Abendessen alleine

30.Juli.20

Gestern und heute waren sehr ereignisreiche Tage. Jetzt ist es gleich 20 Uhr und ich hab einen Espresso auf dem Herd kochen, weil ich einfach hardcore k.o. bin.

Natürlich, wenn man viel macht und permanent unterwegs ist ermüdet das sicherlich, aber heute ist es auch noch außerordentlich warm. So ergibt sich die Müdigkeit aus den Umständen. Ich hab mich auf den Balkon gesetzt und neben Geschirrklappern und Kindergeplapper, nehme ich gerade Gerüche ausgesprochen intensiv wahr. Das kann mit meinem Zyklus zu tun haben. Ich behaupte dennoch, es liegt auf jeden Fall an meiner guten Nase.

Morgen sind Rekordtemperaturen angekündigt. Der Balkon und ein städtisches Schwimm- oder Freibad werden mein place to be sein.

Ich ärgere mich einwenig darüber, dass ich die gekaufte Hafermilch gestern bei meiner Mutter vergessen habe, so muss ich mit der weniger geschmackvollen, weniger cremigen auskommen. Bäh.

So, doppelter Espresso ist am Start und ein Glas Kranenberger auch. Eine angenehme Brise weht durch den Innenhof und umspielt sanft und freundlich Mensch, Pflanzen und Gegenstände. Leicht gefärbt ist dieser Hauch von Alltagsgerüchen; ein bisschen Essen, jemand hat gegrillt, ein frisches Duschgel, das Badfenster meiner Nachbarn unten links ist geöffnet und Sommer, es riecht nach leckerem verheissungsvollen Sommer. 

Übrigens voll der Supersommer, denn es gibt ja den Unterschied zwischen Sommer und Urlaub und Sommer und Sommer. Sommer und Urlaub, sind große Ferien, große Freizeit, lange Freiheit; gleich wie Sommerurlaub, nur anders. Anders, weil man als Studierende oder Schülerin weniger Last und Verpflichtung trägt (das ist natürlich abstrakt relativ) aber auch anders anders, weil man als Erwachsener in den meisten Fällen mehr weiterreichende finanzielle Möglichkeiten hat, was wiederum zu mehr Freiheit oder Möglichkeit führt.

Sommer und Sommer, ist wenn Alltag ist, aber es ist unerträglich heiss. Sommer und Sommer ist auch, wenn man auf seinen Urlaubsanspruch zurückgreift und nicht arbeitet. Man kann zuhause bleiben oder wegfahren. Aber der lange Schatten der Arbeitspflicht ist immer sichtbar, vor allem bei mobiler Erreichbarkeit. Es stellt sich aber kein Freiheitsgefühl mehr ein, es müssen Wärme, Wasser, Wind gutes Essen, langes Schlafen ausreichen.

So oder so, ich mag den Sommer gerne. 

Übrigens, bevor ich mich mit dem Kaffee hier raus gesetzt habe, freute ich mich zunächst wegen des tollen Tags und Wetters auf eine leckere Weißweinschorle auf dem Balkon. Dann fiel mir ein, dass ich ja gar keinen Alkohol mehr trinke und deswegen auch keinen gescheiten mehr habe, weil Elsi den Auftrag hatte, die noch vorhandenen Bestände aktiv abzubauen. So haben wir gerade 2 Flaschen Rotwein, unterschiedliche Liköre und Wodka in der Wohnung, sonst eben Wasser, Tee und Kaffeepulver. Es gibt allerdings noch eine Flasche Lillet, ich müsste mir um diesen zu geniessen, meinen Mut zusammennehmen und runter zum Kiosk gehen und mir ein Softgetränk dazu besorgen. Allerdings trinke ich ja nun eine ganze Weile eigentlich schon keinen Alkohol und gestern in meinem YouTube Feed wurde mir das Video eines älteren Rastafaris empfohlen, der absoluten Alkoholverzicht predigte. Er war alt und sah fit und gesund aus. 

