Die heimliche Aufnahme

19.Juli.20

Bisher läuft hier alles einwandfrei. Ich hab einen tollen Kaffee getrunken, auf dem Balkon, bei angeblichen 30 Grad gelesen und nun krieg ich etwas Hunger, so werde ich mir wohl etwas zu Essen machen. 

Gestern, so muss ich leider gestehen, hab ich ein kleines Stückchen Fleisch gegessen. Ich war bei meiner Schwester eingeladen und die haben gegrillt.

Es wurde auch Gemüse gegrillt und eben sehr schmackhaftes und dem Anschein nach auch gutes Fleisch von einem guten Metzger. Was für ein Dilemma! Seit nun mehr als 8 Monaten habe ich kein Fleisch mehr gegessen und dann sowas. Ich hab 1/3 Wurst gegessen, mit einem schlechten Gewissen und kurzem Würgereiz, etwas später. 

Hmmmm – da kamen die alten Gewohnheiten wieder hoch. Ich ernähre mich weitgehend pflanzenbasiert, aber ich weiss nicht, ob man es so steif und dogmatisch nehmen muss. Man muss ja eh nichts. Aber ich möchte eigentlich weiterhin kein Fleisch essen. Früher hab ich sehr gerne Fleisch gegessen, aber ich weiss auch, dass das nicht sonderlich gut für meine Verdauung war, denn seitdem ich ich auf Fleisch und Milchprodukte verzichte, ist eine zuverlässige on Point-Verdauung für mich kein Problem mehr. 

Jaja, so ist das mit alten Gewohnheiten.

Warum ich überhaupt auf Fleisch verzichten will?

Eine sehr lange Geschichte. Schon als Pubertierende war ich öfters phasenweise vegetarisch, überwiegend aus Gründen des Tierwohls. Eigentlich ausschliesslich. Und auch heute ist es so, die gesundheitlichen Aspekte sind für mich keine Motivation; es ist eher die ethische Komponente, das ekelhafte, schamlose Ausbeuten unter schlimmen Bedingungen, welches wir Menschen veranstalten. 

Früher sprach man ja auch nicht von Fleischproduktion, heute ist dieser Begriff so normal wie Wurstbrot. Einfach Standard. Aber Fleisch kann man in meinen Augen (ich nehme jetzt mal Laborfleisch und vegan/vegetarische Fleischalternativen raus) nicht produzieren. Das ist irgendwie als Aussage nicht kohärent und macht auch sonst keinen Sinn. Insbesondere, wenn man das Säugetier z. B. Rind, durch das Säugetier Mensch einfach austauscht. 

Jaaa, ich höre schon die ganzen Besserwisser herumnörgeln und mein Fleisch hier und mein Fleisch da und so super Sprüche wie: ,,Mir nimmt keiner mein Fleisch weg.“ Defensiv und wirklich voller Angst und Ärger regen sich diese Menschen auf und fast erscheint auf deren Stirn schon der Schriftzug in leuchtendem rot – schlechtes Gewissen, aber bitte lasse mir dieses Privileg. 

So führen sich Menschen auf, wenn sie sich eingeengt fühlen. Dieses Phänomen und die heftigen Reaktionen, lassen mich immer wieder aufhorchen. Denn in meinen Augen ist das Essen und der Genuss von Fleisch nicht verwerflich per se. Aber die Anspruchshaltung, regelmäßig oder täglich fette Koteletts, günstige Minutensteaks oder abgepackte Leberwurst essen zu dürfen, ohne dabei den konkreten Bezug zu der Quelle zu machen und sich mit den Umständen der Haltung/Schlachtung aka Produktion auseinander zu setzen und dann auch noch einen Preis zu zahlen, der dem Ganzen nicht im geringsten gerecht wird; diese Anspruchshaltung hingegen ist es schon.

Denn sie ist durch und durch ignorant, einfach die Augen verschliessen vor der Realität, einfach bitte keine Probleme.

Naja, es ist gleich 14 Uhr und ich habe richtig dollen Hunger. Also, werde ich mir jetzt etwas kochen und dann bin ich wieder am Start mit Neuigkeiten von Felix.

Zwei Stunden später bin ich wieder zurück. Es gab Kichererbsencurry mit Tomaten und weil kein Reis mehr da war, als Beilage endlich mal wieder Polenta. Und nun sitze ich wieder auf dem Balkon und schreibe. Wenn ich übrigens nicht schreibe, dann lese ich auf dem Balkon. Momentan Herkunft, von Sasa Stanisic.

