Der verdächtige Vater im Café

01.August.20

Ich bin mit Alina im Café, es ist gegen Mittag und wir haben gefrühstückt und Konzepte und Erfahrungen mit Themen wie Homeoffice und Digital Working ausgetauscht.

Im Café ist coronabedingt etwas weniger los, aber ein Paar scheint mit einer netten, überschaubaren Hochzeitsgesellschaft zu brunchen und der Brautvater steht immer wieder sehr stolz auf, um Bilder zu machen. Daneben zeigen sich Gäste ihre Schuhe, andere unterhalten sich engagiert, andere schauen durch die Gegend und lassen den Blick schweifen. Wer kennt das nicht aus ähnlichen Gelegenheiten.

Alina ist über das Wochenende zu Besuch, das ist ganz wunderbar, genauso wunderbar wie die Tatsache, dass sie Teil meiner Familie ist. Alina ist mit meinem Bruder verheiratet.

Vorhin ist in das Café ein Mädchen mit ihrem Vater reingekommen. Sie sitzen nun am Tisch neben uns. Als sie sich mit ihren Masken (MundNasenSchutz) auf uns zu bewegen, beschleicht mich ein ganz übles, heißes Gefühl.

Der Mann ist mit einer blauen Chino, einem weißen T-Shirt und, weißen Sneakers sehr casual gekleidet; modisch passt das zu der ebenfalls in blau-weiß und sportlich gekleideten etwa 7-/8-jährigen, blonden, langhaarigen Tochter. 

Irgendwie hat den Mann etwas verdächtig gemacht und ich hab ein sehr drängendes Bedürfnis zu verstehen und mich zu vergewissern, dass die beiden auch moralisch, richtig und in echt zusammen gehören. Aus Gesprächsfetzen weiß ich nun, dass es Tochter und Vater sind. Das Kind hat auch von der Bekleidung her etwas schon frauliches und der Vater ist sehr metrosexuell von der Stimme und der Gestik her – naja, er erinnert mich an meine schwulen Freunde, bei denen die sexuelle Identität sehr offen ausgelebt wird. Er hält den Blick gesenkt, die Körpersprache verschränkt. Es sind zu viele Erzählungen über Kindesmissbrauch im Umlauf und er sieht einfach sehr clean aus, fast zu clean. Er könnte in einem klassischen Werbefilm mitmachen, so clean-adrett und gepflegt …

Naja, ich hab ihm vorhin bereits einen sehr bösen Blick zu geworfen. Ich hoffe, das reicht erstmal. Er sei gewarnt, wir haben ihn im Blick.

Ok, ich hab mich wieder beruhigt. Alina und ich haben uns an den Zeitschriften bedient und lesen und schreiben. Ich finde Lesen und Schreiben im Café ganz groß. Es ist eine spannende Konzentrationsübung, die Geräusche um einen herum auszublenden und sich zu fokussieren. Dabei werde ich mit der Zeit ganz ruhig und bin weniger abgelenkt als zu Hause; jetzt schreibe ich natürlich nicht ständig im Café – eigentlich auch eher nicht. Aber ich sag‘ ja nur.

Aus der Unterhaltung zuvor mit Alina über Homeoffice haben wir versucht uns vorzustellen, wie Arbeitsmodelle der Zukunft aussehen könnten. Klar ist natürlich, dass bei so Wissensberufen es wenig wichtig ist, wo man sie ausübt, zumindest für einen beträchtlichen Teil. Ich selbst bevorzuge das gut gemischte Modell. Man muss nicht für alle Aufgaben im Büro sein, aber für die Motivation und Dynamik, für Kommunikation und Netzwerken und für direkten menschlichen Kontakt, ist das Officeoffice essentiell. Es gibt auf der anderen Seite Aufgaben oder Tagesstrukturen, die sich zu Hause genauso gut und wenn nicht besser bewältigen lassen. Zuhausearbeiten nimmt einen Teil des Pendlerstresses weg, macht Wege obsolet und der Kaffee zu Hause schmeckt wirklich viel besser als auf der Arbeit. Vor allem aber für kreatives Nachdenken oder für das Arbeiten an Excellisten oder für Lösungssuche ist Homeoffice besser geeignet. Nur oder überwiegend – Homeoffice führt dazu, dass die Motivation nach einer Weile sinkt. Bin ich pauschal überzeugt von.

Übrigens, ich hab vorhin nochmals nach rechts geschaut, ich glaub‘, es ging zwischen dem Vater-Tochter-Pärchen um Arbeit und Müdesein und Rituale, da hab‘ ich schnell rüber geblickt und konnte ihm in die Augen sehen. Er hat helle Augen und einen sehr undurchsichtigen, gesenkten Blick – aber kennt ihr Menschen mit undurchsichtigen Augen? Ich finde seinen Blick nicht ehrlich. Deswegen halte ich ihn für hochverdächtig. Es ist, als schaue man in diese Augen und stößt dabei auf einen grauen Schleier, einem festen materialisiertem Nebel.

Ich muss schon selber grinsen über meine Gedanken. Es ist schließlich nicht so, dass ich überall Kindesmissbrauch oder verdächtige Väter wittere. Aber das Gesamtbild wirkte unharmonisch, unvertraut und ich musste mich zum Schutz des Kindes doch vergewissern? Ich sehe schon, die Medienberichterstattung hinterlässt ihre Spuren. Ja, man kann Gedanken steuern und man kann sich auch in Ideen reinsteigern, aber ich finde es doch krass, dass durch und über Geschichten im Kopf Wirklichkeiten entstehen können. Und wie schnell!

Gerade bei solchen Themen. Stellt euch doch mal vor, ich würde meine Gedanken hier vor Ort aussprechen und publik machen, dann würden die meisten Menschen hier wahrscheinlich innerlich erstmal den Wahrheitsgehalt prüfen wollen.

Andere würden gar nichts prüfen, sondern möglicherweise dankbar an dieser neuen Wahrheit festhalten und sie annehmen. Bitte? So arbeiten Populisten unter anderem. Jedenfalls sehe ich hier schon, während ich meine Gedanken weiterspinne, vor meinem inneren Auge den Lynchmob sich in Bewegung setzen und zwinge mich dazu, diese Geschichte mit diesem Mann als fantastisch ruhen zu lassen. Das Kind macht auf mich einen aufgeweckten, selbstbewussten Eindruck. Wenn auch die Abläufe nicht selbstverständlich natürlich zu sein scheinen. Aus Gesprächsfetzen nehme ich an, sie lebt nicht bei ihm.

Alina hat sich nun einen Grapefruitsaft bestellt. Wir werden danach in Bälde das Café verlassen für einen kleinen Spaziergang.

Das wird gut tun und ich finde, wir sollten uns immer etwas Gutes tun. Alle.

Vor allem, wenn wir Nachwuchs erwarten – Kinder schützen und begleiten; 1 Leben lang.

Cu 

4 Kommentare zu „Der verdächtige Vater im Café

      1. Ich bin zwar nicht der Tom, aber mir hat vor allem die Unmittelbarkeit des Textes gut gefallen. Deine Gedanken und Gefühle über das Vater-Tochter-Pärchen waren sehr plastisch geschildert und ich konnte sie beim Lesen nachvollziehen. Schön. Spaziergehen, sich Gutes tun und seine Kinder schützen sowieso.

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      2. Wie schön, Danke.
        Ich hoffe, ich werd nicht paranoid – wenn ich mal Kinder hab. *g**
        Mach übrigens weiter mit Youtube, ich bin echt megakritisch aber deine Videos sind ultragut. Hab ein schönes We.

        Gefällt 1 Person

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