Wenn ich alt bin, will ich auch eine Hochleistungsleber haben, daher wenn’s nicht sein muss, dann nicht – bleib ich eben bei Wasser. Ich hab Zitrone im Kühlschrank, es ist also ein Wasser mit Geschmack drin. So machen wir’s. Den doppelten Espresso mag ich jetzt ohnehin nicht mehr trinken, weil die Hafermilch hässliche Wolken in meinem Glas bildet und auch vom Geschmack bin ich wenig überzeugt. So wird unser Abendgetränk heute Kranenberger mit einem Schuss Zitrone bleiben, reicht ja.

Bevor ich über das Getränk nachdachte, ah genau. 

Ich hab davor zu Abendgegessen. Ich kam demnach gegen 18 Uhr heim–nach der Arbeit, ziemlich k.o. und hatte nichts anderes im Sinn als leckere Nahrung zu mir zu nehmen. Der Appetit war groß und die Lust zu kochen spiegelbildlich klein und so entschied ich mich, nach gründlicher Evaluation des Kühlschrankinhalts für eine leckere Antipasti-Platte. Champignons, Oliven, Artischocken, Streichcreme und etwas Brot. Prächtig angerichtet und mit einem Glas Wasser bewaffnet, hab ich mich an den Tisch gesetzt. Allein.

Und weil ich wirklich -0 Lust auf irgendwelche elektronischen Geräte hatte noch die Kraft und Energie verspürte etwas zu lesen, habe ich mich hingesetzt und mein Futter teilweise verschlungen und teilweise genussvoll häppchenweise in meinen Mund verschwinden lassen. Dabei fragte ich mich fast besorgt, wie das denn für Menschen sein muss, die alleine sind. Man spricht von einer großen Anzahl an Singlehaushalten in Deutschland, vorzugsweise im urbanen Raum. 

Alleine Essen ist einfach megaweird. Ich wohne immerhin zu zweit.

Bevor Elsi  inoffiziell zu ihrem neuen Boy gezogen ist, haben wir häufig zu zusammengegessen. Ansonsten habe ich sehr oft Besuch, mit dem ich dann zu Abend esse. Theoretisch würde ich bei Bedarf sogar mit meinen Nachbarn zu Abend essen, obwohl die immer nur Bier (Singles) und Wein (Pärchen) trinken möchten.

Da ich neben meiner Mitbewohnerin und dem stetigen Besuch auch regelmäßig bei Freunden und Geschwistern zu Abend esse oder bei meinen Eltern (eine gemeinsame Mahlzeit erscheint mir als nachgelagerter sehr pragmatisch sinnvoller Grund für einen Besuch durchaus nachvollziehbar) fällt mir das gar nicht auf, wenn ich wirklich ausnahmsweise mal alleine zu Abend esse, weil ich dann eben lese oder was gucke, wahlweise auf dem Handy oder auf einem anderen Abspielgerät. Aber wie traurig! 

Mir ist klar geworden, dass ich da eigentlich durch meine vielfältigen Auswahlmöglichkeiten sehr viel Glück habe. Die Einsamkeit würde mich fertigmachen. Früher hat man wahrscheinlich beim Essen ferngesehen. Find ich jetzt nicht sooo schlimm, aber ich schau ohnehin nicht gerne fern allein. Filme schau ich lieber mit lieben Menschen zusammen.

Mich hat diese Erkenntnis und das Erlebnis des allein zu Abendessens sehr traurig gemacht. So viele Menschen um uns herum und so viele, die ganz sicher unfreiwillig allein zu Abendessen. Gilt natürlich auch fürs Mittagessen, aber da geht ein Großteil der Erwachsenen oder Menschen an sich einer gesellschaftlich relevanten Beschäftigung nach. Aber ja, sind Mahlzeiten nicht aus der Menschheitsgeschichte heraus, schon immer in Gemeinschaft eingenommen worden? So fühlt es sich zumindest an. 

Ich bin übrigens nun weniger k.o. und das ganz ohne Espresso. Ich könnte einen kleinen Spaziergang machen, ist ja schliesslich superschön draußen. Vielleicht bleibe ich einfach hier sitzen und lausche den Vögeln, dem klimpernden Geschirr und den Menschen in ihren Wohnungen, in denen sie aus dem Vorabend Abend machen.

ciao amigos

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