Lara zieht weg

18.August.20

Noch geniesse ich die samstägliche Morgenruhe auf dem Balkon, halte Ausschau nach aggressiven Wespen, die mir in den Mund fliegen wollen und fühle mich ein in die Morgenruhe.

Ein Kind spricht leise in naher Ferne, von weit her hört man Motorengeräusche, Vögel und den raschelnden Wind in Blättern der Buchen und Ahornbäumen in dem Balkon-U. Im Innenhof hat ein Nachbar seine Garage offen stehen und ist darin wie so oft verschwunden. Ich höre nun Frühstücksgeschirr und Sekunden nachdem der Wind in den Baumkronen laut war, spüre ich ihn auf meinem Gesicht. Durch die graue Wolkendecke kämpft sich neckisch die Sonne hindurch, es fühlt sich an wie im Urlaub.

Den ich ab jetzt übrigens habe. Eine Woche intensiven Genuss. Keine Eile, keine Verpflichtungen, nur mehr Möglichkeiten. 

Ich räuspere mich und es hallt intensiv wider. Es ist wirklich noch still, der frühe Vogel halt. Gestern gab es einen starken Regenschauer und weil die Luft nach Regen besonders gut sein soll und sich in meiner Wahrnehmung zumindest auch immer so anfühlt, bin ich direkt spazieren gegangen. Spazieren ist ja mein neues Hobby, man könnte es auch Spazierwandern nennen, wenn aus dem Spaziergang plötzlich 20 km werden. Aber ja, ich finde das toll, das Gehen kann in seinen Geschwindigkeiten sehr variieren, aber ich komme immer mit. Ich kann immer anhalten, innehalten und festhalten. So war ich also gestern Abend spazieren mit meiner Freundin Lara.

Lara hat in 2020 viel erlebt. Es ist das Jahr eines Umbruchs. Trennung und dann ganz viele Fragezeichen. Jetzt zieht Lara nach Berlin. Zweimal hab ich mich während unseres Gesprächs gestern gefragt, warum sie das denn nun macht. Ich kam nicht drauf, schliesslich haben wir drüber gesprochen. Lara hat ihre Arbeit gekündigt und will ihre Zelte abbrechen.

,,Lara, hm, aber warum denn jetzt eigentlich? Ich finde es super, dass du intuitiv spürst, dass dies die richtige Entscheidung ist und ich freue mich für dich und vertraue dir darin sehr – aaaaber …“. So ging das dann. Und Lara grinste nur und antwortete darauf sowas wie: ,,Ja, die meisten Leute ertragen es nicht, dass ich diese Entscheidung scheinbar in Ermangelung eines Grundes treffe.“ 

Die Sache mit den Gründen ist ja so. Natürlich kann jeder und jede tun und lassen, was er und sie will. Aber wenn man zum Beispiel umzieht, dann geschieht das meist aus einer der bekannten, üblichen Motivationen heraus. Job oder Liebe. Bei Lara ist das anders. Sie will einfach eine Veränderung. Sowas wie: Man könnte ja auch die Räume neu streichen oder sich ein neues Hobby suchen. 

Lara aber möchte die totale Veränderung. Find ich ja schon super und vor allem sehr spannend. Wohnung suchen und Job suchen, wird interessant und zweifellos erfolgreich.

Im Coronajahr ist wirklich viel Aufbruchsstimmung um mich herum. Viele ziehen um, wechseln Jobs, lernen neue Dinge oder haben neue Partner. Vielleicht nehme ich das aber selbst nur so wahr, weil es auch mich nach einer Veränderung dürstet. Ich hab vor, mein Leben so zu verändern, dass ich das Gefühl habe, ich führe nun ein anderes Leben. Bisher ist mein Leben toll, das haben wir auch gestern noch konstatiert. Wir leben in einem Land, welches uns viele Freiheiten gibt. Wir geniessen einen hohen Lebensstandard, namentlich eine gute medizinische Grundversorgung und es gibt keinen Mangel in der Lebensmittelversorgung und vor allem auch keine kriegerischen Auseinandersetzungen auf diesem Gebiet.

Trotzdem, ich benötige einen Wechsel. Neue Menschen, neue Herausforderungen, neue Bilder. Kann aber auch sein, dass das alles Quatsch ist. Kann ja auch sein, dass, wenn man sich so verändert, sich ja gar nichts zum Positiven wendet oder dieser Durst nach Veränderung gar nicht gestillt werden kann. Kann sein, dass sobald sich eine Routine einstellt, alles gleich ist, weil wir selbst ja immer dabei sind und deswegen möglicherweise auch immer der gleiche Film läuft. 

