Der Dickwanst

29.Juni.20

Heute ist ein grauwamer Tag. Gestern noch heiß-schwül, heute schon wieder etwas abgekühlt, aber so, dass von der gestrigen schwülen Hitze noch ein Hauch übrig ist. Man fragt sich auch ständig, wann es denn endlich zu regnen beginnt.

Das Grau des Himmels, changierend im Spiel zwischen hell und dunkel und mittel und weniger und mehr, ummantelt die Wolken und lässt nur eine Ahnung von Blau durch.

Und immernoch fragt man sich, wann es denn endlich regnet. Ich denke nur so: Selbst wenn ich meinen Internet-/Social-Media-Konsum cutten würde, wäre ich wahrscheinlich noch immer am Wetterbericht interessiert. Täglich checken wir das Wetter. Insbesondere deshalb, weil es sich ja wegen und mit Corona neuerdings anders darzustellen scheint. Die Vorhersagen werden unpräziser und deswegen schaut man lieber noch mal nach – zur Sicherheit.

Nun ja, und wenn man dann nachgeschaut hat, reichen nicht nur die kommenden zwei Tage. Mehr noch: Meine Reflexion scheint mir zuzuflüstern, dass in jedem Fall die 14-Tage-Vorschau wichtig ist. Das ist ganz sicher auch den ganzen Wetterseitenbetreibern und Wetterappbetreibern dieser Welt mit ihren Analysetools schon klar. Nur stelle ich mir denn aus dieser Beobachtung heraus die Frage, was diese Information mit mir macht. Leicht süchtig, und ich meine auch ziemlich unterbewusst automatisiert, greife ich nach dem Smartphone und suche nach dem Wetter. Dann steht da für heute, von gestern, zum Beispiel, dass es regnen wird mit einer 70-prozentigen Wahrscheinlichkeit. Das sind zwar keine 100 Prozent, aber gefühlt und auch in Anbetracht der gestrigen schwülen Hitze und des Himmelswolkenfarbschauspiels würde es mich, glaub‘ ich, unbefriedigt zurücklassen, wenn es nicht regnen würde. In meinen Augen wäre das ziemlich läppisch und enttäuschend.

Ich meine, Wetter ist schon wirklich krass. In der Erwartung liegt inhärent ein Plan, eine Art der Kontrolle über die Ereignisse. In dem Moment, in dem der Regen beginnt, werde ich in meinen Erwartungen bestätigt. Jetzt hab ich vorhin aus lauter Hin- und Hergerissenheit die Pflanzen auf dem Balkon gegossen. Naja, ich find’s eigentlich auch geil, nicht zu wissen, wie das Wetter wird. Also, nicht so genau zumindest. Immer einen Tag zu haben zwischen zwei wechselnden Großwetterlagen, an dem ich mich falsch kleide – zu warm oder zu kalt, auf jeden Fall nicht richtig. Anyway, das ist die Sache mit dem Wetter und wenn man auf den Regen wartet. Ich meine, wenn der Regen nicht kommt, würde ich mit weniger Vorkehrungen (sprich: ohne regenfeste Schuhe) diesen Sonntagnachmittag mit einem schönen Spaziergang angehen. Bei Regen auch, aber dann eben regenfest. 😉

Kennt ihr übrigens Sonnenjan und Regenjan? Phantastisches Kinderbuch in Reimform und mit (Wie soll man es nennen?) Reverse-Bookcover, sag‘ ich mal so. Also, es gibt keine Vorderseite und keine Rückseite. Auf einer Seite beginnt der Sonnenjan und auf der anderen der Regenjan. Isso *g* und beides ist geil. Deshalb: Ich mag eigentlich auch jedes Wetter, ich geh‘ auch bei jedem Wetter raus – nur eben mit dem ausgeprägten Bedürfnis, das vorher zu wissen.

Gestern Abend (ich hab‘ gestern meine Tage gekriegt) habe ich vor Beendigung meines Tagwerks (einkaufen, aufräumen, dies das) noch eine Freundin getroffen und sie hat wiederum eine Freundin mitgebracht, die in meiner Nähe wohnt. So weit, so gut. Diese Freundin hat mütterlicherseits koreanische Wurzeln und hat gestern auch noch an einem Antirassismusworkshop teilgenommen.

Ich empfinde viel Zuneigung für diese Freundin, wir kennen uns noch nicht so lange.

