Transzendenz und Zeitmangel

16.August.20

Es ist Sonntag, 9 Uhr und ich liege im Bett, radiohörend und tippend. Und ausserdem ist mir übel. Ich hab vorhin festgestellt, dass ein neuer Zyklus begonnen hat. Mein Körper fühlt sich seltsam an: kraftlos und komisch. 

Mein Klobesuch war begleitet von einem kurzen Moment der Resignation. Es fühlte sich an wie: „Ok, in Ordnung, ich hab keine Wahl“.

Wach bin ich schon länger, ich wollte schwimmen gehen. Heute um 9 Uhr hatte ich vor, Sprünge zu üben. Aber in Anbetracht meiner körperlichen Unfitheit und einer gewissen Unberechenbarkeit des Schmerz- und Übelkeitsverlaufes, entscheide ich mich für die warme Geborgenheit meines Bettes.

Diese Woche hat rückblickend einige Besonderheiten aufzuweisen und mir interessante Beobachtungen beschert, da sich sehr viel ereignet hat.

Ich war in Darmstadt, in Bielefeld, in Düsseldorf und komme mir vor, als wäre ich wirklich viel herumgekommen. Natürlich, wir befinden uns schliesslich im Jahre 2020, dem Jahr von Corona, von Covid-19.

Es ist aber bisher auch das Jahr, in welchem äußere Umstände die (digitale) Beschleunigung ausgebremst haben. Einige behaupten, nur für kurze Zeit. Ich indes sehe eine deutliche nachhaltige Komponente. Viele Menschen aus meinem Umfeld überdenken gewissenhaft und intensiv bisherige Gewohnheiten – ich denke, das ist schon viel.

In diesen Zeiten war ich ich also an diesen drei zugegebenermaßen, relativ unweit auseinander liegenden Orten und ehm, habe Dinge erledigt. Meine Arbeits- und Freizeit kann ich glücklicherweise flexibel abstimmen, sodass ich die Zeit optimal nutzen kann. Allerdings wird mir dadurch eine Art von Transzendenz deutlich. Es gibt keine richtige Trennung mehr von Zeit und Raum. Arbeitszeit und Freizeit, und Arbeit und frei können ebenso theoretisch an vielen Orten gleichzeitig exerziert werden. 

In Darmstadt war ich bei Menschen, die auch im Homeoffice gearbeitet haben, sodass wir uns zu dritt einen Co-Working Space gestaltet haben. Das fand ich super. Gleichzeitig habe ich oft abends (nach der Arbeit) neben meinem privaten Handy auch mein Diensthandy dabei und erwische mich dabei Emails zu lesen, Präsentationen anzusehen oder so. 

Je nachdem, welchen Job man hat, ob man eine kreative umfangreiche Aufgabenstellung verfolgt oder einfach eine Lösung für ein zwischenmenschliches Problem oder einen Konflikt sucht; oft gestaltet sich eine Lösungsfindung unterbewusst oder es kommt eben bei einer unerwarteten Situation oder eine klassischen Alltagssituation zu einer Lösung. Was bisweilen zu einer zeitnahen Umsetzung führt und somit alle zeitliche und räumliche Trennung aufhebt.

Es gibt fliessende Übergänge und in meinem Kopf scheint es auch keine Trennung der Bereiche mehr zu geben. Die Trennung liegt nur darin, dass ich sagen kann:. „Ok – jetzt lese ich diesen Artikel, oder jetzt musiziere ich lieber, oder ich fange heute später an, weil ich um 7 Uhr ins Schwimmbad gehen möchte“. Aber alles ist miteinander verbunden. Alle Tätigkeiten und Aufgaben bilden die Erwartungen meiner Außenwelt aber auch und vor allem meine eigenen Erwartungen an mich selbst. Neu ist – mir ist sehr bewusst, wie frei ich darin bin das zu gestalten.

Die Flexibilität und Entscheidungsfreiheit erlaubt mir, die Zeit so zu nutzen, dass ich sie selbst als maximal sinnvoll erlebe. Ich kann nicht mal sagen, ob die Voraussetzung dafür eine positive Assoziation mit dem Beruf und verbunden Aufgaben sein muss. Ich versuche mir allerdings auch Unschmackhaftes schön zu machen, damit ich mit Spass dabei sein kann und Spass ist ja unlimitiert – zumindest in meinem Kopf ist viel davon. 