Der Ort ist nur mittlerweile für mich kein guter Ort mehr, um wichtige oder intime Gespräche zu führen. Ich bin etwas datensensibel und man kann hier, weil der Balkon sich in einem U-förmigen Hinterhof befindet, alle Parteien hören. An sich ist es nicht schlimm, aber es gibt schon Themen und Unterhaltungen, da ist es mir wichtig meine Nachbarn nicht dran teilhaben zu lassen.

Andersherum kriegt man hier natürlich sehr viel mit. Gerade bei gutem Wetter und vielen geöffneten Fenstern gibt es Unterhaltungen von Balkon zu Balkon. Man erhält die Möglichkeit seinen eigenen Musikgenuss um Neues zu erweitern bzw. wahlweise auch einfach Antworten zu finden, auf Fragen wie: ,,Wer hört denn bitte so etwas?“. 

Dann hab ich Nachbarn, die professionell singen und Instrumente spielen und welche, die regelmäßig dem Alkohol auf ihrem Balkon frönen und schliesslich hab ich heute von gegenüber, angrenzend an unser Hufeisen, schamlose Nachbarn beim Sex vernommen. 

Kurz dachte ich, es handele sich womöglich um Katzen, doch nach 2 – 3 lustvollen Stöhnern der Frau, begann auf einmal der Mann furchtbar laut zu grunzen und kam auch noch vor ihr. Hihihi – ich hab mich schon für die zwei gefreut. Die Sexualkraft ist immerhin nicht irgendeine Kraft, aber andererseits dachte ich; wenn ich das aus 90 m Luftlinie so gut hören kann, wie mag das wohl für die direkten Nachbarn erst gewesen sein? Schon ein bisschen rücksichtslos … Wegen rücksichtslos, das bringt mich direkt zum nächsten Thema. 

Ja, also gestern hatte ich ein weiteres Gespräch mit Felix und ich hab was Heftiges getan.

Ich hab einen großen Teil (etwa 36 min) unseres Gespräches einfach aufgezeichnet. Ich weiss nicht, wieso ich es einfach gemacht hab, aber beide Handys lagen vor mir und ich dachte: hmm, wieso denn nicht …

Dieses Vorhaben hatte ich schon öfters. Es speist sich aus unterschiedlichen Erfahrungen; zum einen hab ich im Nachhinein oft nicht verstanden, weshalb sich manche unserer Gespräche so anstrengend anfühlten, zum anderen wollte ich verstehen, wie ich selbst kommuniziere und was mein Beitrag an Eskalationen (vermutlich nicht unerheblich) ist.

Die Aufnahme von gestern hab ich mir seitdem 4x angehört und ich bin wirklich fasziniert. Gleichzeitig quält mich natürlich auch ein schlechtes Gewissen. Fänd ich umgekehrt ganz sicher uncool, wenn mein Partner einfach so unser privates, intimes Gespräch aufnehmen würde. Aber ich schwöre bei Gott; ich hab es niemandem gezeigt und hab es auch nicht vor.

Ich wollte es ihm auch unbedingt beichten, aber bisher hat er mich heute noch nicht zurückgerufen.

Warum nun bin ich vom Inhalt entzückt? Ok, ich versuche es mit einer Aufzählung meiner Erkenntnisse: 

  1. Felix kommuniziert fokussiert und hat eigentlich einen roten Faden; ich nicht. Ich verliere mich leidenschaftlich gerne in Details.
  2. Felix ist immer ruhig in seinem Reden. Ich versuche ruhig zu bleiben aber selbst in Abschnitten, in welchen ich denke, dass ich ruhig bin, hab ich einen deutlichen Druck in der Stimme (Felix sagte leichte Aggression).
  3. Ich neige dazu jedes Gespräch als Basis für eine Sprachanalyse zu nehmen. Sprich, ich prüfe automatisch und gar nicht mal so unbewusst, ob der Inhalt zur Art und Weise und zum genauen Wortlaut passt.
  4. Wir beide nehmen sehr selektiv wahr (Standard) aber fokussieren natürlich bekannte Triggerwörter. Das sollte man immer im Hinterkopf haben.
  5. Ich steigere mich auf jeden Fall gerne in Sachen rein und spreche dann eine unglaubliche Zahl von Wörtern nacheinander, die mich selbst sprachlos und entsetzt zurücklässt, weil ich feststellen muss, darin bin ich genauso wie mein Vater … Ich hab eine Affinität zum Reden und Schreiben, aber hab auch einen minimalen Hang zum Drama.

Später hab ich heute mit Mama telefoniert und ihr davon berichtet und Felix’ Bitte und ihre Antwort war nur: ,Ja, er ist so wie ich. Du musst lernen sanftmütiger und gezielt mit Liebe und Wohlwollen zu kommunizieren“.

What a challenge!

Ok, ich mag Herausforderungen – also mal sehen.

Schluss für heute mit dem Gedankensalat.

ciao amigos

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: