Zyklus, Schmerzen und ein Buchtipp

25.Juli.20

Noch regnet es nicht, aber es wird sehr wahrscheinlich noch. Es ist Vormittag und ich sitze im U unseres kommunikativen Balkoninnenhofs. Auf meiner Ebene frühstückt im Nebenhaus ein junges Pärchen und unterhält sich liebevoll. Die zwei scheinen einander sehr gern zu haben. Ich krieg nicht jedes Wort mit, dafür müsste ich mich zu sehr konzentrieren, aber man hört den Sound der Unterhaltung und alles scheint ok zu sein. Das ist es dann auch für mich. 

Es riecht ein wenig nach feuchter Erde, vor einigen Minuten habe ich unsere Pflanzen gegossen. Geräuschvoll öffnet sich links eine Tür. Außerdem kocht hier schon jemand fleißig Mittag – ein intensiv duftendes Kohlgericht. Ich nehme an, dass man mich auch hört, wenn einem daran gelegen ist. Zumindest die Nachbarn über mir und oder unter mir kriegen ganz sicher mein Tippen mit – mir ist nämlich schon oft gesagt worden, dass ich laut tippe.

Naja, übrigens sind meine Tage nun auch vorstellig geworden. Bisher noch nicht mit krassen Schmerzen, dennoch verdächtige ich sie sehr und befürchte nichts Gutes. Aber Schmerzmittel mit dem Wirkstoff Naproxen sind wirklich die Retter meines Lebens. Eine Freundin sagte mir gestern, wie erstaunlich sie es fände, welche große Bedeutung meine Periode bei mir habe. Ich nehme an, dass alle Frauen, die regelmäßig wiederkehrende, starke Schmerzen und eine gewisse Unberechenbarkeit im Verlauf ihrer Periode kennen, dem Phänomen individuell die nötige Beachtung widmen, denn es hat starke Auswirkungen auf alles.

Wenn einem schlecht ist und man starke Schmerzen hat, Durchfall bekommt oder sich übergeben muss, sich zitternd ins Bett legt und der Körper dann erst Ruhe gibt, wenn alles raus ist, dann weißte Bescheid.

Es gibt sicherlich Grenzfälle, bei denen ärztlicher Rat angesagt ist, aber der Verlauf ist ja auch nicht immer gleich. Seit etwa 6 Monaten, scheint sich mein Progesteronlevel verändert zu haben. Mit der Folge, dass ich eine ordentliche Entleerung von Darm und Magen zu Beginn der Periode habe. Daraus wiederum die Folge ist, dass ich jetzt einfach nicht mehr viel esse, wenn ich die Periode bekomme, weil es vermutlich schnell wieder seinen Weg nach draußen finden wird. 

Das war z.B. sehr schade, als ich im vergangenen Jahr anlässlich meines Geburtstages essen war. Es war ein wunderbares Restaurant, es wurde Köstliches aufgetischt, der Laden war sehr gut besucht und die Betreiber waren wie Kölsche Köbesse auf französisch und haben ein unterhaltsames Spiel dargeboten. Es war einfach ein ganz toller Abend. Kaum waren wir in unserem Hotel zurück, musste ich aufs Klo. Und nochmal, jetzt die andere Öffnung, und nochmal. Immer abwechselnd, so ging das die ganze Nacht. Felix machte sich schon Sorgen und wollte mit ins Bad (Haare halten?). Äh, nein!

Ich war so überrascht, denn Kotzen ist eigentlich nichts, was ich üblicherweise mache. Ich meine, es gibt doch auch die Menschen, die häufiger Magen-Darm-Grippe haben oder irgendwelche anderen Erkrankungen, bei denen man sich entleeren muss. Oder einfach viel Trinken und dann zur Rettung ihrer selbst erbrechen müssen. Das war alles nicht ich, ich hatte keine Erfahrung damit. Und so wunderte ich mich nächtens, bei jedem Klogang, was das denn nun sei und woher das alles kam und wann denn nun endlich gut ist und alles raus. Und natürlich war ich hinterher sehr traurig, die vorzüglich gespeisten 50 Euron auszukotzen. Schade. Aber seitdem traue ich meinen Tagen nicht mehr. 