So viele „Vielleichts“ und Möglichkeiten. Das spanische Wort für vielleicht – Quizas, finde ich wortmalerisch wunderbar treffend. Es ist eine beinah melancholische Annahme eines großen Zweifels, welches die Fülle aller Möglichkeiten zwischen dem I und dem A als Extreme umfasst. Und sehnsüchtig auf dem Weg dahin, sich dem Quizas anzunähern, egal ob zum I oder zum A, feststellen zu müssen, dass es sich immer weiter entfernt, wie eine Fatamorgana oder kleiner wird, wie ein Scheinriese. 

Es gibt schliesslich keine Antwort und keine Lösung. Es gibt nur, was es gibt.

Ich streiche mir mit der linken Hand auf den rechten Arm. Meine Härchen haben sich in der Sonne aufgehellt und meine Haut empfinde ich als sommerlich gesund und schön. Ich muss auch einbisschen grinsen, immerhin gibt mir das Freude wieder. Ich höre im Bad nebenan, dass man sich die Nägel knipst. Super, ich find Nagelscheren ohnehin ausgesprochen unnötig und komisch. Linkshänder, Rechtshänder und am Ende hat es nicht geklappt.

pfff. Unter meinem Achseln bildet sich am T-Shirt ein Wärmestau, ich schwitze ein wenig. Ich möchte duschen. Als ich gestern geduscht hab, hat die Frische gerade mal 20 Minuten angehalten. Es hat mich frustriert.

Über das „Vielleicht“ hab ich noch nicht sinniert. Noch nie. Dabei habe ich das Gefühl, würde ich nun mittels eines Analysetools oder selbst nur zählen, wie häufig ich es verwende, feststellen, dass dies sehr oft ist. Warum auch nicht?

Es ist ja nichts sicher, auch wenn viele das gerne so hätten und sich wünschen. Vieles ist möglich, sehen wir ja zuletzt an Corona. 

Manchmal habe ich den Eindruck, dass wenn ich auch schon vor Corona Zweifel an den Grundfesten der gesellschaftlichen Konstitution und Organisation äußerte, meine Mitmenschen mit Ablehnung und Angst reagieren:

Wie? Geld verdienen könnte in einem anderen Funktionskonzept nicht funktionieren?

Wie? Mit den berechtigen Zweifeln und dem Stand der Wissenschaft umgehen, könnte nicht sein?

Massenmanipulation? Ja, kenn ich aus der Werbung, aber es soll auch überall sonst stattfinden, wo die Öffentlichkeit in den Medien einen konsensualen Diskurs führt?

Die meisten Menschen haben Angst davor, feststellen zu müssen, dass einiges von dem, was als gegeben hingenommen und akzeptiert wurde, nicht so ist oder nicht so sein könnte. Eine andere Frage ist natürlich, was aus dieser Erkenntnis denn nun resultiert. Damit bestimmte Dinge funktionieren, muss man sich als Gesellschaft auf normative Verhaltensweisen und Definitionen einigen.

Zunächst zurück zum Wort „Vielleicht“. Der Duden, mein bester Freund, schreibt im Wesentlichen, es handele sich um ein relativierendes Adverb. Dem stimme ich soweit zu, zur Herkunft aber schreibt der Duden:

Herkunft: spätmittelhochdeutsch villīhte, zusammengerückt aus mittelhochdeutsch vil līhte = sehr leicht, vermutlich, möglicherweise

Das stellt mich jetzt ehrlich gesagt nicht zufrieden. Die „sehr leicht“ Bedeutung ist nachvollziehbar, aber wieder bleibe ich mit mehr Fragen als Antworten zurück. Ich checke mal die nächste Quelle. Wikipedia schreibt von Künstlern, deren Lieder oder Filme mit vielleicht tituliert sind, wahlweise mit einem Ausrufezeichen oder einem Fragezeichen oder so. Und Achtung von der sogenannten verbalen Rating-Skala. Diggäh, ich hätte jetzt gern einen Brockhaus.

Nachdem ich diesen Artikel von Wikipedia gelesen habe, weiss ich nun, es gibt auch eine numerische Rating-Skala und eine sogenannte visuelle Analogskala. Interessant. Die Experten auf den entsprechenden Gebieten wissen Bescheid.

Das Wort vielleicht behalte ich von nun an im Blick. Eine historische und am Wort orientierte Auslegung ist mir am liebsten.

Mittlerweile habe ich mich reingesetzt. Die Sonne ballert nun richtig auf die Haut und das Schwitzen erreicht einen neuen Höhepunkt. Der graue Himmel enttäuscht mich, er sorgt so gar nicht dafür, dass es angenehm und erträglich ist. Die vielen grauen Wolken sind schwache Fake-Wolken. Das ist wie bei einem zahnlosen Tiger. Egal, ich muss eh los. Einen Staubsauger wegbringen, den ich seit Wochen im Kofferraum habe und zu einer geheimen Quelle. Das zu meinem Samstag.

Ciao Amigos 

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