Der frühe Vogel

08.August.20

Mein Vogel ist für diesen Samstag richtig früh, allerdings mag das nur an den lauten Autos draußen liegen, weshalb ich vorhin das Fenster geschlossen hab‘. Ich verstehe nicht, wieso manche Menschen so extrem laute Gefährte brauchen, es wird mir wohl auf ewig ein Rätsel bleiben.

Am gestrigen Freitag hat mich für das perfekte Homeoffice-Gefühl eine Kollegin besucht auf einen schönen sommerlichen Aperitif und hinterher war ich noch im Freibad. Diese öffentlichen Bäder sind wahnsinnig interessante Orte und in großer Zahl findet sich verhaltensauffälliges Volk gerade im Sommer dort wieder – die Gründe liegen zwar auf der Hand und auch der vorherrschende Altersschnitt, ich frage mich trotzdem, wo dann die anderen sind. Weshalb wirken Bäder gerade im Sommer so asozial und niveaulos bevölkert? Vielleicht weil die Menschen auch keine formende Straßenbekleidung anhaben und genauso innerlich alle Verkleidung abnehmen, sämtliche Filter und Hemmungen? Die Bademeister haben auf jeden Fall sehr viel zu tun und das liegt nicht an unförmigen Körpern. Die an den Tag gelegten Verhaltensweisen, wenig Verständnis und darüber hinaus Respektlosigkeiten und fehlende Regeltreue entsetzen mich dann und wann, weil mit einem solchen Verhalten das große Ganze nicht funktioniert; Gemeinschaften wie die unsere, also freie Gemeinschaften, leben essentiell von gegenseitiger Rücksichtnahme. Schade, dass das vielfach nur mit klaren Regeln, einer gewissen Härte und konsequentem Handeln erreicht werden kann.

All in all hatte ich aber Spaß in dem Bad und körperlich ausgetobt traf ich zurück vor der Haustür an der Mauer meine Nachbarn. Das nette Pärchen. Und hier ist „nett“ etwas untertrieben im Hinblick auf die absolute Sympathie. Gemeint ist damit „nett“ in einem reinen Sinne, sehr freundlich und aufmerksam, fürsorglich und lieb. So nett halt. Mit Freunden weilten sie mit Getränken vor der Mauer des Hauses unter dem Schatten zweier sehr mächtiger Platanen. Ich entschied mich, kurzerhand noch eine große Spazierrunde zu gehen, weil die Temperaturen das eigentlich auch so wollten, und doch kam ich dabei nur bis zur Mauer.

Wir haben geplaudert über dieses und jenes und ich musste erstaunt feststellen, dass im Viertel ein Wettbewerb darüber ausgebrochen ist, wer denn das schönste Beet hat, und die Beetleute kennen sich nun alle und formieren sich außerdem zu Gemeinschaften von freiwilligen Müllsammlern, um ihre Umgebung sauber und schön zu haben.

Ich find das super – ich meine, das ist kein Spießerding, es ist eben ein Selbstanpacken, wenn die öffentlichen Strukturen hier und da nicht ausreichend sind. Ich muss dazu sagen, wir wohnen an einer sehr besonderen Stelle, direkt am Rhein. Aus der Perspektive meines Auges beim Blick aus dem Fenster trennen mich nur die alten Platanen vom Vater Rhein. Und am Rhein selbst gibt es eine ausgesprochen beliebte Wiese, eine hochfrequentierte Promenade und direkt am Wasser ausgewiesene Grillgründe. Dies alles erzeugt bei sommerlichem Wetter einen Urlaubsflair für viele Menschen aus der Umgebung und weiter her. Leider nehmen nicht alle ihren Müll mit. Es fehlt auch an Entsorgungsmöglichkeiten und am Ende haben Raben und Elstern ein leichtes Spiel und einen Gaumenschmaus à la carte. Sie ziehen alles aus den Tonnen, picken die persönliche Selektion heraus und, guess what, lassen den Rest einfach liegen.

Ich würde mal sagen, die Stadt hat was zu tun und weil das in erster Linie Warten bedeutet, machen die Nachbarn eben freiwillig sauber. Find‘ ich gut und bin ich auch dabei.

Ja, also gestern war es wie gesagt sehr schön, das befreundete Pärchen von meinen Nachbarn hat vor, in diesem Herbst zu heiraten nach 14 Jahren(!!) Beziehung und ich war sehr entzückt. Ich fragte nach dem Geheimnis ihrer Liebe und sie sagte dann ziemlich flott: Wir sind einfach streitfaul, wir haben einfach keine Lust uns zu streiten.

Wooouhouu. Ja, der ist natürlich gut, ich fand, das ist ein super Tipp. Hm, ich bin mittlerweile auch streitfauler geworden, mal sehen. Als ich mit einem konkreten Beispiel nachhakte, war die Unerreichbarkeit des Zustandes der Streitfaulheit etwas relativiert und der Glanz plötzlich deutlich stumpfer, denn die eine konkrete Erzählung (eine/r ist zickig, es gibt vllt. ein Missverständnis, es folgt eine kurze Auseinandersetzung, man geht räumlich auseinander, später vertragen) kam mir sehr bekannt vor aus meinem eigenen Repertoire.

Ist euch eigentlich schon mal aufgefallen, dass „vertragen“, „sich vertragen“ oder „etwas vertragen“ im Wortstamm den Vertrag enthalten. OMG, war mir nicht so bewusst. Unmittelbar scheint es den Vorgang der Versöhnung, des Aufeinanderzugehens zu formalisieren. Deutsch ist eine geniale Sprache, in vielen Punkten aber sehr formalistisch, behördlich, trocken, amtsdeutsch und technisch.

Etwas anders dagegen das österreichische Deutsch. Das höre ich zuletzt täglich stundenlang, weil ich eine neue Serie suchte. „Vorstadtweiber“ in der ARD-Mediathek.

Ich hatte in der vergangenen Woche meine Cookies gelöscht und auch alle anderen Privatsphäre-Einstellungen untersucht und am Ende einfach vor lauter Wut und Entsetzen gelöscht; was ich in Zukunft häufiger machen möchte. Wut darüber, welche Erlaubnisse ich erteilt hatte, um mich vollumfänglich tracken zu dürfen – und wem auch noch!

Meine PW-Einstellungen für Netflix waren also weg und ich schau’s eh nicht oft. So fand ich diese Vorstadtweiber online und bisher bin ich gut unterhalten. Den Machern ist das Nuancieren und das Herausarbeiten des typisch Österreichischen gut gelungen. Und das geht zumeist auch über Sprache, nicht nur über den Dialekt und Redensarten.

Schleich dich, schnackseln, eh nicht, dieses etwas nasale Deutsch-Eigengebräu gefällt mir momentan sehr. Die Story ist nicht anspruchsvoll, aber unterhaltsam gut. Ich würd‘ sagen, es ist mehr Würze drin als bei einer klassischen deutschen Produktion in der ARD. Steinigt mich nicht, macht’s euch selbst ein Bild.

Jetzt ist es schon etwas später und es dürstet mich nach einem Glas Wasser und Kaffee. Ich bin froh drüber, dass der frühe Vogel mir die Muße gegeben hat, heute hier schreiben zu können.

Was mit Felix ist? Ich vermisse ihn und hab‘ ein gutes, warmes Gefühl, wenn ich an ihn denke.

Schönes Wochenende

Ein Kommentar zu “Der frühe Vogel

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