Ich war eine, die viel Blut verlor und an Tag 1 richtig üble Schmerzen hatte, aber bis dahin keine sich Übergebende. Gut, meine Lösung ist daher: Weniger essen. Aber die Übelkeit ist natürlich trotzdem da.

Ich wundere mich übrigens auch immer, wieso Menschen es abstoßend und eklig und doof finden, wenn andere Menschen über ihre Tage sprechen. Ich mein, ich würde jetzt nicht über meinen Stuhlgang schreiben. Das hat für mich gerade einfach keinen großen Erzählwert. Aber ein Phänomen, welches Frau für einige Tage im Jahr wahnsinnig einschränken kann, die Laune beeinflusst und macht, dass Frau sich seltsam fühlt, hat für mich Erzählwert.

So, dieser Ausflug in das Thema war eigentlich nicht geplant. Ich hatte bereits an anderer Stelle geschrieben, dass ich gerade ein richtig gutes Buch lese. Herkunft, von Sasa Stanisic. Es ist eines dieser Bücher, die einfach zu einem kommen, einfach so. Ich war in der Buchhandlung, mal wieder. Schon als Kind war ich oft dort zu finden, wo Bücher waren und noch heute üben sie diese Faszination auf mich aus. Man bekommt durch sie tolle Geschichten geschenkt, aber bisweilen ermöglichen sie einem auch in den Kopf oder in die Seele einer anderen Person einzutauchen, um dann tolle Gedanken zu entdecken. 

Das ist der Fall bei Sasa Stanisic. Jedenfalls gehe ich durch die Buchhandlung und bei den großen Häusern, hat man direkt am Eingang meistens die Bestsellerlisten und die Werke aufgereiht. Ich glaube, dass Buch ist vor kurzem erst veröffentlich worden, also nahm ich es in die Hand.

Ich dachte an Slavoy Cicek, den ich auch lesen wollte, mit seinem kontroversen Meisterwerk, aber vielleicht hat mich der Klang, der Sound des Namens und nicht zuletzt der Titel dazu verführt dieses Buch als Hardcover zu erwerben. Und wisst ihr was? Jeder Cent hat sich gelohnt – bisher und ich bin überzeugt auch später. Großartiger Schreiberling, dieser Sasa. Tolle Sprache, exzellente Gedankenkonstrukte und vor allem gibt er soviel mit dem Buch. Er schreibt über seine und anderer Geschichte der Migration nach Deutschland. Er schreibt über den Jugoslawienkrieg. Er schreibt über seine wunderbare Familie. Er schreibt über Deutschland als Land der Ankunft, als Aufnahmeland. Er schreibt über gegenwärtige Alltagsbeobachtungen, die jeder kennt, aber aus dieser, seiner spezifischen Perspektive und verbindet und verknüpft damit so viele unterschiedliche Menschen/Sprechweisen/Sprachen und Geschichten. Ein Genie-(streich), der die Kunst beherrscht multiethnisch, hyperkomplexe Individuen beschreibend auf den Punkt zu treffen, wie ich es selten gelesen habe. Im Sommer 2020 hat dieses Buch auch jene Relevanz, nochmal auf die Geschichte Ex-Jugoslawiens hinzuweisen. Einem Sommer, in dem viele sich mit ihren Bullies oder Campingwagen auf den Weg nach Slowenien, Mazedonien, Kroatien machen. 

