der ganze Tag aber auch sehr ereignisreich. Morgens lief alles super und ich traf mich mit Freunden, die auch zu der geheimen Radquelle wollten.

Dort, in einer historisch und auch gegenwärtig sehr interessanten und geschichtsvollen Ecke unserer Stadt, fanden wir mehr schlecht als recht versteckt, die Radquelle. Das geht so: Bekannte von Bekannten haben eine Immobilie gekauft, samt Inhalt. Bei der Immobilie handelt es sich um Hallen, bei Bahnhofstorbögen samt Inhalt. Und der Inhalt besteht unter anderem aus Hunderten von Fahrrädern – guten, wie nicht so guten.

Das Geschäftsmodell: Aus den Fahrradteilen und umfangreichen Ersatzteilen, werden neue Fahrräder zusammengebaut oder aufgepimpt. Von Profis.

Denn das, was ich dort gelernt hab, wusste ich als langjährige, begeisterte Radfahrerin längst nicht. Radlänge, Ergonomie, Innenbeinlänge im Verhältnis usw., die Expertise war schon on point und von der Ressourcenschonung des Konzepts ganz zu schweigen.

Meine Freunde haben ein Rad gekauft – ich muss noch nachdenken.

Später haben wir einen Kaffee getrunken und die letzten Tage Sommerwetter vor der nächsten Regenphase genossen. In dem netten Strassencafé standen nach Bestellung vor uns auf dem Tisch: ein Kaffee mit Hafermilch, ein Cappuccino und eine Fassbrause. Und 20 Wespen flogen umher, links am Auge vorbei, knapp die Lippen tangierend, nah am Rock und noch näher an der Fassbrause. Karin legte Münzen auf den Tisch, das hätte der Kellner bei ihrem letzten Restaurantbesuch auch gemacht und siehe da, die Wespen haben Reißaus genommen. Kann man schon so sagen, 1-2 verwirrte scharwenzelten noch immer um den Tisch herum, aber ich würde behaupten, der Trick mit den Münzen war super.

Zurück zuhause hab ich mich mit einer lieben Freundin zum Mittagessen getroffen und später kamen noch Jölle und ihr Freund. Partnerfreund. Neu.

Wir haben geplaudert und sind dann doch Kaffee und Kuchen essen gegangen. Auch hier: Kaum kam der Kuchen und die Getränke, liessen sich die Wespen nicht lange bitten. In Scharen und lechzend nach Zucker umvölkerten sie den Tisch. Generell war keiner von uns vieren jemand, der in Panik gerät oder so, aber essen war eben auch nicht mehr entspannt möglich. Wir legten alle Kupfermünzen auf den Tisch, die wir hatten. Wobei korrekterweise müsste es heissen rote Münzen, denn den genauen Kupferanteil kenn ich nicht. Die Wespen leider waren völlig unbeeindruckt davon. Es war, als würden sie uns auslachen und höhnisch an meinem Kirschstreuselkuchen weiterschlemmen. Die Kellnerin kam vorbei und bot uns an, die Flugtiere mit angezündetem Kaffee aka Kaffeerauch zu vertreiben. Dann kann sie zurück mit einem Edelstahlbesteckkästchen aus dem geräucherter Kaffee dampfte. Wir hatten Spass! Ich kam mir vor wie auf dem Grillplatz.

Schliesslich bin ich nach Frankfurt gefahren und hab mich schon sehr auf Fredi und die anderen gefreut. Als ich mit drückender Blase und vollbepackt mein Auto an einem endlich gefundenem Parkplatz zurückliess, eilte ich ausgestattet mit einem Handy mithilfe von Googlemaps zum Zielort. Erst kurz vor der Tür überfiel mich ein Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Ich griff mir zwischen all den Taschen in Richtung Schritt. Tatsächlich, mein Po hatte den Rock gefressen. Ich konnte es nicht fassen. Vom Auto aus vorbei an 2 vollen Restaurants mit Außengastro, zwei Polizisten, die noch mit einer älteren Dame diskutierten, vorbei an Passanten und keiner hat was gesagt. 

Keiner. 

Bei dem jungen Polizisten spürte ich sogar noch den Blick in meinem Rücken.

Ich war einwenig pikiert – nur dafür blieb mir nicht allzu viel Zeit. In einem sportlichen Tempo bin ich die Treppen hinaufgeeilt, vier Etagen, hab mich rasch meines Gepäcks entledigt und bin in das erstbeste Bad gestürzt. 

Die Erleichterung war groß. Ich glaub, wenn ich das nächste Mal einen Arsch-frisst-Hose-Fall begegne, werde ich was sagen. Ich meine, der Anblick ist für andere bestimmt nicht der Übelste, kann ich mir vorstellen.

Etwas später, als wir uns über die Geschichte zur Immobilie unterhielten, fiel ein Spruch mit dem Wort Mittelverteilungsdruck. Als Anlass für einen Wohnungskauf – also als Scherz, den ich nicht verstanden habe. Schliesslich kannte ich auch das Wort gar nicht. Mittelvergabedruck, Mittelverteilungsdruck, das kommt wohl aus dem Behördensprech und beschreibt Situationen, in denen zum Ende von budgetierten Phasen öffentliche Mittel noch nicht vergeben sind. Damit der Mittelempfänger in der nächsten Periode nicht mit Anpassungen, ergo Kürzungen rechnen muss, sorgt man kurzfristig zum Ende hin dafür, dass die Mittel verbraucht und verteilt werden. Macht logischerweise Sinn, obwohl man es sich bestimmt auch anders organisieren könnte. So hat Jölles neuer Mann die Vermutung geäußert, dass er eines seiner Jobangebote genau aus einem solchen Grund heraus erhalten hat. Nicht nur, aber auch.

Mittelverteilungsdruck – ich bin völlig hin und weg von diesem Wort. Initial passt das konzeptuell auch in eine Klo- und Pipisituation. Zumindest kann ich mir das so vorstellen. Aber es ist auch eine sehr deutsche Angelegenheit sprachlich sehr lange Wörter zu nutzen und dafür andere Wörter zusammenzusetzen. 

Borkenkäferbekämpfung, Kraftfahrzeughaftpflichtversicherung, Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätsstörung (mit 44 Buchstaben) – hammer!

Gerade bei juristischen Texten und ich nehme an, auch in der Behördenlanguage, werden gerne lange zusammengesetzte Wörter genutzt, um Situationen und Sachverhalte möglichst treffend zu beschreiben. Das läuft im angelsächsischem etwas anders.

Mittelverteilungsdruck, mit dem Wort will ich heute schwanger gehen.

Ciao Amigos

Ein Kommentar zu “Rock im Schritt und Mittelverteilungsdruck

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