Aber ich feier‘ es auch richtig geil, wie ihr bei jedem Thema einfach jede noch so unwahrscheinliche Verbindung zum Thema Rassismus einfällt – das muss man erstmal hinbekommen.

Jedenfalls hatte ich mich schon auf Bierchen und dann einen ruhigen Abend zu Hause eingestellt: muckeln, Film schauen, gammeln. Pustekuchen, stattdessen musste ich zur Vervollständigung meiner Besorgungen noch einkaufen, denn mir blieb wirklich nicht mehr viel und ich hatte für den Sonntag auch keine Idee, was ich denn kochen und essen sollte. So bin ich kurzerhand gegen 8 zum Lidl gefahren, um dort einzukaufen.

An der Kasse dann folgende Situation: Vor mir ein weißer, wahrscheinlich deutscher Mann in meinem Alter, etwa 1,90 m groß, leger gekleidet. Davor ein weißer Mann, seinen Redebeiträgen nach zu urteilen, wohl auch deutsch; ausgeprägter Vorbau, dabei aber ein gelbes weites T-Shirt und eine kurze dunkle Hose. Seine noch zu bezahlenden Waren in einem Jutebeutel. Vor ihm wiederum ein Pärchen, sie mit Kopftuch, er sportlich-sommerlich gekleidet. Die beiden laden gerade ihre Einkäufe aufs Band. Dickbauchhorst registriert, dass die kopftuchtragende Dame ihren Mundschutz unzureichend trägt, da dieser die Nase nicht bedeckt. Hörbar sagt er zu sich selbst (oder auch zu allen oder auch egal einfach): ,,Das kann nicht sein, was ist nur aus Deutschland geworden? Wieso tragen die den Mundschutz so und halten sich nicht an die Regeln?!“ Dreht sich dann um, checkt, wer hinter ihm steht und spricht seinen Hintermann an. „Diese Ausländer, die machen, was sie wollen und ich? Was ist mit mir? Werde hier meiner billigen Rente abgespeist und die kommen hierhin und halten sich nicht an die Regeln; immer diese Südländer …“ Ich schon voll die Augen verdreht wegen Horst. Die Reaktion des Hintermanns ist einfach lautstarkes Schweigen (ich seh‘ sein Gesicht nicht, aber ich denke mal, er könnte versucht haben, durch Horst hindurch zu schauen). WOW. Ok, dann wendet sich Horst dem Pärchen zu und sagt zu dem Mann: „Sie tragen ihre Maske nicht richtig, sie müssen den Mundschutz über die Nase tragen.“ Er sagt dies laut und angriffslustig, schon gereizt.

Was dann passiert, damit hab ich so auch nicht gerechnet. Der Mann entgegnet: Halt die Fresse. HALT DIE FRESSE.“ Das wird unterbrochen von Dickbauchhorst mit einer Drohung, er würde dann ihn mit einer seiner Flaschen (Bierflaschen, lagen nun ja auf dem Band, aus der Jutetasche heraus) schlagen. Ein weiteres Mal ,,Halt die Fresse“ und weitere Male ,,Was ist nur aus Deutschland geworden?“. Schliesslich verlässt das Pärchen den Laden und das wutverzerrte Gesicht des muslimischen Mannes hat ganz klar Horst davon abgehalten, weitere Worte an ihn zu richten. Nun kam er ja dran und musste laut bei der Kassiererin feststellen: ,,Sie tragen ja auch keinen Mundschutz richtig und genauso wie diese Ausländer, diese ganzen Menschen aus dem Süden“, blablabla. Achso, zwischendurch wurde mir das Schweigen meines Vordermanns, also seines Hintermannes, zu laut, sodass ich dann in den Kassenraum rief: „Lassen Sie die Leute in Ruhe!“

Zwischenzeitlich wird hinter mir die Schlange länger und länger. Naja, dann hat er sich noch weiter mit der Kassiererin gestritten und auch gesagt, er würde auch ihren Manager mit einer Flasche verletzen.

Wow. Das war die Geschichte von Dickbauchhorst und die haben wir dann mit einigen Bieren und Cocktails analysiert.

Mich hätte interessiert, wie mein Vordermann die Geschichte erlebt hat oder erzählen würde. Ich musste jedenfalls erstmal etwas trinken, um über dieses besondere Einkaufserlebnis hinwegzukommen.

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