Und für Menschen, die zum Beispiel ’86 geboren sind, ist das Geschichte, welche man nicht in der Schule lernt. Ist das Geschichte, die sehr fragmentiert übermittelt wurde, vllt. durch Freunde oder Medien. Meine in Frankreich lebende Schwägerin kommt aus Bosnien, oder bezeichnet ihre Verwandtschaft als Bosnier. Daher weiß ich, dass es da Krieg gab aber mehr nicht.

Das Besondere an diesem Werk ist aber, dass man das Buch nicht liest und offensichtlich aufgeklärt wird, sondern die historischen Ereignisse kommen ganz unaufgeregt und subtil daher, fast schon nebenbei, erlebt Aha-Momente und lernt viel über den Balkan. Jetzt will ich erst recht dahin.

Und witzig ist das Buch auch! Herr Stanisic spielt mit den Worten und mit dem Aufbau des Buches, man hat das Gefühl, dass es ihm richtig Spaß gemacht hat. (Vllt. nicht immer)

Zur Untermalung meiner Begeisterung hier mal ein Zitat, welches mich gedanklich gerade sehr beschäftigt:

S.136

Du stehst wieder vor der Tür. Du nimmst nicht mehr wahr, dass da Ziehen steht. Etwas können ist das Beste. Der Koffer aus Sprache ist mit mehr Gepäck leichter geworden. Die vielen Vokabeln und Regeln und Fertigkeiten schicken dich auf eine neue Reise: Du beginnst Geschichte zu schreiben.

Wer schreibt sowas Tolles? Ich stelle mir vor, Herr Stanisic hat sich gefreut wie ein Luchs, als dieser Satz endlich stand. Ist so. Manche Abschnitte sind genial.

So, ich wollte ja nicht nur über das Buch schreiben, sondern eigentlich wie es mich in den Gedanken über die Kulturbegriff beeinflusst hat und letztlich dazu animiert, mich nochmal und anders mit Sprache auseinander zu setzen – nämlich aus der Sicht von jemanden, für den diese Sprache neu ist. Und Sprache ist für mich fast der wichtigste und gewichtigste Bestandteil und Ausprägung von Kultur. Und der Kulturbegriff an sich, ist ja unglaublich weit gefasst. Nun ich möchte die Brücke schlagen zu Kultur und Beziehung, also in erste Linie die Betrachtung meiner eigenen romantischen Liebesbeziehung mit Felix und gleichzeitig, was Kultur im Rahmen der Herkunft aus unterschiedlichen Familien bedeutet.

Es bleibt also interessant – ich muss jetzt für meine Mutter bei der Reinigung zwei Blazer abholen, Zähne putzen und mal in den Tag starten. 😉

Außerdem scheint das Grau der Wolkendecke sich zu verdunkeln und sie wandern schneller. Die Sonne, so kämpferisch und siegesgewiss wie sie eben noch schien, als sie mich zwang meinen Pullover auszuziehen, von ihr ist neben dem minimalen Tageslicht nichts zu sehen – aber es tropft!

Du Schreck, ich muss rein, ich liebe spazieren im Regen, oh mein Gott!!!

4 Kommentare zu „Zyklus, Schmerzen und ein Buchtipp

  1. In diesem Beitrag spricht Sie über etwas sehr persönliches, über das viele Frauen selten sprechen und wenn dann in der Regel mit anderen Frauen.
    Das muss man sich erstmal trauen…
    Während ich las, war ich vor allem erstaunt, dass sich Barbara übergeben musste. Ich hatte bisher Glück und musste dies nicht durchmachen. Es ist interessant zu lesen wie es anderen Frauen während ihrer Periode geht.
    Das Buch hört sich interessant an, sodass ich es mir vielleicht auch kaufe.
    Schöner Beitrag!

    Gefällt 1 Person

  2. Find es klasse wie offen du über dies sprichst. Wünsche dir alles Gute und dass es besser wird! Ich habe auch mit Krämpfen zu kämpfen. Aber das ist heilig gegenüber deinen Beschwerden. Alles liebe Ella

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