Hin und Weg

03. August.20

Dafür, dass Schlafen eigentlich mein Hobby ist und ich wirklich sehr gerne schlafe, fällt es mir mit zunehmenden Alter und vllt. auch gerade in dieser Phase schwerer einzuschlafen. Das größte Hindernis sind rasende Gedanken, weswegen ich mittlerweile diese Zustände einfach hinnehme und dann wahlweise musiziere, lese oder eben wie jetzt schreibe. Es war ja auch ein ereignisreicher Tag, aber insbesondere liegt in meinem Bett gerade Felix. 

Das ist megaweird. Also, heute kam er halbwegs spontan, aber mit Hindernissen vorbei. Wir trafen uns auf einer Fahrradroute, die wir dann gemeinsam als kleine Etappe gefahren sind – denn das war eben der Plan und das hat auch wirklich großen Spaß gemacht. Eine gute Rast und eine Pizza später haben wir uns noch ein bisschen unterhalten und sind nun ins Bett. Man darf durchaus bei einigen bewältigten Kilometern für Untrainierte, erschöpft und müde zu Bett gehen; das ist mehr als legitim, auch weil morgen schon wieder Programm stattfinden wird. 

Felix ist mir dennoch menschlich ein Rätsel. Deswegen muss ich grad so grübeln. Da will er gerne spontan meinen Vater treffen, der ihn heute angerufen hat, völlig randommäßig. Gleichwohl hab‘ ich irgendwie das Gefühl, emotional ist eine unsichtbare Wand zwischen uns beiden.

Ich spüre ab und an das Bedürfnis, diesem Gefühl nachzugehen, die Wand zu durchbrechen, aber ich weiß nicht wie und ich fürchte, dass wäre ziemlich typisch für mich. Möglicherweise abrupt oder zu radikal oder einfach zu krass.

Kennt ihr das? Mein Eindruck ist, es gibt Menschen, die für sich Situationen und Umstände, welche sich nicht gut anfühlen, beobachten, und trotzdem nichts ändern. Ich jedoch ändere gern mit leidenschaftlicher Vehemenz.

Zum Beispiel gibt es einen Kontext der früheren Beziehung zu Felix, in welchem ich häufiger Schluss gemacht hab, eben aus Situationen heraus, in denen ich eben diesen kontrollierten Bereich verlassen habe und sehr impulsiv gehandelt habe. Es muss in unserer Dynamik etwas sein, dass mich extrem triggert. Wenn ich davon spreche, dass mir Felix ein Rätsel ist, meine ich, dass er für mich auch unberechenbar ist, und meine Reaktion aus der Ohnmacht ist sehr impulsiv. Aus unbedingtem Wunsch heraus, mich physisch und psychisch genau in dem Moment zu distanzieren. 

Nächster Tag

Als ich dann so nachts schrieb, kam Felix und fragte mich, ob ich wieder ins Bett käme. Ich dachte: „Ok, könnte ich mal versuchen in seinem Arm einzuschlafen“, der Körpergeruch und die Position für den Kopf haben mich sonst immer beruhigt. Im Arm einzuschlafen, ist wirklich eine Zärtlichkeit, die sehr viel Geborgenheit vermittelt.

Die Nacht war jetzt nicht die erholsamste, aber geschlafen habe ich dennoch. Aufgewacht mit Nacken und Rückenverspannung, habe ich den Versuch unternommen, den Tag zu überstehen und rückblickend ist es mir ok gelungen. Ich sitze in meinem Bett, die Sonne scheint durch das Blattwerk der Pappel vor meinem Fenster und ich bin hin und hergerissen zwischen Müdigkeit und Tatkraft. Man könnte rausgehen, die Sonne genießen, ein Eis essen, draußen lesen oder aber musizieren, drinnen lesen und die neue Nähmaschine erkunden. Ich bin einfach zu müde.