Jetzt wird der eine oder andere denken: „Jaaaa, aber ich kann das nicht wegen ….“. Nein. Die Begrenzungen sind in unseren Köpfen und sonst nirgends. Mit seinen individuellen Möglichkeiten kann man sich Gestaltungswege finden. Aber zugegeben: Manche Menschen finden ohnehin immer Gründe und Ausreden, weshalb Dinge nicht gehen. Da komme ich nicht mit, ich bin ein eher aktiver „Möglichkeitensucher“.

Zwischendurch schlucke ich immer mal wieder viel Spucke – das ist die Kurz-Vor-Kotzen-Situation. Ich traue mich definitiv nicht, Kaffee zu trinken. Ein Glas Wasser versuche ich mal. Der erste Tage der Periode ist mit schrecklichen Erfahrungen verknüpft: Nächtelanges, tagelanges überm Klo hängen, zitternd vor Elektrolytmangel im Bett liegend, krümmend vor Schmerzen irgendwo sitzen oder im besten Fall – Ruhe haben und mit Scherzmitteln im Bett liegend, innerlich betend und bettelnd sofort einschlafen zu dürfen, um das alles nicht mitzubekommen. Viele Frauen kennen das. Aber Angst macht mir, dass es nicht immer gleich abläuft. 

Ein Hormonspiegel kann schwanken und somit auch die Ausprägungen der Periode.

Was sie auf jeden Fall macht, ist es mich zu entschleunigen. Bei anstrengenden Unternehmungen bin ich raus, bei festen Verabredungen bin ich auch raus – ich brauch da absolute Freiheit mit der Option jederzeit abhauen zu können und mich in mein Bett flüchten zu können.

Entschleunigung ist ein gutes Wort, vllt. das Wort der Stunde. Eines dieser Wörter, die vor Corona immer in Begleitung der Wörter Stress, Arbeit und Burnout einher kamen. Als Lösung, als Allheilmittel. Zusammen mit ihrer Schwester Achtsamkeit und deren besten Freundinnen Yoga und Meditation.

Ist ja wirklich so. Zumindest verdächtige ich die Medien und den modernen Sprech, es handelt sich um Sprachassoziationsketten a la mode. In der Werbung spricht man von so festen, als Zusammenhang feststehenden Wortpaarungen, kontextuell von Framing, im positiven Sinne. Aber das ist genau genommen nichts Neues.

Na, jedenfalls setzt das Bedürfnis nach Entschleunigung zunächst die Wahrnehmung eines beschleunigten Daseins voraus. Auch anders formuliert, dass das Individuum in seinem Dasein in einer Welt, die immer mehr verlangt (zum Beispiel Aufmerksamkeit), sich immer schneller dreht und uns auch immer mehr verwirrt, komplett überfordert ist und deswegen nach Langsamkeit lechzt. Nach Übersichtlichkeit; es kann ja noch alles erklärt und beschrieben werden, aber wann soll man das denn alles verstehen können?Es fehlt einfach an Zeit.

So schrieb ich ja bereits in der Vergangenheit davon, dass ich mir bspw. meine Samstage frei von Verabredungen halten wolle. Und so gerne ich jetzt im Schwimmbad wäre, ich finds auch schön, nun gerade auf dem Balkon zu sitzen und zu schreiben, jetzt einen Kaffee zu trinken, der gleich hoffentlich noch drin bleibt.

Zurück zur Woche: Ich brauche mehr Zeit, um all die Dinge zu tun, die ich gerne tun würde. Ja, ich könnte auch die Anzahl der Dinge reduzieren, die ich tun will oder einfach priorisieren. Aber nein, ich brauche mehr Zeit.

„Ja, dann nimm sie dir doch!“, hör ich von weitem die Besserwisser unken. 

Stimmt. Also geh ich jetzt unter die Dusche, höre laute Musik und tanze dazu, wasche mein Gesicht.

Setze mich dann auf dem Balkon und starre 5 Minuten durch die Gegend, bereite danach schon das Abendessen vor und lese dann ein bisschen.

Dann treffe ich mich auf einen Tee. Und dann treffe ich mich auf Weinchen und Klamotten aussortieren mit Jölle.

Die Challenge ist es wohl, sich immer wieder Zeit zu nehmen. Egal für was.

Ciao amigos

Ein Kommentar zu “Transzendenz und Zeitmangel

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