Links wabert der Geruch von Lavendel in feinen Stößen zu mir rüber und rechts mein Kissen, dass nach Felix riecht. Jetzt, wo er weg ist, vermisse ich ihn. Er fehlt mir ungemein und das umso stärker, je länger er weg ist. 

Jölle wollte natürlich direkt wissen, wie der Tag war und alle Details und so weiter. Ich hab selbstverständlich berichtet. Auch, dass er mich bei der Verabschiedung fragte, ob er denn auch einen richtigen Kuss bekäme. Dann spürte ich mich, wie mein Gesicht sich in Skepsis und Unsicherheit anschrägte und ich seine warme Lippen nach einem OK küsste. Und dann nochmal, aus freien Stücken und weil es so schön war und weil einfach.

Danach trottete ich etwas verpeilt heim. Seitdem vermiss‘ ich ihn, immer mehr. Er fehlt mir. Und wenn ich seinen Körperduft rieche oder seinen Schweiß in der Bettwäsche, wünschte ich, er wäre nur gegangen, um bald wieder zurückzukehren. 

Tja, so ist das eben. Jedenfalls beschwerte ich mich wohl, dass mein indifferentes Gefühl und latente Enttäuschung auch daher rühren, dass ich denke, er würde nicht genug machen für uns. Dann fragt Jölle mich, was ich denn machen würde. Und mir fiel ein … nichts. Wow.

Das gab mir dann etwas zu denken. 

Während ich hier im Bett liege und noch überlege, was ich jetzt am besten unternehmen könnte (Yoga?), hab‘ ich noch einen Artikel über Incels (Involuntary Celibates) ausstehen, mir wurde nämlich gerade aus dem Freundeskreis ein solcher Artikel geteilt. Merkwürdiges Phänomen.

Interessant jedoch in einer gesellschaftlichen Gegenwart, in der Frauen sich Eizellen einfrieren lassen. Es sieht so aus, als würde der französische Staat dies demnächst befürworten, dass generell die Hürden für künstliche Befruchtungen abgesenkt werden und die Krankenkassen das Ganze bezuschussen. In so einem Klima scheint sich der männerseitige Hass gegen Frauen zu radikalisieren. Wie eigentlich alles andere auch – Radikalisierung ist der Trend.

Eine solche Bewegung von Frauen ist mir bisher noch nicht begegnet. Mir ist jedoch eine Verachtung von Frauen gegen Männern begegnet und ich kann mir vorstellen, dass auch diese Erscheinung weiter ins Bewusstsein kehrt und auch eine Ausprägung in Taten und Handlungen findet.

In unterschiedlichen Büchern, sei es nun im Werk Bert Heilingers oder aber in der populären Selbsthilfe-Literatur wie bei Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest, wird auf das Phänomen eingegangen, dass gesellschaftshistorisch bedingt durch starke patriarchale Strukturen Frauen im Kern oftmals tief eine Art von Verachtung gegen Männer in sich trügen. Diese Form von Verachtung läge auch in erlebten Enttäuschungen durch männliche Bezugspersonen, natürlich unter Zugrundelegung bestimmter definierbarer Erwartungen. 

Dass Frauen durch geschaffene Infrastrukturen wie in Frankreich, Dänemark und den Niederlanden dazu empowert werden, neue Modelle zu erwägen und sich Kinder machen zu lassen. Auch die Möglichkeit, dies außerhalb einer Heterobeziehung und Langzeitpartnerschaft zu tun, halte ich für folgerichtig. Es ist ein Paradigmenwechsel und auf der Seite des männlichen Geschlechts führt es ohne Frage zu mehr Druck. Gleichzeitig ist es eine Möglichkeit und eine Chance, denn wir wissen nicht, wohin es führen kann.

Schließlich gibt es auch heute noch matriarchalisch geprägte Gesellschaften, die laufen auch nicht schlecht.

Jedenfalls diese Incels, ne? Ich guck‘ mal. Für heute schließe ich nun mein Herz. Ich werde auf jeden Fall folgendes tun:

Rausgehen.

Und dann schlafen.

Ciao amigos 

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